Apple macht's vor

I-Tunes für Verlage? Die Nutzer überzeugen, für Online-Journalismus Geld zu bezahlen, ist das eine. Intelligente Bezahlsysteme zu entwickeln das andere. Dabei macht Apples I-Tunes vor, wie es gehen könnte

Eines der größten Hindernisse, mit dem Zeitungsverlage im Internet konfrontiert sind, ist die Mikrozahlung. Die Leser wollen online nicht zu oft mit ihrer Kreditkarte hantieren. Sie haben kein gutes Gefühl dabei, und das zurecht. Davon abgesehen, sind sie nicht gerade scharf darauf, ein umständliches Formular auszufüllen, um einen kurzen Nachrichtentext zu lesen.

Die Bezahlung muss einfach und elegant sein. Klick und fertig, und bloß keinen Gedanken mehr darauf verschwenden. Apple kann das bieten: schon jetzt gibt es über 100 Millionen I-Tunes-Accounts mit hinterlegten Kreditkartendaten. Wenn mehrere Transaktionen auf einmal abgewickelt werden und sich der Preis auf mehrere Artikel verteilt, dann bietet I-Tunes den Lesern eine einfache und elegante Zahlungsweise an. Das mag der Leser.

Der Launch des I-Tunes-Stores 2003 hat Apple zu der wichtigsten Plattform für legale Musik-Downloads gemacht. Er hat damals für eine Branche, die vor dem Kollaps stand, die Handelsbedingungen auf den Kopf gestellt. Apple hat über den I-Tunes Store bereits 8,5 Milliarden Songs verkauft und ist damit der größte Musikhändler der Welt.

I-Tunes selbst hat sich von einem Musik-Player in eine Brieftasche verwandelt, die Musik und Videos abspielt – man kann über I-Tunes sogar Geld für das Rote Kreuz in Haiti spenden.

Doch die Wende, die I-Tunes der Musikbranche beschert hat, wird es auf dem Zeitungsmarkt so nicht geben. Wenn es um Musik ging, dann war der einzelne Künstler schon immer wichtiger als das Label, auf dem er veröffentlichte. Im Journalismus hingegen ist die Marke entscheidender als der einzelne Autor. Das gilt zumindest in den meisten Fällen. Also wäre es vielleicht eine gute Idee, die Inhalte so aufzubereiten, dass die Marke des Mediums, für das man schreibt, erkennbar ist. Andererseits haben die fünf größten Herausgeber der USA so etwas wie ein „I-Tunes für Zeitschriften“ im Sinn.

Der Verkauf von journalistischen Inhalten über einen Store könnte unsere Perspektive auf den Journalismus verändern. Profilscharfes und gut recherchiertes Material könnte an Bedeutung gewinnen, aber auch das, was brandaktuell ist.

Steve Jobs wird das Apple Tablet nächsten Mittwoch zusammen mit einem Medienpartner vorstellen – wie es aussieht, wird das die New York Times sein. Solange die Spekulationen jedoch nicht bestätigt sind, sollten wir es so sehen: für den Journalismus wäre es kein wahnsinnig großer Schritt, wenn er seine Inhalte fortan über I-Tunes verkauft würden.

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09:29 22.01.2010
Geschrieben von

Mercedes Bunz | The Guardian

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The Guardian

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