Apuliens Slum

Italien Borgo Mezzanone gilt als größte illegale Siedlung des Landes. Wer in dem Slum für Saisonarbeit anheuert, verliert alle seine Rechte
Apuliens Slum
Hitze, kein Strom, kein fließendes Wasser, damit die Tomaten billig sind

Foto: Giacomo Sini

Es ist halb vier am Nachmittag, das Thermometer zeigt 42 Grad Celsius. Am Rande der Autobahn zwischen Bari und Foggia pflücken drei junge Afrikaner Tomaten. Nicht das kleinste Fleckchen Schatten ist auf der endlos weiten grünen Fläche mit roten Punkten zu finden, die sich im Vorgebirge Gargano und den Bergen von Irpinia im Süden Italiens zu verlieren scheint.

Nach einigen Kilometern verändert sich die Landschaft. Zwischen den Feldwegen, in Gold getauchten Feldern und Häuserruinen tauchen die ersten Hütten des „Ghetto of Borgo Mezzanone“ – des Slums von Borgo Mezzanone – auf. In einem der dunklen, winzigen Container der Siedlung hockt Benjamin, seinen vollen Namen will er aus Sicherheitsgründen nicht nennen. „Ich habe seit Jahren starke Unterleibsschmerzen. Alle drei Tage muss ich ins Krankenhaus. Ich habe einen Leistenbruch, aber die Ärzte behandeln mich mit Schmerzmitteln“, sagt er. Er stammt aus Ghana und kam 2011, nach Gaddafis Sturz, über Libyen mit dem Boot nach Sizilien. „Ich kann nicht schwer heben. Wie kann ich da arbeiten, ein Haus finden und Papiere bekommen? Ich brauche Hilfe“, murmelt er und fuchtelt wild mit einem der vielen medizinischen Berichte herum, die auf dem improvisierten Tisch verstreut liegen, den er mit ein paar Landsleuten teilt.

An einer Ecke unweit von Benjamins Baracke hört eine Gruppe Frauen Musik, während ein Junge Mittagessen kocht. „Ich habe ein paar Monate in der staatlichen Asylbewerberunterkunft CARA verbracht“, erzählt er und weist auf die andere Seite des Stacheldrahtzauns neben den Hütten im Slum. „Dann landete ich hier. Davor: Elfenbeinküste, Libyen, das Meer. Seit ich in Italien bin, hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Ich verdiene dreißig Euro am Tag und stehe jeden Morgen um vier auf, um auf die Tomatenfelder zu gehen. Der Boss? Gut, schlecht. Je nachdem, wer es gerade ist“, sagt er, schulterzuckend.

Landarbeit, dann Prostitution

Mindestens dreitausend Menschen leben derzeit im Slum. Die hygienischen Bedingungen sind prekär. Strom gibt es nicht und Wasser muss von außerhalb des Camps geholt werden. „Ich weiß, es gibt kein Wasser mehr in den Silos. Lasst uns versuchen, dafür heute Abend eine Lösung zu finden“, verspricht Yussef Bamba, der Vertreter der Ghanaischen Vereinigung in Italien, als er mit zwei jungen Männern redet. „Obwohl wir schon lange ,Caporalato‘ – die illegale Anwerbung von Landarbeitern, die dann ausgebeutet werden – anprangern, hat sich die Situation kaum verändert. Wenn ein auf sechs Monate angelegtes Projekt endet, gibt es keine Alternative. Was sollen die Leute dann machen? Sie kommen hierher zurück. Man wendet sich an die Vorarbeiter, weil man ein Dach über dem Kopf braucht und ein bisschen Geld. So nimmt die Ausbeutung weiter zu. Stattdessen brauchen wir Lösungen mit ein bisschen Zukunftsperspektive.“

500-Euro-Grenze

Anfang Juni dieses Jahres trat auf Drängen der italienischen Landwirtschaftsministerin, Teresa Bellanova (PD), ein Dekret zur Regularisierung des Status von etwa 200.000 illegalen Migranten, die in der Landwirtschaft, der Fischerei und der Pflege arbeiten, in Kraft. Genau wie Spanien hat Italien schon einige Male eine Regularisierung durchgeführt. Die Praxis ist komplizierter.
Andrea Cucello, der Sekretär der Gewerkschaft CISL, die sich um Arbeitsrechte kümmert, wies darauf hin, dass die Abgaben, die der Arbeitgeber zusätzlich zu den 500 Euro pro Arbeiter für die Arbeitsbewilligung zahlen müsse, eine enorme Hürde darstellten. Es gebe daher weniger Anträge aus der Landwirtschaft, da dort weit mehr Arbeitskräfte regularisiert werden müssten als anderswo. Tausende Afrikaner würden illegal auf den Feldern in Apulien schuften.

Neben kleinen Gebäuden aus Sand und Ziegeln steht ein Absteckpflock. „Bis vor zwei Monaten war das Mohamed Ben Alis Hütte. Dann brach ein Feuer aus. Er war erst 37 Jahre alt, als er starb“, sagt Bamba, der sich außerdem für die Integration der Migranten verantwortlich fühlt.

Geht man in der brennenden Hitze die holprigen Straßen entlang, muss man auch an Moussa, Amadou und die anderen vierzehn Migranten denken, deren Träume 2018 bei einem Unfall auf diesen Straßen ein Ende fanden. „Die Piste“ – wie dieser düstere Ort auch genannt wird, weil sich hier bis zu den 1990ern ein Militärflughafen befand – ist unkontrolliertes Niemandsland. Dass Migrant*innen, die zu Fuß oder auf dem Rad aus den Camps kommen, angegriffen oder mit Steinen beworfen werden, ist in der Gegend nichts Neues. Obwohl hier schon seit mehr als zwanzig Jahren Erntehelfer ausgebeutet werden, ist es, als sei für Tausende Menschen die Zeit stehengeblieben.

„Ein Freund erzählte mir von gut bezahlter Saisonarbeit“, sagt Magdalena Jarczak, Provinzleiterin der Gewerkschaft der landwirtschaftlichen Arbeiter in Foggia, wir treffen sie in ihrem Büro. „Drei oder vier Monate, dann würde ich nach Polen zurückkehren. Daher beschlossen meine Schwester und ich, das Angebot anzunehmen. Als ich in Italien ankam, sah die Sache völlig anders aus. Sehr schnell war mir klar, dass etwas völlig falsch lief.“

Es war der Sommer 2001, als sie in einem Bus voller Frauen und Männer aus Osteuropa in Apulien eintraf. Cerignola, Carapelle oder Incoronata gehören zu den Städten, in denen die Migrant*innen landen und unter den extremen Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft schuften. „In Gruppen von vier Leuten wurden wir zu verschiedenen Bauernhöfen gebracht. Ich kann nicht sagen, wo ich war. Ich glaube in Orta Nova. Wir arbeiteten zehn bis zwölf Stunden am Tag. Zu essen gab es ein Brot und Tomaten. Es gab dort kein elektrisches Licht und kein Wasser. Duschen konnte man draußen an einer Pumpe.“ Es habe geheißen, das sei nur eine Übergangslösung. „Aber man erlaubte uns nicht, unsere Familien anzurufen. Und sie versuchten, uns unsere Pässe wegzunehmen“, erzählt sie weiter. „Eines Tages hörte ich, wie der junge Mann, der uns dorthin gebracht hatte, mit anderen Männern diskutierte. Es ging um Frauen. Wenn die Ernte vorbei sei, sollten die Frauen gezwungen werden, Prostituierte zu werden. Ich dachte: Wir müssen sofort hier weg.“

Einige Tage später wurden Magdalena Jarczaks Befürchtungen bestätigt, als der Landbesitzer, für den sie arbeitete, versuchte, ihre Schwester in ein Auto zu zerren. „Ich half ihr mit aller Kraft, sich zu verteidigen, bis er sie in Ruhe ließ und ging. Gleich in der nächsten Nacht sind wir heimlich weg.“ Die jungen Frauen flüchteten in ein nahe gelegenes Bauernhaus, das von einer Familie als Wochenenddomizil genutzt wurde. Die Besitzer boten den Frauen Hilfe an und sie tauchten für mehr als eine Woche dort unter. Als sie aus ihrem Versteck kamen, versuchten sie bei der örtlichen Polizei Anzeige zu erstatten.

„Es liegen nicht genügend Beweise vor“, so die Behörden. Ihr Vorstoß ging ins Leere. „Erst Jahre später erkannte ich, wie verdorben das System war. Es fuhren Streifenwagen direkt an den Feldern vorbei. Die Behörden wussten, was in der Umgebung von Foggia vor sich ging. Niemand tat etwas.“ Zwischen 2000 und 2006 verschwanden in der Region Capitanata 119 Polen und Polinnen; sie werden noch immer vermisst. Nach mehreren Jobs und einem Praktikum bei der Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL), einem nationalen Gewerkschaftsbund in Italien, gründete Magdalena Jarczak 2006 schließlich das Einwanderungsbüro, das zu einer „Gewerkschaft für die Menschen auf der Straße“ wurde. „Innerhalb von einem Jahr hatten wir tausend Anfragen. Wenn die Leute hier im Büro eine ausländische junge Frau antreffen, schafft das größeres Vertrauen. Das Konzept funktionierte und wir unterstützen weiter Landarbeiter*innen, die heute vor allem aus Afrika kommen“, sagt sie.

Während die Männer es durch Versammlungen und Treffen geschafft haben, ihre Interessen zu vertreten und mehr Schutz zu fordern, sei es sehr schwierig, mit den Frauen in Dialog zu kommen. „Die Erntehelfer*innen aus Rumänien und Bulgarien in den Orten in der Umgebung stehen immer unter Bewachung. Da sie nur als Saisonarbeiter*innen kommen, haben sie kein großes Interesse daran, ihre Rechte einzufordern. Sie akzeptieren sehr niedrige Löhne, um Geld für zu Hause zu verdienen. Gleichzeitig leben im Slum viele nigerianische Frauen, die für einen sogenannten anderen Markt vorgesehen sind.“ Das Schicksal solcher Frauen bleibt in dieser Unterwelt, in der Drohungen und Misshandlungen alltäglich sind, im Dunkeln. Während der Sommermonate von Juli bis September finden rund siebentausend Menschen in den Slums der Gegend ein Dach über dem Kopf, sei es in Borgo Mezzanone, im großen Slum von Rignano Garganico, in Tre Titoli in Cerignola oder den informellen Siedlungen, die auf dem gesamten Gebiet um Foggia verteilt sind.

Es lässt sich etwas ändern

Trotz dieser hohen Zahl wurden laut Gewerkschaft der Landarbeiter bis Ende Juli 2020 nur 797 Anträge auf Regularisierung gestellt. Diese würden jedoch ein legales Beschäftigungsverhältnis ermöglichen. Die geringen Antragszahlen verdeutlichen, dass die jüngste Amnestie oder Legalisierung illegal Eingewanderter, die man Regularisierung nennt, viele der Betroffenen nicht abholt oder nicht auf sie passt. Um einen offiziellen Arbeitsvertrag zu bekommen, müssen Migrant*innen nachweisen, dass sie bereits vor dem 8. März dieses Jahres in Italien lebten und das Land danach nicht mehr verlassen haben; alternativ müssen sie eine Aufenthaltsgenehmigung vorweisen, die bis zum 31. Oktober abgelaufen ist. Wie soll das gehen, wenn die Menschen, die in den Lagern ausgebeutet werden, seit Jahren nicht in der Lage sind, Papiere zu erhalten?

„Vergangenes Jahr konnten wir ein Abkommen mit Unternehmen und Institutionen schließen und so einigen Arbeiter*innen in Borgo Mezzanone reguläre Arbeit vermitteln. Das Projekt lief gut, und die Migranten wünschen sich, dass wir es wiederholen“, sagt Magdalena Jarczak. „Sie sind nicht hilfsbedürftig. Die Arbeiter können ihr Leben sehr gut selbst in die Hand nehmen. Sie brauchen das Vertrauen, dass sich etwas verändern lässt, wenn fünfzig oder zweihundert Leute ihre Stimme erheben.“ Wie bei dem selbst verwalteten Projekt SfruttaZero in Bari. Da haben sich Migrant*innen und Italiener*innen mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen zusammengetan, um in Eigenregie eine Tomatensoße zu produzieren.

Alessia Manzi, freie Journalistin in Italien, schreibt u.a. für Il Manifesto und Jacobin Italia Übersetzung: Carola Torti

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06:00 08.09.2020
Geschrieben von

Alessia Manzi | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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