Armageddon vergessen

Astronomie Es kommt nicht nur auf die Größe an: Warum Meteoriteneinschläge das Leben auf der Erde bereichern können und der Mensch (fast) nichts zu befürchten hat

Meteoriten hatten in den vergangenen Jahren eine schlechte Presse. So stellten Wissenschaftler zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen dem Einschlag eines Felsens von zehn Kilometer Umfang mit dem Untergang der Dinosaurier her. Hollywood-Science-Fiction-Filme zeigten die moderne Zivilisation als von riesigen Meteoriten bedroht, die auf unseren Planeten herabstürzen. Dem Geologen Ted Nield geht das alles zu weit. In seinem neuesten Buch Incoming! Or, Why We Should Stop Worrying and Learn to Love the Meteorite schickt er sich nun an, unsere felsigen Nachbarn in ein besseres Licht zu rücken.

Ist es also wirklich an der Zeit, die Meteoriten zu lieben?

Warum nicht? Schließlich ist noch nie jemand von einem getötet worden. Tatsächlich ist das einzige angebliche Opfer aus dem ägyptischen Dorf Nakhla, der angeblich am 28. Juni 1911 von einem Meteoriten pulverisiert wurde.

Null Menschenopfer also, und ein strittiger toter Hund. Das ist keine sehr lange Liste.

Nicht wirklich. Zudem beobachten wir seit vielen Jahren Asteroiden, die sich nahe der Erde bewegen und haben keinen einzigen gefunden, der auch nur im Entferntesten eine Chance hätte, uns in der nahen Zukunft zu treffen. Das Risiko, von einem getötet zu werden, ist ungefähr so groß wie das durch ein Feuerwerk umzukommen . Und was die Wahrscheinlichkeit betrifft, dass wir von einem getroffen werden, der zum Tod der Dinosaurier geführt hat, so tendiert diese in der absehbaren Zukunft gegen Null.

Das heißt aber doch noch nicht, dass wir die Meteoriten lieben müssen, oder?

Naja, sie haben schon Einfluss auf das Leben auf der Erde gehabt. Denken Sie nur mal an das große Biodiversifizierungs-Ereignis im Ordovizian das vor ungefähr 470 Millionen Jahren stattfand. Damals gab es eine große Zunahme der Artenvielfalt. Erst kürzlich haben Geologen eine mögliche Ursache ausgemacht: ein großflächiges Bombardement der Erde durch Meteoriten. Diese hätten jeweils ein Gebiet von ein paar hundert Kilometern sterilisiert – eine erhebliche ökologische Störung zwar, aber keine, die für bestimmte Spezies tödlich gewesen wäre.

Also haben die Meteoriten die Ökologie der Erde bereichert?

Ja. Auf der anderen Seite sollten wir uns bewusst machen, dass Meteoriten mit einer großen Ausrottung in Zusammenhang stehen: der der Dinosaurier, auch wenn das Bild noch nicht ganz stimmig ist. Niemand bezweifelt, dass es ein bedeutendes Ereignis am Ende der Kreidezeit gab. Allerdings sind die Wissenschaftler sich uneins über dessen Auswirkungen.

Physiker bevorzugen einfache, elegante Erklärungen für ein Ereignis – in diesem Fall eine große, eine gigantische Meteoriten-Explosion. Geologen hingegen mögen solche einfachen, mit einer einzigen Ursache verknüpften Erklärungen nicht besonders. Sie gehen davon aus, dass alles, was man über eine lange Zeitspanne beobachtet, mehrere Ursachen hat und weisen darauf hin, dass das Ende des Kreidezeitalters mit der Eruption von Vulkanen zusammenfiel, welche die längsten Lavaströme der Welt, den Deccan Trapp in Indien schufen. Diese sind sehr schwer zu datieren, aber neuere Arbeiten legen nahe, dass diese gewaltigen Eruptionen, die einen Großteil des indischen Subkontinents hervorbrachten (und zugleich die Artenvielfalt unter mächtigen Druck setzten, Anm. d. Übersetzerin) in den letzten 30.000 Jahren der Kreidezeit stattfanden.

Und dann kommt der Meteorit daher. Ist das einfach Pech?

Schreckliches Pech. Es war allerdings eher der Gnadenschuss als die alleinige Ursache – zumindest für Geologen, die bei Phänomenen wie dem Aussterben einer ganzen Spezies an multikausale Erklärungen glauben.

Was würde passieren, wenn heute ein Meteorit mit einem Umfang von 10 Kilometern auf die Erde prallen würde? Würde es einen Unterschied machen, ob er ins Meer fiele oder an Land einschlagen würde?

Das würde keinen großen Unterschied machen. Er hätte beim Aufprall auf die Atmosphäre eine Geschwindigkeit von 30 bis 40 Kilometern pro Sekunde (mehr als 100.000 Kilometer pro Stunde) und würde sofort anfangen, zu verdampfen. Es wäre, als wenn man den Ofen einschaltet, um etwas zu grillen, nur dass der gesamte Planet gegrillt würde. Große Gebiete, vielleicht sogar die Hälfte der Erdkugel, wären nicht mehr bewohnbar. Innerhalb des unmittelbaren Einschlagsgebiets würde nichts überleben, da bei dem Aufprall hohe Temperaturen entstünden und die Atome sich in ein Plasma aus Elektronen und Kernen auflösten.

Könnten Menschen überleben?

Das käme darauf an, auf welchem Breitengrad er einschlagen würde. Die Menschen leben sehr verbreitet und könnten daher möglicherweise in manchen Abschnitten überleben. Sehr kleine Gruppen wären dann aber möglicherweise nicht in der Lage, die Folgezeit zu überstehen, die zehntausende von Jahren andauern könnte. Es könnte auch hunderttausende von Jahren dauern, bis die Erde sich erholt.

Es gibt also eine reale Chance, dass wir ausgelöscht werden könnten?

Ja, aber nur, wenn es uns nicht gelingen würde, uns zu retten. Es ist möglich, mit einem anrückenden Meteoriten umzugehen, wenn man ihn rechtzeitig kommen sieht. Wir könnten versuchen, ihn mit einem Raumschiff umzulenken. Hollywood-Filme suggerieren, man könnte eine große Bombe verwenden, aber das wäre wahrscheinlich ziemlich töricht. Es würde den Meteoriten in mehrere Teile zerbrechen und wir hätten dann mehrere tödliche Objekte statt einem auf uns zukommen.
Man könnte allerdings kleine Ionen-Motoren an dem Meteoriten befestigen, um ihn auf mehrere Sonnenumlaufbahnen verteilen. Dazu bräuchte es nur eine kleine Ablenkung.

Also: Nein, Meteoriten bedeuten nicht das Ende der Menschheit.

Übersetzung; Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

17:30 07.01.2011
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12183
The Guardian

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4