Asche gehört nicht in die Plastiktüte

Pakistan Eine rigide Auslegung des Blasphemiegesetzes bedroht religiöse Minderheiten. Selbst in Alltagssituationen können sie als Gotteslästerer denunziert werden
Asche gehört nicht in die Plastiktüte
Christliche Aktivisten wehren sich gegen die Willkür des Blasphemie-Gesetzes

Foto: Farooq Naeem /AFP-Getty Images

Es war der Fall von Rimsha Masih, der in den vergangenen Wochen für Aufsehen sorgte. Die junge Christin war in Pakistan wegen Verstoßes gegen das Blasphemiegesetz inhaftiert worden, weil sie in einer Mülltüte angeblich Koranseiten bei sich hatte. Erst als Zweifel am Ursprung der Seiten aufkamen und eine Debatte losbrach, ob das Kind vielleicht erst elf Jahre alt sei und womöglich am Down-Syndrom leide, wurde Rimsha gegen Kaution freigelassen.

Doch ist sie nur eine von Tausenden, die wegen des seit 1986 geltenden Blasphemiegesetzes in ernste Schwierigkeiten geraten sind. Gotteslästerung, das kann in Pakistan fast alles und jedes sein. Das Thema reißt einen tiefen Graben in diese Gesellschaft, was sich jetzt auch in den Protesten gegen den umstrittenen Mohammed-Film und in der Debatte über einen Mordaufruf gegen dessen Produzenten zeigt. Pakistan führt dabei vor, wie man die Religions- und die Meinungsfreiheit verstümmeln kann.

Vor 14 Jahren betrat im Zentralpunjab, genauer in der Stadt Sahiwal, der katholische Bischof John Joseph ein Gerichtsgebäude, zog eine Pistole und schoss sich in den Kopf. Der Geistliche war kein gewöhnlicher Mann, sondern der erste in Pakistan geborene und dort auch tätige Bischof und überhaupt der erste Bischof aus dem Punjab. Außerdem war er brillant darin, Dinge in seiner Gemeinde zu organisieren. Doch sah John Joseph letztlich keinen Ausweg, als sich aus Protest – wegen des Todesurteils gegen einen Mitchristen, dem Blasphemie vorgeworfen wurde – öffentlich eine Kugel in den Kopf zu jagen.

In ständiger Angst

Dieser Mitchrist und Angeklagte hieß Ayub Masih und war wegen einer Auseinandersetzung mit einem muslimischen Kollegen über religiöse Themen verurteilt worden. Der genaue Inhalt des Gesprächs kann hier nicht wiedergegeben werden, weil auch das Gotteslästerung wäre. Bischof Joseph war zudem mit einem weiteren Fall beschäftigt. Der elfjährige Salamat Masih sowie dessen Vater und Onkel wurden beschuldigt, etwas Blasphemisches an die Wand einer Moschee geschrieben zu haben. Was genau, wissen wir nicht, denn es hier oder im Gericht wiederzugeben, würde den Tatbestand der Blasphemie erfüllen. Der Onkel des Jungen wurde während des Prozesses erschossen, der Fall ging schließlich an den Obersten Gerichtshof über, wo der Richter Arif Bhatti gesunden Menschenverstand walten ließ und einen Freispruch verkündete.

Ein Jahr später aber wurde der Richter selbst in seiner Kanzlei ermordet und seine Mörder sagten, er habe mit dem Freispruch selbst Blasphemie begangen. Auch deshalb kam der Bischof John Joseph frustriert und wütend zu dem Schluss, nur ein öffentlicher Selbstmord könne etwas gegen die kolossale Absurdität des Blasphemiegesetzes bewirken. Doch das Gesetz blieb.

Was also kann unter dem Blasphemiegesetz alles gotteslästerlich sein, das in den letzten zehn Jahren Dutzende Menschen das Leben gekostet und Tausende obdachlos gemacht hat, und das Millionen in ständiger Angst leben lässt, was man in ihren Mülleimern finden könnte? Hier eine Auswahl von Alltagssituationen, die einen zum Gotteslästerer machen können:

1. In einer Plastiktüte Asche zu einer Müllhalde bringen, wie im Fall des Mädchens Rimsha Masih.

2. Mit einem muslimischen Glaubensbruder über die ehelichen Rechte im Islam diskutieren und dabei anderer Meinung sein. So war es bei einem Lehrer in Chakwal, der an einer Wasserpumpe mit einem anderen Mann in ein scheinbar harmloses Gespräch kam, das im Streit endete. Nun ist der Lehrer seit zehn Monaten im Gefängnis. Seine 14-jährige Tochter sagte in einem Zeitungsinterview, die anderen Kinder redeten nicht mehr mit ihr, weil ihr Vater ein Gotteslästerer sei.

3. Nicht auf Rechtschreibung achten. Vergangenes Jahr rief ein Lehrer, der schriftliche Prüfungsunterlagen korrigierte, die Polizei, weil er auf einem Antwortbogen blasphemisches Material ausgemacht hatte. Die Polizei weigerte sich, Details herauszugeben, weil das, man ahnt es schon, blasphemisch sei. Später kam heraus, dass sich einfach jemand verschrieben hatte.

4. Einen Roman namens Blasphemie schreiben. Im Vorjahr wurde gefordert, dass eine Autorin vor Gericht gestellt werden solle, weil diese Despektierliches über Religionsgelehrte und spirituelle Heilige geschrieben habe. Das Letzte, was ich von ihr gehört habe, war, dass es ihr gut ginge, sie aber keine Romane mehr schreibe, auch keine mit anderem Titel.

5. Ein Kindergedicht mit einem Löwen als Hauptfigur schreiben. Pakistans bekanntester Sozialaktivist Akhtar Hameed Khan, der sein Leben lang Menschen in Asiens größtem Slum half, versuchte sich an einem solchen Gedicht und musste sich deshalb mehrfach vor Gericht gegen Blasphemievorwürfe wehren.

6. Eine Visitenkarte wegwerfen. Ein Arzt in Hyderabad tat dies mit der Karte eines ihm lästigen Pharmavertreters und bekam dafür richtig Ärger. Einer der Namen des Vertreters lautete Mohammed.

In den frühen Achtzigern wurde in Pakistan für alle Studenten ein Fach namens Islamstudien verpflichtend eingeführt. Den Studenten wurde darin auch eine Geschichte über das Leben des Propheten Mohammed nahegebracht, die Teil der muslimischen Folklore ist und auch in Freitagspredigten immer wieder vorkommt: Als der Prophet begann, in Mekka zu predigen, erfuhr er viel Feindseligkeit. Die Leute warfen Steine auf ihn und machten sich über ihn, seinen neuen Gott und seine Lehre lustig.

Eine Frau aus seiner Nachbarschaft verhielt sich besonders gemein. Jeden Tag, wenn er sein Haus verließ, wartete sie mit einem Korb voller Müll und leerte ihn über ihm aus. So geschah es jeden Tag, aber er schalt sie nie und änderte auch nie seinen Weg. Eines Tages ging er wieder die Straße entlang, und es wurde kein Müll über ihn geschüttet. Da suchte er seine Peinigerin und fand sie krank im Bett. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und sagte ihr, dass er sich Sorgen um sie gemacht habe, da sie nicht wie sonst nach draußen gekommen war, um ihn zu beleidigen. Beeindruckt von seiner Großherzigkeit konvertierte die Frau zum Islam.

Die humanste Religion

Heute wird den Kindern allerdings noch eine andere Geschichte erzählt, die inzwischen auch fast zur Folklore gehört. Sie wird auf Social-Networking-Seiten wiederholt und von den Befürwortern des Blasphemiegesetzes in drastischer Detailtreue wiedergegeben. Laut dieser Geschichte verhängte der Prophet Mohammed, als er Mekka eroberte, eine Amnestie für alle, nur nicht für jene, die sich blasphemisch über ihn geäußert hatten. Die sollten geköpft werden. Angeblich wurde sogar ein Gotteslästerer getötet, der versucht hatte, sich in die Khana Kaba zu retten – die heiligste muslimische Stätte.

Ein gewöhnlicher Muslim mag sich fragen, wie können diese völlig gegensätzlichen Geschichten beide wahr sein? Doch bevor diese Verwunderung an Blasphemie zu grenzen beginnt, muss man den Rat pakistanischer Islamgelehrter suchen, die uns sagen, dass der Islam die humanste aller Religionen ist. Am Blasphemiegesetz sei nichts falsch, nur die Umsetzung problematisch. Bevor das derzeitige Gesetz eingeführt wurde, gab es in 60 Jahren sechs gemeldete Fälle von Blasphemie. In den 25 Jahren seit Verabschiedung des Blasphemiegesetzes waren es über 4.000.

Nach der Verhaftung des Mädchens Rimsha wurden im Fernsehen Gläubige gezeigt, die ein donnerndes Urteil sprachen: „Wenn sie unschuldig ist, sollte sie entlassen werden. Und wenn sie schuldig ist, muss das Gesetz seinen Lauf nehmen.“ Dass ein Kind, das nicht lesen und schreiben kann, wahrscheinlich nicht einmal weiß, was Blasphemie überhaupt heißt, ignorierten sie. Nach dem Gesetz, das sie umgesetzt sehen wollen, wird Rimsha selbst dann ihr Leben lang ausgestoßen sein, wenn sie für unschuldig erklärt wird.

Immerhin erfährt zum ersten Mal, seit Bischof John Joseph sich selbst erschossen hat, ein Opfer des Blasphemievorwurfes öffentlichen Beistand. Einige Religionsgelehrte haben sich für sie eingesetzt, ein oder zwei Politiker haben gesagt, der Fall werde zu einem Wendepunkt in der Blasphemiedebatte führen. Aber machen wir uns nichts vor: Keine politische Partei hat den Mut, nur ein einziges Wort an dem Gesetz zu ändern.

Der elf Jahre alte Salamat Masih, für den Joseph gekämpft hatte, wurde zum Tode verurteilt. Ein höheres Gericht kippte die Entscheidung später, aber es war klar, dass der Junge in Pakistan nie sicher sein würde. Eine christliche Wohlfahrtsorganisation half ihm, Asyl in Europa zu finden. Auch Rimsha Masih konnte nach ihrer Freilassung auf Kaution nicht nach Hause. Sie wurde an einen sicheren Ort gebracht. Für den Fall, dass sie nicht schuldig gesprochen wird, hat ihr eine der größten Koranschulen des Landes – die Jamia Banuria in Karatschi – Zuflucht angeboten. Auch die befürwortet aber entschieden das Blasphemiegesetz. Die Christin weiß wahrscheinlich nicht, dass sie ihr Leben möglicherweise in einer muslimischen Koranschule verbringen oder auf das Mitleid einer christlichen Hilfsorganisation angewiesen sein wird.

Mohammed Hanif ist pakistanischer Journalist und Autor des Buchs Our Lady of Alice Bhatti. Sein Beitrag erschien im Guardian.

Übersetzung der bearbeiteten Fassung: Zilla Hofman, Holger Hutt
17:18 08.10.2012
Geschrieben von

Mohammed Hanif | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9813
The Guardian
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare