Stuart Jeffries, The Guardian
06.09.2009 | 10:00 1

Auf dem Hefe-Weg

Klimakampagne Früher spielte Franny Armstrong Schlagzeug, jetzt trommelt sie für ihre Klimakampagne "10:10". Den britischen Umweltminister hat sie schon überzeugt

Franny Armstrong spricht von Hefe. „Wenn man Hefe in ein Gefäß legt und eine Energiequelle wie Zucker hinzugibt, wird sie sich diese so schnell wie möglich einverleiben, sich mit den entstehenden Abfallprodukten umgeben und dann sterben.“ Es gibt, so meint sie, eine enge Parallele zwischen der Hefe und uns. „Wir befinden uns auf dem Hefe-Weg. Wir sind aber noch schlimmer, denn wir sind vernunftbegabt. Wir werden die erste Gattung sein, die sich selbst sehenden Auges ausrottet.“

Armstrong ist die Leiterin des Projektes 10:10 und die Macherin der gefeierten Öko-Drama-Doku The Age of Stupid. In einem Café in der Nähe ihres Büros im Londoner Bezirk Camden, in das wir uns zurückgezogen haben, um etwas Ruhe und Frieden zu finden, nippt sie an ihrem Kaffee. Im Büro arbeiteten die Mitglieder ihres Team Stupid  – großenteils ausgesprochen clevere Hochschulabsolventen – mit Feuereifer an der Kampagne 10:10. Sie telefonieren, schreiben E-Mails und versuchen damit, so viele Organisationen und Individuen wie möglich dazu zu bringen, eine Petition zu unterschreiben, die verlangt, den Ausstoß an Treibhausgasen bis Ende kommenden Jahres (2010) um zehn Prozent zu verringern: 10:10. Die Auftaktveranstaltung der Kampagne fand am ersten September in der Tate Gallery of Modern Art statt. Wer unterschreibt, bekommt eine Hundemarke mit dem 10:10-Logo, die aus dem Material alter Flugzeuge gefertigt wurde.

Rund um die Welt im Einsatz gegen den Klimawandel

„Sorry“, sagt Armstrong und entschuldigt sich für die Geschichte mit der Hefe. Es ist nur so, dass ich 24 Stunden, sieben Tage die Woche an nichts anderes denken kann als an den Klimawandel. Ich mache nichts anders als für die Kampagne zu werben. Wenn ich mir mal einen Tag frei nehme, kommt mir das wie Zeitverschwendung vor. Ich bin davon besessen.“

Woher kommt diese Besessenheit? „Ich muss so um die vierzehn gewesen sein, als uns unsere Lehrerin etwas vom Treibhauseffekt erzählt hat, und dass es sein könne, dass in 100 Jahren kein Leben mehr auf unserem Planeten mehr möglich ist. Dann sollte ich das wieder vergessen und mit Mathe oder irgendetwas anderem weitermachen.“

Das tat sie nicht. Einige Jahre später schrieb Armstrong eine Doktorarbeit, in der sie der Frage nachging, ob die Menschheit selbstmörderisch ist. In der Arbeit ging es um Themen wie BSE, Aids, Atomkrieg und Klimawandel. Zu welchem Schluss ist sie damals gekommen? „Wissen Sie, ich hab das jetzt nicht mehr genau im Kopf. Das Ergebnis war aber mit Sicherheit, dass die Menschheit gewisse selbstmörderische Tendenzen aufweist.“

Lieber die Welt retten als Schlagzeug spielen

Vor zwanzig Jahren spielte Armstrong auch Schlagzeug in der Band Holy Joy, einer Indie-Gruppe, die beim Plattenlabel Rough Trade unter Vertrag kam und die nachgewiesenermaßen Jarvis Cockers Band Pulp beeinflusst hat. Warum hat sie den Rock'n'Roll aufgegeben und versucht jetzt stattdessen, die Welt zu retten?

„Na ja, ich gehöre zur MTV-Generation, der man gesagt hat, der Sinn ihres Lebens bestünde darin einzukaufen, Computerspiele zu spielen und irgendwann zu sterben. Ich bin froh, dass mein Leben nun um so vieles bedeutsamer ist als vorgezeichnet. Ich glaube einfach, dass man sein Leben vergeudet, wenn man nicht gegen den Klimawandel kämpft oder wie Ärzte und Lehrer die Welt verbessert. Ich wollte mehr machen, als rhythmisch auf Dinge einzuschlagen, also hab ich das Schlagzeug-Spielen mit 21 an den Nagel gehängt.“

Von da an machte sie Filme. Den Großteil ihrer Zwanziger verbrachte sie mit der Produktion von McLibel – einer leidenschaftlichen Dokumentation über die Versuche von McDonald's, zwei Aktivisten zu verklagen. Der Film wurde von 53 Millionen Menschen in 15 Ländern gesehen. 2002 folgte ihr nächster, Drowned Out. Er erzählt die Geschichte einer indianischen Familie, die sich weigerte, während des Baus eines Staudamms ihr Dorf zu verlassen. Baked Alaska schließlich thematisiert den Einfluss des Klimawandels auf das Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen in der Arktis.

Age of Stupid

Den Großteil ihrer Dreißiger verwendete Franny Armstrong auf die Herstellung ihres Doku-Dramas Age of Stupid. Pete Postlethwaite spielt darin einen alten Mann, der im Jahr 2055 auf einem verwüsteten Planeten lebt. Als er Archivaufnahmen von vor 50 Jahren sieht, fragt er sich, warum wir nichts gegen den Klimawandel unternommen haben, bevor es zu spät war. „In diesem Land sollte jeder dazu gezwungen werden, sich hinzusetzen und sich diesen Film anzusehen“, sagte der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone.

Armstrong und ihre Team-Stupid-Kollegen hätten sich die zusätzliche Arbeit für die 10:10-Kampagne eigentlich nicht auch noch aufbürden müssen, schließlich arbeiteten sie schon hart genug, um weltweit Werbung für The Age of Stupid zu machen. Am 21. September feiert er in einem solarbetriebenen Kino-Zelt seine Amerika-Premiere. Thom Yorke von Radiohead soll singen. Warum also hat sie sich ein derart ehrgeiziges Projekt aufgehalst? Das habe sie dem britischen Umweltminister Ed Miliband zu verdanken (dessen Bruder David als Außenminister ebenfalls dem Kabinett Brown angehört). Ed Milibands Staatsminister sei zur Londoner Premiere von The Age of Stupid gekommen, habe dort aber keinen durchweg angenehmen Abend verbracht, weil Postlethwaite und Armstrong ihn wegen der Pläne zur Errichtung eins Kohlekraftwerkes in Kent mächtig in die Mangel genommen hätten.

„Ein paar Wochen später wurden die Pläne revidiert“, erzählt Armstrong. „Was für ein Erfolg!“ Dies war der Beginn einer ungewöhnlichen Beziehung mit dem Minister. „Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich durch den Regent's Park spazierte, um an einer Diskussionsveranstaltung mit Ed Miliband teilzunehmen.“

Den Umweltminister hat sie früh rumgekriegt...

Auf dem Weg dorthin hatte sie eine Idee. Erst vor kurzem hatte sie einen Bericht des Public Interest Research Centre gelesen, nach dem das Vereinigte Königreich jetzt handeln müsse, um den CO2-Ausstoß bis Ende 2010 um zehn Prozent zu reduzieren und so angemessen auf die globale Herausforderung zu reagieren. Dies sei das Minimum dessen, was notwendig sei. „Ich dachte, dies könnte ich in der Diskussion bestimmt gebrauchen. Im Nachhinein betrachtet war mein Handeln idiotisch: Man setzt nicht einfach so eine solche Kampagne ins Leben. Ich hab's gemacht. Miliband glaubte nicht, dass es funktionieren könnte, aber nach dem Gespräch erhielt ich so viele E-Mails von Leuten, die mich bestärkten. Und jetzt sind wir hier und versuchen, ob wir es hinbekommen.“

Warum aber sollten Armstrong und ihr Team in der Lage sein, in einer landesweiten Kampagne ganz gewöhnliche Leute dazu zu bewegen, etwas für den Klimaschutz zu unternehmen? Ein Argument hierfür liegt in der innovativen Art und Weise, in der sie The Age of Stupid finanziert hat. Der Film wurde durch sogenanntes „crowd-funding“ finanziert – einer großen Anzahl sehr kleiner Spenden. Einzelpersonen und Gruppen wie ein Hockeyteam oder ein Gesundheitszentrum für Frauen trugen das Geld für den Film zusammen. „Sie sind keine wirklichen Shareholder, denn sie haben nicht die gleichen Rechte. Sie alle verdienen ein Prozent des Profits. „Am Ende investieren 228 Gruppen und Einzelpersonen 535.000 Pfund Sterling in The Age of Stupid und wurden so zu kapitalistischen Kleinanlegern in Sachen Graswurzel-Filmförderung."

...und setzt nun auf Obamas Graswurzel-Methode

Die 10:10-Kampagne funktioniert ähnlich. „Wir setzten auf die Graswurzel-Methode und haben uns natürlich viel von Obama abgekuckt“, sagt der Manager der Kampagne Daniel Vockins. Vor einem Jahr war der 24-Jährige noch Vorsitzender des Studentenwerks in Sussex. Was brachte ihn dazu, bei der 10:10-Kampagne mitzumachen? „Ich schätze, mein Besuch bei der UN-Klimakonferenz in Poznan im vergangenen Jahr. Da standen Leute aus Ländern wie den Malediven auf und sagten: „Jedes Jahr kommen wir hierher und rühren euch zu Tränen mit unseren Sorgen – und dann tut ihr nichts. Da wurde mir klar, dass unsere Regierungen allein da nichts erreichen werden. Sie brauchen den Druck von unten, anders werden sie sich nicht bewegen. So können wir nicht nur den Planeten retten, sondern auch der Demokratie neues Leben einhauchen.“

Ungefähr 60 Leute arbeiten an der Kampagne, wen man die kooperierenden Wohltätigkeitsorganisationen mit hinzuzählt. Für viele von ihnen gilt: maximale Arbeitsbelastung, minimale Bezahlung. Was, wenn 10:10 scheitert? „Dann haben wir es wenigstens versucht“, sagt Daniel Vockins. „Ich glaube aber nicht, dass wir scheitern könnten. Es ist schwer vorherzusehen, wie breit die Resonanz sein wird, aber ich denke, dass es die meisten Leute ansprechen dürfte, die etwas für den Klimaschutz tun wollen. Das ist jedenfalls die Idee.“

Übersetzung: Holger Hutt

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