Auf der Flucht

Polen Seit Polen 2004 der EU beigetreten ist, hat jeder Fünfte im Alter zwischen 21 und 35 Jahren das Land verlassen und sucht ­in Skandinavien oder Großbritannien sein Glück

Tereza Sawerska sitzt mit ihrer Tochter Monika und ihrer Enkelin Marta in einem der elegantesten Warschauer Cafés und erinnert sich an das 20. Jahrhundert in Polen. In den frühen vierziger Jahren stapfte sie als Kind mit ihrem Vater auf der Suche nach einem Stück Brot über die Feldwege, als die Massaker der Nazi-Besatzung Polen verschlangen, und stahl von den Feldern Mohrrüben und Kartoffeln. In den Sechzigern marschierte sie als junge Mutter kilometerweit durch Warschau. Während die Bereitschaftspolizei revoltierende Studenten einkesselte, kämpfte sich Tereza durch Tränengas und Straßensperren, um ihre Tochter vom Kindergarten abzuholen. In den Achtzigern zog die heute 76-Jährige als Steuerbeamtin den Kopf ein, um den Ausnahmezustand zu überstehen.

Marta, ihre 24jährige Enkelin, seufzt ungeduldig. Sie hat das alles schon oft gehört. „Ich kenne dieses Polen nicht. Das ist alles Geschichte und vorbei.“ Ein Land und eine Familie, drei Frauen, drei Generationen, drei ganz verschiedene Erinnerungen. Tereza, Monika und Marta verkörpern den Wandel, zum Teil auch die neue soziale Mobilität, wie die sie durch den Systembruch von 1989 ausgelöst wurde.

Marta führt eine Agentur, die Ausländer in Polnisch unterrichtet und ihnen hilft, einige der 1,7 Millionen Unternehmen aufzubauen, die den Westen Polens sowie die Küstegebiete an der Ostsee in die dynamischsten Regionen der EU verwandeln sollen. Immerhin ist die Republik Polen in diesem kritischen Jahr 2009 der einzige Staat unter den mittelosteuropäischen Transformationsländern, der nicht abgestürzt ist und mit einem Fastbankrott seiner Staatsfinanzen wie Lettland oder Ungarn kämpft.

Martas Großmutter Tereza hat die autoritäre Republik zwischen den Weltkriegen, 45 Jahre Sozialismus und 20 Jahre Demokratie erlebt. Ihre Tochter Monika, 48 Jahre alt, von Beruf Bankangestellte, meint, die Jahre der Volksrepublik erschienen ihr heute wie ein ferner Traum. Sie lacht: „Alles war grau und hässlich. Wenn ich an meine Jugend denke, dann ging es immer darum, wie man die Dinge ein wenig hübscher und bunter machen könnte.“

Kommen und Gehen

Selbstredend ist Polen im Herbst 2009 immer noch an vielen Stellen grau und hässlich. Doch 20 Jahre nach Solidarnosc, Walesa und Wende sind Marta und ihre Generation zu karrierebewusst, zu beschäftigt, zu sehr vom Willen zum Aufstieg in Anspruch genommen, um darüber nachzudenken, wie sie dorthin kamen, wo sie heute sind. „Ich weiß, dass Polen sich unglaublich verändert hat. Aber ich erfahre das über neue Technologien, durch Mobiltelefone und das Internet. Solidarność? Ich weiß noch nicht einmal, wer und was den Wandel damals eingeleitet hat.“

Unaufhaltsam wurde der Wandel im Februar 1989, als sich in Warschau der erste Runde Tisch zusammenfand und einen historischen Kompromiss zwischen der Opposition und den regierenden Kommunisten vereinbarte, der zum Muster für einen unblutigen Machtwechsel in anderen Staaten Osteuropas wurde. Dieser Wandel sei aufreibend gewesen, seine Radikalität enorm, seine Geschwindigkeit schwindelerregend, erzählt Andrzej (41), der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sein Vater war Bauer und kam einst aus dem ländlichen Westen nach Warschau, um auf Baustellen zu arbeiten.

Für den Sohn, einen wohl bestallten Steuerberater mit 20 Angestellten und „hochwertigen Klienten“, sind das fremde Welten. Er könne, erzählt Andrzej, seinen 13-jährigen Sohn auf eine Privatschule schicken und ihm sämtliche Computerspiele kaufen, die er haben wolle. Aber zufrieden? Nein, trotz seines Erfolgs sei er alles andere als zufrieden. „Wir sind die Generation, die Glück hatte. Aus meinem Blickwinkel sehen die Dinge gut aus, aber es gibt auch eine andere Perspektive, die ganze Geschichte der Privatisierung zum Beispiel ist eine Lektion in Sachen Betrug. Das alte System mag ein Alptraum gewesen sein, aber dieses hier ist keine Demokratie.“

Die Kritik findet bei Meinungsumfragen in Osteuropa ihren Widerhall. Eine Erhebung unter Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn des Warschauer Instituts für Öffentliche Angelegenheiten kam Anfang November zu dem Schluss, dass eine stabile Mehrheit, abgesehen von den ewig pessimistischen Ungarn, mit den Veränderungen der vergangenen 20 Jahre zufrieden sei, eine nicht unwesentliche Minderheit jedoch frustriert. Während zwischen 53 und 68 Prozent der Slowaken, Polen und Tschechen der Meinung sind, ihr Leben habe sich verbessert, denken 64 Prozent der Ungarn, die Dinge seien um einiges schlechter geworden.

„Es ist überraschend, wie viele sich nicht für die Demokratie begeistern können“, meint Malgorzata Falkowska-Warska, Meinungsforscherinnen am genannten Institut in Warschau. Ihr Haus suchte neben der grenzüberschreitenden Befragung die Debatte mit jungen Polen. Was dabei auffalle, so Falkowska-Warska, sei das hohe Maß an Zynismus, mit dem diese Gruppe das Drama der vergangenen beiden Jahrzehnte quittiert habe. „Wir waren schockiert, dass diese jungen Polen den Vorteilen von Freiheit und Demokratie sehr zwiespältig gegenüberstehen. Wir hatten erwartet, sie seien wesentlich idealistischer.“

Die vermeintlich größte Segnung der gewonnenen Liberalität, die Reisefreiheit, habe sich durch das Fernweh einer ganzen Generation paradoxer Weise als einer der beunruhigendsten Umstände erwiesen. Es sei zur größten Abwanderung aus Polen seit Jahrhunderten gekommen.

In der Tat haben seit dem EU-Beitritt Polens im Mai 2004 2,3 Millionen der 21- bis 35-Jährigen ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Nicht alle gingen gleichzeitig, es war ein Kommen und Gehen, aber die Mehrheit blieb weg, zumeist junge Polen aus den ärmeren kleinen Gemeinden im Osten und Süden. Sobald es ihnen möglich war, wählten sie mit den Füßen und schlugen in Großbritannien, Irland, Schweden, Dänemark, Deutschland und andernorts Wurzeln. Warschauer Demoskopen wie Malgorzata Falkowska-Warska sind von diesem Ausmaß erschüttert.

„Keiner hat damit gerechnet, dass der Abwanderungssog so viele Menschen mitreißt, obwohl doch augenscheinlich keine Notwendigkeit mehr bestand, aus Polen weg zu gehen. Sie verließen ein freies Land“, meint Krystyna Iglicka, eine der Galionsfiguren der polnische Demographie. Ihre Statistiken belegen, dass nach 2004 jeder Fünfte aus der Altersgruppe der 21- bis 35-Jährigen das Ausland dem „freien Polen“ vorzog. „Für Großbritannien und Irland mag das eine Win-Win-Situation sein, da der Bedarf an ungelernten Arbeitern gedeckt wird. Für uns ist das anders“, so Iglicka. „Wir glaubten, dass die Migration kreisförmig verlaufen würde, dass Menschen auch zurückkämen – für mich ist das eine verlorene Generation.“

Nicht einmal im Traum

Andrzej, der gut situierte Steuerberater, ist über den Aderlass verärgert: „Für diese jungen Menschen ist ein Umzug nach Manchester oder Birmingham die größte Errungenschaft, die sie sich vorstellen können. Aber Erfolg ist etwas völlig Anderes. Warum bleiben sie nicht hier und stellen in Polen einiges auf die Beine?“ Er frage sich außerdem, ob die Mitgliedschaft in der EU für die moralischen Standards Polens gut sei. „Dieses Europa beeinflusst unseren Lebensstil, es befürwortet die Toleranz gegenüber Homosexualität, die in Polen nicht als natürliche Form der Partnerschaft gilt.“

Marta, die junge Geschäftsfrau, meint, sie könne sich nicht einmal im Traum vorstellen, woanders als in Warschau zu leben. Als ihnen ab 1990 die Welt offen stand, flogen die drei Generationen – Marta, Monika und Tereza – nach Kanada, um Verwandte zu besuchen. „Es war unglaublich aufregend. Sie hatten alles, was wir nicht besaßen. Hätte ich dort bleiben können, wäre es damals passiert“, glaubt Monika.

Dass ihr diese Absicht heute einigermaßen bizarr erscheint, macht das Ausmaß des Wandels messbar. Sie war seither immer wieder in Kanada und hat vor zwei Monaten noch einmal geheiratet – einen Kanadier, der seine Heimat aufgab, um nach Warschau zu ziehen. „Ich würde heute nicht mehr in Kanada leben wollen“, sagt Monika. „Wenn ich dort bin, denke ich nicht einmal mehr darüber nach.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

10:50 18.11.2009
Geschrieben von

Ian Traynor, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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