Aufräumen statt abfackeln

Netzgeschichten Eine Auswertung der Tweets während der Unruhen in England zeigt, dass der Twitter-Dienst nicht vor allem von Randalierern benutzt wurde. Wie reagiert nun die Politik?

Die Analyse von über 2,5 Millionen Twitternachrichten mit Bezug auf die Unruhen in England lassen die zwischenzeitlichen Pläne der britischen Regierung, soziale Netzwerke zu sperren, noch absurder erscheinen. In Zeiten ziviler Unruhen wollte die Regierung Personen aus sozialen Netzwerken verbannen oder ihre Internetseiten sperren.

Die vorläufige Auswertung einer vom Guardian erstellten Datenbank von Tweets zeigt jedoch, dass Twitter hauptsächlich benutzt wurde, um auf die Krawalle und die Plünderungen zu reagieren. Auch die aus den Daten ermittelten Zeitpunkte der Tweets stellen die Annahme in Frage, dass Twitter im Vorfeld des Aufruhrs eine maßge­bliche Rolle gespielt habe. Genau das wird jedoch nicht nur Twitter, sondern auch Facebook und dem BlackBerry-Messenger vorgeworfen.

Der einzigartige Datenbestand enthält Tweets aus dem gesamten Zeitraum der Unruhen, die am 6. August im Londoner Stadtteil Tottenham begonnen hatten. Über Twitter organisierte sich vor allem im Anschluss daran eine Bürgerbewegung zum Aufräumen der Straßen. Mehr als 206.000 Tweets – über acht Prozent der Gesamtzahl – handeln davon.

Die britische Innenministerin Theresa May hat sich dennoch am 25. August Donnerstag mit Vertretern von Facebook, Twitter und dem in Kanada ansässigen BlackBerry-Hersteller Research in Motion getroffen, da sie Notstandsmaßnahmen durchsetzen wollte. In der Folge wurde immer heftiger über das Thema Zensur gestritten. Auch Premierminister David Cameron hatte angekündigt, restriktivere Maßnahmen in Erwägung zu ziehen.

Nach den Randalen sagte der britische Premier dem Parlament, seine Regierung untersuche die Möglichkeit, Personen von der Nutzung von Diensten wie Twitter oder Facebook auszuschließen, wenn diese in Verdacht stünden, kriminelle Aktivitäten zu planen. Die Londoner Polizei gab später bekannt, sie habe darüber nachgedacht, während der Gewaltexzesse in London soziale Netzwerke abzuschalten. Auf juristischen Rat hin habe man sich dann aber dagegen entschieden.

Die Datenbank des Guardian, die Tweets aus dem Zeitraum zwischen Mitternacht des 6. August und 20 Uhr am 17. August enthält, wird in den kommenden Wochen im Rahmen einer fortlaufenden Untersuchung der Randale Gegenstand genauerer Analysen sein.

Originaltext: guardian.co.uk/uk/2011/aug/24/twitter-study-post-riot-plans

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 01.09.2011
Geschrieben von

Paul Lewis, James Ball und Josh Halliday | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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