Aufstand in Maduros Hinterhof

Venezuela Das Viertel, aus dem der Präsident stammt, hat drei Feinde: Hunger, Kriminalität – und die Nationalgarde
Aufstand in Maduros Hinterhof
Leute aus dem Viertel El Valle beobachten die Bergung der Toten aus der Bäckerei La Mayer
Foto: Ronaldo Schemidt/AFP/Getty Images

Angesengte Überreste eines alten, am Rande einer vermüllten Straße abgeladenen Kühlschranks sind auf den ersten Blick die einzigen Anzeichen der Gewalt, die nach Anti-Regierungsdemonstrationen in El Valle, einem Arbeiterviertel im Süden von Caracas, ausgebrochen ist. Andere Spuren – herausgerissene Türen, zerbrochene Scheiben – seien von den Behörden rasch beseitigt worden, sagt Ana Sánchez, eine Anwohnerin, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich nennen will. „Sie streichen sogar die Bordsteinkanten gelb. Das gab es noch nie. Die Regierung versucht so zu tun, als sei nichts gewesen.“ Die Hausfrau und Mutter spricht über eine Protestwelle, die Ende April ausbrach und allmählich in nächtliche Plünderungen überging, bei denen in ihrer Gegend zwölf Menschen ums Leben kamen. Neun der Opfer starben in einer Bäckerei des Quartiers durch einen Stromschlag, nachdem das offene Kabel einer Industriekaffeemaschine, die gestohlen worden war, in eine Wasserlache fiel. Die anderen drei wurden erschossen.

Wütend und enttäuscht

Präsident Nicolás Maduro ist in El Valle aufgewachsen. Die Bewohner des Stadtteils sagen, sie würden sich nicht unbedingt den Anti-Regierungs-Protesten anschließen, aber sie seien wütend und enttäuscht. Dass sich die Menschen zögerlich verhalten, hat Gründe: Sie rechnen mit einer unbarmherzigen Reaktion der Nationalgarde. Zugleich fürchten sie aber auch schwer bewaffnete Straßengangs, die nun glauben, sich mit den Sicherheitskräften des Staates anlegen zu können. Mehr als 40 Menschen sind seit Ausbruch der Unruhen landesweit ums Leben gekommen. Darunter ein Mitglied der Nationalgarde. Eine Frau starb, als eine Flasche mit gefrorenem Wasser von einem Balkon geworfen wurde, dazu die neun Toten in der Bäckerei La Mayer am Rand von El Valle.

Die jüngsten Unruhen begannen vor über einem Monat, als ein Urteil des obersten venezolanischen Gerichtshofs dem von der Opposition dominierten Parlament seine Kompetenzen entzog. Dieser Schritt wurde rasch zurückgenommen. Dennoch hat er die Opposition wachgerüttelt, die in der Folge eine Welle beinahe täglich stattfindender Proteste angestoßen hat. Eines ist sicher: Die Frustration der Bevölkerung wird so bald nicht verschwinden. Venezuela ist das Land mit der höchsten Inflationsrate weltweit, noch 2017 wird sie wohl auf 700 Prozent steigen. Im Vorjahr schrumpfte die Wirtschaft um fast 19 Prozent. So ist das alltägliche Leben auf eine Abfolge von Kalamitäten reduziert: Bargeldmangel, eine rasant steigende Kriminalität, ein kriselndes Gesundheitswesen.

Für die Einwohner von La Valle bedeutet das, stundenlang unter oft sengender Sonne anzustehen, um wenigstens die Chance zu haben, Lebensmittel zu erwerben. Die Kriminalität zwingt dazu, unter einer selbst auferlegten Ausgangssperre zu leben. Zudem sind die Menschen immer mehr auf informelle Jobs angewiesen, sei es als Fahrer von Motorradtaxen, Obstverkäufer oder Reinigungsdienst. Was sie verdienen, verpufft angesichts steigender Preise. Für Firmen bedeutet die Krise Mangel an Rohstoffen und eine wachsende Gefahr, beraubt zu werden. Nun kam eine neue Bedrohung hinzu: das Joch der Plünderungen. Die Bäckerei La Mayer ist seit jener Nacht der Gewalt geschlossen. Auch die meisten anderen Läden der Cajigalstraße, gelegen an einem Ausläufer der Barackenstadt Las Malvinas, wollen nicht mehr öffnen. „Wozu sollten sie das tun? Sie haben ja doch nichts zu verkaufen“, sagt Nelly Olavarria, die dort stets ihr Brot erworben hat. Die Besitzer sind von der Angst erfasst, wenn die Gewalt ein weiteres Mal überkocht, werden ihre Läden demoliert. Warum die schweren Gusseisentüren gerade jetzt öffnen?

Die Überreste eines Supermarkts
Foto: Ronaldo Schemidt/AFP/Getty Images

Es ist nicht das erste Mal, dass derartige Krawalle Venezuela erschüttern: 1989 bebte die Hauptstadt unter Plünderungen, die drei Tage dauerten und ein Land ins Wanken brachten, das bis dahin als florierendste Ökonomie und stabilste Demokratie Südamerikas galt. Diese Unruhen, Caracazo genannt, trafen El Valle am heftigsten. Hunderte Geschäfte wurden zerstört, tausende Menschen getötet. Zu erleben war eine soziale Explosion, ausgelöst durch die Unzufriedenheit mit einer korrupten politischen Elite, die sich um die Ärmsten nicht kümmern wollte. Das Militär musste eingreifen und die Ordnung wiederherstellen. Davon wirklich erholt hat sich Venezuela nie. Die Ereignisse galten als Vorspiel für den Aufstieg von Hugo Chávez und seine Bolivarische Revolution, die der Comandante vor seinem Tod im Jahr 2013 ausgerufen hatte. Einige fürchten nun, die Geschichte werde sich wiederholen – trotz der sozialen Errungenschaften des zurückliegenden Jahrzehnts –, weil die Armen weiter das Nachsehen haben. Sogar bei Plünderungen.

Plünderern überlassen

„Nationalgardisten haben die großen Supermärkte bewacht, die kleinen Läden aber, die den Armen gehören, wurden der Gnade der Plünderer überlassen“, erzählt Javier Vargas. Der 60-jährige Kolumbianer hat ein kleines Geschäft und möchte ebenfalls nicht mit seinem richtigen Namen erwähnt werden. Vargas kam mit 25 Jahren nach Venezuela und lebt nun schon länger hier als in der alten Heimat. „Ich liebe dieses Land. Es hat mir alles gegeben, was ich bin. Aber alles hier liegt im Chaos. Meine Söhne sind Venezolaner. Wenn sie nicht wären, würde ich gehen.“

Vargas lebt in der Nähe der Hauptstraße, die den besseren Teil von El Valle von jenem Quartier trennt, das durch informelle Siedlungen entstanden ist, die langsam zu Slums oder Barrios wurden, wie sie in Venezuela heißen. Je weiter man den Hügel hinaufsteigt, desto ärmer werden die Menschen. Aus der Entfernung betrachtet wirkt die Seite von El Valle, auf der Vargas lebt, wie eine einzige Masse roter Ziegelhäuser, die auf wundersame Weise übereinandergestapelt wurden, durchzogen vom Gewirr der Stromkabel.

Vargas hat miterlebt, was seit Ende April geschehen ist. Er habe ganz einfach Angst, weil er gesehen habe, wie drei Menschen getötet wurden, von denen er zwei kannte. Am 20. April waren Hunderttausende bei zwei Demonstrationen für und gegen Präsident Maduro auf die Straßen gegangen. Die Anhänger der Regierung trugen rote T-Shirts und sammelten sich in der Nähe des Präsidentenpalastes im Westen. Die Gegner trugen Weiß und marschierten aus den östlichen, wohlhabenderen Domänen von Caracas zum Zentrum. In El Valle hielt das existenzielle Gebot, etwas zum Essen aufzutreiben, viele davon ab, sich einer der beiden Seiten anzuschließen. „Ich habe stundenlang in der Hoffnung angestanden, Brot und vielleicht etwas Kaffee kaufen zu können, und bin dann früh nach Hause gegangen“, sagt Ana Sánchez. „Ich war glücklich, weil ich zu den Letzten gehörte, die noch etwas bekamen.“

Auch Vargas, den Kolumbianer, zog es an diesem Tag früh in sein Quartier. Er hatte Sorge, es könne zu Zusammenstößen zwischen beiden Lagern kommen. Auch wenn es während der Tage danach, in denen ein Marsch auf den anderen folgte, zu keinen direkten Konfrontationen kam, verloren drei Menschen ihr Leben. Viele wurden inhaftiert. Dem inzwischen bekannten Muster folgend, schoss die Nationalgarde mit Tränengas auf die Regierungsgegner, um sie auseinanderzutreiben.

Auch in El Valle nahmen die Spannungen zu. Einige von Vargas’ Nachbarn gingen auf die Straße und schlugen auf Töpfe und Pfannen, eine lokale Form des Protests, die als Cacerolazo bekannt ist. Um 21 Uhr wurden mehrere Straßen mit Autoreifen verbarrikadiert und ein erstes gepanzertes Fahrzeug rollte ins Barrio. „Als die Leute auf der Straße demonstrierten, bemerkte eine Handvoll von ihnen, dass sie in die Geschäfte einbrechen konnten.“ Und dann habe man gedacht, der ganze Berg setze sich in Bewegung, alle strömten herunter. „Was ich da gesehen haben, war Hunger“, sagt Vargas. In lokalen Medien hieß es später, Nationalgardisten seien eingeschritten und mit den Plünderern aneinandergeraten. Berichten der Anwohner zufolge stießen die Gardisten auch auf die mächtigen Straßengangs des Viertels, die immerhin mit Handgranaten ausgerüstet waren.

Gut ein Jahr zuvor waren in El Valle neun Menschen getötet worden, als verfeindete Gangs aneinandergerieten. Angeblich ging es um die Kontrolle über einen Drogenkorridor, um den etwa 150 mit AR-15-Gewehren bewaffnete Männern kämpften. Sie schossen mit allem, was sie bis dahin Nationalgardisten abgekauft hatten.

Virginia López berichtet für den Guardian aus Venezuela

Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 14.06.2017
Geschrieben von

Virginia López | The Guardian

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