Auftrieb für Sonne und Wind

Erneuerbare Energien Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist bis 2050 möglich - sofern Regierungen weltweit den gesetzlichen Rahmen schaffen. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltklimarat (IPCC)

Laut einem am Montag veröffentlichten richtungsweisenden Bericht des IPCC könnten erneuerbare Energien innerhalb von vier Jahrzehnten rund 80 % des weltweiten Energiebedarfs abdecken - wenn denn die Regierungen die für die Förderung von Ökostrom erforderliche Politik verfolgen.

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) – das Gremium der weltweit führenden Klimaforscher, das von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde und im Deutschen auch unter dem Namen Weltklimarat bekannt ist– erklärte, sofern das gesamte Spektrum an Technologien für erneuerbare Energien eingesetzt werde, könne die Konzentration von Treibhaugasen weltweit unter dem Niveau von 450 Teilchen pro eine Million Luftteilchen gehalten werden. Prognosen von Wissenschaftler zufolge ist dieses Niveau die Sicherheitsgrenze, die nicht überschritten werden darf, wenn man katastrophale und irreversibele Folgen des Klimawandels verhindern will.

Die erforderlichen Investitionen in erneuerbare Energien würden jährlich lediglich 1 % des weltweiten Bruttoinlandsproduktes kosten, erklärte Rajendra Pachauri, Vorsitzender des IPCC.

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist bereits rasant gestiegen – von den 300 Gigawatt der neuen Stromerzeugungskapazitäten kamen zwischen 2008 und 2009 weltweit rund 140 Gigawatt aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarkraft, so der Bericht. Die Investitionen, die nötig sind, um die von den Wissenschaftlern geforderten Treibhausgasemissionen zu erfüllen, werden sich im nächsten Jahrzehnt voraussichtlich auf etwa 5 Billionen Dollar belaufen und zwischen 2021 und 2030 auf 7 Billionen steigen.

Ramon Pichs, stellvertretender Leiter einer der wichtigsten IPCC-Arbeitsgruppen, sagte: „Der Bericht zeigt, dass es nicht um die Verfügbarkeit der (erneuerbaren) Ressourcen geht, sondern dass es eine Frage der politischen Entscheidungen ist, die die Entwicklung der erneuerbaren Energien in den kommenden Dekaden entweder fördern oder abbremsen werden. Die Entwicklungsländer werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Dort leben die meisten der 1,4 Milliarden Menschen ohne Zugang zur Stromversorgung. Zudem herrschen dort mit die besten Bedingungen für den Einsatz erneuerbarer Energieträger.“

Sven Teske, Energieexperte bei Greenpeace International und Hauptautor des Berichts, erklärte „Dies ist eine Einladung an die Regierungen, ihre politischen Entscheidungen radikal zu überprüfen und ihre Politik auf die erneuerbaren Energien zu fokussieren. Im Vorfeld der nächsten großen Klimakonferenz COP17, die im Dezember in Südafrika stattfindet, liegt die Verpflichtung klar bei den Regierungen, diese Anforderungen zu erreichen.“ Er ergänzte: „Der IPCC Bericht enthält überwältigende wissenschaftliche Belege dafür, dass erneuerbare Energien auch die wachsende Nachfrage der Entwicklungsländer decken können, in denen es über zwei Milliarden Menschen an grundlegenden Energiedienstleistungen mangelt. Und die sogar kostengünstiger, wettbewerbsfähiger und schneller als mit den herkömmlichen Energieträgern. Die Regierungen müssen nun den Anstoß für die Energierevolution geben, indem sie weltweit Gesetze zu erneuerbaren Energien einführen.“

In dem 1000 Seiten starken Sonderbericht über Erneuerbare Energien und Klimaschutz (SRREN) hat das IPCC zum ersten Mal kohlenstoffarme Energie in aller Gründlichkeit untersucht und es ist der erste Zwischenbericht seit dem umfassenden UN-Klimabericht von 2007.

Obgleich die Autoren optimistisch in die Zukunft der erneuerbaren Energien schauen, stellen sie fest, dass viele Technologieformen immer noch teurer sind als fossile Brennstoffe und dass die Produktion erneuerbarer Energien um das 20fache gesteigert werden muss, wenn man vermeiden will, dass die Erderwärmung ein gefährliches Ausmaß annimmt. Erneuerbare Energien werden 2050 eine größere Rolle spielen als die nukleare Energiegewinnung und die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff, prognostizieren die Wissenschaftler.

2008 kamen über 13 % der weltweiten Energie aus erneuerbaren Energiequellen – dieser Anteil ist vermutlich proportional zum Ausbau der Kapazitäten in den einzelnen Ländern gewachsen, allen voran China, das am meisten in die Windenergie investiert hat. Aber die weltweit größte Quelle erneuerbarer Energien, die gegenwärtig genutzt wird, ist die Verbrennung von Biomasse – ca. 10% der globalen Energieversorgung – was durchaus problematisch ist, da sie zur Entwaldung führt und zur Ablagerung von Ruß, die wiederum die Erderwärmung beschleunigt. Dazu kommt, dass Kochfeuer in geschlossenen Räumen eine Luftverschmutzung verursachen, die sich schädigend auf die Gesundheit auswirkt.
Für die glühenden Verfechter der Meeresenergie hielt der Bericht eine Enttäuschung bereit: Er kommt zu dem Ergebnis, dass Wellen- und Gezeitenkraftwerke vor 2020 „kaum nennenswert zur weltweiten Energieversorgung beitragen“ werden. Windenergie machte 2009 hingegen bereits rund 2 % des weltweiten Strombedarfs aus und könnte sich bis 2050 um mehr als 20 % erhöhen.

Wie bei allen IPCC Berichten musste die Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger – die Zusammenfassung des Berichts, die den Regierungen vorgelegt werden soll und sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf deren Energiepolitik auswirken wird –, Zeile für Zeile und Wort für Wort einstimmig von allen Ländern vereinbart werden. Das geschah im Rahmen eines Treffens am Montag in Abu Dhabi. Ein solches Vorgehen zieht den Prozess zwar in die Länge, bedeutet aber auch, dass keine der dort vertretenen Regierungen und keiner der anwesenden Wissenschaftlern, den abschließenden Ergebnissen ihre oder seine Zustimmung entziehen kann. Dies sieht das IPCC als eine große Stärke seiner Tätigkeit. Der Bericht kann auf der IPCC-Webseite abgerufen werden.

Übersetzung: Gordon Florenkowsky

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18:10 11.05.2011
Geschrieben von

Fiona Harvey | The Guardian

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