Aus dem Fenster geworfen

Niederlande Viele Sexarbeiterinnen im Amsterdamer Rotlichtviertel De Wallen müssen aufgeben. Gentrifizierung heißt ihr Schicksal
Beulah Maud Devaney | Ausgabe 06/2016 2

Eine Herde rosafarbener Einhörner lugt zum Fenster herein. Alle halten ihre Telefone in den Händen und diskutieren, wie sie wohl am besten zum Leidseplein in der Amsterdamer Innenstadt kommen. Da es regnet, sind die Plüschkostüme der Fabelwesen schon ziemlich vollgesogen und an den Beinen mit Dreck verspritzt. Junggesellenabende in derartigen Kostümierungen sind nichts Ungewöhnliches rund um die Oude Kerk (Alte Kirche) inmitten von Amsterdams Rotlichtbezirk De Wallen. Schon taucht die nächste, ähnlich gekleidete Gruppe junger Männer auf, alle mit dem gleichen T-Shirt, auf dem irgendetwas von „Daves Sauftour“, „Bier“ und „Stripperinnen“ steht.

Auch sie starren in das Fenster des Prostitutie Informatie Centrum (PIC). Ein paar Häuser weiter sitzen sparsam bekleidete Frauen in Erkern oder Schaufenstern und warten auf Kundschaft. Das PIC ist ein schummrig-plüschiges Café, an dessen Wänden zwischen funkelnden Glamour-Dekorationen allenthalben historische Zeitungsartikel und Bilder über die bis ins Jahr 1413 zurückreichende Geschichte der Prostitution im Viertel De Wallen hängen. Wie das Revier draußen ist dieses Interieur eine Melange aus Anzüglichkeit und kitschigem Kommerz. In dem von der ehemaligen Prostituierten und Buchautorin Mariska Majoor als Anlaufstelle, Tourismus-Information und Konditorei betriebenen Etablissement kann man in einem Atemzug ein drittes Stück Apfelkuchen bestellen und erfragen, wie viel denn ein Blowjob gerade kostet.

Nur ein Vorwand

Mariska Majoor macht sich große Sorgen, wie lange man an der Amstel noch so nüchtern mit Sex wird umgehen können. Eine Initiative der Stadtregierung, genannt „Project 1012“, verfolgt das Ziel, im Rotlichtviertel „aufzuräumen“. Seit damit Anfang 2007 begonnen wurde, mussten schätzungsweise 125 Koberfenster schließen – Protesten von Bordellbesitzern und einer Demonstration von 200 Sexarbeiterinnen vor dem Rathaus zum Trotz. Ende 2015 erklärte die Stadtverwaltung zwar, man gedenke, gegen die noch verbliebenen Fenster nichts mehr zu unternehmen, doch für einige der Bewohnerinnen des Kiezes kam diese Entscheidung zu spät.

Das nach der Postleitzahl des Viertels benannte „Project 1012“ zielt darauf ab, die Koberfenster durch Luxus-Boutiquen, Kaffeehäuser und Kunstprojekte zu ersetzen. Die Gegend soll für das organisierte Verbrechen an Attraktivität verlieren und zahlungskräftige Touristen anlocken, was auf der etwas fragwürdigen Annahme beruht, Reiche würden nicht zu Prostituierten gehen. Im Viertel sind nicht wenige der Ansicht, es sei der Stadtpolitik nur darum gegangen, an die lukrativen Grundstücke heranzukommen. Zwei Vorhaben wirken wie die Vorhut einer Gentrifizierung, die in der niederländischen Presse auf große Zustimmung stößt: Es geht zum einen um die Etablierung des seit 2010 im Kiez ansässigen Red Light Radio, das täglich live im Internet sendet und Konzerte sowie Partys veranstaltet, zum anderen um das Prostitutionsmuseum Red Light Secrets. Viele der bisherigen Bewohnerinnen halten besonders Letzteres für überflüssig.

„Es ist nicht ganz so einfach, eine Gegend wie diese zu gentrifizieren“, glaubt Mariska Majoor. „Alle Alteingesessenen müssten verschwinden und neue, schicke Leute angelockt werden. Die Stadtverwalter wussten, das kann in einer so berühmten wie legendären Gegend nicht von heute auf morgen passieren. Deshalb haben sie argumentiert, es gehe um den Kampf gegen Menschenhandel und organisiertes Verbrechen. Man wusste, das will niemand, also hat man die öffentliche Meinung auf seiner Seite.“

Als „Project 1012“ bekannt gemacht wurde, war schnell klar, dass viele Leute davon profitieren würden – nur nicht die Prostituierten und die Bordellbesitzer, die von der Stadtregierung gezwungen wurden, ihre Pacht für diese äußerst wertvollen Liegenschaften abzutreten (aller Grund und Boden gehört in Amsterdam der öffentlichen Hand und wird an die Nutzer von Gebäuden verpachtet). Während einige der Bordellbesitzer zweifellos in illegale Machenschaften verstrickt waren – man geht davon aus, dass ein großer Teil des Rotlichtdistrikts vom organisierten Verbrechen kontrolliert wird –, wurden mit dem „Project 1012“ rechtschaffene Geschäftsinhaber ebenso wie mutmaßliche Kriminelle mit Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe abgefunden.

Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viel die Stadt für einzelne Gebäude bezahlte oder in welchem Umfang Subventionen flossen, damit neue Geschäfte in leer geräumte Stundenhotels einziehen konnten. Zur Rechtfertigung des Aufwandes erklärt Joris Bokhove, Koordinator von „Project 1012“: „Wir versuchen, jungen Unternehmern so gut wie möglich beizustehen, auch wenn unsere Ressourcen begrenzt sind. In manchen Fällen war es uns möglich, Start-ups zu subventionieren. Unsere Partner aus der Immobilienbranche waren zudem bereit, Mieten für Geschäftsgründer anfänglich zu stunden.“

Die Einzigen, die weder Grundstücke noch Geld erhielten, waren die Frauen in den Fenstern – und damit genau die Leute, die eigentlich vom Schutz gegen Menschenhandel, wie ihn „Project 1012“ versprach, profitieren sollten. Während es rund um Amsterdam bereits zahlreiche Verfahren gegen Menschenhändler gab, kam es im Einzugsgebiet des Projekts nur zu einem Dutzend Anklagen. Trotzdem wurden über 100 Fenster geschlossen. Das legt die Vermutung nahe, dass Verbrechensbekämpfung und Sicherheit der Sexarbeiterinnen nicht mehr waren als ein Vorwand, um die Gentrifizierung voranzutreiben.

Es geht um mehr als Sex

Der Ausverkauf sorgte im Kiez für große Verunsicherung. Bordellbesitzer hatten Angst, dass sie zwangsgeräumt werden könnten, sollten sie nicht umgehend ihre Pacht aufgeben. Gerüchte, wer das tat und wer lieber wartete, machten die Runde. Vor zwei Jahrzehnten wurde das Beharrungsvermögen des Kiezes schon einmal auf die Probe gestellt, als sich Zuhälter aus Osteuropa, denen am häufigsten vorgeworfen wird, sie hätten mit Menschenhandel zu tun, in der Gegend breitmachten. Deren Treiben sei der wahre Grund für „Project 1012“, hörte man im Viertel. Tatsächlich aber reglementiert die Stadt nicht allein ausländische Bordellbesitzer, sondern drängt auch niederländische Pächter, ihre Gebäude aufzugeben.

Mariska Majoor verurteilt die Bordellbesitzer nicht, die verkauft haben. „Wenn man dir richtig viel Geld anbietet, und du bist nicht sicher, ob du mit deinem Gewerbe eine Zukunft hast, dann ist die Verlockung groß, Ja zu sagen.“ Sie glaubt aber, dass alle die Bedeutung der Fenster unterschätzt haben. „Sexarbeiterinnen müssen in dieser existenziellen Diskussion ein größeres Mitspracherecht haben“, sagt sie. „Im Rotlichtviertel geht es um mehr als um Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Das ganze Viertel profitiert von der Fensterprostitution.“

Auch die Gewerkschaft der niederländischen Sexarbeiterinnen PROUD wehrt sich energisch gegen die Dämonisierung ihres Gewerbes und die Schließung der Fenster. Als es im Vorjahr eine Demonstration von einigen hundert Prostituierten gab, habe sich das angefühlt, „als sei die Solidarität in diese Gegend zurückgekehrt“, erzählt Majoor.

„Werden ihre Fenster geschlossen, ist es für die Prostituierten schwer, Kundschaft zu finden“, sagt Felicia aus Rumänien, die den beliebten Blog Behind the Red Light District betreibt und in den Fenstern rund um die Oude Kerk arbeitet, nur ein paar Türen vom PIC entfernt. „Es betrifft bereits jetzt viele Mädchen, die abends herumlaufen müssen, um zu kobern, denn es gibt mittlerweile sehr viel mehr Mädchen als Fenster.“

Was heißt Gemeinschaft?

Nicht alle sind der Meinung, im Rotlichtviertel existiere ein Zusammenhalt, der es wert sei, bewahrt zu werden. Dana wurde 2008 aus Bulgarien nach Amsterdam verschleppt. Sechs Monate später konnte sie entkommen, entschloss sich aber, weiter in den Fenstern zu arbeiten, um der Mutter und dem jüngeren Bruder Geld nach Hause zu schicken. Sie sitzt in einem hellen, von Licht durchfluteten Café am Ufer der Amstel unter Einheimischen, die der Wintersonne viel abgewinnen können. „Wie können diese Leute sich um jemanden wie mich sorgen?“, fragt Dana und zeigt auf die anderen Gäste. Einer von ihnen hat das bemerkt und prostet uns eher unsicher zu. „In den Fenstern zu arbeiten, ist nur ein Job“, meint Dana. „Die Leute, die hier leben, kümmern sich nicht um die Huren, und wir kümmern uns nicht um sie. Sie schätzen uns nur, weil wir Geld in die Gegend bringen. Aber es gibt hier keine Community der Solidarität. Es sei denn, Community heißt, dass man nur mit anderen Prostituierten spricht, weil sonst niemand mit einem redet.“

Obwohl sie die niederländischen Bewohner des Viertels nicht leiden kann, unterstützt Dana die Bemühungen des PIC gegen „Project 1012“. Vielleicht mag sie das Rotlichtmilieu nicht, aber durch die Arbeit dort kann sie ihren Leuten in Bulgarien die Miete bezahlen. Dana fürchtet, dass sie ohne das feste Einkommen aus der Fensterprostitution gezwungen sein könnte, in ihrem eigenen Apartment Freier zu empfangen – was gegen den Mietvertrag verstoßen würde – oder auf entlegenere Gegenden auszuweichen, wo es weniger Kundschaft gibt und weniger Schutz durch die Polizei.

Frauen, die wie Dana zwangsprostituiert wurden, fragen sich, warum die Stadt diejenigen, die sie gezwungen haben, ihren Körper zu verkaufen, großzügig entschädigt. Niederländische Hilfsorganisationen, die sich um die Opfer von Zwangsprostitution kümmern, lehnen „Project 1012“ auch deshalb ab. Die Frauen würden in alle Winde zerstreut, wenn das Viertel, an dem sie hängen, parzelliert und verkauft wird. Und Mariska Majoor? Glaubt sie, dass die aufflammenden Proteste etwas bewirken? „Es wird in De Wallen weiter Fensterprostitution geben, weil das Quartier ganz sicher ein Rotlichtbezirk bleibt – wenn auch verkleinert. Amsterdam will doch das Image der aufregenden, verführerischen, verruchten Stadt bewahren. Das Ganze soll auf die Leute, die kommen, um einen Haufen Geld auszugeben, nur nicht bedrohlich wirken und niemanden verschrecken. Das ist alles.“

Beulah Maud Devaney ist Autorin und Social-Media-Managerin beim Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 09.03.2016
Geschrieben von

Beulah Maud Devaney | The Guardian

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