Aus dem Schatten des Comandante

Venezuela Chávez-Kandidat Nicolás Maduro wurde mit knapper Mehrheit zum neuen Präsidenten gewählt. Ein Porträt
Aus dem Schatten des Comandante

Foto: Raul Arboleda/ AFP/ Getty Images

Nicolás Maduro konnte die venezolanischen Präsidentschaftswahlen knapp für sich entscheiden, indem er eine politische, emotionale und manchmal sogar spirituelle Verbindung zu seinem kampflustigen Vorgänger, Hugo Chávez, behauptete. Jetzt, wo er im Amt ist, muss der ehemalige Gewerkschafts-Unterhändler seine Selbstständigkeit unter Beweis stellen.

Auf einer Welle der Sympathie zu retten, hat sich zwar als erfolgreiche Wahlkampfstrategie erwiesen, wird allerdings nicht weit tragen, wenn es darum geht, die chronischen Probleme des Landes anzugehen: Kriminalität, Inflation, schwache Infrastruktur und eine zu große Abhängigkeit vom Öl – insbesondere wenn man bedenkt, wie messerscharf sein Vorsprung war.

Maduro wird in der Regierung auf die gesamte Erfahrung zurückgreifen müssen, die er sich als Außenminister unter Chavez erworben hat. In dieser Funktion erntete er Anerkennung für seine Vermittlerrolle bei Friedensverhandlungen im benachbarten Kolumbien. Als Übergangspräsident und Wahlkämpfer versuchte er auch, den kämpferischen und manchmal befremdlichen Stil seines Vorgängers nachzuahmen – mit gemischten Erfolg.

Maduro begann die Post-Chávez-Ära mit der Ausweisung von US-Diplomaten, die er als „historische Feinde“ bezeichnete und sie beschuldigte, den Präsidenten vergiftet zu haben. Die einheimische Opposition bezeichnete er als „Faschisten“, die das Land spalten wollten. Im Wahlkampf behauptete er, der Geist seines „Vaters“ Chávez habe ihn in Gestalt eines Vogels heimgesucht und belegte seine politischen Gegner mit alten, volkstümlichen Flüchen.

Dieser melodramatische Ansatz sollte offenbar sein Profil schärfen, nachdem er jahrelang im Schatten seines Mentors gestanden hatte. Aber während es half, seinen buschigen Schnauzer und seine stämmige Figur in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, zeigen die Hunderttausenden von Stimmen, die seine Partei im Vergleich zur letzten Präsidentenwahl vor sechs Monaten verloren hat, dass Maduro noch weiter an seiner Überzeugungskraft arbeiten muss.

Vom Musikertraum zur politischen Karriere

Bisher ist er eher als pragmatischer Verhandler denn als charismatischer Führer in Erscheinung getreten und scheint sich in dieser Rolle wohler zu fühlen. 1962 als Sohn eines Gewerkschaftsführers in eine linke Familie hineingeboren, begann Maduro seine politische Karriere als Vorsitzender der Studentengewerkschaft an der Jose Avalos Highschool in El Valle, einer Arbeitergegend am Stadtrand von Caracas.

Er machte nie einen Abschluss, blieb aber als eindrucksvolle und gewinnende Figur in Erinnerung.

„Es konnte sein, dass er einen ansprach, um über die Rechte der Studenten und solche Dinge zu sprechen. Er redete nicht viel und agitierte die Leute nicht, um sie zum handeln zu bewegen, aber was er sagte, das drang für gewöhnlich auch durch“, sagt Grisel Rojas, ein ehemaliger Klassenkamerad, der heute der Direktor der Highschool ist.

Als Teenager begeisterte sich Maduro für Rockmusik – Led Zeppelin gehörten zu seinen Favoriten. Er soll sogar einmal darüber nachgedacht haben, sich als Musiker in einer Band sein Geld zu verdienen. Doch stattdessen trat er in die Liga Socialistica ein und arbeitete als Busfahrer für die Metro Caracas. Dort trat er in die Fußstapfen seines Vaters und gründete eine der ersten informellen Betriebsvertretungen, obwohl dies dort zu jener Zeit noch verboten war.

Treuer Anhänger des Commandante

In den frühen Neunzigern trat Maduro der MBR-200 (Movimieno Bolivariano Revolucionario) bei – dem zivilen Flügel von Chavez' Bolivarianischer Revolutionsarmee und half oft bei der Ausrichtung von Veranstaltungen mit, bei denen die Freilassung Chavez gefordert wurde, der wegen des gescheiterten Putsches von 1992 im Gefängnis saß.

Maduro half mit, die Bewegung der Fünften Republik zu gründen, mit der Chávez 1998 für die Präsidentschaft kandidierte. Während dieser Zeit lernte er Cilia Flores kennen, die die Gruppe von Anwälten leitete, die 1994 die Freilassung Chávez aus dem Gefängnis bewirkte und die später seine Frau wurde. Flores ist zur Zeit die Generalstaatsanwältin des Landes.

Als Chávez 1998 an die Macht kam, setzte sich Maduros Aufstieg weiter fort. 1999 gehörte er dem Team an, das die neue Verfassung ausarbeitete und diente bis 2000 als Abgeordneter im Parlament, wo er mehrere weitere Funktionen ausfüllte.

2006 ernannte Chávez Maduro zum Außenminister und bisweilen bediente sich dieser der aufrührerischen Rhetorik seines Präsidenten. 2007 nannte er die damalige US-amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice eine Heuchlerin und Guantánamo ein Gräuel, wie es seit Hilters Zeiten keines mehr gegeben habe. Rice hatte die Regierung Chávez zuvor wegen der Schließung eines privaten Radiosenders kritisiert.

Es ist Maduro aber auch gelungen, die angespannten Beziehung mit den kolumbianischen Nachbarn zu flicken. „Nicolás ist eine der stärksten Persönlichkeiten, die die PSUV [Venezuelas sozialistische Partei] hat. Seine Arbeit als Gewerkschaftsführer hat ihm eine unglaubliche Fähigkeit zu verhandeln und einen enormen Rückhalt in der Bevölkerung gegeben“, sagt Vladimir Villegas, der Maduro aus ihrer gemeinsamen Studentenzeit kennt und unter ihm auch im Außenministerium gearbeitet hat.

Kompromissbereiter Führer statt Offizier?

Während manche in Maduro einen umgänglichen und volksnahen Mann sehen, fürchten andere, er werde die Verbindung mit Kuba weiter stärken, – er ist ein langjähriger Freund der Castros – und die anti-amerikanischen Stimmung in der Region weiter verstärken.

Im Oktober wurde er von dem kranken Chávez zum Vizepräsident ernannt, kurz bevor dieser zu einer Notoperation nach Kuba abreisen musste. Im Dezember gab er ihm dann seine volle Unterstützung: „Ich bin der besten Überzeugung, so klar wie der Vollmond – unwiderruflich, absolut, total – ist --- dass Ihr Nicolás Maduro zum Präsidenten wählt“, sagte Chávez in einer dramatischen, letzten Fernsehansprache. „Er ist einer der Jungen mit der größten Befähigung weiterzumachen, wenn ich nicht mehr kann.“

Am fünften März dann kam Maduro die Aufgabe zu, den Venezuleanern die Nachricht zu verkünden, dass ihr Präsident verstorben ist.

Auch wenn er seitdem versucht hat, sich den Stil Chávez' anzueignen, sind die Analysten dennoch der Auffassung, dass der frühere gewerkschaftliche Verhandlungsführer konzilianter agieren wird als der ehemalige Offizier.

Doch das muss sich erst noch erweisen. Sein knapper Sieg könnte ihn ebenso dazu zwingen, die Bedenken der Opposition anzusprechen oder aber die Spannungen weiter verstärken.

In Anbetracht der harten wirtschaftspolitischen Maßnahmen, um die er wohl nicht umhin kommt, wird Maduro es nicht leicht haben, seine eigene Koalition zusammenhalten. Potenzielle Rivalen, wie beispielsweise Diosdado Cabello, der Sprecher des Hauses, der enge Beziehungen zur Armee unterhält, haben seine Kandidatur unterstützt. Jetzt müssen sie ihn auch als Präsident unterstützen.

Virginia Lopez arbeitet als Journalistin in Caracas, Venezuela. Sie schreibt unter anderem für den Guardian

Jonathan Watts ist der Lateinamerika-Korrespondent des Guardian

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Geschrieben von

Virginia Lopez, Jonathan Watts | The Guardian

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