Aus dem Schatten von Oasis

Pop Pulp wurde gemeinhin dem Britpop zugrechnet, war aber viel interessanter. Nun ist die Band nach ihrer Trennung wieder zusammen und hat eine zweite Chance verdient

Wenn ich sage, dass mich der allgemeine Jubel über die Nachricht einer Pulp-Reunion überrascht, dann ist das keinesfalls als Kritik an der Qualität des Werk-Kanons der Band zu verstehen. Als Pulp vor acht Jahren eine Pause auf unbestimmte Zeit ankündigten, schrie die Welt nicht unbedingt nach mehr. Ihr letztes Studioalbum We Love Life stellte 2001 noch einmal die Stärken der Band unter Beweis und erntete enthusiastische Kritiken. Doch es hielt sich nur drei Wochen in den Charts – 61 Wochen kürzer als ihr Hit-Album Different Class 1995. Im Jahr darauf verkaufte sich ein Greatest-Hits-Album noch schlechter. Es stieg eine Woche lang auf Platz 71 in die Charts ein, dann verschwand es in der Versenkung, was Cocker zu dem Vergleich mit einem „stillen Furz“ veranlasste: „Wir haben uns Gedanken gemacht und sind in uns gegangen, aber offensichtlich ging es allen am Arsch vorbei.“

In Großbritannien ist man versucht, das neu erwachte öffentliche Interesse auf Jarvis Cockers preisgekrönte Radiosendung Sunday Survice für BBC 6 Music zurückzuführen, die seinen Status als nationales Kulturgut aufpoliert hat. Aber in Wahrheit geht es vermutlich nicht nur um Nostalgie, sondern vor allem auch darum, dass man im Nachhinein immer schlauer ist und die Geschichte gerne zugunsten der Band umschreiben würde.

Obwohl Pulp immer als Britpop-Band bezeichnet wurden, waren sie unendlich viel interessanter als dieses Etikett vermuten lässt. Der unheilvolle Schatten, den Oasis über die alternative Rockmusik warfen, führte dazu, dass die Mitt-Neunziger als der Moment in die Geschichte eingegangen sind, in dem die Indie-Musik ihr Niveau für den kommerziellen Erfolg herunterschraubte. Sie verlor ihre Feinsinnigkeit und die leisen Zwischentöne, um Platten hervorzubringen, die betrunkene Typen anregten, sich bierselig in die Arme zu fallen und mitzugrölen. Pulp jedoch senkten nie ihr Niveau. Ihre Songs blieben so aufsässig und merkwürdig wie in den Achtzigern, als keiner ihnen zuhören wollte, oder auch in den Jahren vor dem Britpop-Boom, als sie eine Reihe von schaurig-brillanten Singles aufnahmen, die sich an dem obsessiven Verhältnis der Briten zu Sex und Klasse abarbeiteten: Countdown, Razzmatazz und insbesondere die Single Babies mit ihrer bemerkenswerten B-Seite Sheffield: Sex City – mit Sicherheit der erotisch aufgeladenste Song aller Zeiten über die Vororte Pitsmoor und Hackenthorpe.

Ihre erfolgreichsten Singles Common People und Sorted for E’s sind vermutlich die einzigen Britpop-Hits, bei denen zuerst der Text existierte: Die Worte waren entscheidend, vielleicht sogar entscheidender als die Musik. Dazu kam, dass die Worte nicht zu der vorherrschenden Kultur passen wollten, deren Apotheose Pulp doch sein sollten. Im Zeitalter des New Lad prangerte Common People den Klassen-„Tourismus“ an; während andere Bands in den Mainstream drängten, zelebrierte Mis-Shapes den Außenseiter, der „einen Schlag in die Fresse kriegen könnte, nur weil er sich von der Masse abhebt“.

Ihre Musik sah über den begrenzten musikalischen Horizont des Britpop hinaus: Disco, Sparks, Roxy Music, kitschigen 80s Europop, The Fall und die ganze Indie-Musik, die Oasis und Konsorten ersetzen wollten, klang darin an.

Wohl kaum überraschend hielten Pulp sich nur kurze Zeit an der Spitze der Charts: Als 1998 die düstere Platte This is Hardcore über die Schattenseiten des Ruhms grübelte, steckte die Allgemeinheit ihr Geld lieber in weniger komplizierte Freuden. Abgesehen von Common People, genoss ihre Musik auch später nicht die Allgegenwart von Songs wie Parklife oder Wonderwall. Nichtsdestotrotz ist es verlockend, darüber nachzudenken, dass die alternative Rockmusik in den Neunzigern – und in der Tat auch später – wesentlich interessanter hätte werden können, wenn sich mehr Bands Pulp anstatt Oasis zum Vorbild genommen hätten.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:15 12.11.2010
Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

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The Guardian

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