Peter C. Baker
Ausgabe 5016 | 28.12.2016 | 06:00 1

Aus kurzer Distanz

Reportage Georgia ist berüchtigt für seine rassistische Vergangenheit. Dass die meisten Weißen auch heute nichts davon wissen wollen, versuchen Aktivisten zu ändern

Aus kurzer Distanz

Man kann heute nicht mehr genau feststellen, wie viele Lynchmorde es gegeben hat. Sicher ist, es waren Tausende

Foto: Ben Rollins/Guardian News & Media

Spät am Abend des 23. Juli blockieren vier weiße Männer eine ruhige Nebenstraße in der US-Kleinstadt Monroe in Georgia. Sie versperren einem leuchtend gelben Chevrolet Sedan den Weg. Der Anführer der Gruppe – ein weißhaariger, dickbäuchiger Mann in den Sechzigern – nähert sich dem Wagen und blickt prüfend durch die Frontscheibe. Während er sein Gesicht zu einer bedrohlichen Grimasse verzieht, mustert er die Insassen: ein weißer Fahrer, je zwei schwarze Männer und Frauen. „Wir wollen diesen Nigger Roger!“, brüllt er und muss sich dabei ziemlich anstrengen, um durch den niederprasselnden Regen gehört zu werden. „Holt ihn aus dem Wagen!“ Nun kommen auch seine Komplizen auf den Chevy zu. Sie reißen die Türen auf und zerren erst den einen der beiden Afroamerikaner heraus, dann den anderen, einen dünnen Mittzwanziger in einem mattgelben, kurzärmligen Hemd. „Das ist er“, sagt einer der Männer und packt ihn am Arm. Der Anführer nähert sich den beiden mit einem gefährlichen Grinsen. „Einen weißen Mann erstechen, was?“ Er bläst seinem Gegenüber den Rauch seiner Zigarette direkt ins Gesicht. „Du wirst sterben, Nigger. Billie John, sieh zu, dass du ihm den Strick anlegst. Bring ihn zu dem Baum da hinten. Wir werden ihm zeigen, was wir mit dreisten Niggern machen!“ Einer der Handlanger – auch er weißhaarig und ziemlich beleibt – legt dem Schwarzen eine Schlinge um den Hals. Weil er kleiner als sein Opfer ist, muss er sich für einen Moment in die Höhe strecken. Er steht fast auf den Zehenspitzen und wirkt dabei ziemlich nervös.

Am Straßenrand stehen an die 100 Leute mit Regenschirmen, die meisten von ihnen Afroamerikaner, und sehen zu. Viele filmen die Szene mit ihren Smartphones. Dann beugt sich eine der schwarzen Frauen aus dem Wagen. „Hey!“, ruft sie und zeigt auf einen der Bewaffneten. „Ich kenne dich. Ich hab dich schon einmal gesehen. Ich kenne dich!“

Von der Menge ist ein leises Seufzen zu vernehmen – ein kollektiver Ausdruck sowohl des Unglaubens als auch der Verzweiflung über den Mut dieser Frau. Später wird ein Mann aus der Menge fragen: „Wie konnte sie das tun? Was hat sie sich dabei gedacht?“ Im Wagen ist plötzlich die andere Frau zu hören, wie sie vor Angst in Tränen ausbricht. „Oh, du kennst ihn also?“, sagt der Anführer. Seine Komplizen beraten sich einen Augenblick lang. „Vier tote Nigger sind besser als einer“, bemerkt einer laut und vernehmlich. Der Rädelsführer nickt. „Holt sie alle aus der Karre!“ Die Männer zerren nun auch die zwei Frauen aus dem Wagen und stoßen alle vier einen kurzen, abschüssigen Pfad hinunter, der zum Ufer des Apalachee River führt.

Die Zuschauer folgen. Noch mehr Smartphones werden gezückt. Der Kameramann eines deutschen Fernsehsenders hat sich so positioniert, dass er ein perfektes Close-up machen kann, während die Gruppe von der Straße herunterkommt: die Weißen schreiend und höhnend, die schwarzen Paare weinend und schluchzend. Unten am Ufer führen die weißen Männer ihre Opfer zu einem großen Stück Kunstrasen und fesseln sie mit einem langen Seil aneinander.

Von den Behörden geduldet

Einige der Zuschauer wissen, was jetzt kommt, sie haben es schon einmal gesehen oder davon gelesen. Andere haben nur eine vage Ahnung von dem, was sie gleich miterleben werden. Alles, was sie wissen, ist, dass sie hier sind, um das Reenactment eines Lynchmordes mit anzusehen, der 70 Jahre zuvor genau an der gleichen Stelle verübt wurde.

Sieben Jahrzehnte sind eine lange Zeit. Aber später sprechen gleich mehrere der Zuschauer von dem Gefühl, die Distanz zwischen damals und heute habe sich beim Anblick der nachgestellten Szenen zusammengezogen. Schließlich war mindestens eine Handvoll der Zuschauer am 25. Juli 1946 bereits geboren, dem Tag, an dem die Morde begangen wurden. Ein paar von ihnen leben nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der sie nun im Regen stehen, die Last einer gewalterfüllten Geschichte spüren und sich auf das brutale Ende der historischen Vergegenwärtigung vorbereiten.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs waren Lynchmorde 100 Jahre lang an der Tagesordnung, insbesondere im Süden. Obwohl es sich dabei in den allermeisten Fällen um Selbstjustiz von Extremisten und Rassisten handelte, wurden diese Terrorakte von den Vertretern der Bundes- und Landesbehörden weitgehend geduldet – und oft war sogar eine große Menschenmenge zugegen, darunter auch prominente Bürger der Region und deren gewählte Repräsentanten. Sie alle waren erpicht darauf, mit anzusehen, wie die gerade erst von der Sklaverei befreiten Schwarzen daran erinnert wurden, dass Weiße sie nach wie vor ungestraft ermorden konnten.

Der echte Fahrer des Chevy, Loy Harrison (rechts), am Tatort

Foto: Associated Press/dpa

Man wird heute nicht mehr genau feststellen können, wie viele dieser Bluttaten begangen wurden. Doch eine kürzlich veröffentlichte, sehr umfassende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 1877 und 1950 insgesamt 4.075 Lynchmorde verübt wurden. Es gibt kein öffentliches Gedenken oder Mahnmal, das an die Tausende von Menschenleben erinnert, die der weiße Terror in Amerika gekostet hat. Erst vor ein paar Monaten wurden Pläne bekannt gegeben, dass in Montgomery im US-Staat Alabama ein erster Ort der Erinnerung entstehen soll.

In Monroe wird seit zwölf Jahren eine einzigartige Anstrengung unternommen, um an einen besonders schlimmen Lynchmord zu erinnern, dem zwei Afroamerikaner und deren Frauen im Jahr 1946 zum Opfer fielen. Ein Verbrechen, das die Nation erschütterte und mit dazu beitrug, umfangreiche Gesetzesänderungen voranzubringen, auch wenn die Täter von damals nie identifiziert und bestraft wurden.

Am 14. Juli 1946 sticht der 24-jährige Landarbeiter Roger Malcolm seinem Verpächter, einem angesehenen weißen Farmer namens Barnette Hester, ein Messer in den Bauch. Malcolm und Hester sind beide in Monroe aufgewachsen, einer für den Baumwollanbau wichtigen Stadt in Walton County, gut 60 Kilometer östlich von Atlanta. Als Kinder haben sie zusammen auf der Hester-Farm gespielt. Doch nun trennt sie eine tiefe Kluft. Hester ist weiß und besitzt Land, das ihm erhebliche Profite einbringt; Malcolm ist schwarz, arbeitet auf dem Land, das Hester gehört, und kann sich davon kaum ernähren. Wie viele Afroamerikaner in Georgia ist er entschlossen, bald nach Norden zu gehen, um in Chicago einen besseren Job zu finden.

Der leicht reizbare Malcolm glaubt, seine Frau Dorothy habe ein Verhältnis mit Hester. Ziemlich betrunken und mit einer gewaltigen Wut im Bauch stellt er seinen Boss vor dessen Haus zur Rede. Die beiden prügeln sich, Malcolm zieht ein Messer und sticht es Hester in den Unterleib. Mehrere Familienmitglieder sind Zeuge des Streits. Sie wollen Malcolm auf der Stelle töten, zögern dann aber. „Dafür kommt man ins Gefängnis“, gibt Ida Hester, Barnettes Mutter, zu bedenken. „Lasst es die anderen erledigen.”

Kaution für den Gefangenen

Hester wird in ein Krankenhaus gebracht. Malcolm kommt ins Gefängnis. Elf Tage später, als klar ist, dass der Farmer seine Verletzungen überleben wird, kommt ein weißer Baumwollfarmer namens Loy Harrison in die Stadt, um Malcolm abzuholen. Harrison hinterlegt eine Kaution für ihn, die Malcolm bei ihm abarbeiten soll. Ein damals übliches Verfahren in den Südstaaten, mit dem Farmer immer wieder billige Arbeitskräfte rekrutieren.

Dorothy Malcolm hat einen Bruder, George Dorsey, ein Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg, der zusammen mit seiner Frau, Mae Murray Dorsey, auf Harrisons Farm lebt und arbeitet. Gemeinsam haben die drei auf Harrison eingeredet und ihn dazu gebracht, Malcolm aus dem Gefängnis zu holen – auch aus der Angst heraus, was alles geschehen kann, wenn ein schwarzer Mann, der einen Weißen niedergestochen hat, in einem schlecht bewachten Gefängnis in den Südstaaten sitzt. Die drei begleiten Harrison, als der schließlich nach Monroe fährt.

Die Sache verläuft zunächst reibungslos, Malcolm wird freigelassen. Zu fünft fahren sie zurück aufs Land. Als sie das Stadtgebiet bereits hinter sich haben, kurz vor einer Brücke, die über den Apalachee River führt, muss Harrison anhalten: Vor ihm blockiert eine Gruppe weißer Männer die Straße. Sie tragen Waffen. Ein paar Minuten später sind die Malcolms und die Dorseys tot, alle aus nächster Nähe mit Pistolen und Gewehren durchlöchert. Entweder vor oder nach den tödlichen Schüssen hat jemand Roger einen Strick um den Hals gelegt, ohne ihn aber daran aufzuhängen.

Der Lynchmord an Afroamerikanern war in den Jahrzehnten nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Befreiung der Sklaven gang und gäbe. Allerdings veränderte sich im Laufe der Jahre die Art und Weise, wie diese Morde verübt wurden. Die 1880er und 90er waren von regelrechten „Lynchspektakeln“ geprägt, wie Historiker sie später nannten: öffentliche Events, bei denen mehrere hundert Weiße zusammenkamen, um zu sehen, wie die Opfer, typischerweise schwarze Männer, auf ihrem Weg in den Tod misshandelt, angezündet, kastriert und/oder zerstückelt wurden. Es kam sogar oft vor, dass Zuschauer sich von dem Blutrausch anstecken ließen und bei den Grausamkeiten mitmachten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten Journalisten und Aktivisten auf die andauernde Selbstjustiz rassistischer Mobs im Süden aufmerksam. Die Empörung darüber wuchs, aber die Lynchmorde hörten deshalb noch lange nicht auf. Sie verlagerten sich stattdessen in den Untergrund. Nun wurden die Morde schnell und ohne Aufsehen zu erregen von kleinen Gruppen auf einsamen Nebenstraßen verübt, wo es keine Zeugen gab. Da diese Hinrichtungen nie verfolgt wurden, änderte ihre veränderte Ausführung nichts an ihrer Botschaft: Seht, wozu wir imstande sind!

Die Männer, die 1946 die Malcolms und die Dorseys lynchten, kündigten ihre Tat nicht in der Lokalzeitung an, wie ihre Vorgänger dies noch getan hatten. Sie luden auch nicht ihre Nachbarn ein, mit der ganzen Familie und einem gefüllten Picknickkorb zu kommen, um sich das barbarische Treiben anzusehen. Wie so viele andere vertrauten sie darauf, dass die herrschenden Machtverhältnisse sie beschützen würden. Diese Zuversicht war mehr als begründet. Die örtliche Polizei leitete noch nicht einmal eine Untersuchung ein. Auf alle vier Totenscheine schrieb der Gerichtsmediziner dieselbe bürokratische Formel, die jahrelang als Todesursache für die Opfer von Lynchmorden angegeben wurde: „At the hands of persons unknown“ – von unbekannter Hand.

Zwei Tage nach den Morden kamen FBI-Agenten nach Monroe. Aber sie merkten schnell, dass keiner der weißen Bewohner ihnen helfen würde – manche, weil sie zu viel Angst hatten, andere, weil sie die Täter schützen wollten. Der 19-jährige Afroamerikaner Lamar Howard hatte mitangehört, wie die Verschwörer sich im Eishaus, wo er arbeitete, über ihre Tat unterhielten, und er war mutig genug, eine Aussage zu machen. Zur „Strafe“ wurde er von zwei weißen Rassisten halb totgeprügelt. Aus Sicht der Mörder hätte der Lynchmord kaum erfolgreicher sein können.

Trauerfeier für zwei der vier Opfer in der Mt.-Perry-Kirche

Foto: Associated Press/dpa

Gleichzeitig begannen die Details bereits zu verschwimmen – wer genau spielte welche Rolle; wer knüpfte die Schlinge, wer drückte den Abzug; wer log, um die Täter zu beschützen? Die Mörder hatten allen Anlass zur Zuversicht, dass die Ermittlungen im Laufe der Zeit immer weniger konkrete Hinweise auf die Täter enthalten würden. Übrig bleiben würde nur die Angst.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Ein gewisser Walter F. White hörte von der Tat. White war Vorsitzender der National Association for the Advancement of Colored People und untersuchte bereits seit Jahrzehnten Lynchmorde im ganzen Land. White war aufgrund seiner afrikanischen wie europäischen Wurzeln – wie er es selbst beschrieb – ein Schwarzer, dem man seine Abstammung nicht ansah. Dass er auch als Weißer durchgehen konnte, war ihm immer wieder zugutegekommen, wenn er stolze Lynchmörder zu deren Taten befragte. White spürte sofort, dass dieser Fall die Öffentlichkeit in besonderem Maße mobilisieren könnte. Schließlich waren zwei Frauen unter den Opfern, und Frauen wurden relativ selten gelyncht.

Er informierte Zeitungs- und Rundfunkredaktionen im ganzen Land und sparte dabei nicht an grausamen Details. Reporter strömten in Scharen nach Monroe und berichteten darüber, dass Lynchmorde – die viele für ein Relikt der Vergangenheit hielten – in den Südstaaten noch immer an der Tagesordnung waren.

Flut von Briefen

Im ganzen Land gingen Menschen aus Protest auf die Straße. Das Justizministerium wurde von einer Flut von Briefen überschwemmt, in denen die Absender ihre Erschütterung darüber zum Ausdruck brachten, dass ein solches Verbrechen im Amerika der 40er Jahre ungesühnt bleiben konnte. Im Weißen Haus gingen Berge entrüsteter Telegramme ein, die Präsident Harry Truman aufforderten, etwas in der Sache zu unternehmen. Truman hatte sich bis dahin nie für die Gleichstellung von Afroamerikanern interessiert. Doch wie viele andere erschütterte auch ihn insbesondere die Tatsache, dass eines der Opfer, George Dorsey, während des Zweiten Weltkrieges über zwei Jahre lang im Südpazifik gekämpft und für sein Land sein Leben riskiert hatte, nur um zu Hause dann von einem Rassisten erschossen zu werden.

Im September lud Truman White nach Washington ein, um von ihm eine Einschätzung über das Ausmaß der rassistischen Gewalt zu erhalten. Als White mit seiner Darstellung am Ende war, stand Truman das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Mein Gott“, sagte er, „ich hatte ja keine Ahnung, dass es so schlimm ist.“ Drei Monate später rief er das President’s Committee on Civil Rights ins Leben, das bei der Beendigung der Rassentrennung in den Bundesbehörden und der US-Armee eine entscheidende Rolle spielen sollte.

Doch in Monroe blieben die Mörder nach wie vor im Dunkeln. „Wenn jemand verrückt genug wäre, über das, was geschehen ist, zu sprechen, würde man ihn ebenfalls töten“, sagte ein Weißer gegenüber dem FBI aus. Eine Grand Jury aus überwiegend weißen Bürgern kam zu der Ansicht, dass gegen keinen einzigen der Verdächtigen die Beweise ausreichten, um ihn anzuklagen. Jahrzehnte vergingen. Die Verdächtigen wurden älter und starben. So lange er lebte, beharrte Loy Harrison – der Farmer, der für Roger Malcolms Entlassung aus dem Gefängnis gesorgt hatte – darauf, dass er nicht Teil des Lynch-Komplotts gewesen sei und keinen der Mörder erkannt habe. „Ich bin so empört wie jeder andere über die Art und Weise, wie sie meine Nigger umgebracht haben“, sagte er während einer Befragung durch das FBI.

Die Bundespolizei stellte die Untersuchungen ein. Die Reporter gingen nach Hause. In Walton County redeten die Menschen – weiße wie schwarze –, wenn überhaupt, dann nur hinter verschlossenen Türen über die Morde, und diejenigen, die sich an sie erinnern konnten, starben nach und nach oder zogen weg. Dann, nach 45 Jahren des Schweigens, meldete sich schließlich ein Zeuge. 1991 betrat der mittlerweile 55-jährige, weiße Clinton Adams die Außenstelle des FBI in Panama City, Florida. Im Alter von zehn Jahren habe er von einem nahe gelegenen Feld die Lynchmorde am Apalachee River mit angesehen und auch die Gesichter von ein paar der Täter gesehen und erkannt, sagte er. Er wisse, wer sie seien. Adams behauptete, man habe ihn jahrelang eingeschüchtert und von einem Bundesstaat zum nächsten verfolgt, damit er sein Wissen für sich behalte. Seine dramatische Geschichte sorgte für großes Medieninteresse. Doch es hielt nicht lange an: Das FBI hatte viele der Beweise mittlerweile vernichtet und Adams’ Angaben waren voller Widersprüche. Doch das war zweitrangig. Viel wichtiger war: Er hatte die alte Geschichte wieder zum Leben erweckt.

Endlich eine Gedenktafel

Ein paar Jahre später, 1997, begann eine kleine Gruppe hell- wie auch dunkelhäutiger Aktivisten nach Möglichkeiten zu suchen, die Erinnerung an die Lynchmorde in der Geschichte von Walton County zu verankern. Sie gaben sich selbst den Namen Moore’s Ford Memorial Committee – nach der Brücke, die an der Stelle der Lynchmorde über den Apalachee River führt. Die Aktivisten drängten Georgias Verwaltung, am Straßenrand eine offizielle Gedenktafel aufzustellen. Mit Erfolg, sie wurde 1999 angebracht. Sie suchten so lange auf verlassenen Friedhöfen, bis sie die Gräber der Opfer fanden, und hielten dort eine Gedenkfeier ab. Auch Lamar Howard, der 53 Jahre zuvor zusammengeschlagen worden war, nachdem er es gewagt hatte, gegen die mutmaßlichen Mörder auszusagen, nahm an der Zeremonie teil. 2005 nahm Tyrone Brooks Kontakt mit den Aktivisten auf und erzählte ihnen von seiner Idee, ein Reenactment zu organisieren. Er war ein Veteran der Bürgerrechtsbewegung, mittlerweile Abgeordneter in der State Legislature von Georgia. „Denkt doch nur einmal“, drängte er die Gruppe, „wie viel Medienaufmerksamkeit das dem Fall bringen und wie sehr es das FBI unter Druck setzen würde.“

In den Südstaaten dienen Reenactments in erster Linie zur Erinnerung an Schlachten aus dem Bürgerkrieg. Oft spielen dabei Nostalgie und Trauer über die Niederlage der sklavenhaltenden Konföderation eine nicht unwichtige Rolle. Die Idee, die Aktivisten sollten stattdessen einen Lynchmord nachstellen, sei daher „eine äußerst subversive“ gewesen, sagt der Anthropologe Mark Auslander, der Erinnerungsrituale untersucht und schon ein paarmal bei der Veranstaltung in Monroe dabei war. „Reenactments sind im Süden in vielerlei Hinsicht die wichtigste Form des Gedenkens.“ Doch würde dabei nie die Sklaverei thematisiert und schon gar nicht die Lynchmorde. „Wenn man das traditionelle Reenactment in seiner Gesamtheit betrachtet, steht es für ein kollektives Verdrängen, bei dem die Konföderation durch nichts anderes definiert wird als den Mut ihrer tapferen Soldaten.“

Die Idee, den Lynchmord nachzustellen, spaltete das Moore’s Ford Memorial Committee − ein Bruch, der besonders schmerzhaft war, weil er sich weitgehend entlang ethnischer Linien vollzog. Viele afroamerikanische Mitglieder der Gruppe fanden die Idee gut. Der Großteil der weißen Aktivisten lehnte sie dagegen ab: Es sei ein konfrontatives Spektakel, das ihnen wenig geeignet schien, die Sache der Versöhnung voranzubringen. Das erste Reenactment fand 2005 statt, eine ebenso improvisierte wie emotionale Aufführung für ein Publikum, in dem sich auch ein Reporter der New York Times sowie Prominente der Bürgerrechtsbewegung wie Jesse Jackson und Joseph Lowery befanden. Seitdem wird es jedes Jahr aufgeführt.

Die Särge von George Dorsey und seiner Schwester Dorothy; eine Gedenktafel gab es erst nach 53 Jahren

Foto: Associated Press/dpa

Unter den vielen Herausforderungen, die so ein Reenactment mit sich bringt, ist wohl die größte, weiße Darsteller zu gewinnen. Nach allem, was man weiß, waren mindestens ein Dutzend weiße Rassisten an dem Verbrechen beteiligt. In den vergangenen Jahren hatten die Organisatoren schon Glück, wenn sich fünf oder sechs Leute bereitfanden. „Die meisten Weißen lehnen das einfach ab“, sagt die 57-jährige Afroamerikanerin Cassandra Greene, die in den vergangenen Jahren Regie geführt hat. Im ersten Jahr der Aufführung machten die vier weißen Männer, die die Mörder spielten, in letzter Minute einen Rückzieher. Der Lynchmob musste von jungen Schwarzen gespielt werden, die sich weiße Plastikmasken aufsetzten. Die Rollen der Opfer zu besetzen sei nur geringfügig einfacher, erzählt Greene. Einige machten erst begeistert mit, stiegen dann aber vor der eigentlichen Aufführung wieder aus. „Ich verstehe das natürlich“, sagt sie. „Es tut weh, es erfüllt einen mit schmerzhaften Gedanken.“ Anfangs kamen die Mitwirkenden hauptsächlich aus Monroe, doch im Laufe der Jahre ging die Beteiligung der Anwohner immer mehr zurück. In diesem Jahr kamen Darsteller aus Atlanta. Nur einer von ihnen hatte schon einmal an dem Reenactment teilgenommen und keiner von ihnen hatte vom Moore’s Ford Lynching gehört, bis Greene sie kontaktierte und um Hilfe bat. Darrius Bradshaw, der Roger Malcolm spielte, erzählt, dass er während der Proben – die zum großen Teil darin bestehen, dass ältere weiße Männer ihn als Nigger beschimpfen, ihm einen Strick um den Hals legen und so tun, als würden sie ihn erschießen – immer wieder in Depressionen verfallen sei und dann plötzlich wieder eine Wut in ihm aufflammte. Später seien diese Gefühle dann wieder zurückgekommen, ohne dass ihm immer gleich klar gewesen sei, woher sie stammten.

Dass die Vorbereitungen auf das Reenactment in diesem Jahr besonders viele Emotionen auslösen, ist natürlich nicht erstaunlich. Denn die Schauspieler können natürlich nicht darüber hinwegsehen, was es bedeutet, einen Lynchmord an Schwarzen nachzustellen, wenn sich einer der Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten im Wahlkampf immer wieder unverblümt rassistisch äußert – und dies auch noch unter dem lauten Beifall seiner Anhänger. Oder wenn es überall im Land immer wieder Fälle gibt, in denen Polizisten unbewaffnete Afroamerikaner töten.

Ein schüchternes Lächeln

Die meisten der weißen Mitwirkenden haben mit Schauspielerei überhaupt nichts zu tun. Einer, der schon seit langem dabei ist, Bob Caine, ist der Nachfahre von Leo Frank, einem Juden, der 1915 in Atlanta gelyncht wurde, nachdem er für ein Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, das er wahrscheinlich nie begangen hat. Aufgebracht darüber, dass Leo Frank nicht zum Tode verurteilt worden war, brach eine Gruppe prominenter Weißer (einschließlich eines ehemaligen Gouverneurs von Georgia) in das Gefängnis ein, entführte ihn und knüpfte ihn an einem Baum auf. Wade Marbaugh, ein 67 Jahre alter Journalist, der seit Jahren den Anführer des Lynchmobs spielt (und dessen Frau und Töchter sich ebenfalls beteiligen), lächelt schüchtern, als er sich an seine Versuche erinnert, seine weißen Nachbarn und Arbeitskollegen für die Aufführung zu rekrutieren. „In diesem Punkt ignorieren sie mich einfach. Wenn ich ihnen eine E-Mail schreibe, antworten sie nicht. Wenn ich persönlich mit ihnen rede, sind sie so kurz angebunden wie nur irgendwie möglich. Das sind Menschen, die ich seit Jahren kenne.“

Ein Budget ist de facto nicht vorhanden und nur gelegentlich spenden Greene oder andere Unterstützer ein wenig Geld. Das bedeutet, dass es kaum authentische Kostüme gibt und die Gewehre nach dem aussehen, was sie auch sind: Plastikspielzeuge. Der gelbe Chevy – der eher in die 50er Jahre passt als in das Jahr 1946 – wird nur für den Tag der Aufführung gemietet, so dass die Gruppe nicht mit ihm proben kann. Dies führt dazu, dass die Schlüsselszene, in der die Malcolms und die Dorseys aus dem Wagen gezerrt werden, einen eher unbeholfenen Eindruck hinterlässt.

In Theaterstücken oder Filmen können solche Unvollkommenheiten den sorgfältig kultivierten Zauber des Realismus brechen. Doch wenn man sieht, wie die beiden schwarzen Paare aus dem gelben Chevy gezerrt werden, erfüllt einen ein klaustrophobes Gefühl aus Angst und Scham, das intensiver ist, als irgendein Film dies bewirken könnte. Oft müssen Zuschauer weinen oder sie schreien vor Wut oder Schmerz.

Das Publikum bestand fast ausschließlich aus Afroamerikanern. Einige der Zuschauer waren alt genug, um persönliche Erinnerungen an die Herrschaft der Lynchmobs zu haben. Eine kleine Handvoll war am Tag der Morde tatsächlich in Monroe gewesen. Joseph Hunter, mittlerweile 81 Jahre alt, hatte im Sommer 46 Verwandte in Monroe besucht. Er erinnert sich daran, dass seine Tante ihn ins Haus zog, als sie die Nachricht erhielt. „Sie zog die Vorhänge zu, verschloss die Tür und sagte: ,Bleib hier drin.‘“ Seine Mutter war in Connecticut, fast 1.300 Kilometer weit weg. Als sie hörte, was geschehen war, setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr ohne Pause durch, bis sie am nächsten Tag bei Hunter und seinen Geschwistern war. „Sie musste uns in ihrer Nähe haben“, erinnert er sich.

Er sei in jedem Jahr zu dem Reenactment gegangen, erzählt er weiter, habe es sich aber nicht immer bis zum Ende ansehen können. In den ersten Jahren drehte er sich reflexartig um und ging weg, als die Szene ihrem Höhepunkt entgegenging. „Ich weiß, es ist nicht echt. Ich weiß, aber ich kann es trotzdem nicht ertragen.“

Quälende Minuten

Die letzten Augenblicke des Reenactments dauern kaum eine Minute, sind aber diejenigen, die am langsamsten vergehen und die am unerträglichsten sind. Der Lnychmob bindet seine Opfer zusammen und stößt sie auf einem Stück Kunstrasen zu Boden. Die Männer treten zurück, legen ihre Spielzeuggewehre an und zielen. Der Anführer zählt herunter – drei, zwei, eins – und die Henker drücken ab. In den vergangenen Jahren haben manche Feuerwerkskörper gezündet, um die Gewehrschüsse zu simulieren, in anderen haben die Schützen „Peng! Peng!“ gerufen. In diesem Jahr gibt es überhaupt keine Geräusche. Die Opfer sinken in sich zusammen. Einen Augenblick lang sind alle still – die Schützen, die Opfer, die Zuschauerinnen.

Als die Reenactments 2005 begannen, war das die letzte Szene. Doch in den Jahren darauf wurden weitere hinzugefügt. Die meisten spielen vor dem Lynchmord, an verschiedenen Orten in Walton County. Das Publikum sieht, wie Roger Malcolm Barnette Hester das Messer in den Bauch sticht, hört, wie der Gouverneurskandidat Eugene Talmadge darüber spricht, was für eine Schande es sei, dass Schwarze wählen dürften. Doch eine Szene wurde nach der Erschießung eingefügt.

Bob Caine, der weiße Darsteller und Nachfahre von Leo Frank, geht zu den Erschossenen, sieht sie einen Augenblick lang an, beugt sich über Dorothy Malcolm und presst ihr die Hände in den Bauch, als würde er ihn aufschneiden. Als er sich wieder aufrichtet, hält er eine mit Kunstblut verschmierte, schwarze Babypuppe in der Hand. Eine Frau im Publikum schreit auf, der Rest sieht zu oder filmt weiter, wie Caine das Baby so in die Höhe hält, dass alle es sehen können. Er sieht dabei triumphierend aus.

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Dorothy Malcolm schwanger war, als sie erschossen wurde (und vieles deutet darauf hin, dass sie es nicht war). Doch das Gerücht tauchte im Zusammenhang mit den Morden immer wieder auf. Für viele regelmäßige Besucher des Reenactments ist das ungeborene Baby von Dorothy Malcolm zu einem zentralen Symbol geworden: für die Brutalität der rassistischen Gewalt und für die Zukunft, die sie verhinderte und noch immer verhindert. Andere halten die Szene mit dem Kind für schlicht geschmacklos. Vor einigen Jahren verließ eine Gruppe weißer Feministinnen, die bei dem Reenactment mitgewirkt hatte, das Team, nachdem es ihr nicht gelungen war, die anderen davon zu überzeugen, diese Szene wieder aus dem Skript zu streichen.

„Das Reenactment hat eine äußerst komplexe Beziehung zu dem, was Wissenschaftler historische Wahrheit nennen“, sagt Mark Auslander. „Auf der einen Seite geht es darum, das zu würdigen und in Erinnerung zu rufen, was genau an diesem Ort, genau zu dieser Zeit geschehen ist. Auf der anderen Seite geht es darum, Mythen und Rituale zu erschaffen, die Widerhall finden. Wenn die Leute sagen, sie führen die Reenactments auf, um zu erziehen oder das FBI zu drängen, die Ermittlungen wiederaufzunehmen, dann ist da zwar etwas dran.“ Es gehe aber auch darum, das Leben auch im Angesicht des Todes fortzusetzen. „Das ist es was dem Reenactment seine Stärke verleiht, und ist auch der Grund dafür, dass es jeden, der damit zu tun hat, so sehr auslaugt.“

Rassismus hatte in Amerika immer mit Macht zu tun – zu versklaven, zu töten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, zu unterdrücken, zum Schweigen zu bringen. Aber es geht auch um die Macht, zu bestimmen, welche Erinnerungen das Land hochhält und welche aussortiert werden. Das weiße Amerika bevorzugt Geschichten von Fortschritt und Erlösung, von geheilten nationalen Wunden. Das Reenactment in Monroe erzählt eine andere Art von Geschichte: eine offene Wunde, die seit 70 Jahren eitert, weil sie erst verleugnet und dann vernachlässigt wurde.

Theoretisch ist der Fall nach wie vor offen. 2008 berichteten Lokalzeitungen, das FBI grabe in Monroe nach Waffen, die bei dem Lynchmord verwendet wurden. Im vergangenen Jahr führten Beamte der Bundespolizei ein weiteres Mal Befragungen in der Gegend durch. Doch selbst die leidenschaftlichsten Aktivisten räumen ein, dass es wahrscheinlich zu keinen Anklagen mehr kommen wird. Am 25. Juli 1946 nur Stunden, nachdem die Malcolms und die Dorseys ermordet worden waren, kamen Weiße aus Monroe und den umliegenden Städten zur Moore’s Ford Bridge. Sie hatten gehört, was geschehen war, und jetzt wollten sie Souvenirs, wie die Zuschauer früherer Zeiten. Polizisten hatten bereits die meisten Patronenhülsen und Stricke für ihre eigenen privaten Sammlungen ergattert, aber es lagen noch immer ein paar Kleiderfetzen am Tatort herum. Ein College-Student fand einen Zahn und schenkte ihn seiner Freundin, die ihn daraufhin in ihr Armband integrierte. Viele machten Bilder und posierten neben Blutlachen oder Einschusslöchern in den umstehenden Bäumen.

Als das Reenactment mit einem Abschlusslied schließlich zu Ende ist, geht keiner der Zuschauer weg. Alle treten näher an die Opfer heran, halten dabei ihre Smartphones hoch, um sich diese Bilder anzueignen.

Peter C. Baker ist freier Journalist und lebt in Chicago

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.

Kommentare (1)

TobiasK 03.01.2017 | 09:36

Neben diesen Bericht über die ein Reenactment von Lynchjustitz stelle ich einen aktuellen Fall der sich gerade in Europa ereignet hat. Zum Glück verhinderte die Polizei in dem in der TAZ beschriebenen Fall schlimmeres. Bei der Aufklärung von rassistischen Morden, siehe NSU, ist die Staatsmacht jedoch noch immer untätig und Blind. Wobei im Fall der NSU die Blindheit von der föderalen Exekutive ausgeht, nicht wie im obigen Artikel beschrieben Fall von einem rassistischen Dorfsherrif, der ja von der überwiegend rassistischen Bevölkerung gewält ist.