Ausflug in den Tod

Longread Wie ein Fährunglück im Irak, bei dem über 100 Menschen sterben, die Korruption ans Licht bringt, die das Land ruiniert

Am frühen Morgen des 21. März 2019 besuchte der Schulleiter Ustad Ahmad seine Mutter im staubigen Al-Baker-Viertel der nordirakischen Stadt Mossul. Es war der Beginn des vielerorts im Nahen Osten gefeierten Frühlingsfestes Nouruz. Die Mutter fragte Ahmad, ob sie das Grab seines Vaters besuchen könnten. Aber er hatte mit seiner Frau und den Kindern einen Ausflug geplant, als Belohnung dafür, dass die Jungs ihre Prüfungen mit Bestnoten bestanden hatten. Außerdem wollte er an einem so schönen Frühlingstag nicht an den Tod erinnert werden.

Zurück zu Hause – nach dem Frühstück mit den Jungen – saß Ahmad für seine wöchentliche Rasur auf einem Holzstuhl im Badezimmer. Dann machte er sich bereit, um das Haus zu verlassen, zog einen neuen Sommerblazer und Jeans an; er trug die Sonnenbrille, die seine Frau ihm vor Kurzem gekauft hatte. Ahmad, groß und kräftig, war ein stolzer Mann – stolz auf seinen beruflichen Status, sein komfortables Zuhause, seine schlauen und witzigen Jungs, seine hübsche Tochter im Baby-Alter und vor allem auf seine kluge, offene Frau, die das Reisen liebte. Gegen ein Uhr mittags nahm die Familie ein Taxi zum Freizeitpark und Ahmad gab den Jungs genug Geld, um alle Fahrgeräte auszuprobieren. Er selbst fuhr sogar eine Runde Autoscooter mit.

Nicht immer war es für Ahmad so gut gelaufen. Als 2014 der Islamische Staat Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, einnahm, wurde er als „unverlässlich“ eingestuft und verlor seine Stelle als Schulleiter. Drei Jahre lang war er arbeitslos und konnte nicht für seine Familie sorgen. Er verkaufte das Gold seiner Frau und Teile der Möbel, lieh Geld von seiner Mutter und seinem Bruder und wurde abhängig von dem, was die Familie seiner Frau ihnen überlassen konnte. Freunde und Nachbarn meckerten, er solle doch Arbeit als Tagelöhner annehmen oder einen Handwagen kaufen und auf dem Gemüsemarkt arbeiten. Aber sein Stolz als Schulleiter ließ das nicht zu. Selten verließ er das Haus, versank in Depressionen, stritt mit seiner Frau und den Kindern, die nicht mehr zur Schule gingen.

Jetzt aber, zwei Jahre nach der Befreiung Mossuls vom IS, war er stolz, wieder ein respektierter Schulleiter zu sein, selbst wenn die Stadt weiter in Ruinen lag und seine Schule nur gerade so funktionierte.

Lust auf das Leben

Mossul ist eine von Krieg und Korruption gezeichnete Stadt. Die erste Euphorie nach der Befreiung 2017 ist verflogen – zu offensichtlich werden all die großen Versprechen eines gründlichen Wiederaufbaus gebrochen. Die fünf Brücken über den Fluss Tigris sind entweder kaputt oder werden nur von Pontons, schwimmenden Plattformen des Militärs, zusammengehalten. Hunderttausende Menschen, die während der Kämpfe aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben wurden, leben nach wie vor in Flüchtlingscamps. Die Sicherheitslage verschlechtert sich. Neue IS-Zellen tauchen auf. Im ganzen Land wuchs zuletzt der Zorn gegen die politischen Eliten, Hunderttausende Iraker gingen in Bagdad auf die Straße, um die Erneuerung des politischen Systems zu fordern. Nach zwei Monaten voller Demonstrationen, während derer 400 Menschen getötet und Tausende verletzt wurden, war Ministerpräsident Adil Abd al-Mahdi Ende November zurückgetreten. Nach der Ermordung des iranischen Offiziers Qasem Soleimani und des irakischen Brigadegenerals Abu Mahdi al-Muhandis durch die USA Anfang Januar auf irakischem Boden blickt das Land einer noch ungewisseren Zukunft entgegen.

In der Wirtschaftsmetropole Mossul haben all die Probleme eines nie endgültig brechen können: den Überlebenswillen der Menschen, ebenso wenig ihren unternehmerischen Geist. Während der letzten Kriegsphase, als die Stadt Häuserblock für Häuserblock von der irakischen Armee zurückerobert wurde, kam schnell wieder Leben in die befreiten Viertel. Familien kehrten zurück, junge freiwillige Helfer räumten in Teams die Trümmer von den Straßen. Auch wenn ein paar Straßen weiter der Kampf tobte, begann der eine schon wieder damit, Zigaretten zu verkaufen, während der andere mit nicht viel mehr als ein paar Dosen Tomaten und Bohnen im Regal seinen Lebensmittelladen wieder eröffnete. Neue Geschäfte und Restaurants entstanden – auch ohne Wasser und Strom. Die, die ein bisschen Geld zusammenkratzen konnten, begannen ihre Wohnung oder ihr Haus wieder aufzubauen, während sie auf die Entschädigungen warteten, die die Regierung ihnen versprochen hatte. Manche erlaubten sich gar die kleine Belohnung, mit ihrer Familie auswärts essen zu gehen.

Als Ahmads Familie sich an jenem 21. März zum Picknick niederlassen wollte, war es fast 14 Uhr – und im ganzen Park kein Platz im Schatten. Ahmads Söhne schlugen vor, zur nördlich von Mossul im Tigris gelegenen Ausflugsinsel Umm al-Rabiain zu fahren – am Wasser würde es kühler sein. Es gab dort einen Picknick-Bereich und einen Vergnügungspark. Wieder rief Ahmad ein Taxi.

Die Insel Umm al-Rabiain verkörpert den Mix aus Ruine und Neustart, der Mossul heute ausmacht. Erstmals war sie Ende der 1980er zu einem Vergnügungsort gemacht worden, als Teil eines groß angelegten Plans, nach dem am Flussufer Restaurants, Cafés, Wochenendhäuser und das Oberoi-Hotel in Form einer Pyramide entstanden. Heute ist das Hotel eine Ruine, und die meisten Bäume hier wurden für Brennholz gefällt. Zugleich haben viele Cafés und Restaurants wieder eröffnet; am Wochenende strömen Mossuls Einwohner auf die Insel, um an weißen Plastiktischen Tee zu trinken oder Kebab zu essen. Der Anblick des schnell und schlammig vorbeifließenden Tigris lässt daran denken, was diese Stadt schon alles durchgemacht hat, und die kaputten Gebäude am gegenüberliegenden Flussufer rufen einen grausamen Krieg in Erinnerung, den man gerade so überlebt hat.

Die Insel der Ölschmuggler

Wie es sich mit vielen Unternehmen in Mossul seit der Befreiung vom IS verhält, gehört die Insel zum Teil einem Mann, der dem Geschäftszweig einer mächtigen Miliz zuzurechnen ist. Über genau solche Strohmänner und Schmiergeldzahlungen sichern sich bewaffnete Gruppen Aufträge der öffentlichen Hand, das hat mittlerweile eine Untersuchungskommission des irakischen Parlaments bestätigt. Sie kontrollieren den Millionen Dollar schweren Altmetallhandel, ebenso den Ölschmuggel; sie kassieren illegale Mautgebühren für den Transport von Waren. Ihre Geschäfte werden nicht kontrolliert. Wo die Gelder herkommen, ist nicht nachvollziehbar. Angst und Korruption sorgen dafür, dass kaum jemand Überblick über die Machenschaften dieser Milizen hat. All das sollte für die Menschen, die am 21. März Nouruz feiern wollten, katastrophale Folgen haben.

An jenem Morgen stand in einem anderen Viertel Mossuls eine Frau namens Shahla mit guter Laune auf; sie beschloss, ihre Mutter in ein neues Restaurant zum Brunch auszuführen. Tags darauf würde die Mutter ihren 72. Geburtstag feiern. Shahla und ihre beiden Schwestern hatten Geschenke gekauft, Kuchen und Gebäck bestellt. Sie hatten Auberginen, Zucchini und Weinblätter mit Fleisch und Reis gefüllt und in einem großen Dolma-Topf für das Familienfest vorbereitet. Heute aber hatte Shahla ihre Mutter für sich allein.

Die beiden Frauen waren einander eng verbunden, nachdem sie unter dem IS praktisch als Gefangene gelebt hatten. Ihr Gefängnis war ihr einstöckiges Haus gewesen, das in einer ruhigen Wohngegend lag, umgeben von Oliven-, Mandarinen- und Eukalyptusbäumen, nicht weit vom Ostufer des Tigris. Kurz nachdem der IS im Juni 2014 sein Kalifat ausgerufen hatte, wurden die Haustüren der 13 christlichen Familien, die in der Nachbarschaft lebten, mit dem Buchstaben N für „Nasiräer“ markiert, die Familien wurden aus ihren Häusern vertrieben, um diese an ausländische IS-Kämpfer zu geben. Gegenüber lebte ein tschetschenischer Kommandeur, nebenan zog eine Russin mit ihrem ägyptischen Mann ein. Sie schrie Shahla und ihre Mutter an, sie sollten gefälligst ihre Gesichter ganz verschleiern, auch im eigenen Garten.

Als im September 2016 der Kampf zur Befreiung Mossuls begann, wurden die Häuser der ausländischen IS-Kämpfer zur Zielscheibe, drei davon durch Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt. Die Angriffe erschütterten auch Shahlas Haus; die Fenster barsten. In einem Haus gegenüber quartierten sich jetzt russische Scharfschützen ein. Andere Kämpfer feuerten von Barrikaden am Ende der Straße aus auf sich nähernde irakische Panzerfahrzeuge. Gegen Ende wurden die Kämpfe immer heftiger, die irakischen Truppen kamen näher, da hämmerte es mitten in der Nacht an der Tür von Shahla und ihrer Mutter – IS-Kämpfer auf der hektischen Suche nach menschlichen Schutzschilden für ihren Rückzug. Die Frauen öffneten nicht. Dann packten sie ihre Sachen, stapelten Lebensmittel in einen alten Rollstuhl und machten sich auf die Flucht. Explosionen in der Ferne erschütterten den Boden unter ihren Füßen.

Am Ende der Straße trafen sie auf Nachbarn, die den IS-Kämpfern auch entkommen waren, zusammen versteckten sie sich im Keller eines verlassenen Hauses. 25 Frauen und Kinder blieben drei Nächte lang in diesem dunklen Keller, während über ihnen der Kampf tobte. Als sie schließlich im Radio hörten, ihr Viertel sei befreit, wagten sie sich trotzdem nicht aus dem Versteck. Oben im Haus waren Kämpfer zu hören, die nach Zivilisten als Geiseln suchten. Im Keller hielten die Familien die Luft an. Erst als sie das Dröhnen von Armeelastwagen und Panzerwagen hörten, trauten sie sich wieder auf die Straße.

Anderthalb Jahre später, Shahla bereitete nach dem Brunch in der Küche eine Kanne arabischen Kaffee mit Zucker zu, ihre Mutter saß im Garten und las, rief eine alte Freundin ihrer Mutter an: Umm Yussuf fragte, ob sie am Nachmittag gemeinsam auf die Ausflugsinsel fahren wollten. Shahla befürchtete, dass es an solch einem sonnigen Feiertag zu voll sein würde. Aber ihre Mutter wollte – das Wetter war schön und sie hatte Umm Yussuf seit Wochen nicht gesehen. Also stimmte Shahla zu.

Zu Fuß waren es 20 Minuten bis zum Fluss. Shahlas Mutter freute sich, draußen zu sein, und ihre Wangen waren von der warmen Nachmittagssonne gerötet. Die große Menschenmenge am Tigris-Ufer ließ Shahla denken, hier habe sich ja halb Mossul versammelt. Sie mochte Menschenmengen nicht und versuchte ihre Mutter zur Umkehr zu überreden, als Umm Yussuf sie fand. Die beiden alten Damen umarmten sich, dann schlenderten alle drei in Richtung Fähranleger.

Es hatte heftig geregnet

Die Insel Umm al-Rabiain ist über weniger als 100 Meter mit dem Ostufer des Tigris durch zwei flache Seilzug-Fähren verbunden, deren Betrieb und Wartung Sache des Freizeitparks und der Ausflugsinsel ist. Später würden Medien berichten, dass es auf der Fähre keinerlei Sicherheitsvorkehrungen gab, die Mitarbeiter nicht ausgebildet, Inspektionen der Behörden höchst selten waren.

Die Anzahl der Menschen, die auf die Fähre warteten, wuchs beständig; und ebenso wuchs die Sorge, mit der ein kleiner Mann mit wachen Knopfaugen die Szene beobachtete. Omar saß in einem alten Motorboot, dessen weißer Glasfaserüberzug mit der Zeit gelbbraun geworden war. Dort, wo er sein Boot vertäut hatte, waren die unteren Terrassen der Flussufer-Cafés überflutet, Plastiktische und -stühle hatte man nach oben getragen. Der Flusspegel war in den vergangenen Stunden rapide gestiegen. Tags zuvor hatte die Wasserschutzpolizei den Fährbetreiber gewarnt und aufgefordert, den Betrieb einzustellen, weil nach den heftigen Regenfällen vom Mossul-Damm weiter oben am Fluss ungewöhnlich große Wassermassen kamen. Alle, die am Fluss leben oder arbeiten, waren informiert worden – Bootsbetreiber, Cafébesitzer, selbst die Bauern, die am südlichen Stadtrand Wasserbüffel züchten. Aber die Fähre fuhr wie immer.

Um 15 Uhr erreichte sie die Anlegestelle am Ostufer. Die aussteigenden Passagiere quetschten sich durch die wartenden Familien. Beide Menschenmengen vermischten sich in einem Meer von bunten Kopftüchern, drückten, bewegten sich langsam vorwärts. Alle trugen Festtagskleidung, junge Männer und Jungen Anzug und Krawatte, die Mädchen Kleider mit Rüschen.

Shahla trug ihre Tasche, die ihrer Mutter und einen Picknickkorb die Stufen zur Fähre hinunter. Sie bemerkte, dass das Wasser sehr hoch stand. Hand in Hand folgten ihre Mutter und Umm Yussuf. Derweil Ahmad, die Stufen hinunter rückwärts nehmend, seiner Frau den Kinderwagen tragen half, daneben gingen die Jungs. Der hintere Teil der Fähre war bereits voll, aber immer mehr Menschen drückten nach. Als das Boot ablegte, waren fast 300 Menschen an Bord, dicht an dicht.

Die Fähre war eine Konstruktion aus zwei zusammengeschweißten Teilen einer alten Ponton-Brücke mit zwei hohen Bögen auf beiden Seiten. Motoren an den Ufern zogen Drahtseile, die vorn und hinten an der Fähre befestigt waren. Ein drittes Lenkseil wirkte dem Druck der Strömung entgegen und hielt das Gefährt auf Kurs.

Beim Ablegen wackelte und bebte die Fähre. Die starke Strömung drückte sie flussabwärts, als das Stahlseil, das sie zog, ihren Kurs korrigierte und sie sich ein Stück stromaufwärts bewegte. Doch als die Fähre sich zu neigen begann, eilte der Kapitän von hinten nach vorne. Er forderte die Passagiere auf, sich als Gegengewicht auf die andere Seite zu begeben. Unterdessen wurde der hintere Teil der Fähre von der Strömung mitgezogen, sodass sie vom Kurs abkam. Die Fähre ruckelte und schwankte. Einige Kinder kletterten über die rechte Reling, um besser zu sehen, was geschah.

Da schwappte eine kleine Welle über Deck und bedeckte Shahlas Schuhe. Ihre Mutter bekam es mit der Angst zu tun, sie sagte, die drei sollten zurück an Land gehen und sich in ein Café setzen – als wäre das jetzt noch so einfach möglich. Shahla versuchte sie zu beruhigen, aber auch den Leuten ringsherum stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Wo Ahmad stand, dort weinten Frauen. Er blieb dicht an der Reling und versicherte seiner Frau und den Kindern, dass die Fähre sich stabilisieren würde. Dabei umklammerte er fest den Griff des Kinderwagens.

Das Seil reißt

Da schwappte eine zweite, größere Welle an Bord. Die Fähre begann sich nach rechts zu neigen. Die Jungen, die an der rechten Reling hingen, stürzten in das schäumende Wasser. Nur eine Minute nach dem Ablegen hatte sich die Fähre so weit geneigt, dass ein Drittel des Decks unter Wasser stand und die meisten Passagiere sich auf der anderen Seite zusammendrängten. Ahmad stand das Wasser buchstäblich bis zum Hals, er versuchte, sein Baby und den Kinderwagen über Wasser zu halten. Dann hörte er ein lautes Knirschen, die Fähre neigte sich so stark, dass plötzlich Menschen auf ihn zurutschten. Verzweifelt klammerte er sich an den Griff des Kinderwagens, aber der sank schnell und zog ihn mit sich unter Wasser.

In diesem Moment riss das Seil, das die Fähre zog. Die linke Seite des Rumpfes, der mittlerweile fast senkrecht aus dem Wasser ragte, traf das Seil, das die zweite Fähre von der Insel zurückzog. Die Passagiere der kippenden Fähre konnten sich nicht mehr halten und fielen aufeinander. Shahla wurde ins Wasser gedrückt. Dabei hielt sie immer noch die Hand ihrer Mutter. Es gelang ihr, den Kopf über Wasser zu bekommen, aber dann fiel ein Körper auf sie, drückte sie wieder unter Wasser. Dabei verlor sie die Hand ihrer Mutter. Als sie wieder auftauchte, krallte sich eine Frau in einem schwarzen Kleid verzweifelt an ihr fest und versuchte, sich auf sie zu hieven, drückte sie nach unten. Shahla atmete tief ein und ließ zu, dass der Strom sie unter Wasser, flussabwärts, zog.

Der Rumpf der Fähre zeigte jetzt senkrecht nach oben; zwischen den seitlichen klauenartigen Aufbauten und ihren Querstreben waren die Menschen wie in einem Käfig gefangen. Dann kippte die Fähre um – ein grüner flussabwärts treibender Wal inmitten von Dutzenden auf- und abtauchenden Köpfen.

Im ölreichen Irak besaß die Polizei von Mossul nur ein Boot – es war kaputt

Illustration: Lisa Rock

Unter Wasser verlor Ahmad den Kinderwagen. Als er dicht an einem Boot vorbeikam, versuchte er sich hinten, am Außenbootmotor, festzuhalten. Er schrie um Hilfe, aber niemand hörte ihn oder die Leute waren damit beschäftigt, Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Während Ahmad noch immer verzweifelt am Propeller hing, trat der Bootsbesitzer ans Heck. Ohne ihn zu bemerken, zog er an der Schnur, um den Motor zu starten, der röhrend zum Leben erwachte. Ahmad schrie auf, als die Propellerblätter in sein Fleisch schnitten.

Dann ließ er los. Er hatte seine Familie verloren. Es war besser zu sterben, dachte er, als er ins Wasser sank. Aber sein Körper ließ ihn nicht sterben. Ohne es zu wollen, strampelte er sich an die Oberfläche. Er weinte und murmelte „Gott sei Dank, Gott sei Dank“, während seine Tränen ins Wasser fielen, das ihn stromabwärts trug, an Ufer-Cafés vorbei, wo Leute standen, die zuschauten und filmten.

Ahmad erreichte ein anderes Boot, klammerte sich fest und streckte die Hand aus. Zwei Männer griffen seine Arme, ein dritter zog ihn am Gürtel über die Kante. Im Boot lag der Körper einer Frau neben zwei toten Kindern. Die Männer holten noch eine weitere Frau und ein Kind an Bord. Dann starteten sie den Motor und fuhren Richtung Insel.

Mittlerweile waren ein paar Fischerboote da, um Überlebende aus dem Wasser zu ziehen. Omar, der Bootsbesitzer, der zuvor beunruhigt die Menge beobachtet hatte, steuerte in Richtung der ertrinkenden Menge. Unter den Leuten, die er an Bord seines Bootes hievte, war Aya, eine junge Frau kurz vor ihrem 20. Geburtstag, die mit ihrer Mutter und Schwester zur Insel wollte, gemeinsam mit einigen Tanten und Cousinen. Als sie im Boot saß, wieder Luft in ihre Lungen strömte, der Schock eintrat, hatte sie wieder genug Kraft, um zu schreien. Da hängte sich ein großer Mann, der seinen Sohn auf dem Rücken trug, auf einer Seite an das Boot, sodass es begann, gefährlich zu wackeln. Aya bat ihn, es loszulassen, damit nicht das ganze Boot umkippen und sie alle ertrinken würden. Aber der Mann hielt sich mit aller Kraft fest. Ein junger Mann beugte sich hinunter und zog das Kind ins Boot. Dann versuchten alle im Boot, den Mann hineinzuziehen, aber er war zu schwer und zu müde, sich weiter festzuhalten. Die Strömung zog ihn mit.

Im Wasser spürte Shahla, wie Gegenstände und Körper gegen sie stießen. Sie suchte unter den schreienden und ums Leben kämpfenden Menschen um sie herum nach ihrer Mutter, aber das Wasser zog sie schnell fort. Sie sah weiße Möwen, die die Menschen in Mossul so liebten, über ihnen kreisen. Oh Gott, dachte sie bei sich, fressen sie an den Leichen? Shahla war vielleicht eine halbe Stunde im Wasser, es war kalt, ihre Winterkleidung wurde schwer, ihr Kopftuch erstickte sie, aber sie umklammerte krampfhaft die grüne Tasche ihrer Mutter – sie wollte keinesfalls deren Ausweis verlieren, um ihrer Mutter viel Ärger und demütigende Stunden in ewig langen Warteschlangen zu ersparen.

Mit Schlamm im Haar

Ihre Brust zog sich zusammen, sie konnte nicht atmen. Sie wusste: wenn sie nicht weiterschwamm, würde sie sterben. Schließlich gelang es ihr, sich an einem Boot festzuhalten und mit aller Kraft dort hineinzuziehen.

Aus der sicheren Position im Boot konnte Shahla das Ausmaß der Katastrophe sehen. Leichen schwammen um sie herum, viele davon Kinder. Ein kleiner Junge, drei oder vier, in einem Einteiler, trieb auf dem Rücken: Es erinnerte sie an ein Spiel, das sie als Kind mit ihren Schwestern gespielt hatte, als sie Puppen in der Badewanne hatten schwimmen lassen. Erleichtert erkannte sie, dass die Möwen nicht an den Leichen pickten, sondern am Essen, das die Leute mitgebracht hatten.

Ahmad gelangte mit dem Boot auf die Insel, wo er gemeinsam mit anderen Überlebenden herumirrte – inmitten von Familien, die beim Picknick saßen. Jemand gab ihm Wasser, ein anderer bot ihm einen Stuhl an. Da entdeckten ihn ein Nachbar und dessen Frau; sie führten ihn zum Verwaltungsbüro der Insel, aber dort war niemand mehr. Als die Fähre sank, hatten die Mitarbeiter das Weite gesucht, aus Angst vor Verhaftung und der Wut der Familien der Opfer. Die Nachbarn zogen Ahmad Jacke und Hemd aus und säuberten die drei langen Schnitte an seinem Körper. In diesem Moment begann er zu weinen.

Ein Offizier der Bereitschaftspolizei von Mossul erreichte in einem großen zivilen Motorboot die Insel. Die Polizei hatte alle verhaftet, die auf der Ausflugsinsel arbeiteten – auch die Kaffee- und Burgerverkäufer. Die Eigentümer und Direktoren aber waren nirgendwo zu sehen. Der Polizist hatte Mitleid mit Ahmad und nahm ihn mit zurück ans Ostufer.

Derweil setzte Omar die knapp 20-jährige Aya ab und fuhr wieder los. Zitternd, mit Schlamm im Haar und tropfenden Kleidern stand sie da, um sie herum eine Menge Leute und Polizisten, die das Unglück beobachteten und jetzt ihre Handys auf sie richteten. Sie schrie einen jungen Polizisten an: „Meine Familie, wo ist meine Familie?“ Er sah sie an, als sei sie verrückt.

Vor Aya lagen Unfähigkeit und Versagen des irakischen Staates offen zutage. Im ölreichen Irak besaß die Flusspolizei von Mossul nur ein Motorboot. Und das war seit Monaten kaputt. Sie hatte weder Seile noch Rettungswesten, die sie den vor ihrer Nase ertrinkenden Menschen hätte zuwerfen können. Während der Chef der Flusspolizei in eins der Boote gesprungen war, um bei der Rettung zu helfen, standen einige seiner Männer nur da und glotzten. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Die meisten von ihnen waren nie für eine solche Krisensituation ausgebildet worden; einige konnten nicht einmal schwimmen. Bei den extrem korrupten irakischen Sicherheitskräften hatten viele Bestechungsgeld für einen ruhigen Posten am Fluss bezahlt, um nicht an gefährlicheren Stellen außerhalb der Stadt eingesetzt zu werden.

Als Shahla an Land gebracht worden war, stoppte ein Polizist ein vorbeifahrendes Auto und sagte dem Fahrer, er solle sie ins Krankenhaus fahren. Dort suchte sie ihre Mutter und Umm Yussuf – erst unter den Überlebenden, dann unter den Leichen. Sie fand sie nicht. Sie war nass und zitterte erschöpft, aber sie wollte nicht im Hospital voller weinender Kinder und Frauen bleiben. Draußen auf dem Bürgersteig brach sie zusammen. „Es herrschte Chaos“, erinnert sie sich. „Die eingepackten Leichen wurden wie Müllsäcke auf Ambulanzen und Pick-ups geworfen“. Auch hier filmten Menschen mit ihren Handys. Später am Tag telefonierte Shahla mit ihrem Bruder. Er weinte. Bevor er etwas sagte, wusste sie, dass ihre Mutter tot war.

Wo Mossul funktioniert

Der bestorganisierte Ort Mossuls ist das Leichenschauhaus. Zwei Jahre nach dem Krieg kommen hier noch immer die schwarzen faulenden Leichenüberreste an, die unter Tonnen von Schutt und zerstörten Häusern gefunden werden. Effizient und sorgfältig vergleichen die Mitarbeiter DNA-Proben mit Listen und versuchen, die vermissten Personen zu identifizieren.

Der stämmige junge Leiter des Leichenschauhauses, Hassan Watheq, trägt einen schmalen Schnurrbart und eine Brille mit randlosen Gläsern. Er saß gerade beim Mittagessen, als ein Freund ihn telefonisch vom Fährunglück unterrichtete. Watheq konnte im Hintergrund die schreienden Familien hören. Schnell begab er sich zu seiner Arbeitsstelle, wissend, dass die Leichen schnell verfallen würden, was die Identifizierung sehr schwierig machen würde. Auch wusste er zu gut, was für ein Chaos entstehen würde, wenn die Familien ins Schauhaus drängen würden, um ihre toten Verwandten zu finden. Er bestellte eine Polizeiwache für den Eingang.

Schon bald begannen die Toten einzutreffen. Innerhalb von einer Stunde befanden sich 65 Leichen in den Kühlschränken und zahlreiche Familien warteten draußen. Frauen weinten und klagten. Männer bedrängten die Polizisten, sie einzulassen. Flankiert von Polizisten ging der Leiter des Leichenschauhauses hinaus, kletterte auf einen Polizeiwagen und bat mit seiner ruhigen Stimme darum, ihm Zeit zu geben.

Die meisten Leichen waren Frauen und Kinder. Selbst die an den Anblick des Todes gewöhnten Mitarbeiter des Leichenschauhauses weinten. „Eine Frau hatte ihr fünf Monate altes Baby umklammert“, erinnerte sich Watheq. „Beide waren tot. Ich musste an meine eigenen Töchter denken und mir kamen die Tränen.“

Er hängte Fotos von den Opfern ans Eingangstor. Trug eine Leiche einen Ausweis bei sich, konnte der Name dazugeschrieben werden. Eine andere Priorität war, zu verhindern, dass Leichen gestohlen wurden. „Nach irakischem Recht wird ein Vermisster erst nach fünf Jahren als tot anerkannt“, erklärte er. „Die ganze Zeit über können die Hinterbliebenen keine Rente oder andere Rechte in Anspruch nehmen. Daher versuchten viele Leute, ihre Vermissten als Tote des Fährunglücks zu registrieren.“

Schmutzige Geschäfte

Unter den identifizierten 128 Toten waren 57 Frauen und 44 Kinder. Weitere 69 Menschen wurden noch vermisst. Zuletzt wurde am 11. September eine Leiche gefunden, fast sechs Monate nach dem Unglück.

Selbst für ein Land, das fanatische Milizen, Besatzungsarmeen und Diktatoren gewohnt ist, war das Fährunglück ein Schock. „Ich habe viel Tod in dieser Stadt gesehen“, sagte der Direktor des Leichenschauhauses, „aber nichts war so traurig wie das: Menschen in Feiertagskleidung aufgereiht in Leichensäcken.“ Als die Öffentlichkeit erfuhr, dass es eine Gefahrenwarnung für den Fährbetrieb gegeben hatte, verwandelte sich die Trauer in Wut. Die Leute waren verärgert angesichts dieses Staatsversagens und der Verantwortungslosigkeit der Ausflugsinsel-Betreiber.

Am Abend des Unglücks kam der irakische Ministerpräsident nach Mossul und verhängte drei Tage Trauer. Zudem setzte er eine Untersuchungskommission ein und erklärte alle Opfer zu Märtyrern. Als wenn Hunderttausende irakische Märtyrer, die im Krieg getötet wurden, nicht genug wären. Am nächsten Tag kam der irakische Präsident und wurde von einer Menschenmenge ausgebuht, die gegen politische Korruption protestierte. Er wurde von der Menge in einen Polizeilastwagen gedrängt, die dann auf den Wagen einschlug.

Innerhalb von Tagen berichteten die Medien von einer Verbindung zwischen dem Betreiber der Insel, Ubaid al-Hadidi, und einem berüchtigten Milizkommandeur. Vor dem Fährunglück hatten die Menschen in Mossul zu viel Angst, um offen über die Geschäfte der Milizen zu sprechen. Jetzt gab es Proteste und Sit-ins. Am 24. März wurde der Gouverneur von Mossul, Nurfal Hammadi, gegen den schon lange eine Untersuchung wegen der Unterschlagung öffentlicher Gelder lief, entlassen. Ihm wurde vorgeworfen, in die Geschäfte der Milizen verwickelt zu sein und unter anderem mit öffentlichen Grundstücken in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Bei einer Pressekonferenz bestritt er, „auch nur einen Cent oder Dinar von irgendjemandem erhalten zu haben“.

Laut einem Stadtrat von Mossul, der im Untersuchungsausschuss saß und nur anonym zitiert werden möchte, war die Fähre überfüllt und hätte nicht fahren dürfen: „Laut den Bestimmungen durfte sie bei einer maximalen Flussgeschwindigkeit von 700 Metern pro Minute in Betrieb gehen, am besten nur bei 300 bis 400 Metern, bei maximal 80 Passagieren. Am Tag, als sie sank, waren 287 Menschen an Bord und die Strömung betrug 1.400 Meter pro Minute.“ Dem Stadtrat zufolge sind Besitzer und Betreiber der Insel direkt für das Unglück verantwortlich. „Der Betreiber war gewarnt. Aber er wollte so viele Menschen wie möglich auf die Fähre laden. Die staatlichen Behörden, die den Fährbetrieb überwachen sollten, haben versagt.“

Dass die Inselbesitzer die Unterstützung von einem mächtigen Chef des Wirtschaftszweigs einer der grausamsten Milizen im Irak hatten, machte eine Durchsetzung der Vorschriften eher unwahrscheinlicher. Laut dem Parlamentsabgeordneten für Mossul, Shirwan Dobadani, bestätigte der frühere Gouverneur von Mossul bei einem Treffen mit dem irakischen Präsidenten und dem Parlamentsvorsitzenden, dass einer der mächtigsten Männer der Miliz, Hayder al-Sa’edy, Teilhaber der Ausflugsinsel war und seine Männer für die Sicherheit zuständig waren. Seit der Befreiung Mossuls beherrschte al-Sa’edy den Altmetallhandel. Er führte als Strohmann Unternehmen für die Miliz und ihre Partei, die durch den Gouverneur öffentliche Aufträge erhielten.

Vor der Eroberung von Mossul durch den IS war der Inselbetreiber Ubaid al-Hadidi ein mittelgroßer Unternehmer. Unter der Besatzung machte er ein Vermögen durch den Ankauf und Verkauf von Immobilien und Land, das von aus der Stadt vertriebenen Christen konfisziert wurde. 2015 erwarb er die Konzession für die Insel und betrieb sie eineinhalb Jahre lang. Dann war er gezwungen, sie zu schließen, weil es keinen Strom gab und der Krieg bevorstand. Nach der Befreiung Mossuls wurde eine Belohnung für seine Verhaftung wegen Terrorismus ausgesetzt. Aber als al-Sa’edy intervenierte, wurden die Vorwürfe gegen al-Hadidi fallen gelassen. Laut Parlamentariern und Geheimdienstmitarbeitern, mit denen ich über das Unglück sprach, bezahlte al-Hadidi im Gegenzug einen „Beitrag“ von fünf Milliarden irakischen Dinar (ca. 3,8 Millionen Euro) und al-Sa’edy erhielt 30 Prozent Anteil an der Insel.

Das verlorene Lachen

Einen Tag nach Sinken der Fähre behauptete al-Hadidi gegenüber einem irakischen TV-Sender, er und sein Sohn seien an dem Tag des Unglücks nicht in Mossul gewesen. Der Sicherheitschef der Extremistenmiliz Asa’ib Ahl al-Haqq habe ihnen gedroht und eine große Geldsumme verlangt. „Wir hätten die Insel in jedem Fall geschlossen, wenn das Wasser zu hoch gestiegen wäre. Aber wir waren wegen der Drohungen nicht in Mossul“, erklärte er weiter. Drei Tage später wurden al-Hadidi und sein Sohn in Erbil verhaftet und ins Gefängnis in Mossul gebracht. Im TV-Interview kommentierte ein Vertreter des politischen Flügels von Asa’ib Ahl al-Haqq: „Selbst wenn jemand aus der Bewegung in Verbindung mit dem Inselmanagement steht, heißt das nicht, dass Asa’ib für das Geschehene verantwortlich ist.“

Als man die Leiche von Ustad Ahmads Frau am Abend des Unfalls zu seinem Haus brachte, weigerte er sich, sie anzusehen. Er ging nicht zur Beerdigung. Die Leiche seines ältesten Sohnes wurde einen Tag nach dem Unglück gefunden, unter der Fähre gefangen. Der zweite Sohn und die kleine Tochter bleiben verschwunden.

Den Anblick der Spielsachen und Schultaschen seiner Jungs konnte er nicht ertragen. „Ich bat meine Mutter, sie wegzugeben. Ich will die Erinnerung an sie vergessen“, sagte er mit gebrochener Stimme. „Ich stelle mir vor, all das ist ein Traum. Ich spreche darüber, als sei es die Geschichte eines anderen.“ Wie er dasaß, im Haus seiner Mutter, war der ganze Stolz des Schuldirektors verschwunden. Mit gebeugtem Rücken und hängendem Gesicht wirkte er alt und müde.

„Wissen Sie, wir haben vor zwei Jahren schon einmal ein Baby verloren, auch ein Mädchen. Sie sah ganz genauso aus, das gleiche Lachen, das gleiche Gesicht.“ Damals war sein Haus von einem IS-Mörser getroffen worden. Ahmad rannte auf die Straße mit dem Baby auf dem Arm, seine Frau und die Jungs hinter ihm. Sein Bruder und Nachbarn kamen ihnen zu Hilfe. Sein Bruder nahm das Baby, während Ahmad und seine Frau ins Haus rannten, um Wertsachen zu holen. Als sie im Haus waren, explodierte wieder eine Granate. Als Ahmad nach draußen rannte, fand er den Bruder, das Baby und zehn Nachbarn tot. „Vielleicht war es unser Schicksal, an diesem Tag zu sterben. Vielleicht haben wir den Tod verpasst und jetzt hat er uns auf der Fähre eingeholt.“

Ahmad macht nicht allein Inkompetenz oder Korruption für das Fährunglück verantwortlich. „Ja, es war fahrlässig. Aber ist der Betreiber schlimmer als die Leute, die nur zugeschaut haben, während die Menschen vor ihnen im Wasser trieben? Niemand ist ins Wasser gesprungen, um uns zu helfen. Es gab Leute, die einfach weitergepicknickt haben. Diese Gefühllosigkeit – kommt sie von all dem Tod, den die Stadt gesehen hat?“

In Ayas Trauer mischt sich die Bitterkeit, vom Staat im Stich gelassen zu werden. „Korruption und Fahrlässigkeit sind schuld; die Leute zu behandeln, als wären sie nichts“, sagte sie im vergangenen Oktober aufgebracht. „Meine Mutter meinte, nach diesem Krieg, dieser Zerstörung, dem grausamen Töten, könnte uns nichts Schlimmeres mehr passieren. Die Befreiung war 2017, sie starb im März 2019.“

Was passiert ist, interessiere niemanden: „Die Fähre wird vergessen, genau wie alle anderen Tode.“ Im Oktober begann Aya Anrufe von hohen Stammesführern zu erhalten, die sie drängten, Geld vom Betreiber der Ausflugsinsel anzunehmen. Al-Hadidi bot betroffenen Familien zehn Millionen irakische Dinar und ein Stück Land am Stadtrand an, wenn sie alle Ansprüche gegen ihn und seinen Sohn fallen ließen. Die Anrufer sagten, die meisten anderen Familien hätten das Angebot akzeptiert. Sie sei eine der wenigen Ausnahmen. „Ich weigerte mich, zu unterzeichnen. Aber fast alle haben akzeptiert. Sie glauben nicht, dass sie vom irakischen Staat etwas bekommen und sie brauchen das Geld. Ich weiß nicht, was ich tun soll“, erzählte Aya.

Shirwan Dobadani bestätigte telefonisch, dass das Angebot existiert. Zwei wichtige Stammesführer hätten sich als Vermittler eingeschaltet. „Wenn die Familien auf die Justiz warten, um zu ihrem Recht zu kommen, werden sie nichts kriegen“, meinte auch Dobadani. „Es gibt Tausende ungelöste Fälle von Mord und Totschlag. Das schlimmste Unglück ist im Irak nach drei Tagen vergessen.“

Ghaith Abdul-Ahad, geboren 1975 in Bagdad, arbeitet als Reporter für den Guardian. Er berichtete aus den Kriegen in Afghanistan, Libyen, im Jemen und im Irak. Im Freitag waren zuletzt unter anderem seine Texte „Das Fest der Fliegen“ über die letzte Schlacht um Mossul (Ausgabe 50/2017) und „Die Beute“ aus dem Jemen (Ausgabe 8/2019) zu lesen

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 23.02.2020
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 25/2021

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