Ausgezehrt, aufgegeben

Kollaps Der Ausnahmezustand und der Staatsterror des Militärs werden nichts daran ändern, dass die ökonomische Lage Ägyptens von Tag zu Tag bedenklicher wird
Nafeez Ahmed | Ausgabe 28/2013 3
Ausgezehrt, aufgegeben
Foto: Ed Giles / Getty

Die schweren Unruhen in Ägypten mit so vielen Toten sind auch das Resultat einer fatalen Mischung aus strukturellen Versäumnissen, die bisher jede Nach-Mubarak-Exekutive zu verantworten hat. Sie wurzeln in einem nicht sehr nachhaltigen Modell der industriellen Zivilisation, das abhängig ist von fossilen Brennstoffen und vom Casino-Kapitalismus. Dahinter steht die Überzeugung, von außen werde es schon die gebotene Rettung geben. Damit gemeint sind Kredithilfen der internationalen Gläubigergemeinschaft Ägyptens oder auch eine Fortsetzung des amerikanischen Finanzhilfe für die Streitkräfte.

Verdoppelter Weltweizenpreis

Ihren Höchststand erreichte die ägyptische Erdölproduktion im Jahr 1996. Seither ist sie um 26 Prozent gesunken. Das ist deshalb dramatisch, weil das Land von seiner Ernährungsautarkie in den sechziger Jahren längst in eine unmäßige Abhängigkeit von Importen geraten ist. 75 Prozent des Weizens müssen eingeführt und mit Einnahmen aus dem Erdölexport bezahlt werden. Da diese permanent sinken, wirkt sich das auf Lebensmittel- und Brennstoffsubventionen aus. Folglich steigen die Nahrungsmittelpreise und spiegeln, was sich im Welthandel abspielt.

Denn auch dort gibt es einen Preisschub. Lebensmittel verteuern sich durch die Auswirkungen des Klimawandels in wichtigen nahrungsmittelproduzierenden Regionen. Seit 2010 kam es in den USA, Russland und China zu Dürren und Hitzewellen, wovon besonders die Weizenernte betroffen war. Die Verdopplung des Weltweizenpreises – von 157 Dollar pro Tonne im Juni 2010 auf 326 Dollar pro Tonne im Februar 2011 – traf Millionen Ägypter, die bis dahin bereits 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgaben – das war eine der Ursachen für den Sturz Hosni Mubaraks Anfang 2011. Ägypten ist mit 82 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung höher als alle anderen Länder der Region verschuldet. Neben dieser ökonomischen Auszehrung ist das soziale Gefälle enorm. Es ist die Folge neoliberaler „Strukturanpassungen“, die seit den späten achtziger Jahren die Löhne sinken ließen und zu ausbleibenden Investitionen in die Infrastruktur führten.

Zwei Dollar pro Tag

Statt aus der Geschichte zu lernen, sah Mursis Planung vor, sich so gut wie möglich beim Internationalen Währungsfonds (IWF) einzuschmeicheln – ausgerechnet bei jenem Institut, das seinen Anteil am Elend Ägyptens hat.

Im Juni schrieb die Zeitung al-Ahram, eine Kombination aus steigenden Lebensmittelpreisen, der Schwäche des ägyptischen Pfunds und Energiemangel habe die Inflation auf acht Prozent hochgetrieben. Dazu beigetragen habe ein Austeritätsprogramm, das der Währungsfonds einem neuen Kredit vorgeschaltet hatte. „Die Regierung“ – so das Blatt – „muss die Energiesubventionen kürzen, die ein Fünftel des Staatshaushalts auffressen, und die Mehrwertsteuer für ausgewählte Artikel erhöhen. Auch wenn diese Maßnahmen unbeliebt sind, werden sie durchgedrückt, um Ägypten ein IWF-Darlehen in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar zu sichern.“

Angesichts der 40 Prozent Ägypter, die unter der von den Vereinten Nationen definierten Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag leben, liefen Mursis vom IWF diktierte Maßnahmen auf eine ökonomische Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung hinaus. Was die Lage zusätzlich verschlimmerte: Weil sie nicht mehr bezahlt werden konnten, brachen die Weizenimporte regelrecht ein. Zwischen dem 1. Januar und dem 20. Februar kaufte das Land ungefähr 259.000 Tonnen Weizen – ein Drittel dessen, was im gleichen Zeitraum des Vorjahres eingeführt wurde. Bei gleichzeitig anhaltender Arbeitslosigkeit war Mursis Ägypten unter diesen Umständen eine Zeitbombe, die irgendwann explodieren musste.

Auch nach der erzwungenen Demission Mohammed Mursis bleibt es bei diesen Herausforderungen. Langfristig betrachtet droht dem Land darüber hinaus eine demographische Krise. Die Bevölkerungszahl, die derzeit bei 84 Millionen liegt, wird Schätzungen zufolge bis 2023 auf hundert Millionen steigen.

Weit abgeschlagen

Zugleich fehlt es Ägypten an eigenen Ressourcen, um eine auf gut 86 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gestiegene Staatsverschuldung einzudämmen. Im von Japan, Simbabwe und Griechenland angeführten Ranking der Großschuldner liegt das Land zur Zeit auf Rang 12 – nach einem Platz zwischen 20 und 25 noch in den neunziger Jahren.

Noch bedenklicher sieht es bei einem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung aus. 2012 lag Ägypten bei 6.100 US-Dollar – im globalen Vergleich erbrachte das Platz 136. Zum Vergleich: In Tunesien, dem zweiten nordafrikanischen Krisenland, liegt der verleichbare Wert bei 9.500 US-Dollar, in Libyen sogar bei 13.800 US-Dollar.

 

 

 

Nafeez Ahmed ist Wirtschaftsanalyst in Kairo

 

06:00 25.07.2013
Geschrieben von

Nafeez Ahmed | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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