Autonome Szenen

Im Gespräch Patricia Arquette war Lynchs Albtraumfrau und Tarantinos Callgirl: eine Heldin des US-Independentkinos der 90er Jahre. Jetzt räumt sie endlich auch die großen Preise ab
Nosheen Iqbal | Ausgabe 08/2015 1

Patricia Arquette ist erkältet. Die Schauspielerin, die für ihre Rolle als alleinstehende Mutter in Richard Linklaters Film Boyhood (2014) schon einen Golden Globe und einen Screen Actors Guild Award bekommen hat, klingt angeschlagen, als die Reporterin Nosheen Iqbal sie am Hörer erwischt. „Ich komme mir vor wie in einem seltsamen Traum, aus dem ich bald erwachen werde“, sagt Arquette. Dass jetzt der Hattrick für sie möglich ist – sie wurde auch für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert –, könne sie kaum fassen. „Die meisten meiner Filme hatten nicht mal einen Werbeetat. Bei Boyhood hätten wir nie gedacht, dass er für die Oscars in die Auswahl käme, das Budget lag bei nur 2,8 Millionen Dollar. Ob jemand sich das überhaupt anschauen würde …“

Arquette, 46 Jahre alt, wurde vor allem mit ihrer Rolle als Alabama in Quentin Tarantinos True Romance (1993) bekannt. Da war sie das Cool Girl der 90er Jahre, und ihr Look – schäbig blond, Leopardenleggins, Neonfarben-BH und Plastiksonnenbrille – wurde stilbildend für eine ganze Frauengeneration, für die rotzigen Riot Grrrls wie für den poppigeren Spice-Girl-Typus. Sie arbeitete mit David Lynch (Lost Highway, 1997) und Martin Scorsese (Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung, 1999) und war zuletzt hauptsächlich in Fernsehserien zu sehen (etwa in Boardwalk Empire und in CSI). Nun beschert ihr die Rolle der Normalofrau Olivia Evans – einer geplagten Mutter, die aus einer unglücklichen Beziehung flieht, ihren Hochschulabschluss nachholt und Lehrerin wird – in Boyhood den ganz großen Durchbruch.

 

Nosheen Iqbal: Die Filmindustrie hat sich in den 25 Jahren, während derer Sie im Geschäft sind, enorm gewandelt. Was ist die größte Veränderung?

Patricia Arquette: Alles hat sich verändert. Als Vivien Leigh in den 30ern für Vom Winde verweht als Scarlett O’Hara besetzt wurde, war sie noch fast unbekannt, die größten Stars rissen sich um die Rolle. Heute würde man den Part direkt dem bekanntesten Star geben. Die Geldgeber lassen kein echtes Casting mehr zu. Sie haben keine künstlerische Vision, besetzen nach Tabellenwerten, und das macht die Filme sehr mittelmäßig. Früher nannte man das Filmgeschäft The Movies. Heute könnte man es einfach The Business nennen.

Der Mangel an Rollen für ältere Schauspielerinnen ist ein immer wiederkehrendes Thema. Spüren Sie da inzwischen einen Wandel?

Dazu kann ich nichts sagen. Es kommt immer darauf an, was für Filme Sie machen wollen. Was ich weiß, ist, dass es in Boyhood lauter kleine Momente gibt, die niemand außer Rick Linklater in einem Film zeigen würde. Rick sagt: „Das ist schön, das ist das Leben. Es muss nicht spektakulär, gigantisch, großartig daherkommen, damit es wichtig ist.“ Ich habe noch keinen Regisseur gesehen, der sich so eingehend mit der Person einer 46-Jährigen befasst, die Zeitung liest oder über Klempnerei redet oder was sie sonst noch an gewöhnlichen Dingen tut. Die großen Studios würden sagen: „Das will das Publikum nicht sehen.“

„Boyhood“: Altern in Echtzeit

Richard Linklaters mutiges Langzeitprojekt ist im Rennen um die Oscars, die am 22. Februar in Los Angeles verliehen werden, ganz vorn dabei. Boyhood ist als „Bester Film“ nominiert; außerdem ist der Texaner ein Kandidat für die „Beste Regie“ – und Patricia Arquette eine Anwärterin für den Titel „Beste Nebendarstellerin“.

Das Außergewöhnlichste an dem Film ist seine Produktionsdauer von fast zwölf Jahren. Erzählt wird die Geschichte des Jungen Mason Evans, Jr. (gespielt von Ellar Coltrane), der mit seiner Mutter Olivia (Arquette) aufwächst. Das Publikum kann Masons Leben von dessen sechstem Lebensjahr bis zum Eintritt ins College verfolgen – und es sieht die Schauspieler dabei sozusagen „in Echtzeit“ altern, ohne künstliche Falten, Plastikbäuche oder aufgeklebte Geheimratsecken, sondern eben: ganz natürlich.

So wie sich das Aussehen der Darsteller über die Zeit verändert, so hat Linklater auch das Drehbuch über die Jahre fort- und umgeschrieben. Die Schauspieler wirkten daran mit, besonders stark brachte sich Patricia Arquette ein. Für den Fall übrigens, dass er während der langen Produktionszeit sterben würde, hatte Linklater, Jahrgang 1960, Ethan Hawke (er spielt in Boyhood den Vater von Mason) beauftragt, den Film fertigzustellen. Katja Kullmann

Jetzt, da „Boyhood“ so gut läuft, sagen sie das wohl nicht mehr.

Neulich behauptete Russell Crowe doch tatsächlich, alternde Schauspielerinnen seien bloß versessen darauf, immer noch die junge Naive zu spielen.

Sie wurden mit genau so einer Rolle berühmt.

Schauspielerinnen werden stark unter Druck gesetzt, unrealistisch auszusehen. Altern dürfen sie nicht. Du musst auf ewig unfassbar attraktiv bleiben, so ist die Filmwelt. Vielleicht bist du schon 50, aber du musst wirken wie 35.

Wie sind Sie damit umgegangen? Und wann haben Sie beschlossen umzuschalten?

Ziemlich früh. Als ich 28 war, drehte ich mit Michel Gondry Human Nature (Die Krone der Schöpfung, 2001; Arquette spielt darin die außergewöhnlich stark behaarte junge Lila). Ich sagte: „Super! Macht meinen Körper ruhig voller Haare!“ Ich war Feministin – und genervt – genug, um dem unfairen Erwartungsdruck entgegenzutreten. Es ist heimtückisch: Wir Frauen in den USA benehmen uns, als hätten wir gleiche Rechte, dabei haben wir sie gar nicht. Der Sony-Hack (Unbekannte legten im Dezember interne E-Mails des Konzerns offen) brachte es ans Licht: Schauspielerinnen arbeiten ebenso hart wie ihre Kollegen, haben riesige Fangemeinden und Zuschauerzahlen – und bekommen trotzdem weniger Gage als die Männer, so wie eben Jennifer Lawrence bei Sony. Das ist in Hollywood so wie überall, wie bei Richterinnen, Ärztinnen, Anwältinnen: Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen ist eine Realität. Die Welt ist sexistisch.

Bekommen Sie seit „Boyhood“ andere Rollen angeboten?

Eigentlich nicht. Mir wurden schon immer Skripts für kleine, frauenbezogene Filme geschickt. Es gab auch schon immer Regisseurinnen und Regisseure, die solche Filme machen wollten. Aber haben sie die Finanzierung hingekriegt? Nein.

Stimmt es, dass Sie Ihrem Hundesitter mehr bezahlten, als Sie mit „Boyhood“ verdient haben?

Ja. Wenn du zusammenrechnest, was du an Lebenshaltungskosten hast, Miete, Versicherungen, Schulgeld: Für all das reicht so eine Filmgage nicht aus. Ich wollte überhaupt nichts Schlechtes über Dogwalker sagen, sondern nur, dass man von kleinen Filmen allein nicht leben kann. Man muss sich noch andere Jobs suchen.

Was würden Sie jüngeren Schauspielerinnen raten?

Mein Vater war Schauspieler. Als ich die ersten Male vorsprechen war und keine Rollen bekam, dachte ich, ich bin wohl nicht gut. Mein Vater sagte: „Patricia, tu einfach dein Bestes, bereite dich gut vor, und lass dann alles in dem Raum dort. Danach hast du es nicht mehr in der Hand.“ Wenn du dein Selbstwertgefühl davon abhängig machst, ob du eine bestimmte Rolle kriegst oder gute Kritiken, dann kann dich dieses Geschäft nur wahnsinnig machen. Du brauchst ein Gespür für dich selbst, für deinen Wert als Mensch.

In der „Boyhood“-Geschichte altern Sie um zwölf Jahre. So etwas wird sonst in Filmen selten gezeigt. Fühlt es sich seltsam an, jetzt die Szenen mit ihrem gealterten Selbst zu sehen?

Als Schauspielerin stolpert man im Fernsehen gelegentlich über seine eigene jüngere Version, und dann denkt man vielleicht: „Wow, was war ich für ein Küken.“ Aber uns innerhalb eines Films wirklich altern zu sehen, davor hatten wir bei den Dreharbeiten alle Angst. Rick hatte mich gebeten, auf plastische Chirurgie zu verzichten, weil das zur Rolle, zu dieser Mutter nicht passen würde, da waren wir uns auch alle sofort einig. Als in den Nullerjahren plötzlich lauter Schauspieler ganz unecht aussahen, sagte er zu mir: „Oh Gott, bitte mach das nie!“ Und ich: „Dann dreh schnell deinen Film fertig, ich muss mich dringend liften lassen!“

Sie haben mal gesagt, wenn Sie nicht schon mit 20 Mutter geworden wären, hätten Sie nie so eine Karriere gemacht. Viele Frauen erklären eher das Gegenteil und kriegen ihre Kinder mit Absicht später. Wie kommt das?

Ich konnte damals nicht zu meinen Eltern gehen und sagen: „Kommt bitte für mein Kind mit auf.“ Ich war selbst verantwortlich. Der Vater natürlich auch. Das machte uns Feuer unterm Hintern. Wir trennten uns kurz nach der Geburt, freundschaftlich zwar, aber: Ich spürte die Last der Verantwortung, all die Angst, Enttäuschung und Wut. Damit war ich dann erst einmal allein, und das konnte ich ja nicht zu Hause rauslassen, nicht wenn ich meinem kleinen Sohn vorsang. Ich brauchte einen anderen Ort dafür. Und die Schauspielerei war ein wunderbarer Rahmen, das Erwachsensein zu trainieren.

Nun ziehen Sie wieder ein Kind groß, Ihre Tochter. Wie schwierig ist das eigentlich, wenn doch Jungsein heute ganz anders ist als in Ihrer eigenen Jugend?

Teenager zu sein ist immer schwierig. In keiner anderen Phase meines Lebens habe ich mich so sehr angestrengt, attraktiv zu wirken. Heute sehe ich meine Tochter von lauter widersprüchlichen Botschaften umgeben. Aber meine Botschaft an sie lautet immer: „Du bist schön, du bist perfekt, du bist klug, du bist lustig, und du wirst den richtigen Menschen für dich finden.“ Ich frage sie auch: „Ziehst du das an, weil du es magst, oder weil dir jemand anders gesagt hat, du sollst es anziehen?“ Ich hatte ganz andere Vorbilder als sie. Heute starren alle auf die Kardashians. Bei mir waren es Led Zeppelin, Siouxsie and the Banshees, Debbie Harry. Für mich waren Frauen cool, die das Spiel, bei dem es nur ums Aussehen geht, nicht mitspielten.

Wie viel Raum nimmt das Attraktiv-sein-Wollen heute bei Ihnen ein?

Ich glaube, in dieser Hinsicht habe ich mich wenig verändert. Mir war es immer wichtig, für meinen Partner attraktiv zu sein. Und: Ich empfinde mein Alter, diese Lebensphase jetzt, als befreiend.

Inwiefern?

Der Sexualtrieb ist mit 46 anders. Es herrscht nicht mehr dieser animalische Drang, sich fortzupflanzen. Wenn du kleine Kinder hast, egal ob mit 40 oder mit 25, ist dein Sexualtrieb das Erste, was verschwindet. Er ist dann ja nicht mehr überlebensnotwendig, und wenn du erschöpft und ausgelaugt bist, macht der Trieb einfach Pause. Aber wenn du dich dann wieder erholst und es den Kindern gut geht, kommt er zurück. Vorausgesetzt natürlich, du hast einen Partner, der dich liebt und dir auch das Gefühl gibt, dass du immer noch lustig und attraktiv bist. Es ist einfach: Frauen fühlen sich am ehesten sexy, wenn sie in einer gesunden Beziehung sind, mit jemandem, der sie gut behandelt.

Einige weibliche Filmstars, die sich sexy fühlten, wurden im vergangenen Jahr gehackt, ihre Nacktfotos kursierten im Netz. Was sagen Sie dazu?

Ich möchte die Leute fragen: Würdet ihr bei jemandem einbrechen und euch im Schrank verstecken, um ihm beim Sex zuzuschauen? Diese Bilder anzusehen ist nichts anderes als das. Und jedem, der sagt, diese Stars sind doch blöd, natürlich können ihre Telefone gehackt werden, entgegne ich: Sagen wir, dein Kind ist von zu Hause entführt worden. Dann erwartest du als Reaktion bestimmt nicht: „Wie bitte? Dein Kind schlief hinter einer dünnen Glasscheibe? Wie dumm von dir, du brauchst doch Fenster aus Stahl, dein Haus muss eine Festung sein!“ Nein. Es ist respektlos und pervers, jemanden auf diese Weise zu bestehlen.

Sie plädieren für ein Recht auf Intimität.

Ganz genau. Zumal diese Schauspielerinnen ihre Partner oft monatelang nicht sehen, während der Dreharbeiten. Wären sie die Frauen von Soldaten, die in Afghanistan kämpfen, wäre das halbe Land empört, dass jemand bei ihnen einbricht und ihre Bilder stiehlt. Auch diese Armeepaare schicken sich Fotos, und sie haben jedes Recht dazu. Das sind doch Liebende! Opfer von Sexualverbrechen müssen sich bei uns schuldig fühlen. Höchste Zeit, dass wir, vor allem die Frauen, sagen: „Nein. So nicht! Nie wieder!“

Das Gespräch führte Nosheen Iqbal, Kulturkritikerin beim Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 01.04.2015
Geschrieben von

Nosheen Iqbal | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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