Babypause? Was für Weicheier

Emanzipation Als Yahoo-Chefin ist Marissa Mayer nun eine der wenigen Frauen an der Spitze eines IT-Unternehmens. Trotz der Geburt ihres Kindes will sie keine Jobpause machen
Babypause? Was für Weicheier
80 Stunden in der Woche arbeiten? Marissa Mayer sieht da kein Problem
Foto: Jemal Countess/Getty

Hoch soll sie leben! Die 37-jährige Marissa Mayer ist gerade Geschäftsführerin von Yahoo geworden und hat es als Frau geschafft, in einer von jungen Männern dominierten Branchen einen Spitzen-Posten zu ergattern. Hurra! Und dabei ist sie im sechsten Monat schwanger. Großes Hurra! Aber sie hat versprochen, keinen Mutterschaftsurlaub zu nehmen. Wie bitte?

 "Ich möchte meinen Rhythmus beibehalten", sagte sie gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Fortune während der 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggang von Google und ihrem Arbeitsantritt bei dessen schwächelndem Rivalen verstrichen. "Ich werde ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub nehmen, aber die ganze Zeit über arbeiten."

Der Junge, der im Oktober zur Welt kommen soll, sei sehr aktiv. Der Arzt meine, er komme nach seinen Eltern, erzählte Mayer. Das einzige Zugeständnis an ihre Schwangerschaft scheint darin zu bestehen, dass das Vorstandstreffen im September von New York nach Kalifornien und somit näher an Mayers Penthouse-Suite im obersten Stock eines Four Seasons Hotels verlegt wurde.

Gleich erzählt

Sie hatte dem Vorstand gleich von ihrer Schwangerschaft erzählt, nachdem sie von Headhuntern wegen des Spitzenjobs kontaktiert worden war. Dass hier ein Umdenken stattgefunden habe, zeigte sich Mayer zufolge daran, dass sie danch von ihren Vorgesetzen selbst kein einziges Mal auf das Thema angesprochen wurde.

Während der Fortschritt in weiten Teilen Europas in Sachen Kinderbetreuung darin besteht, dass bei immer mehr Paaren beide in Elternzeit gehen und sich längere Auszeiten nehmen, zeigt Mayers Fall, welche Unterschiede zwischen den USA und Europa bestehen, wenn es um die Rechte arbeitender Eltern geht.

Selbst die in mancherlei Hinsicht steinzeitliche britische Regierung hat erklärt, sie wolle Müttern wie Vätern gleichermaßen ermöglichen, ein Jahr in Elternzeit zu gehen. In den USA, wo Frauen nur ein Anrecht auf 12 Wochen unbezahlten Mutterschutz haben, wird es hingegen oft als Fortschritt angesehen, wenn eine Frau während der Entbindung noch nebenher eine Firmenübernahme abwickelt und ein paar hundert Angestellte vor die Tür setzt.

Die uralte Debatte wurde vor einigen Wochen von der ehemaligen Leiterin des Planungsstabes im US-Außenministerium, Anne-Marie Slaughter, mit einem Artikel im Magazin Atlantic neu angefacht. Saughter schrieb, sie bereue, dass sie Karriere gemacht und nicht genug Zeit für ihre Kinder gehabt habe.

Sylvia Ann Hewlett, Autorin des Buches War against Parents, kritisierte den Text und schrieb, bezahlte Elternzeit stehe, anders als vor 15 Jahren, in diesem Wahlkampf noch nicht einmal auf der Agenda bei den Demokraten. Ob es einem gefalle oder nicht: Das Land sei nach rechts gerückt und ein Gesetz, das die Berufstätigkeit von Frauen fördere, sei momentan illusorisch. 41 Prozent aller Frauen in Vollzeitarbeitsverhältnissen seien in den USA kinderlos.

In Mayers Fall spielt die Frage einer bezahlten Elternzeit freilich keine Rolle. Als 20. Mitarbeiterin in der Firmengeschichte von Google ist sie heute schon so unfassbar reich, dass sie sich ihre eigene Armee von Babysittern leisten kann.

Wichtiges Role Model?

Die Gründe, ihre Ernennung zu begrüßen, wiegen allerdings schwerer als ihr Verzicht auf eine Babypause. Als erst 19. Frau, die ein Unternehmen der Fortune-500-Liste leitet, ist sie ein wichtiges weibliches Role Model und stellt auch in sofern eine Ausnahme dar, als dass sie es weibliche Informatikerin in diese Position gebracht hat. Den letzten Zahlen von der Computing Research Association zufolge wurden im Universitätsjahr 2010/2011 nur 12 Prozent der Abschlüsse in Informatik von Frauen gemacht. Vor sechs Jahren erklärte Mayer in einem Interview, Google sei "ein großartiger Ort für Geeks, für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Wenn man sich dafür begeistern kann, rund um die Uhr und auch an den Wochenenden zu programmieren, dann ist man hier genau richtig".

Mayer erzählt auch gern, sie komme mit vier bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht aus – offenbar holt sie den dann wieder nach, indem sie alle vier Monate eine Woche Urlaub nimmt. "Ich glaube nicht, dass man sich schneller verausgabt, wenn man 80 Stunden arbeitet, solange man das, was einem wichtig ist, in Ehren hält."

Auch wenn mich die Prahlerei mit einem solchen Arbeitspensum ehrlich gesagt krank macht, fällt es immer noch schwer, Marissa Mayer nicht zuzujubeln. Finden Sie nicht?

15:38 18.07.2012
Geschrieben von

Jane Martinson | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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