Barack ist gut fürs Geschäft

100 Tage Obama Obamas Präsidentschaft hat die US-Medienszene verändert, denn er ist mit seinem Charisma gut fürs Geschäft und die Gunst des Publikums. Nicht unwichtig in Krisenzeiten

Anfang der Woche ging ich zu meinem Zeitungskiosk, um ein Lotterieticket zu kaufen. Gleich neben der Tür erwartete mich dort ein riesiger Stapel New-York-Times-Pakete, bestehend aus zwei kompletten Ausgaben, die an Obamas Wahl und seiner Vereidigung erinnerten.

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Meine Hoffnungen, die Ausgaben, die ich selbst aufbewahrt hatte, irgendwann mit hübschem Profit bei E-Bay verkaufen zu können, schwanden bei diesem Anblick dahin.
Heute sind die ersten 100 Tage von Obamas Amtszeit vorüber. Eigentlich ist dieses Eckdatum, das auf die ersten hundert Tage der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelt während der Großen Depression zurückgeht, unangebracht und viel zu früh, um schon etwas über die Arbeit eines neuen Präsidenten sagen zu können. Auch wenn Obama als Präsident bislang in Bezug auf die Finanzkrise, zwei Kriege und das Thema Folter konsequent durchgegriffen hat, verraten diese ersten hundert Tage uns wenig darüber, wie es mit ihm weitergehen wird.

Als George Bush vor acht Jahren am selben Punkt stand, zeigten die Ergebnisse einer von der Washington Post und ABC News geführten Umfrage immerhin, dass 63 Prozent der Amerikaner guthießen, wie er seinen Job machte – von den 69 Prozent Zustimmung, die Obama in der neuesten Washington Post/ABC News-Umfrage erhielt, ist das gar nicht so weit entfernt. Obama hat tausend Schiffe auf Fahrt geschickt. Wir werden sehen, wie viele davon das andere Ufer erreichen.

Obama ist gut fürs Geschäft

Der heutige Termin ist aber auch noch aus einer anderen Perspektive interessant: Er markiert nämlich gleichsam die ersten hundert Tage, die die Medien über die Präsidentschaft Barack Obamas berichten. Wie die Obama-Werbung der New York Times zeigt, bereitet unser neuer glamouröser Präsident den Journalisten ein ganz schönes Dilemma. Auf der einen Seite wollen sie möglichst fair und gleichzeitig kompromisslos über ihn berichten. Auf der anderen Seite ist Obama furchtbar gut für’s Geschäft. In Zeiten, in denen die Nachrichtenindustrie den Bach runtergeht, ist das nicht ganz unwichtig.

Besucht man die Internetseite Politico, um den anlässlich Obamas erster 100 Amtstage verfassten Essay mit dem Titel How Obama changed DC zu lesen, wird einem dort das Angebot unterbreitet, „ein weiteres Gedenkmagazin, im Stile unserer begehrten Inaugurations-Ausgabe vorzubestellen. Auf der Titelseite des Time-Magazins kündigt Obamas Konterfei eine Lobrede aus der Feder des prominenten amerikanischen Autors Joe Kleins an. (Newsweek hat auf Star Trek gesetzt und zeigt damit, dass man nicht unbedingt auf den 100-Tage-Jubiläums-Zug aufzuspringen muss.) Von den Internetseiten der rechten Medien einmal abgesehen, kann man kaum ein Portal besuchen, ohne auf eine Bildergalerie über die Obamas, ihren Hund und ihren Garten zu stoßen.

Auf der anderen Seite bleibt das Land gespalten wie eh und je. Die konservativen Medien, die jene Amerikaner ansprechen, die beim Anblick der gärtnernden Michelle Obama nicht gleich in Verzückung geraten, sind immer lauter, schriller und unsachlicher geworden.

Paradigmatisch für diese Entwicklung steht der Sender Fox-News, der von rechts nach rechtsaußen gerückt ist und seine Einschaltquoten mit widerlichen Leuten wie Glenn Beck aufputscht. Der ist bekannt dafür, dass er seine Kommentare zum Präsidenten mit Aufnahmen marschierender Nazitruppen garniert.

Die Rechten machen mobil

Auch wenn Beck das Recht auf freie Rede besitzt, muss man sich doch fragen, wie seine Tiraden bei jenen paranoiden Zeitgenossen ankommen, denen seine Sendung als Hintergrundmusik zum Polieren ihrer Gewehre dient.

Fox hat auch die jüngsten „Tea-Party“-Proteste ins Leben gerufen, die sich gegen die Steuern richteten, die Obama nicht erhoben hat und den Sozialismus, dem er keinen Vorschub geleistet hat.

Das vielleicht offensivste rechte Gegröhl kommt jedoch von intellektuell seriöseren Medien wie den konservativen Magazinen National Review und Weekly Standard.

Obamas Entscheidung, die Folter-Memoranden der Bush-Regierung zu veröffentlichen und sein schwankende Haltung bei der Frage, ob es eine Untersuchung geben solle, hatten zornige Reaktionen konservativer Autoren wie Victor Davis Hanson und Steven Hayes zur Folge, die Dick Cheney verteidigten. Natürlich kann auch Cheney selbst nicht die Klappe halten. Vielleicht hat er Angst, dass nachts jemand an seine Tür klopft und er nach Den Haag gezerrt wird.

Es gibt klar erkennbare Ähnlichkeiten zwischen dem rechten Wahnsinn von 2009 und den Verschwörungstheorien, die Bill Clinton schon lange vor seiner Bekanntschaft mit Monica Lewinsky zu schaffen machten – von angeblichen Drogengeschäften in Arkansas bis hin zum vermeintlichen Mord an Vincent Foster.

Den meisten Mut schöpfen Linke heute nicht aus der fortwährenden und profitablen Medien-Faszination für die Obamas, sondern dem Aufstieg einer linksgerichteten Kommentatorenszene, welche Fox News, Rush Limbaugh und Co. Paroli bietet. Zu dieser gehören beispielsweise die MSNBC-Sendungen von Keith Olbermann und Rachel Maddow, Blogs und Websites wie Talking Points Memo, Daily Kos und die Huffington Post, sowie die Nonprofit-Organisation Media Matters for America, die die Berichterstattung rechter Medien überprüft und falsche oder verzerrte Darstellung korrigiert und öffentlich zur Sprache bringt. Über noch größeren Einfluss verfügen hervorragende linke Komiker wie Jon Stewart und Stephen Colbert.

Wichtiges linkes Gegengewicht

Diese Stimmen mögen, rein in Zahlen betrachtet, nicht viele Menschen erreichen. Dennoch stellen sie ein wichtiges Gegengewicht dar. Die Medienlandschaft mutet ganz anders an als in den 1990ern, als es nur die Wahl zwischen extrem parteiischen rechten Medien und einem schwammigen eigentlich-schon-aber-in-echt-nicht-wirklich linken Mainstream gab, der nur zu gerne Attacken gegen Clinton und Al Gore fuhr.

Was wissen wir also nach hundert Tagen über Obama? Vornehmlich aufgrund der Krisen, die er geerbt hat, wird er wahrscheinlich ein Präsident sein, der wirklich etwas verändert – wie Roosevelt, Lyndon Johnson oder Ronald Reagan. Wir die Medien in Zukunft mit ihm umgehen, wird maßgeblich davon abhängen, ob er in den Anfängen seiner Amtszeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Und wenn er weiter dazu dienen kann, Erinnerungsstücke zu verkaufen, dürfte das auch hilfreich sein.


Übersetzung: Zilla Hofman

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16:00 29.04.2009
Geschrieben von

Dan Kennedy, The Guardian | The Guardian

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