Bauernlegen auf Europäisch

Rumänien Die traditionelle Landwirtschaft hat ausgedient. Sie wird durch ein ausuferndes Land Grabbing überrollt
Luke Dale-Harris | Ausgabe 19/2014 3

Während der Hysterie um die Einwanderung aus Rumänien und Bulgarien zu Jahresbeginn wurde Entscheidendes vergessen. Die Grenzen in der EU öffnen sich häufig in zwei Richtungen. Als Zeitungen in Westeuropa über den drohenden „Ansturm“ von Arbeitsmigranten lamentierten, war längst eine ganz andere Invasion unterwegs. Sie hatte etwas damit zu tun, dass für einen EU-Debütanten wie Rumänien die Flitterwochen zu Ende gingen. Seit 2014 gilt die Auflage, den eigenen Grundstücksmarkt für ausländische Investoren zu öffnen.

Für ein Land mit etwa fünf Millionen Kleinbauern – ein Viertel der Bevölkerung – kein Anlass zum Frohlocken. Die überwiegend kleinbäuerlichen Wirtschaften erodieren seit langem, da ihnen eine Politik der offenen Märkte so gar nicht zugute kommt. Von großen Investoren, die Agrarsubventionen der EU einstreichen, aus dem Markt gedrängt, stehen rumänische Landwirte vor einer schwierigen Wahl: Verkaufen und nach Westeuropa abwandern, um dort Arbeit zu suchen, oder durchhalten und weiter verarmen.

Komplett verschwunden

Diese Alternative bietet nichts wirklich Neues. Im letzten Jahrzehnt wurden – unter Ausnutzung von Gesetzeslücken – bereits eine Million Hektar rumänischen Bodens von ausländischen Interessenten gekauft. Regierungen in Bukarest betrachten es als unvermeidlich, dass Kleinbauern beim Übergang zu einer neoliberalen, prosperierenden Volkswirtschaft nach westlichem Muster dem Land Grabbing weichen. Offiziell heißt es, die Alten würden aussterben und die Jungen ohnehin wegziehen. Für den früheren Agrarminister Achim Irimescu ist das die „natürliche Lösung des Bauern-Problems“. Was mit Sozialpolitik freilich nichts zu tun hat.

Will sich Rumänien in den Weltmarkt einbinden lassen, behindert die traditionelle Bauernschaft diesen Weg – sie erwirtschaftet keinen großartigen Mehrwert. Nichtsdestotrotz sind Bauern die kollektiven Eigentümer des Landes, das mit allem, was darunter und darüber liegt, externen Investoren viel wert ist. Was da geschieht, erinnert in gewisser Weise an den Wandel im England des 16. Jahrhunderts und die ursprüngliche Akkumulation. Bis dahin sah die Landschaft dort mehr oder weniger so aus wie weite Teile Rumäniens noch heute. Die Bauern weideten ihre Tiere auf Gemeindeland und bauten auf offenen Streifen inmitten von Glühwürmchen und Wachtelkönigen ihr Getreide an.

Die damaligen „Flurbereinigungsgesetze“, die von wohlsituierten Abgeordneten durchs Parlament gebracht wurden, ermöglichten es, sich öffentliches Land zur privaten Nutzung anzueignen. Was übrig blieb, das war eine landlose Klasse von entwurzelten Arbeitern, die sich als flexible Tagelöhner verdingen mussten. Die Landwirtschaft wurde zwar profitabler, doch war vielen Landwirten die Existenzgrundlage entzogen.

Auf Brüssel fixiert

In England zog sich die Privatisierung von Gemeindeland über drei Jahrhunderte hin – in Rumänien dürfte eine solche Enteignung kaum mehr als drei Jahrzehnte dauern. Die öffentlichen Flächen, auf denen 1990 noch 90 Prozent der Bauern ihr Vieh grasen ließen, sind komplett verschwunden. Sie wurden an ausländische Unternehmen verpachtet oder verkauft. Und doch wächst die Landbevölkerung. Jedes Jahr kehren etwa 100.000 Menschen aus rumänischen Städten, wo die raren Jobs schlecht bezahlt werden, ins pastorale Leben zurück. „Auf einem Hof“ – so der Immigrationsexperte Dumitru Sandu von der Universität in Bukarest – „können sich die Leute wenigstens ernähren. Freilich gilt das mehr für die Älteren – die Jüngeren gehen mit Zeitverträgen in den Westen und schicken Geld, um ihre Familien zu unterstützen.“

Dass ausländische Investoren ins Land sickern und die überlieferte bäuerliche Wirtschaft zur Kapitulation zwingen, war vielleicht eines der wichtigsten Ziele des rumänischen EU-Beitritts im Jahr 2007. Man weiß in Bukarest genau, was man tut. Polen und Ungarn waren nach ihrer EU-Aufnahme 2004 in einer ähnlichen Situation. Allerdings wurden in diesem Fall Gesetze erlassen, um einheimische Landbesitzer zu schützen. Selbst wenn dieser Protektion populistische Motive zugrunde lagen, hieß das Ergebnis: relative Sicherheit für die Landbevölkerung. Rumäniens Regierung kennt keinen solchen Plan. Für sie gilt die Agrarpolitik der EU und nichts sonst. Die Einflussreichen im Land konnten dadurch schnell sehr reich werden.

Luke Dale-Harris ist Guardian-Freelancer mit Schwerpunkt Transsilvanien

 

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 22.05.2014
Geschrieben von

Luke Dale-Harris | The Guardian

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