Befreiende Worte

Jacques Chirac Viele sind der Ansicht, Jacques Chirac habe lange genug damit gewartet, mit Nicolas Sarkozy abzurechnen. Nun zeigt er der Rechten, wie man Sarko los werden kann

Da soll noch einer sagen, die Franzosen seien in der Politik nicht zu großem Theater fähig. ­Jacques Chirac, der zum Sugar-Daddy der Nation mutierte ehemalige Mon­sieur Garstig der französischen Politik, hat am vergangenen Wochenende erklärt, er werde bei den kommenden Präsidentschaftswahlen für François Hollande stimmen, den sozialistischen Kandidaten. Stellen Sie sich vor, Margaret Thatcher würde wenige Monate vor der nächsten Wahl erklären, sie wolle ihr Kreuz vor den Namen von Labour-Chef Ed Miliband setzen. Nachdem Dominique Strauss-Kahn (DSK) – der aussichtsreichste Konkurrent Nicolas Sarkozys um das Amt des Präsidenten – wegen des Verdachts einer versuchten Vergewaltigung verhaftet und vor den Augen der Weltöffentlichkeit in Handschellen abgeführt wurde, könnte Chiracs Einlassung den Sozialisten neue Hoffungen für die im kommenden Jahr anstehenden Wahl machen.

Was also hat der freche Jacques genau gesagt? „Da Alain Juppé [der gegenwärtige Außenminister und größte Star der französischen Rechten] nicht kandidieren wird, werde ich für François Hollande stimmen.“ Als Hollande – der Chirac bei einem öffentlichen Rundgang durch das „Museum Jacques Chirac“ in Sarran (Département Corrèze – der Heimatregion der beiden tief im Zentrum Frankreichs) begleitete, in dem 200 der Geschenke zu bestaunen sind, die Chirac während seiner Zeit als französischer Staatspräsident erhalten hatte – auf die Aufnahmegeräte der anwesenden Journalisten hinwies, beharrte Chirac auf seiner Aussage: „Ich kann das sagen, ich werde Hollande wählen!“

Die gesamte politische Klasse Frankreichs wurde von Panik erfasst, während der Rest sich grinsend zurücklehnte. Die rechte Tageszeitung Le Figaro versuchte sofort, die Geschichte als Witz darzustellen, und auch Chirac wurde später von seinen Beratern empfohlen, seinen „Sinn für Humor zu erwähnen, der typisch für die Region Corrèze“ sei. Die Sache ist nur: Es gibt keinen für Corrèze typischen Humor und alle wissen, dass es kein Witz war.

In Sarkozys Partei, der UMP, waren alle sehr darum bemüht, die Sache möglichst klein zu halten. Ganz besonders humorlos zeigten sich die Sozialisten: Manuel Valls, der ebenfalls als möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Gespräch ist, erklärte mit gestrenger Mine, es sei für einen Sozialisten keineswegs positiv, mit Chirac in Verbindung gebracht zu werden. Der offizielle Sprachgebrauch lautet also, es habe sich nur um einen missglückten Witz gehandelt.

Aber Chirac weiß ganz genau, was er macht, auch wenn er mittlerweile 79 ist und vor ein paar Jahren einen leichten Schlaganfall erlitten hat. Als Politiker war er schon immer ein harter Brocken. Heute erfreut er sich der Popularität eines Superstars. Quer über das politische Spektrum hinweg ist man sich in Frankreich darüber einig: Im Vergleich mit Sarkozy und dessen ebenso katastrophaler wie das Land spaltender vierjähriger Amtszeit habe Chirac die Statur eines Staatsmannes gehabt, der die Institutionen des Landes stets respektierte.

Mag seine Politik langfristig verheerend gewesen sein, so verfügte er immerhin über historisches Bewusstsein und versuchte nie, die Franzosen gegeneinander aufzubringen. Darüber hinaus hatte er den Mumm, bei dem vielleicht schlimmsten außenpolitischen Abenteuer, auf das sich der Westen in jüngerer Zeit eingelassen hat, eine eigene Meinung zu vertreten und sich einer Beteiligung am ­Irakkrieg zu verweigern. Sarkozy wäre George Bush junior mit Sicherheit blind gefolgt.

Viele sind der Ansicht, Jacques Chirac habe lange genug damit gewartet, mit seinem politischen Ziehsohn Sarkozy abzurechnen. Im zweiten Teil seiner bald erscheinenden politischen Erinnerungen kritisiert er zum ersten Mal Sarkozys mangelnde staatsmännische Fähigkeiten, seinen aggressiven Stil, seine „amerikanische“ Herangehensweise und Liebe zum Geld – während er ein paar Seiten zuvor Hollande als Mann von Format lobt.

Mit Strauss-Kahns politischer Selbstdemontage knüpfen sich alle Hoffnungen der Linken auf einen Wahlsieg im kommenden Jahr nun an Hollande. So gesehen sind Chiracs Worte durchaus von Bedeutung. Hollande mag zwar nicht über das Charisma Strauss-Kahns verfügen, besitzt aber Wirtschaftskompetenz, eine sprühende Intelligenz, Charme und die in Frankreich so wichtige Lebensfreude. Sein Versuch abzunehmen, obwohl er gutes Essen und Wein so offensichtlich liebt, hat ihm bei vielen Sympathien eingetragen.

Dieser Tage macht es sich auch gut, dass Hollande, anders als DSK, nicht zum aufdringlichen Flirten neigt. Die Gefahr, in flagranti in einem New Yorker Hotel erwischt zu werden, ist eher gering. Nach fünf hektischen und fieberhaften Jahren unter Sarkozy könnten die Franzosen durchaus Gefallen an einer ruhigeren Persönlichkeit wie ihn finden.

Ein französischer Freund, der stets die Konservativen gewählt hat, kommentierte den Vorfall so: „Diese ganze Sache hat etwas Befreiendes. Vielleicht wähle ich jetzt ja auch Hollande!“ Befreiend ist das richtige Wort. Auch wenn die sehr Jungen und die Alten immer wieder von extremistischen Parteien in Versuchung geführt werden können, neigen die Franzosen dazu, einer Partei lebenslang treu zu bleiben. Es war schon immer möglich, dass Sarkozy von seiner Partei gestürzt werden könnte, wenn eine Mehrheit der Konservativen realisieren würde, was für ein Fehler es war, sich für ihn zu entscheiden. Es scheint, als habe Chirac ihnen nun den Weg gewiesen.

Agnès Poirier ist französische Schriftstellerin und schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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10:00 19.06.2011
Geschrieben von

Agnès Poirier | The Guardian

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The Guardian

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