Befreiung? Was für eine Befreiung?

Frauen im Irak Die Besetzung des Irak durch die USA hat die Stellung der Frauen ungefähr auf das Jahr 1930 zurückgeworfen. Eine Begegnung mit der Autorin Al-Ali

„Im Irak werden Frauen getötet, nur weil sie Frauen sind“, sagt Nadje Al-Ali, als wir uns bei ihr zu Hause in Süd-London treffen. „In Basra wurden 2008 nachgewiesenermaßen 133 Frauen ermordet, weil sie 'nicht islamisch genug' waren. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Ich habe die Polizeifotos gesehen, sie waren furchtbar.“

Al-Alis neues Buch What Kind of Liberation?Women and the Occupation in Iraqanalysiert, wie es den Frauen des Landes seit dem Einmarsch der US-Amerikaner im März 2003 ergangen ist. Es überrascht wohl kaum, dass das Ergebnis düster ausfällt. Das in Zusammenarbeit mit der Politikwissenschaftlerin Nicola Patt verfasste Buch basiert auf Interviews mit 120 Frauen, unter ihnen auch irakische Frauenrechtsaktivistinnen, Mitarbeiterinnen von Nichtregierungsorganisationen und internationale Entscheidungsträgerinnen.

Sie alle beschreiben ein extrem patriarchales Klima, für das die Autorinnen die Besatzungsmächte, die islamistischen Milizen, die irakischen Führer sowie „imperialistische Feministinnen“ verantwortlich machen, die vorgeblich ihre Solidarität mit Frauen aus Entwicklungsländern bekunden und gleichzeitig deren Kultur als barbarisch abstempeln.

Die 42-jährige Al-Ali ist eine Immigrantin der zweiten Generation, deren Familie das Schlimmste sowohl von Saddam Husseins Regime als auch von dem Chaos miterlebt hat, das nach der Invasion ausgebrochen ist. Als renommierte Autorin und Akademikerin an der School of Oriental and African Studies in London ist sie überzeugte „Antiimperialistin und Kriegsgegnerin“, hat mit einigen ihrer natürlichen Verbündeten aber regelmäßig Konflikte auszutragen, wenn diese Probleme mit ihrer Kritik am irakischen Widerstand äußern.

Sie lässt sich aber nicht davon abbringen. „Viele der irakischen Gruppen, die sich am bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung beteiligen, drangsalieren auch ganz gewöhnliche Iraker, schüchtern sie ein und töten sie sogar, insbesondere Frauen und andere Bevölkerungsgruppen, die sich nicht wehren können.“

Zwei Drittel der irakischen Bevölkerung sind Frauen

In ihrem Buch geht Al-Ali darauf ein, dass die irakische Bevölkerung infolge mehrerer aufeinander folgender Kriege überdurchschnittlich viele Frauen aufweist – Schätzungen gehen von einem Verhältnis von 65 zu 35 Prozent aus. Allein in Bagdad leben 300.000 verarmte Witwen, die ihre Haushalte mit zwei Stunden Elektrizität am Tag führen müssen.

Schon im Juli 2003 sprach ein Bericht von Human Rights Watch von Vergewaltigungen und Verschleppungen von Frauen und Mädchen. Entführungen, die oft im Zusammenhang mit Menschenhandel und Sexarbeit stehen, haben seit Beginn des Krieges zugenommen, ebenso wie Selbst- und Ehrenmorde.

Die von Al-Ali Interviewten berichten davon, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden und sich am besten nur noch in ihren Wohnungen aufhalten sollten. So berichtet sie beispielsweise von Sarwa Abdul Wahab Al Darwish, einer 36-jährigen Fernsehjournalistin aus Mossul, die aufgrund ihrer Prominenz Morddrohungen erhielt. Vergangenen Mai wurde sie dann aus einem Taxi gezogen und vor den Augen ihrer Mutter mit einem Schuss in den Kopf ermordet.

Alles in allem bestätigt das Buch die Ansicht eines irakischen Journalisten, den ich in London getroffen habe. Er sagt, die Besatzung habe die Stellung der Frauen wieder dahin gebracht, wo sie 1930 war.

Dass George W. Bush den Einmarsch im Irak als Weg zur Ermächtigung der Frauen dargestellte, macht die Situation noch skandalöser. Al-Ali schildert minutiös, wie Condoleezza Rice und Laura Bush durch Fototermine mit Women for a Free Iraq und ähnlichem dafür eingesetzt wurden, den Anschein zu erwecken, den USA ginge es um die Emanzipation der Frauen.

"Es gibt da einen imperialistischen Feminismus, der in den USA weit verbreitet ist"

Hat dies den Frauen im Irak irgendetwas gebracht? „In erster Linie hat es geholfen, die Invasion zu legitimieren“, sagt Al-Ali. Aber es hat doch wohl niemand ernsthaft geglaubt, dass es bei dem Krieg um die Befreiung der Frauen geht? „Es gibt da einen imperialistischen Feminismus, der in den USA weit verbreitet ist. Wenn ich dort Diskussionen veranstalte, gibt es bei den Friedensaktivisten immer ein großes ‚aber’, wenn man auf die Frauenrechte in islamischen Ländern zu sprechen kommt.

Al-Ali hat den Eindruck, dass der zynische Gebrauch des Frauenrechtsdiskurses seitens der Amerikaner negative Auswirkungen auf die Aktivitäten der Feministinnen im Irak hat, denen nun leicht der Vorwurf gemacht werden kann, sie seien Erfüllungsgehilfinnen einer amerikanischen Agenda.

Hält sie die Einführung einer 25-prozentigen Frauenquote im irakischen Parlament für einen Fortschritt? „Ja“, räumt sie ein, „aber man muss auch fragen, wer diese 25 Prozent sind. Die Schwestern, Töchter und Frauen der konservativen männlichen Führer nämlich. Sie haben keinerlei politischen Hintergrund und wenn eine Abstimmung ansteht, drehen sie sich um, um zu sehen, was die Männer machen, bevor sie selbst die Hand heben. Nichtsdestotrotz ist dies etwas Positives, da es sechs bis acht säkularen Frauenrechtlerinnen den Zugang zum Parlament ermöglicht hat, die andernfalls niemals dort hingekommen wären.“

In dem Buch wird ein ums andere Mal behauptet, radikal-islamistische Gruppen würden den irakischen Frauen Verhältnisse aufzwingen wie die Taliban in Afghanistan, was angesichts der kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern überrascht. Immerhin haben Frauen im Irak eigentlich immer eine gute Ausbildung genossen. Wie konkret ist diese Bedrohung? „Sehr konkret“, sagt Al-Ali. „2004 gab es lediglich Flugblätter, in denen Frauen aufgefordert wurden, sich zu verhüllen und viele der Frauen, mit denen ich sprach, sagten ‚Wenn das genügt, um ein normales Leben führen zu können, in Ordnung.’

Aber bald ging es damit weiter, dass die Studenten an die Basraer Universität bedroht wurden, wenn sie nicht mit der Geschlechtertrennung in den Kursen einverstanden waren.“ Und nun schafft Paragraph 41 der neuen irakischen Verfassung das bestehende und relativ fortschrittliche Gesetz, in dem Heirats- und Scheidungsangelegenheiten geregelt werden, de facto wieder ab.

Eine westliche Militäraktion kann die irakischen Frauen nicht befreien

Als ich sie darauf hinweise, dass der Islam das ganze Buch hindurch als destruktive Kraft dargestellt wird, reagiert Al-Ali erbost. Der nicht klar definierte Begriff „Islamisten“ scheint bei ihr manchmal austauschbar mit „aufständische Terroristen“. Fortschrittliche Kräfte werden dagegen stets mit dem zustimmenden Attribut „säkular“ versehen, niemals aber mit „muslimisch“. Sie verteidigt sich mit dem Hinweis auf ihre Auseinandersetzungen mit fundamentalistischen Säkularen, die im Islam das Grundproblem sehen. Wie viele ist sie der Ansicht, dass die irakischen Frauen nie durch eine westliche Militärintervention befreit werden können. Doch mit ihren Stellungnahmen gegen den irakischen Widerstand hat sie viele in der Anti-Kriegs-Bewegung gegen sich aufgebracht.

Sie sagt, sie fühle sich oft ohnmächtig, wenn sie die Bilder von neuen Gräueltaten im Fernsehen sehe. Aber sie ist fest davon überzeugt, dass die Zukunft des Landes von der Energie und Furchtlosigkeit der Graswurzel-Frauengruppen abhängt, die unmittelbar nach der Invasion überall zu sehen waren. Sie waren es, die in Krankenhäuser und Schulen gingen, um Hilfe zu leisten und über die ethnischen Kampflinien hinweg zusammenzuarbeiten. „Ich hasse es, wenn irakische Frauen ausschließlich als Opfer von Ehrenmorden und Bomben dargestellt werden“, sagt sie. „Es ist mir sehr wichtig, dieses Bild zu korrigieren.“

What kind of Liberation? Women and the Occupation of Iraq. Nadje Al-Ali and Nicola Pratt. University of California Press 2009

Übersetzung: Holger Hutt
11:35 17.02.2009
Geschrieben von

Sara Wajid, The Guardian | The Guardian

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