Beim Barte des Ästheten

Bärte Er kehrt zurück, aber nicht als Markenzeichen des ungepflegten Hippies, sondern elegant wie in den 50ern: Immer mehr Männer entdecken die gepflegte Bartrasur

Eine transatlantische Bewegung, die gegen ungepflegte Gesichtsbehaarung kämpft und der Pflege des männlichen Anlitzes ihre angestammten Rechte zurückerobern will, hat zu einem Friseursalon-Boom geführt, der selbst die Bedürfnisse der anspruchsvollsten 21. Century-Dandys zufrieden stellen kann.

Der Trend, der in jüngster Zeit in den modebewussten Bezirken New Yorks zahlreiche Rasierstuben im traditionellen Stil hervorgebracht hat, scheint nun auch in London Fuß zu fassen – die Salons der britischen Hauptstadt berichten von einem dreißigprozentigen Anstieg der Nachfrage nach Oberlippenbart-Rasuren. Nach Chris Ward, der einen auf alt gemachten Salon in Shoreditch im Osten Londons betreibt, ist das gesteigerte Interesse von einem Revival des Gentry-Look motiviert, der versucht, Hipster-Jugendlichkeit mit der Eleganz des Gentleman zu kombinieren.

„Der ganze Gentry-Style kommt wieder – Barbour-Jacken, Schirmmützen. Viele Männer achten mehr auf sich, sind stolz auf ihr Aussehen und wollen nicht mehr in Unisex-Salons gehen.“ Auf der Internetseite von Murdock’s sind die Verkaufszahlen von Bart-Wachs und Dachshaar-Rasierpinseln in diesem Jahr um ein Drittel gestiegen.

Die Rückkehr des Dandy-Looks

Ein weiteres Indiz für diesen Trend ist die Charity-Aktion „Movember“, bei der Männer dazu aufgefordert waren, sich im November einen Bart wachsen zu lassen, um damit das Bewusstsein für Prostatakrebs zu erhöhen. Nach Ward, der selbst einen Schnäuzer trägt, haben in Großbritannien in diesem Jahr 100.000 Männer bei der Aktion mitgemacht. Im vergangenen Jahr waren es nur 40.000 gewesen.

Selbst bei denen, die keinen Schnurrbart tragen wollen, ist ein wachsendes Interesse an altmodischen Rasiertechniken zu bemerken. Der Mitbegründer von Ted’s Grooming Room, Mustafa Ismail, sagt, immer mehr Männer kämen zu ihnen in den Salon, um sich auf traditionelle Weise nass rasieren zu lassen. Das Markenzeichen des Salons umfasst gleich mehrere Pflege-Dienstleistungen: Haare waschen und stylen, Nacken ausrasieren und Augenbrauen trimmen. „Danach kommen die Leute gern zurück.“

Gründe für die Rückkehr des britischen Dandy-Looks gibt es mehrere. Einige Kommentatoren verweisen auf die enorm erfolgreiche Fernsehserie Mad Men, mit ihren eleganten und immer professionell rasierten Schauspielern um Jon Hamm als Don Draper. Andere führen die Popularität bei Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Jude Law als Grund dafür an, dass Schnurrbärte wieder im Kommen sind.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Zukunft aussehen wird, haben Beobachter auf Lower Manhattan verwiesen, wo die New Yorker Friseursalons eine veritable Renaissance erleben. Und es sind nicht nur die Jungen und Hippen: Auch die Banker von der Wall Street und junge Berufstätige sind regelmäßig unter den Kunden.

Rasierkram bei ebay

Im Freeman’s Sporting Club, einem von fünf ähnlichen Etablissements im Umkreis von fünf Minuten, glänzen die antiken Spiegel an den Wänden, der Raum ist erfüllt von den leisen Gesprächen und dem klappern der Scheren. „Nachlässig und ungepflegt ist einfach nicht mehr hip. Ich bin hier hereingekommen, weil im Vorderhaus ein Herrenausstatter seinen Laden hat und es daher authentisch wirkte. Und es ist weder ein Billigschuppen noch ein teuerer Salon, wo eine Frau neben dir unter der Trockenhaube sitzt“, sagt der 21-jährige Kunstgeschichtsstudent Duncan Wolfe, als er für seinen Mad-Men-Haarschnitt aufgerufen wird. Diese Begeisterung kann man überall in New York finden, wo die Männer sich immer mehr für Körperpflege interessieren: Berichte legen nahe, dass immer mehr Männer sich bei eBay für Artikel für die klassische Nassrasur, Hautpflege und Rasierkram interessieren.

Bei Ernest Olivia’s im West Village, einem Friseurladen, der aussieht, als sei er schon seit den 1920ern da, der aber tatsächlich erst vor vier Monaten eröffnet hat, ist der Männerbereich von dem Salon für Frauen bewusst abgetrennt und jeder hat eine separate Tür.

David Gann, 43, Marketing Manager für ein Online-Reiseunternehmen, sagt, er gehöre zu den vielen Mad-Men-Fans, die sich von den sauberen Hemden, eleganten Anzügen und adretten Haarschnitten des Werbeagentur-Dramas aus den Sechzigern inspirieren ließen. „Ich bin ein großer Mad-Men-Fan und und die Leute fangen jetzt wieder an, sich schnieke zu kleiden. Ich bin hier herein gekommen, weil der 50er, 60er Jahre Look mich nostalgisch machte.

„Wir verbinden moderne Körperpflege mit einem Retro-Style und einem maskulinen Setting und viele Männer sind neugierig und wollen einmal eine Rasur ausprobieren“, sagt Mitinhaber Helik Torres. Auch die New York Shaving Company in der Nähe von Little Italy beschreibt sich selbst als „männliche Zufluchtsstätte“, wo man zu der Nassrasur die Kameraderie kostenlos dazubekommt.

„Es erinnert mich an die Zeit, als ich sieben oder acht war und mein Vater mich mit zum Friseur genommen hat. Das war wie ein verschworener Club, in den man aufgenommen wurde. Man fühlte sich so erwachsen“, sagt Ken Barber, 38, nachdem er sich gerade seinen Bart trimmen ließ. Seine Frau Lynn ergänzt: „Vollbärte, Koteletten und all so was sind so was von out. Es ist nicht mehr angesagt, ungepflegt herumzulaufen und da Ken diesen wilden Bart hatte, ist der Laden hier genau richtig. Er hat unsere Ehe gerettet.“

Übersetzung: Holger Hutt

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17:40 01.12.2010
Geschrieben von

Maria Tadeo, Joanna Walters | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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