Beseelt vom ewigen Leben

Al-Qaida Mehr als zehn Jahre übersteht kaum eine Terrororganisation. Bei den Angreifern hinter 9/11 ist das anders. Warum?
Beseelt vom ewigen Leben
Fanatismus, der unter die Haut geht

Foto: Narendra Shrestha/dpa

Im Sommer 1988 versammelten sich etwa ein Dutzend Männer in der schwülen Luft der pakistanischen Grenzstadt Peschawar. Auf der anderen Seite der Grenze erreichte der Krieg in Afghanistan gerade einen blutigen Höhepunkt, als Hunderttausende lokaler Mudschaheddin mit den sowjetischen Besatzern und lokalen Hilfstruppen in zermürbende Gefechte gerieten. Die Männer, die sich wahrscheinlich in einem der Gästehäuser trafen, die als Büros und Herbergen für ausländische Besucher von Peschawar dienten, stammten sämtlich aus dem Nahen Osten. Die meisten waren bereits mehrere Jahre in Pakistan, hatten aber beim blutigen Krieg dort nur eine höchst untergeordnete Rolle gespielt. Eine Handvoll hatte sich bei ihrem De-facto-Führer Osama bin Laden, einem reichen Saudi-Araber, aufgehalten, als der ein Jahr zuvor einen sowjetischen Angriff auf einen Stützpunkt in Afghanistan abgewehrt hatte.

Man traf sich, um diverse Themen zu diskutieren und Administratives beim Zufluss von Finanz- und anderen Hilfen aus der Golfregion zu regeln. Zudem gärten persönliche Rivalitäten mit hochrangigen Führern der sogenannten „afghanischen Araber“ in Peschawar, vor allem jedoch wollten alle über ein neues Projekt sprechen: eine Einheit engagierter und erfahrener islamistischer Kämpfer, die man überall dort einsetzen konnte, wo Muslime Schutz brauchten. Diese Gruppe sollte eine Vorhut sein, um neue Rekruten anzuziehen und radikale Ansichten über die Auslegung des Koran zu verbreiten – heißen würde sie al-Qaida.

Dreizehn Jahre später sollte dieses Netzwerk für die Anschläge vom 11. September 2001 auf New York und Washington verantwortlich sein, bei denen fast 3.000 Menschen ums Leben kamen. Diese Attacke führte zum Krieg der Bush-Administration gegen den Terror, den Invasionen in Afghanistan und im Irak, einer Fahndung, die 2011 zum Tod von Bin Laden führte, und einer Vielzahl von globalen Folgen. Niemals seit 1914, als die Ermordung Erzherzog Ferdinands den Ersten Weltkrieg auslöste, hatte ein einziger Angriff einer Terrorgruppe eine solche Wirkung hinterlassen.

Zwanzig Jahre später ist al-Qaida noch immer präsent. Die Erfahrung legt nahe, dass einzelne Terrorgruppen normalerweise zwischen fünf und zehn Jahren oder für eine noch kürzere Zeit existieren, dann aufgeben oder vernichtet werden. Angesichts der teuersten, technologisch ehrgeizigsten, militärisch weitreichendsten Anstrengungen, die jemals gegen eine einzelne Gruppe unternommen wurden, erscheint die erreichte Langlebigkeit umso erstaunlicher. Niemand kam jüngst an jenem tragischen 20. Jahrestag von 9/11 auf die Idee, das Ende von al-Qaida vorauszusagen. Aber warum nicht?

Ein erster erkennbarer Vorteil von al-Qaida waren stets die Fehler der Gegner. Die Propaganda der Gruppe hat es verstanden, Regierungen in der gesamten islamischen Welt als korrupt, inkompetent, repressiv und exklusiv hinzustellen. Unfair ist diese Kritik nicht. Sie bediente das Al-Qaida-Argument, es sei vom „wahren Weg“ abgewichen worden, den die heiligen Texte und Traditionen des Islam aufzeigen.

Verlust an Autorität

Auch die Fehler von Anführern der Anti-Al-Qaida-Kampagne haben enorm geholfen. Und das, obwohl al-Qaida 2002 den sicheren Hafen Afghanistan verloren hatte, die meisten Mitglieder in die Nachbarländer verstreut oder auf der Flucht waren. Zwar hatte Osama bin Laden selbst in Pakistan ein Refugium gefunden, musste aber von einem Versteck zum anderen ziehen, sodass al-Qaida praktisch steuerlos war.

Aber die kriegerische Rhetorik der USA, ihr Unverständnis gegenüber der diffusen und ideologischen Natur der Bedrohung, besonders aber die Invasion im Irak 2003 stellten das Handlungsvermögen der Gruppe wieder her. Immerhin war der Krieg zum Sturz von Saddam Hussein, der zum Teil mit einer erfundenen Verbindung zwischen al-Qaida und dem irakischen Regime begründet wurde, durchaus geeignet, Osama bin Ladens Weltbild zu rechtfertigen und in der islamischen Welt eine Welle der Wut auszulösen. Nicht im Irak, aber durch den Irak eröffnete sich eine neue Front, die es al-Qaida ermöglichte, in den Kampf zurückzukehren, freilich ohne reale Chance, ihn zu gewinnen. Die Wucht der Gewalt, die Al-Qaida-Militante im Jahrzehnt nach 9/11 entfesselten, sollte Feinde terrorisieren, die eigenen Mitglieder radikalisieren und neue Unterstützer mobilisieren.

Wurden die ersten beiden Ziele teilweise erreicht – so nicht das dritte. Mit jeder neuen Kampagne im Irak, in Jordanien, Pakistan oder Saudi-Arabien verloren die Extremisten jegliche Sympathie in der Bevölkerung. 2010 war Osama bin Laden so besorgt darüber, dass die wiederholten Massaker an anderen Muslimen die Marke al-Qaida belasteten, dass er daran dachte, den Namen zu ändern. An die Untergebenen erging wie eine Verfügung die Order, Exzessen der Gewalt Einhalt zu gebieten.

2011 dann musste der „Terrorkonzern“ verkraften, dass Osama bin Laden bei einer Kommandoaktion von US-Spezialeinheiten auf sein Haus in der nordpakistanischen Stadt Abbottabad getötet wurde und ein halbes Dutzend Führungskader bei gezielten Angriffen ums Leben kamen. In den Wochen vor seinem Tod befürchtete Bin Laden, seine Organisation und ihr Denken würden durch den Arabischen Frühling an den Rand gedrängt. Die Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo und anderswo im Nahen Osten riefen nach Demokratie und sozialen Rechten, nicht nach einem islamistischen Regime. Letztlich war es Bin Ladens Nachfolger Ayman al-Zawahiri, ein älterer ägyptischer Kinderarzt, der einen Weg fand, den Ruf und die Reputation von al-Qaida wiederherzustellen. Zawahiri hatte eine unbedeutende Karriere als extremistischer Führer ohne Charisma hinter sich und war weder bei al-Qaida noch in der dschihadistischen Bewegung beliebt. Aber er offenbarte ein ungeahntes strategisches Talent und die Fähigkeit, Lehren aus dem Jahrzehnt nach 9/11 zu ziehen.

Bin Laden hatte schon in den späten 1990ern seine gesamten Ressourcen gegen den „fernen Feind“ – die USA und den Westen – und nicht den „nahen Feind“ – die Regierungen im Nahen Osten – gerichtet. Erste Unternehmungen in diese Richtung hatten 1991 stattgefunden, als er US-Streitkräfte im Jemen angreifen ließ. Es folgten die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania sowie auf ein US-Kriegsschiff im Golf von Aden. Dies gipfelte in der „Operation 9/11“, die in den Reihen von al-Qaida umstritten war und von vielen der untergeordneten Führer abgelehnt wurde.

Zawahiri wandte sich von dieser Strategie ab und machte deutlich, dass der „weit entfernte Feind“ keine Priorität mehr habe, da sich 9/11 kaum steigern ließ. Er löste al-Qaida von der Doktrin des „nur Dschihad“ und hielt es für wichtiger, Verbindungen zu lokalen Gemeinschaften in der gesamten islamischen Welt aufzubauen, die sich bedroht fühlten. Die neue Strategie sorgte für mehr Einfluss und neue Rekruten in der Sahelzone, in Ostafrika, im Jemen und in Afghanistan, wo es Bemühungen gab, Kontakte mit den Taliban aufrechtzuerhalten, die ein Jahrzehnt später von entscheidender Bedeutung sein sollten.

2014 tauchte dann eine neue Herausforderung auf: eine abtrünnige Gruppe, die Zawahiris Autorität vollends ablehnte. Sie nannte sich zunächst „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“. Nachdem seine Kombattanten in beiden Ländern Gebiete erobert hatten, sollte nur noch vom „Islamischen Staat“ (IS) die Rede sein.

Neue Phase des Dschihad

Verglichen mit dem krassen Sadismus des IS wirkte selbst al-Qaida weniger blutrünstig. Wie schon Bin Laden vor ihm lenkte Zawahiri seine Organisation weg vom Sektenwesen und apokalyptischen Millennarismus des Rivalen. Als der IS dann 2018/19 auch noch sein Kalifat im Irak einbüßte, befand sich al-Qaida in einer guten Position, um erneut die Führungsrolle in einer globalen dschihadistischen Bewegung zu beanspruchen. Bisher macht der IS dem Konkurrenten diesen Part – manchmal gewaltsam – streitig, aber al-Qaida hat Boden gutgemacht. Die Eroberung Afghanistans durch die Taliban, langjährige Verbündete der Gruppe, scheint zusätzlich Auftrieb zu geben.

Zehn Tage nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban gratulierte al-Qaida der Bewegung in einem Statement zu dem „großartigen Sieg gegen die Kreuzfahrer-Allianz“. Dies wirkte wie ein Echo der ersten Kriegserklärungen Osama bin Ladens an den Westen 25 Jahre zuvor. Die Niederlage der USA, so die Verfasser, sei „der Anfang einer neuen Phase des globalen Dschihad“.

Jason Burke ist Kolumnist des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 19.09.2021
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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