Besser spät als nie?

Mutterschaft Laut Statistik bekommen mehr Frauen ihre Kinder mit über 40. Was sie abseits von Zahlen und Statistiken bewegt? Vier Frauen geben Auskunft

"Baby Boom bei Müttern über 40", stand kürzlich auf der Titelseite einer britischen Zeitung. Der Artikel dazu beruft sich auf Daten des Office for National Statistics (ONS), das die Geburtenzahlen von 2009 in England und Wales unter die Lupe genommen hat. Sie unterstreichen eine kulturelle Revolution beim Kinderkriegen, die in den Achtzigern begann und stetig zunimmt. Ärzte warnen weiterhin vor den Risiken einer späten Schwangerschaft, doch eine wachsende Anzahl von Müttern hört nicht auf sie.

Fassen wir das Wichtigste kurz zusammen: Die Zahl der Frauen, die jenseits der 40 gebären, hat sich in den vergangenen 20 Jahren beinahe verdreifacht. Auch die Zahl der 35- bis 39-Jährigen, die Nachwuchs bekommen, steigt. Dass in diesem späten Stadium so viele Babys geboren werden, erklärt, weshalb das Durchschnittsalter der Gebärenden in Großbritannien im vergangenen Jahr einen neuen Höchstwert von 29,4 erreicht hat. Eine Entwicklung, wie sie ähnlich auch in Deutschland stattfindet. Hier lag das Durchschnittsalter 2008 bei 30,4 Jahren. Wer sind diese Frauen? Die jüngsten Daten des ONS sagen darüber bislang enttäuschend wenig aus, Ergebnisse zu dieser Frage werden nicht vor September veröffentlicht. Eine detaillierte Analyse der Statistiken von 2008 gewährt jedoch einen faszinierenden Einblick.

Eine Untersuchung der regional-spezifischen Unterschiede beim Alter der Frauen ergab in Großbritannien ein Nord-Süd-Gefälle, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die sozialen Klassenunterschiede spiegelt: Von 1.000 Frauen, die 2008 ein Kind bekamen, waren im Durchschnitt 12,6 älter als 40 Jahre – allerdings in den Arbeiterregionen des Nordens deutlich weniger, denn im Süden sowie in London mit gar stolzen 21,4. Die Daten aus dem Jahr 2008 besagen auch, dass sich unter den Fortysomething-Müttern die Anzahl derer, die ihr erstes, zweites oder drittes Kind bekommen, in etwa die Waage hält. Die Annahme, dass viele Spätgebärende sich gerade noch ein Einzelkind abringen können, bevor ihre fruchtbare Zeit vorbei ist, wird dadurch widerlegt. Diese Erkenntnis stützt vielleicht auch das Argument der Mitbegründerin des sozialen Netzwerks Netmums, Sally Russel, viele Spätgebärende seien Frauen, die in einer zweiten festen Beziehung seien. Ein typischer Eintrag auf Netmums etwa ist der von Jane H.: „Versucht noch jemand mit 41 schwanger zu werden? Ich habe einen neuen Partner. Wir sind beide geschieden und dachten, wir hätten die Sache mit dem Kinderkriegen hinter uns – er hat drei, ich zwei. Aber ich möchte so gerne ein Kind von ihm. Das einzige, was mich sorgt, ist mein Alter.“

Einige Kritiker und Ärzte stellen die älteren Mütter oft als karrieregeile Überfliegerinnen und Singles hin, die ihren Mr. Right nicht, oder erst spät, gefunden haben und dann auf künstliche Befruchtung zurückgreifen. Die Realität, meint Russell, sei jedoch weit komplizierter. Sie nennt Faktoren, die in der überhitzten Debatte oft übersehen werden, wie etwa die finanziellen Probleme, mit denen jüngere Leute zu kämpfen haben. Mary Newburn von der britischen Wohltätigkeitsorganisation für Eltern NCT weist darauf hin, dass die Bereitschaft der Männer, eine Familie zu gründen, ebenso ausschlaggebend ist wie die Bereitschaft der Frau. Und das Royal College of Obstetricians und Gynaecologists vertritt die Ansicht, dass Frauen jeglichen Alters dabei geholfen werden sollte, Kinder zu planen und zu bekommen. Dennoch sollten diese wissen, dass „die optimale Zeit, um ein Kind zu gebären, zwischen 20 und 35 Jahren liegt“. Nach dem 35. Lebensjahr sinkt die Möglichkeit, schwanger zu werden und das Komplikationsrisiko steigt. „Aus diesen Gründen empfehlen das RCOG und seine Ärzte Frauen im Zeitraum, in dem ihre Fruchtbarkeit optimal ist, eine Familie zu gründen.“ Russell fügt dem hinzu: „Eine späte Mutterschaft kann auch Vorteile haben. Es ist nicht unbedingt so, dass man eine bessere Mutter ist als eine jüngere Frau, aber es kann sein, dass man eher entschlossen ist, alles auf das Wohl des Kindes auszurichten.“

Wann ist die beste Zeit, Mutter zu werden?

Anna Faulks, 41: Hausfrau, Mutter von Eliot, drei Jahre, und Dominic, sechs Monate. Mir war es immer relativ egal, ob ich einmal Kinder haben würde oder nicht. Meine Einstellung war: Wenn es passiert, dann passiert es; wenn nicht, dann würde ich ebenso glücklich sein. Einige meiner Freundinnen bekamen mit Anfang 30 Kinder. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar eine feste Beziehung, aber mit 35 war ich wieder Single. Der Verlust dieses Mannes schmerzte mich mehr als die Tatsache kinderlos zu sein, also beschloss ich zu reisen, meinen drei Nichten eine großartige Tante zu sein, die Freiheit und das Abenteuer zu genießen. Ich hatte nie das Gefühl, dass meine biologische Uhr ticken würde. Dann lernte ich mit 37 jemanden kennen und heiratete. Ich wurde ungewollt schwanger, aber ich freute mich – ein wenig ängstlich war ich auch. Ich war 38 als ich Eliot bekam; mit geplantem Kaiserschnitt, insofern war die Geburt selbst kein Problem. Ich gab meinen Marketing-Job auf, den ich sowieso nicht mochte, und stellte fest, dass ich gern mit dem Baby zuhause war. Ich empfand es als großes Geschenk Mutter zu werden und als Erleichterung nicht ins Büro zu müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit Mitte 20 so gedacht hätte.

Die Schwangerschaft mit Dominic war mit 41 körperlich wesentlich anstrengender. Aber ich liebe es, zwei kleine Kinder zu haben. Ich bin dauernd vollkommen erledigt. Manchmal denke ich, es wäre wesentlich einfacher gewesen, wenn ich das alles zehn Jahre früher gemacht hätte. Trotzdem glaube ich, dass man als Mittvierzigerin eine andere Perspektive auf die Mutterschaft hat: Ich sehe, wie erstaunlich das alles ist und bereue keinen Moment.

Tracy Blunt, 42: Molekularbiologin, Mutter von JP, 11, Remy, 9, und Joe, 6. Andy und ich waren seit acht Jahren zusammen. Ich hatte meine erste ordentliche Anstellung als Wissenschaftlerin an der Universität Sussex, wir hatten uns gerade ein Haus gekauft und ich wusste, dass Andy ein guter Vater sein würde. Wir waren viele Jahre lang zusammen ausgegangen, wir hatten uns betrunken, waren gereist und nun hatte ich das Gefühl, es sei an der Zeit, etwas weniger Egoistisches zu unternehmen. Ich bekam JP mit 30. Ich glaube, das ist die beste Zeit, um ein Kind zu bekommen: Ich war jung, aber nicht zu jung, mein Leben verlief in geregelten Bahnen, also war ich der Herausforderung gewachsen. Allerdings erkannte ich auch: Man kann nicht gleichzeitig eine gute Mutter sein und Vollzeit arbeiten. Meine Bekannten, die das tun, kennen ihre Kinder kaum.

Seit JPs Geburt bin ich Teilzeit beschäftigt, bis ich vergangenen Oktober meinen Job verlor. Im Nachhinein würde ich nicht noch einmal versuchen, eine akademische Laufbahn mit dem Muttersein zu verbinden – niemand hat mir vorher gesagt, dass man an der Universität nur erfolgreich ist, wenn man sein ganzes Leben auf den Job ausrichtet. Dazu war ich nicht bereit. Aber ich habe meine Jungs, und eine gute Mutter zu sein wiegt für mich die Tatsache auf, dass ich keine Karriere gemacht habe. Könnte ich mein Leben noch einmal leben, dann würde ich wieder mit 30 Kinder bekommen.

Annabel Jamieson, 43: Redakteurin, kinderlos. Meine Chancen, mit 43 noch Mutter zu werden, sind gering – ganz abgesehen davon, dass ich Single bin. Ich werde es bis ans Ende meiner Tage bereuen, dass ich es versäumt habe, eine eigene Familie zu gründen. Ich frage mich oft, weshalb es so gekommen ist. Vielleicht hatte ich nie das Gefühl, dass mir die Dinge zustehen, die für andere ganz selbstverständlich waren: ein doppeltes Einkommen, das Haus, den netten, solventen, liebenden, treuen Typen, der bereit ist, sich richtig einzulassen.

Ich glaube allerdings nicht, dass für mich meine Karriere immer an erster Stelle stand. Mit Sicherheit nicht bewusst: Ich startete einfach durch, weil ich keine Kinder hatte und viel mehr Zeit investieren konnte. In den Medien – und auch innerhalb der Branche selbst – wird es immer so dargestellt, als würden die Frauen ihre Karriere über alles stellen oder die Mutterschaft bewusst aus Egoismus hinauszuzögern, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Auf meine Erfahrung trifft es mit Sicherheit nicht zu, auch nicht auf die meiner Freundinnen. Ich weiß, dass es eine Menge wunderbarer Frauen gibt, die aus dem einen oder anderen Grund alleine dastehen. Ich habe einfach keinen Partner gefunden, mit dem ich ein Kind hätte haben können.

Vielleicht war ich zu wählerisch. Ich weiß, dass ich eine hoffnungslose Romantikerin bin, aber die (wenigen) Männer, mit denen ich ausging, waren von dem, wie ich mir meinen Ehemann oder den Vater meiner Kinder vorstellte, weit entfernt. Ich werde mich immer fragen, ob ich das Richtige getan habe und ob ich glücklicher wäre, wenn ich eben mit dem falschen Typen ein über alles geliebtes Kind großgezogen hätte. So fühle ich mich zunehmend wie eine durchgeknallte Single-Frau, die auf ihre Wechseljahre zusteuert und darüber nachdenkt, dass sie ihr Leben verpfuscht hat. Ich glaube, dass alle meine Freundinnen, die mit über 40 Kinder bekommen haben, einen Kompromiss eingegangen sind. Keine von ihnen hat erst spät im Leben „den Einen“ gefunden. Ich konnte mich nicht auf einen Kompromiss einlassen und deshalb werde ich wohl niemals Kinder haben. Und doch bin ich zuversichtlich, eines Tages jemanden kennenzulernen und zu heiraten.

Sarah Butterworth, 42: Direktorin einer Werbeabteilung, Mutter von Hazel, 16, und Olivia, 14. Fast schäme ich mich zu sagen, dass ich mit beiden meinen Kindern ungewollt schwanger geworden bin (erstaunlicherweise trotz Verhütung). Als ich mit Hazel schwanger wurde, war ich gerade 24 und lebte in New York. Als ich wieder anfing zu arbeiten, wurde mir klar, dass ich keine Beihilfe, keine Kranken- oder Arbeitslosenversicherung, nichts bekam. Ich wohnte noch nicht einmal mit meinem Freund Fred zusammen, der damals als Barkeeper arbeitete. Aber ich war jung, eigensinnig und unabhängig – und ich dachte, ich wüsste alles, wir kriegen das schon hin. Kurz nach Hazels Geburt haben wir geheiratet, aber es war sehr schwer. Zuvor war ich jede Nacht unterwegs, auf einmal saß ich jeden Abend allein mit dem Baby zuhause. Ich fühlte mich wie abgeschnitten von all meinen Freunden, die, genau wie Fred, nach wie vor jeden Abend feierten. Als ich mit Olivia 20 Monate nach Hazel zum zweiten Mal schwanger wurde, dachte ich mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Ich würde die Mutterschaft hinter mich bringen und mich dann voll auf meine Karriere konzentrieren. Dabei entwickelte sich meine Karriere immer weiter und die Kinder stellten dabei nie ein Hindernis dar.

Als ich 31 war trennte ich mich, zog schließlich zurück nach Großbritannien und lernte Sam kennen. Er hat zwei Kinder im Alter von zehn und fünf aus einer früheren Ehe. Ich hatte gemischte Gefühle, Stiefmutter zu werden. Mein ganzes Leben hatte ich auf das „Licht am Ende des Tunnels“ hin gearbeitet, wo ich keine Verpflichtungen mehr haben würde. Ich wusste, wenn ich mich für Sam entscheide, bedeutet dies weitere zehn Jahre elterlicher Pflichten. Und nun will er unbedingt ein Baby mit mir! Zunächst hielt ich ihn für wahnsinnig, aber zwei meiner Freundinnen, die beide auch in den Vierzigern sind, haben mir vor Kurzem erzählt, dass sie schwanger sind und so konnte ich es mir vorstellen, zur gleichen Zeit, mit ihnen zusammen schwanger zu sein.

Übersetzung: Holger Hutt/Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

15:00 04.07.2010
Geschrieben von

Denis Campbell/Lucy Atkins | The Guardian

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The Guardian

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