Bewunderung und Feindeseligkeit

Biografie Terry Eagleton hat kein gutes Gefühl bezüglich Norbert Fuentes säbelrasselnder Fidel-Castro-Biografie, die Ende 2009 nun auch auf Englisch erschienen ist

Es gibt ein paar Dinge, die kann einem keiner abnehmen. Dazu zählt ein Räuspern, wenn wir den Hals frei bekommen wollen und auch verlieben müssen wir uns selbst. Nicht einmal Prinz Charles kann das Sterben oder die Verdauung seiner Gurkensandwiches auf einen Kammerdiener abwälzen. Eigentlich sollte auch das Verfassen einer Autobiographie voll und ganz unter die Kategorie der undelegierbaren Aufgaben fallen; trotzdem haben wir es hier mit einer Selbstbiographie Fidel Castros zu tun, die ein anderer geschrieben hat.

Und es ist nicht irgendein X-beliebiger Autor. Norberto Fuentes ist einer der angesehensten Schriftsteller Kubas, während der Kubanischen Revolution hat er an Castros Seite gekämpft. Später überwarf er sich mit Castro, er entging nur knapp einem Todesurteil, heute lebt er im Exil. Nun rächt er sich, indem er sich in seinen ehemaligen Genossen hineinversetzt, dessen Lebensgeschichte stiehlt und sie wesentlich wahrheitsgetreuer erzählt, als Castro selbst es vermutlich getan hätte. Indem er sich die Maske des einstigen politischen Lehrmeisters aufsetzt, kann Fuentes diesen ent-castroisieren und den Leser mit dem konfrontieren, was er für die wahre, im Gegensatz zur mythologischen, Figur hält. Fidel selbst ist eine politische Fiktion, eine Ikone, deren Gesicht T-Shirts schmückt; Fuentes Roman, verkleidet als Lebensgeschichte, behauptet hingegen die Wahrheit zu erzählen.

Wir wissen, dass Autobiographien, genau wie Romane, tendenziös und selektiv sind. Sie sind an sich eine Form der Fiktion. Und doch behauptet Fuentes, dass sein Buch durch und durch den historischen Tatsachen entspricht. Dazu rechnet er vermutlich auch seine Darstellung des kubanischen Staatspräsidenten als monströsen Egoisten, der sich für eine Ekel erregend genaue Beschreibung der französischen Guillotine begeistern kann. Trotzdem ist das autobiographische Verfahren zweischneidig. Fuentes Fiktion erweckt Castro beeindruckend zum Leben und macht das, was sie als beiläufige Brutalität präsentiert, umso abstoßender. Doch dadurch kommt Fuentes nicht umhin, die Person, die er eigentlich diskreditieren möchte, menschlicher zu machen. Castro mag hier zynisch und amoralisch erscheinen, aber er kommt uns auch wie ein ganz normaler Typ vor: gewieft, boshaft, intelligent und schonungslos ehrlich. Er ist über gelegentliche sarkastische Seitenhiebe nicht erhaben. „In Kuba“, erzählt er uns, „wird ein Junge nicht dann ein ganzer Mann, wenn er zum ersten Mal mir einer Frau schläft, sondern wenn seine Mutter aufhört seinen pinga [Schniedel] zu inspizieren.“

Der Roman als Rache

Nicht immer geht es in Fuentes Buch so spaßig zu, wenn er über männliche Genitalien schreibt. Konterrevolutionäre Verbrecher, so erfahren wir, haben einige von Fidels Kameraden kastriert und ihnen die eigenen Hoden in den Mund gesteckt. Dass Fuentes dieses Detail nacherzählt, legt nahe, dass er kein Interesse daran hat, eine standardmäßige Verteidigung des Batista-Regimes zu schreiben. Er ist kein ressentimentgeladener Exilant, der verzweifelt darauf wartet, endlich sein Spielkasino in Havanna zurück zu bekommen. Castro wird nicht aus einer rechten Perspektive kritisiert. Die einzige Perspektive in diesem Buch ist seine eigene. Da wir es mit einer „Autobiographie“ zu tun haben, kann Castro sich nur selbst mit seinen eigenen Worten verdammen.

Fuentes erreicht dieses Ziel mit bewundernswerter Verschlagenheit. Er konfrontiert uns mit einem Mann, der von seinem politischen Drama so sehr vereinnahmt ist, dass er herzlich wenig Innenleben und somit auch herzlich wenig Gewissen hat. Wir erfahren alles über die Kämpfe in Sierra Maestra, aber so gut wie nichts über die Überzeugungen, die Castro zur Rebellion bewogen. Der beinahe 600 Seiten starke Bericht über einen der größten Macher der modernen Geschichte, enthält kaum eine nennenswerte Idee. Fuentes schreibt eine fesselnde Abenteuergeschichte und entledigt seinen Feind dadurch jeder Selbstreflexion – und damit auch seines Gewissens. Das macht den Roman zu guter Erzählliteratur und erzeugt gleichzeitig ein vernichtendes moralisches Urteil. Auf diese Weise bekommt der Exilant seine lang gehegte Rache.

Verstörend aufschlussreich

Der Protagonist des Romans will unbedingt Geschichte machen. „Ich habe mich sehr darum bemüht “ bemerkt Castro, „dass meine persönliche Geschichte auch die Geschichte meines Landes ist“, Castro erfindet das moderne Kuba von Grund auf – gerade so wie ein anderer sich einen Roman ausdenkt. Indem er das tut, „macht er sich daran, seine eigene Monumentalität zu erfinden“. Anders gesagt ist das Realste an dieser unwahrscheinlichen Figur, dass sie weiß, dass sie eine Fiktion ist. Aber sie kann zumindest ihr eigener Autor werden und ihre eigene Geschichte erfinden, anstatt ein Resultat der Geschichte der USA zu sein.

Revolutionen sind, wie Marx schon erkannte, von Natur aus theatrale Ereignisse, die gleichzeitig realer und irrealer als das alltägliche Leben sind. Die kubanische Revolution, kommentiert Castro bei Fuentes, war „ ein Wunder der Einbildungskraft“. Bei allen großen Umbrüchen ist es schwer, Fakt und Fiktion voneinander zu trennen – gerade so, wie in diesem Roman. Dass Fuentes uns für diese Ironien sensibilisiert, ist Teil seines Verdienstes. Und doch ist diese minutiöse Lebensgeschichte ebenso verstörend wie aufschlussreich. Warum verwendet einer so viel Energie auf ein Porträt seines Verfolgers? Wie könnte dieser es vermeiden, ihm gerade dadurch seine Ehre zu erweisen, dass er ihn auf Lebensgröße zurechtstutzt?

Fuentes Faszination für Castro wirkt auf seltsame Art besessen. Die Aneignung der Persönlichkeit einer anderen Person ist ein auf hinterhältige Weise effektiver Weg um sich an ihr zu rächen. Wenn einer ein anderer werden will, dann zeugt das sowohl von Bewunderung als auch von Feindseligkeit. Trotz seiner imaginativen Bauchrednerei hat man nicht das Gefühl, dass Fuentes sich dieser Ambiguitäten bewusst ist – geschweige denn, dass er sie für sich selbst gelöst hätte.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:15 04.05.2010
Geschrieben von

Terry Eagleton | The Guardian

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The Guardian

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