Bilder wie aus Dantes Inferno

Blutbad Letzte Bastionen der Befreiungstiger von Tamil Eelam stehen im Nordosten Sri Lankas vor dem Fall. Die Regierungsarmee stößt weiter vor, ohne Zivilisten zu schonen

Krieg ist ein hervorragender Nährboden für Euphemismen. In Sri Lanka hat die Regierung ein Gebiet im Nordosten des Landes zur „Feuer-Frei-Zone“ erklärt, das nun zu den gefährlichsten auf der ganzen Welt gehört. Angepriesen als Rückzugsgebiet, in das sich zwischen die Fronten geratene Zivilisten vor den Kämpfen zwischen der Armee und den Tamilen-Tigern (LTTE) flüchten können, wurde dieser schmale Streifen Land für Zehntausende zur tödlichen Falle. Sie werden von den Tamilen-Tigern, die nach 25 Jahren Bürgerkrieg kurz vor einer militärischen Niederlage stehen, als menschliche Schutzschilde benutzt. Die Folgen sind verheerend.

Ein Bild wie aus Dantes Inferno. Die Ärzte kümmern sich um vom Krieg traumatisierte Verletze, die blut- und dreckverschmiert im Freien auf der Erde liegen. Eltern weinen, Kindern wandern benommen umher. Die Glücklichen unter ihnen erhalten eine Notversorgung, auch wenn dies manchmal Amputation ohne Betäubung bedeutet. Während Hunderte in einer Schlange vor einer Ausgabestelle für Lebensmittel gewartet hätten, seinen vier oder fünf Artilleriegranaten eingeschlagen und hätten mindestens 13 Zivilisten auf der Stelle getötet, erzählte ein Zeuge gegenüber Human Rights Watch.

Die Regierung in Colombo weist verärgert alle Berichte zurück, sie habe die Region im Nordosten mit Artillerie und anderen schweren Waffen angegriffen. Dennoch vergatterte das Büro von Präsident Mahinda Rajapaksas zu Beginn der Woche das Militär, Operationen zu unterlassen, die es bis dahin angeblich nie gegeben hatte. Zugleich lehnte die Regierung Forderungen der USA, Großbritanniens und anderer Länder ab, die Kämpfe eine Zeit lang auszusetzen. Mehr unnötiges Leiden wird die Folge sein.

Selbstblockade des Sicherheitsrates

Die Vereinten Nationen schätzen, dass seit Januar über 6.400 Zivilisten ums Leben kamen und fast 15.000 verletzt wurden. Doch die Zahlen können auch höher liegen, da die Regierung „um deren eigener Sicherheit willen“ keine unabhängigen Beobachter in die Kampfzone lässt. In einem Statement meinte der Einsatzleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IRK) vor wenigen Tagen, er könne sich nicht erinnern, in den vergangenen Jahren je eine so schmerzliche und extreme Situation erlebt zu haben.

Man hätte erwartet, dass Regierungen weltweit alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Sterben aufzuhalten, doch weit gefehlt. Auch der UN-Sicherheitsrat hat de facto nichts unternommen, da die Vetomächte China und Russland beim Thema Sri Lanka konzertierte Aktionen blockieren. Anstatt zu handeln, haben die Mitglieder des höchsten Exekutiv-Gremiums der Weltorganisation viel Zeit beim Streit darüber vergeudet, ob sie inoffizielle Lagebesprechungen im Keller des UN-Hauptquartiers abhalten oder sich in den regulären Räumen treffen sollten. Und was ist mit dem UN-Menschenrechtsrat? Es gab keine besondere Sitzung, in der beispielsweise davor gewarnt worden wäre, die von der Armee Sri Lankas unter Umständen begangenen Kriegsverbrechen würden verfolgt. Das entspricht dem Verhalten der meisten Regierungen, die Alarmrufe von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen sowie couragierter Diplomaten und UN-Mitarbeiter ignorieren. Dafür zahlen Zivilisten im Nordosten Sri Lankas einen gewaltigen Preis.

Es muss ein Nachspiel geben

In dieser Woche wurden die Außenminister Großbritanniens, Frankreichs und Schwedens in Colombo vorstellig. Sie bekamen zu hören, dass sich die Regierung von Staatschef Rajapaksas angesichts des militärischen Fiaskos der Tamilien-Tiger weigert, die Kämpfe einzustellen. Schließlich müsse sich eine demokratisch gewählte Exekutive gegen Terroristen zur Wehr setzen. Umso mehr hätte die Botschaft der Emissäre aus Europa klar und eindeutig sein müssen: Das Verhalten beider Kriegsparteien wird nicht ohne juristisches Nachspiel bleiben und die Wahrheit ans Licht kommen. Tamilen, die das Gebiet verlassen, können nicht weiterhin wie Kriminelle behandelt und auf unbestimmte Zeit in Gefangenenlager gesperrt werden. Hilfsorganisationen und unabhängige Beobachter müssen sofort Zugang erhalten. Und es darf keine Vergeltungsmaßnahmen gegenüber denjenigen mehr geben, die verdächtig werden, nicht regierungstreu zu sein.

Die Mitglieder des Sicherheitsrates haben immer noch Zeit, ihr Versagen zu korrigieren und die Vereinten Nationen zu beauftragen, ihr ganzes Gewicht zum Schutz der Tamilen, einem der bedrängtesten Völker dieser Erde, einzusetzen. Sri Lankas Regierung bleibt immer noch Zeit, der Macht des Gesetzes Respekt zu zollen und ein wenig Toleranz gegenüber kritischen Stimmen aus der tamilischen Gemeinde zu üben. Es ist noch nicht zu spät für eine politische Einigung, die es den Tamilen erlaubt, Sri Lanka auch als ihr Land zu betrachten.

Übersetzung: Holger Hutt
17:00 29.04.2009
Geschrieben von

Brad Adams, The Guardian | The Guardian

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