Peter Wilby
03.03.2011 | 10:30 4

Bildung schützt vor Armut nicht

Status Lange Zeit dachte man im Westen, hochqualifizierte Jobs wandern nicht ins Ausland ab. Doch die digitale Revolution macht Wissensarbeit andernorts billig und effizient

Westeuropäern und Amerikanern steht ein tiefgreifender Schock bevor. 30 Jahre lang haben ihre Regierungen ihnen erklärt, sie könnten Arbeitsplätze zwar nicht länger durch traditionelle Formen der staatlichen Intervention wie Subventionen und Zölle schützen, wohl aber das Bildungswesen dergestalt ausbauen und reformieren, dass es die Chancen ihrer Bürger maximiert. Beugten sich genug Leute der Anforderung, eine höhere Qualifikationen zu erwerben, würden die Bürger der USA und Europas weiter in den Genuss steigender Lebensstandards kommen. Wenn sie nur hart genug arbeite, könne jede Generation es einmal besser haben als ihre Eltern. Es müssten lediglich die Schulen auf den neuesten Stand gebracht und die Universitäten überzeugt werden, „marktfähige“ Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln. So das Weltbild des britischen Bildungsministers Michael Gove und all seiner Vorgänger der jüngeren Zeit.

Ein Chipdesigner in Indien kostet einen Bruchteil

Doch die Finanzkrise von 2008 und der Druck auf die Einkommen bringt allmählich eine hässliche Wahrheit zu Tage. Vergangene Woche vom britischen Office for National Statistics veröffentlichte Zahlen zeigen, dass die Reallöhne in Großbritannien seit 2005 nicht mehr gestiegen sind. Und dermaßen lange andauernde Stagnation des Lebensstandards gab es zuletzt in den zwanziger Jahren. Während die Elite aus dem Bankensektor noch nicht betroffen ist, gilt das für einen Großteil der Mittel- und Arbeiterschicht durchaus – kein kurzzeitiges Phänomen oder das Resultat von Bildungsdefiziten. In den USA, wo die höhere Bildung für die Masse der Bevölkerung lange vor Großbritannien eingeführt wurde, ist die durchschnittliche Kaufkraft eines Hochschulabsolventen seit 30 Jahren kaum gestiegen. Ebenso wie es der Bildung nicht gelang, das sozialdemokratische Versprechen auf Gleichheit und Mobilität zu erfüllen, wird sie auch neoliberale Versprechen nicht einlösen können.

„Wissensarbeit“, die angebliche Rettung des Westens, wird inzwischen ebenso exportiert wie handwerkliche Arbeit. Auf einen weltweiten Markt für ungelernte Arbeit folgt binnen kurzem ein Markt für die Jobs der Mittelschicht. Dies gilt insbesondere für Industriezweige wie die Elektronikbranche, in die so große Hoffnungen auf Arbeitsplätze und hohe Löhne gesetzt wurden. Mit steigendem Angebot wenden sich die Arbeitgeber unvermeidlich der billigsten Quelle zu. Ein Chipdesigner in Indien kostet zehn mal weniger als einer in den USA. Die Neoliberalen haben vergessen, Marx (nochmal) zu lesen. Der schreibt, dass sich die Lage des Arbeiters sich mit zunehmender Kapitalanhäufung verschlechtern muss – ganz egal, ob er einen hohen oder niedrigen Lohn erhält.

Die Auslagerung von Routine-Bürojobs der einfacheren Art wie der Dateneingabe, ist für uns nichts Neues mehr. Doch nun wandern auch die Stellen ab, die eine höhere Qualifikation erfordern. Die Analyse von Röntgenaufnahmen, der Entwurf juristischer Verträge, die Bearbeitung von Steuererklärungen, die Überprüfung von Bankkunden, sogar die Entwicklung industrieller Systeme – alles Beispiele für qualifizierte Arbeiten, die ins Ausland abwandern. Sogar die Lehrer sind nicht gefeit: Im vergangenen Jahr hat eine Grundschule im Norden Londons Mathematiker in Indien angeheuert, die ihren Schülern über das Internet Eins-zu-Eins-Unterricht geben sollten. Microsoft, Siemens, General Motors und Philips sind nur einige der großen Firmen, die inzwischen zumindest einen Teil ihrer Forschung in China durchführen lassen. Diese Entwicklung geht immer rascher vonstatten. Der Export der „Wissensarbeit“ erfordert lediglich die Übermittlung elektronischer Informationen, nicht die Übersiedlung von Fabriken und Maschinen. Der ehemalige Vizevorsitzende der US-Notenbank Alan Blinder schätzt, dass ein Viertel aller Arbeitsplätze des Dienstleistungssektors der Vereinigten Staaten nach Übersee ziehen könnte.

"Wissensarbeit" muss nicht befriedigend sein

Die neoliberalen „flat-earthers“ (nach Thomas Friedman, der in seinem Buch Die Welt ist flach argumentiert, die Geschäftswelt sei heute in dem Sinne „flach“, als dass alle die selben Ausgangschancen hätten. Die Menschen müssten sich den neuen Bedingungen immer wieder anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben; Anm. d. Übersetzerin) glaubten, die Arbeitsplätze würden geordnet abwandern. Ein paar Stellen mit qualifiziertem Anforderungsprofil würden wohl verschwinden, aber Platz für neue Industrien schaffen, in denen noch höhere Anforderungsprofile verlangt und noch höhere Löhne gezahlt werden würden. Nur gut ausgebildete Westler könnten die benötigte Originalität und Anpassungsfähigkeit mitbringen. Die Entwicklungsländer würden bereitwillig darauf warten, dass wir Innovationen auf neuen Gebieten geschaffen hätten, bevor sie den Versuch unternehmen würden, mit uns in Konkurrenz zu treten.

Warum sollten die Entwicklungsländer den Westen aber nicht einfach überholen? Asien bringt inzwischen mehr Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker hervor als die USA und die EU zusammen. 2012 werden die Chinesen, wenn die Dinge sich weiterentwickeln wie bisher, mehr Patente anmelden als jedes andere Land. In ihrem Buch The Global Auction behaupten die Soziologen Phillip Brown, Hugh Lauder und David Ashton die nächste Generation innovativer Unternehmen werde vielleicht nicht mehr amerikanisch oder britisch sein, und selbst wenn doch, möglicherweise keine amerikanischen oder britischen Angestellten mehr beschäftigen.

Die Neoliberalen haben demnach einen zweiten, vielleicht bedeutenderen Fehler gemacht, indem sie davon ausgingen, die „Wissensarbeit“ würde immer die persönliche Autonomie, Kreativität und Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit mit sich bringen, an die die Mittelschicht gewöhnt ist. Sie begriffen nicht, dass analog zur Routinisierung manueller Arbeit durch die Industrielle Revolution dasselbe Schicksal die Jobs vieler Hochausgebildeter im Zuge der elektronischen Revolution ereilen würde. Viele „Wissenskompetenzen“ werden den gleichen Weg gehen, wie die handwerklichen Fertigkeiten. Sie werden in Einzelschritte zerlegt, in eine Formel umgewandelt und digitalisiert. Jede Bank hatte einst Angestellte, die diskret und mittels ihrer Vertrautheit mit den Kunden und den lokalen Gegebenheiten entschieden, wer einen Kredit erhielt und wer nicht. Heute erledigt das eine Software. Das menschliche Urteil wird auf ein Minimum reduziert, wodurch sich erklärt, warum Kreditstellern oftmals das Darlehen aufgrund irgendeiner geringfügigen und längst vergessenen überfälligen Zahlung verweigert wird.

Regiment der Checklisten

Brown, Lauder und Ashton nennen dies nach Frederick Winslow Taylor, dem Erfinder des „scientific management“, der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ zur Steigerung der Effizienz der Industrie, „digitalen Taylorismus“. Wer zum Beispiel bei einem Call Center anruft, der wird gebeten, verschiede Ziffern zu drücken, wird dann an einen Mitarbeiter weitergeleitet, der möglicherweise in irgendeinem Entwicklungsland sitzt und vorgeschriebene Standardauskünfte erteilt. Wir befinden uns gerade erst am Anfang dieses Prozesses. Sogar die Lehrtätigkeit wird zunehmend auf kurzfristige, hoch spezialisierte Ziele reduziert, die anhand computerisierte Checklisten vermittelt und überprüft werden.

Der digitale Taylorismus erleichtert den Export von Arbeitsplätzen, verändert aber – und das ist entscheidend – das Wesen eines großen Teils der Berufsarbeit. Angehende Hochschulabsolventen sehen nicht nur niedrigeren Löhnen, geringeren Renten und weniger Sicherheit des Arbeitsplatzes entgegen als noch ihre Eltern, sondern auch einem weniger befriedigenderen Berufsleben. Zwar wird jede Profession und jedes Unternehmen sich einen Kader an Denkern und Entscheidern an der Spitze erhalten – das werden dann vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der gesamten Angestellten sein. Doch die Masse der Mitarbeiter – ob nun mit hoher Qualifikation oder nicht – wird Routineaufgaben zu bescheidenen Löhnen erledigen. Nur für diejenigen mit Eliteausbildung von Eliteuniversitäten (die nicht immer in Europa oder den USA sein werden) wird Bildung die versprochene Belohnung verschaffen.

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (4)

Tiefendenker 05.03.2011 | 00:38

Sehr guter Artikel! Herzlichen Dank!!!

Endlich wird mit einigen der typischen Illusionen, Arbeit und der Mehrwert daraus, der als Einkommen und Kaufkraft in Erscheinung tritt, seien auch in Zukunft noch ausreichend vorhanden, aufgeräumt. Der Verweis auf die logischen Schlussfolgerungen ist auch völlig richtig, weil logisch nachvollziehbar.

Diesen Artikel kann man ab jetzt hier beim Freitag als Referenz angeben.

passend dazu folgender Link:

www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte=8=1=text1.php

derDonnerstag 05.03.2011 | 19:58

Beim Guardian gibt es offensichtlich noch ein paar Journalisten, die ihren Job ernstnehmen.
Sonst ist es ja leider üblich, die Legenden vom Fachkräftemangel und von der Bildung als Schlüssel zum Erfolg unkritisch nachzubeten. So wie hier z.B.: www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,749269,00.html
Wenn die "Arbeitsmarktexperten" der Bundesagentur für Arbeiten - gibt es da wirklich solche Experten? - das sagen, dann wird es schon stimmen. So gut wie jeder merkt in seinem Alltag, dass das alles Käse ist. Wenn nicht im eigenen Job, dann kennt man andere Leute, die mit ihren Qualifikationen trotzdem keinen Job finden oder kaum damit über die Runden kommen.
Ich frage mich manchmal, ob die vielen Journalisten, die diesen Nonsens immer wieder aufwärmen, wirklich nichts davon mitbekommen oder ob sie sich absichtlich dumm und blind stellen. Ich schätze, eher Letzteres ist der Fall.
Dass kaum ein Politiker die Dinge beim Namen nennt, wundert dagegen nicht. Eine Partei, die sagen würde, "Bildung lohnt sich auch nicht so besonders. Der Schlüssel zum Erfolg ist Vitamin B und Glück", würde sicher bei den Wählern nicht so gut ankommen. Außerdem ist es natürlich super, den Leuten einzureden, wer keine Karriere macht, muss selbst schuld sein (mangels Bildung). Denn dann trägt die Politik jedenfalls keine Verantwortung dafür.