Bissiges Kondom

Sexuelle Gewalt Falsche Waffe in wichtigem Kampf: Das Anti-Vergewaltigungskondoms Rape-Axe trägt nur weiter zur Vorstellung bei, Frauen seien selbst schuld an Vergewaltigungen

Wir wissen, dass wir nachts nicht allein nachhause gehen und uns von fremden Männern keine Drinks ausgeben lassen dürfen. Und jetzt wissen wir auch noch, dass wir uns, sollten wir es tatsächlich wagen, einen Schritt vor die Tür zu setzen, mit einem Anti-Vergewaltigungkondom „schützen“ sollten, das mit einem Widerhaken versehen ist. Erfunden wurde das Anti-Vergewaltigungskondom Rape-Axe vor fünf Jahren von der Südafrikanerin Dr. Sonnet Ehlers, nachdem diese aus erster Hand die Nachwirkungen einer Vergewaltigung miterlebt hatte. Ein Opfer soll ihr damals angeblich gesagt haben: „Wenn ich da unten nur Zähne gehabt hätte“.

Obwohl das Anti-Vergewaltigungskondom von Feministinnen und Leuten, die den Missbrauch gegen unschuldige Männer befürchten, gleichermaßen kritisiert wird, soll es bei der Fußball-WM in Südafrika Premiere feiern, wo Ehlers 30.000 Stück kostenlos verteilen lassen will.

Zahnbewehrte Vagina

Das Anti-Vergewaltigungskondom wird von der Frau „wie ein Tampon“ getragen und verfügt über eine Reihe stachelartiger „Zähne“, die sich im Falle der Penetration im Penis verfangen und großes Unbehagen verursachen sollen, ohne dabei zu Blutungen zu führen. So dass, zumindest hypothetisch, keine HIV-Infektion riskiert wird. Wie die zahnbewehrte Vagina aus dem Film Teeth beschützt einen das Anti-Vergewaltigungskondom also lediglich, nachdem man bereits gewaltsam penetriert wurde. Es kürzt also den Angriff lediglich ab, anstatt ihn, wie behauptet wird, zu verhindern. Nur der Himmel weiß, wie die Vergewaltiger reagieren werden. Ich denke, sie werden ihren Zorn über die erlittenen Schmerzen eher an der ohnehin schon vergewaltigten Frau auslassen, als sich kraftlos davonzuschleichen und man fragt sich, wie die Wiederbelebung des Mythos der Vagina Dentata dazu beitragen soll, Angriffe abzuwenden, die aus (Kastrations-)Angst und Frauenfeindlichkeit erwachsen.

Die Empfehlung, sich durch die Einführung eines derartigen Kondoms vor Vergewaltigungen zu schützen, weist den Frauen einmal mehr einseitig die Verantwortung für die Vermeidung von Vergewaltigungen zu. Die guten Ratschläge, nicht alleine nachhause zu gehen, sich nicht „aufreizend“ zu kleiden und nicht zu flirten, werden nun um einen weiteren ergänzt. Man fragt sich, ob nicht endlich auch mal etwas unternommen werden sollte, um Männern beizubringen, nicht zu vergewaltigen. Statt den Frauen beizubringen, wie sie sich davor schützen können, vergewaltigt zu werden.

Neben der Unterstellung, Vergewaltigungen seien immer nur vaginaler Natur und ausschließlich gegen Frauen gerichtet, lenken derartige Gimmicks lediglich von den eigentlichen Themen ab, die mit Vergewaltigung zusammenhängen: Der Mythos von dem „gefährlichen Fremden“, der die Realität missachtet; dass es wesentlich wahrscheinlicher ist, von einem Bekannten vergewaltigt zu werden; die jämmerlich niedrige Aufklärungsrate bei Sexualdelikten sowie das mangelnde Verständnis seitens der Polizei.

Vergewaltigungen sind in Südafrika trauriger Alltag

Rape-Axe wird als erstes in Südafrika eingeführt, weil das Land eine der höchsten Vergewaltigungsraten weltweit aufweist. Bei einer kürzlich vom staatlichen Forschungsinstitut des Landes durchgeführten Umfrage gab ein Viertel aller Männer an, schon einmal eine Frau vergewaltigt zu haben, die Hälfte von diesen mehrmals.

Die Organisation ActionAid berichtet sogar von Fällen sogenannter erzieherischer Vergewaltigungen, bei der Vergewaltiger gezielt homosexuelle Frauen missbrauchen, um diese zu „heilen“. Anstatt die Fußball-WM dafür zu nutzen, auf diese Missstände hinzuweisen und nach den gesellschaftlichen Hintergründen zu fragen, werden diese durch die Einführung einer solch lächerlichen Erfindung unter den Teppich gekehrt. Rape-Axe verharmlost Vergewaltigungen und das Leid, das sie verursachen, zu einer minderen Unannehmlichkeit. Anstatt sie als den gewalttätigen, demütigenden Akt zu benennen, an dem die Opfer psychisch wie physisch zerbrechen können.

Während auf der Rape-Axe-Website behauptet wird, das Anti-Vergewaltigungskondom trage zur weiblichen Selbstermächtigung bei, hält die Einführung eines Produktes, das Vergewaltigungen quasi als gegeben und unvermeidbar voraussetzt, Frauen im Zustand der Angst und trägt vielmehr zur Akzeptanz sexueller Gewalt bei. Würde es nicht wesentlich mehr zur Ermächtigung von Frauen beitragen, wenn entschiedene Maßnahmen ergriffen würden, anstatt ihnen triviale Ratschläge zu erteilen und irgendwelche Apparate anzubieten? Wann werden wir endlich akzeptieren, dass das einzige Mittel zur Verhütung von Vergewaltigungen in der bewussten Entscheidungen eines jeden einzelnen besteht, nicht zu vergewaltigen?

Lara Williams ist Schriftstellerin und engagiert sich bei den Hilfsorganisationen Manchester Rape Crisis und Manchester Object Supporter Group für Vergewaltigungsopfer.

16:20 25.05.2010
Geschrieben von

Lara Williams | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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rahab | Community
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