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Polaroids Polaroid-Filme gehörten eigentlich der Vergangenheit an. Bis ein paar Analog-Foto-Enthusiasten beschlossen, sie wiederzubeleben. Nun gibt es die ersten neuen Filme

Der Name des Projekts verweist bereits auf eine große Geschichte. The Impossible Project ist einem Zitat von Edwin Land entliehen, der als Erfinder der Sofortbildkamera gilt. Land soll gesagt haben, es lohne sich nicht, ein Projekt in Angriff zu nehmen, sofern es nicht „offenkundig wichtig und beinahe unmöglich“ sei.

Land gehörte 1937 zu den Gründern der Polaroid Corporation. Ende der Sechziger waren seine Filme so erfolgreich, dass Schätzungen zufolge jeder zweite Haushalt in Amerika eine Polaroid-Kamera besaß. Doch nachdem das Handy durch die Digitaltechnik für viele zur neuen Sofortbildkamera avanciert war, erklärte die Firma 2007, sie habe die Produktion der Kameras eingestellt. Im Jahr darauf stellte sie auch die Produktion der zugehörigen Filme ein. Die letzte Ladung Filme überschritt im November 2009 das Verfallsdatum, und so hatte es den Anschein, als habe den Polaroidfilm dasselbe Schicksal wie die Musikkassette und die 7-Inch-Single ereilt.

Doch dann trat das Impossible Project auf den Plan. Gegründet wurde es von dem österreichschen Geschäftsmann Florian Kaps und Andre Bosman, dem ehemaligen Chef-Ingenieur eines großen Polaroid-Werks in den Niederlanden. Als ich im September mit Marlene Kelnreiter, der Pressesprecherin des Impossible Project sprach, betonte sie, die jährlichen Verkaufszahlen der Polaroidfilme hätten in dem Jahr, in dem die Firma die Produktion einstellte, bei etwa einer Million Stück gelegen. Das Projekt, so Kelnreiter damals, werde den Sofortbildfilm für einen existierenden „weltweiten Nischenmarkt“ neu erfinden. Und doch klang es für mich, als habe das Projekt einen steinigen Weg vor sich.

Ein Päckchen mit den ersten Filmen

Vor ein paar Wochen erreichte mich nun ein Päckchen des Impossible Project. Es enthielt die beiden ersten Sofortbildfilme der Firma, welche die recht extravagante Namen PX 100 Silver Shade/First Flush und PX 600 Silver Shade/First Flush tragen. In ihrer minimalistischen, stilvollen Verpackung machen sie definitiv etwas her.

Im beiliegenden Waschzettel für die Presse heißt es: „Impossibles neue PX Sofortbildfilme sind für alle gemacht, die unsere Leidenschaft für die Magie der analogen Sofortbilder teilen. Sie wurden mit Sorgfalt hergestellt, damit das Bild sich langsam in der Handfläche entwickeln kann. Die PX Silver Shade-Filme sind monochromatische Sofortbildfilme, die mit den traditionellen Polaroid-Kameras kompatibel sind.“ Die ersten Reaktionen auf die Qualität des Films, der sich langsam in der Handfläche entwickeln soll, sind jedoch gemischt. Einige Blogger kritisieren, er funktioniere bei kaltem Wetter nicht gut und das Endresultat sehe, wie ein Benutzer es ausdrückte, altertümlicher aus als mit dem ursprünglichen Produkt. Der verräterische Gelbstich des alten Films ist Geschichte, an seine Stelle ist eine silberne Sepia-Tönung getreten, die so dunkel und undurchsichtig ist, dass die Photos beinahe gespenstisch aussehen.

Fortgeschrittene Nostalgie?

Doch mit der richtigen Vermarktung im Rücken – „Der Film, der sich in ihrer Handfläche entwickelt!“ – wird der Impossible-Film vermutlich trotzdem ein Erfolg. Die wichtigere Frage, die sich angesichts dieser Retro-Innovation stellt, ist, weshalb so viele von uns Sehnsucht nach dem Polaroid haben, obwohl es so plump, unbeholfen, grobkörnig und altmodisch aussieht? Ist es, wie Martin Parr angeregt hat, einfach nur ein weiterer Ausdruck „fortgeschrittener Nostalgie“? Und wenn ja, weshalb geben wir uns dann nicht mit Angeboten von Firmen wie Poladroid.net zufrieden, die tief in die Trickkiste greifen und digitale Photos in „Polaroid-ähnliche Bilder“ verwandeln, oder mit dem Hipstamatic-App fürs iPhone, das damit beworben wird, digitale Photographie habe „nie zuvor so analog ausgesehen.“

Ich habe den Verdacht, dass die Antwort mit den Anforderungen zu tun hat, die eine Polaroid-Kamera an ihren Benutzer stellt und die sich offenkundig von denen einer digitalen Kamera unterscheiden. Die eine ist groß, verspielt, unpraktisch und selbst in der Hand eines Experten bleibt es dem Zufall überlassen, ob sie gute Bilder schießt. Die andere ist effizienter, kompakt, einfach zu handhaben und risikoarm – man photographiert und löscht die Bilder solange, bis das gewünschte Ergebnis da ist. Die eine ist irgendwie „authentisch“. Eigentlich gilt das für die andere mindestens ebenso, aber sie gehört bislang nun mal nicht zu unserer jüngsten, und deshalb über-fetischisierten, popkulturellen Geschichte. (Apple hat das Prinzip verstanden, aber es dann mit dem anbiedernden Slogan für das Hipstamatic „Mod Out Your Camera at tha HipstaMart“ gewaltig übertrieben.)

Auch über das, was Kelnreiter die „schöne und poetische“ Natur der Polaroidbilder nennt, die wie geschaffen scheint, um die oft übersehene Schönheit und Poesie des Alltagslebens, ja selbst das Banale, einzufangen, ist schon viel geredet worden. Große Photographen von Robert Frank bis Robert Mapplethorpe haben Polaroidbilder gemacht und sich bewusst den Grenzen des Mediums als eine Art Disziplinarmaßnahme unterworfen. (Frank ritzte und überschrieb seine Photos bekanntermaßen und versuchte so, seine Gefühle einzufangen, und nicht einfach das, was er sah.)

Auch Andy Warhol und Andrei Tarkovsky haben Polaroidbilder gemacht – der eine, um die Welt der Prominenten in ihrer ganzen leeren, grellen, trashigen Vergänglichkeit einzufangen, der andere um die Intimität und melancholische Schönheit der Dinge zu vermitteln. In beiden Fällen gilt: Die besten Polaroid-Bilder sind die, denen es gelingt, ein Gefühl von „hier und jetzt“ einzufangen.

Das Zeitalter des Phoneurs

Andererseits kann das heute selbst einer einfachen Handy-Kamera gelingen, zumindest wenn das Licht stimmt. So erinnert das jüngste Buch des New Yorker Photographen Joel Sternfeld mit Handykamera-Bildern, die er in Einkaufzentren in Dubai geschossen hat, in der Tat an die Polaroidbücher früherer Zeiten. Sein Bildband heißt iDubai und kündigt das Zeitalter des Phoneurs an – des Photographen als Flaneur, der ständig umherstreift und Photos schießt und, sofern er die Zeit dazu hat, sich Tagträumen hingibt.

Unterdessen hat die Firma Polaroid angekündigt, sie werde weiter in die digitale Zukunft schreiten – mit der allgegenwärtigen Lady Gaga als „Kreativdirektorin“. Gaga hat, um es in ihren eigenen Worten zu sagen „ganz im Stile von Mode/Technik/Photographie-Innovationen die Kult-Geschichte des Polaroid und des Sofortbildfilms mit der digitalen Ära verschmolzen“. Man kann nur raten, was sie damit sagen will. Einen Hinweis gibt vielleicht ein Bild, das Gaga via Twitter von sich gepostet hat, auf dem sie eine Visitenkarte mit ihrer neuen Berufsbezeichnung hochhält. Kompositorisch sieht es wie ein altmodisches, schnell geknipstes Polaroid-Selbstporträt aus – die Visitenkarte verdeckt die Hälfte ihres Gesichts – aber es ist zu scharf, zu bewusst provisorisch, um als das Wahre durchzugehen.

Interessanter finde ich da die Frage, wer wohl das passende Gesicht wäre, um für die analogen Sofortbildfilme des Impossible Project zu werben? Die Indie-Band Fleet Foxes? Der kauzige Bonnie Prince Billy? Die Folk-Pop-Sängerin Laura Marling? Oder vielleicht doch eine der noch immer einflussreichen Kultfiguren der jüngsten Vergangenheit – der kürzlich verstorbene Box-Tops-Sänger-Alex Chilton, die Singer/Songwriterin Laura Nyro oder vielleicht Nick Drake?

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:27 07.04.2010
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

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The Guardian

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