Bitterkeit des Gesetzes

Sierra Leone Charles Taylor, ehemaliger Präsident von Liberia, gilt vielen als Verantwortlicher des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Nun wird das Urteil über ihn gesprochen

Die einsetzende Regenzeit vermag die lebendige Atmosphäre Freetowns nicht zu dämpfen. Blaue, pinke und grüne Häuser säumen die engen, gewundenen Straßen der Sierra Leonischen Hauptstadt, Straßenverkäufer in bunt bedruckten Kleidern schwärmen durch den dichten, nie endenden Verkehr. Die Menschen versuchen, die Gräuel des Bürgerkrieges hinter sich zu lassen. Einigen gelingt es sogar zu vergeben und den Tod und die Verheerungen vergessen zu können, die dieser zu den gewaltsamsten Afrikas zählende Konflikt gebracht hat; jedoch nur wenige.

„Davor war ich keine Bettlerin. Nun bettle ich, um Essen für meine Kinder und um sie zur Schule schicken zu können“, sagt Kadiatu Fofana, die stets mit der Erinnerung an die während des Kriegs verübten Gräueltaten leben muss. Sie sitzt im Rollstuhl vor ihrer Betonhütte, ihre Beine hat sie bei einem Angriff der berüchtigten Revolutionären Einheitsfront (RUF) verloren.

Deren Kämpfer kamen im Jahr 1999 in ihr Dorf. Während Fofana zu fliehen versuchte, schlugen die Rebellen mit Macheten auf ihre Beine ein, die beide später im Krankenhaus amputiert werden mussten.

Zwischen 1991 und 2002 wurden in Sierra Leone mindestens 50.000 Menschen getötet, tausende weitere verstümmelt und zwei Millionen – beinahe die Hälfte der Bevölkerung – vertrieben.

Verantwortlich gilt vielen ein Mann: Charles Taylor, der ehemalige Präsident des Nachbarlandes Liberia. Er ist das erste afrikanisches Staatsoberhaupt, das sich vor einem internationalem Gericht verantworten muss. Am morgigen Donnerstag wird das Sondergericht für Sierra Leone, nachdem es fünf Jahre lang die Anklage wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit – darunter Mord, Vergewaltigung, Sexsklaverei und den Einsatz von Kindersoldaten – verhandelt hat, das Urteil über ihn sprechen.

Den Strafen entgangen

Edward Conteh gehört ebenfalls zu Sierra Leones Amputierten. Er hat seinen linken Arm kurz unter dem Ellenbogen durch eine Axt der RUF verloren und will, dass Taylor bestraft wird: „Er sollte nie wieder in Freiheit die Luft atmen dürfen, die wir atmen“, sagt er. „Er hat den Sierra Leonern einst gesagt, sie würden die Bitterkeit des Krieges zu schmecken bekommen. Nun sollte er die Bitterkeit des Gesetzes schmecken.“

1990 hatte Taylor angeblich in einem Interview mit der BBC gesagt, dass Sierra Leone „die Bitterkeit des Krieges“ kosten würde. Ein Jahr später brach dort der Krieg aus und die RUF drang aus Liberia ein. Taylor wird vorgeworfen, die Rebellen finanziert und unterstützt zu haben.

Doch nicht jeder macht Taylor für die in Sierra Leone begangenen Verbrechen verantwortlich. Viele meinen, das Gericht habe nicht alle Beteiligten verfolgt.

Ansumana Fowai war Kämpfer der RUF, lebt in Freetown und glaubt, dass Bürger Sierra Leones Strafen für Verbrechen entgangen sind, die sie im eigenen Land verübt haben. „Warum wurde Pa Kabbah bei dem Prozess außen vor gelassen?“ fragt er. „Stattdessen haben sie Anklage gegen Charles Taylor erhoben, während wir in Sierra Leone jeden Tag Leuten begegnen, die Grausamkeiten verübt haben.“

"Pa“ Kabbah heißt eigentlich Tejan Kabbah und war von 1996 bis 2007 Präsident Sierra Leones. Er war es, der von der internationalen Gemeinschaft ein Kriegsverbrechertribunal forderte, als endlich wieder Frieden herrschte. Dreizehn Personen, darunter Charles Taylor wurden angeklagt. Neun von ihnen wurden bereits verurteilt und sitzen nun im Gefängnis. Drei der Topleute, auch der RUF-Führer Foday Sankoh, starben, bevor ihnen der Prozess gemacht werden konnte, während mit Jonny Paul Koroma ein Anführer einer anderen Rebellenfraktion noch immer gesucht wird. So befindet sich mit Charles Taylor, der 2006 festgenommen und nach Den Haag gebracht wurde, nur einer der großen Namen auf der Anklagebank. Viele rangniedere Kommandanten wurden von der Strafverfolgung ausgenommen.

Peter Andersen ist beim Sondergericht in Freetown für Presseangelegenheiten verantwortlich. Er sagt, die Ankläger hätten nun einmal irgendwo eine Grenze ziehen müssen. „Das Mandat lautete, diejenigen mit der größten Verantwortung vor Gericht zu bringen“, erläutert er. „Das bedeutet, das viele Kommandanten mittleren Ranges, also Leute, die erkennbar Blut an den Händen hatten, dem Gericht entkamen. Kein Tribunal kann jeden verfolgen. Ab einem gewissen Punkt muss das Land weitergehen.“

Blutdiamanten

Die Regierung in Sierra Leone ist der Ansicht, das Land habe durch den Prozess langfristig profitiert, vor allem sei das Justizsystem gestärkt worden. „Es wurde Gerechtigkeit geschaffen“, meint etwa Justizminister Frank Karbo. „Die Prozesse haben außerdem das Bewusstsein dafür geschärft, dass man nicht ungestraft davon kommt. Es war überaus wichtig, dass gewisse Personen aus dem Verkehr gezogen würden und das ist auch geschehen.“

Fünf Stunden östlich von Freetown in Richtung Liberia, scheint der Taylorprozess im Bewusstsein der Leute kaum eine Rolle zu spielen. Die kleine, staubig Stadt Kenema wirkt auf den ersten Blick wie jede andere in Sierra Leone. Bis man die Diamantengeschäfte bemerkt. Dutzende hübsche, handgemalte Bilder von Diamanten zieren eine Mauer nach der anderen. Die Ladenbesitzer sitzen auf Kundschaft wartend auf ihren Veranden, die Fenster hinter ihnen sind mit dickem Stahl vergittert. An der Bushaltestelle fragt ein Mann mit zwei schmutzigen Steinen in der Hand, ob irgendjemand diese für Diamanten halte.

Kenema ist das Zentrum des Sierra Leonischen Diamantenhandels, der im Kern der Vorwürfe gegen Charles Taylor steht. Er soll den Krieg befeuert haben, indem er die Rebellen im Austausch gegen Blutdiamanten mit Waffen und Munition versorgt hat. Während des Bürgerkriegs waren die Diamantenminen hart umkämpft. Kinder, Frauen und Männer wurden gezwungen, unter entsetzlichen Bedingungen dort zu arbeiten. Dennoch scheinen nur wenige Details des Taylor-Prozesses von Freetown bis nach hierher durchgedrungen zu sein.

Je mehr man sich Liberia nähert, desto mehr ändern sich die Ansichten. Die Taylor-Familie verfügt in Liberia noch immer über erhebliche Präsenz. Seine ehemalige Frau ist Senatorin in der Region Bong.

„Ich verstehe immer noch nicht, wo der Zusammenhang sein soll, warum er für die in Sierra Leone geschehenen Taten verantwortlich gemacht wird, wenn diese doch eigentlich von Sierra Leonischen Streitkräften begangen wurden“, sagt Jewel Howard Taylor in ihrem Büro im liberianischen Parlamentsgebäude. Die Wand hinter ihr hängt voller Erinnerungsstücke an ihre Zeit als First Lady – eine Ehrentafel der Fußballnationalmannschaft Liberias, ein signiertes Foto, auf dem sie mit Hillary Clinton zu sehen ist und ein gerahmtes Bild, das die Taylors mit dem französischen Präsidenten Jaques Chirac zeigt. „Ich finde nicht, dass er für die Probleme in Sierra Leone zur Verantwortung gezogen werden sollte. Anders verhält es sich mit der Krise in Liberia“, sagt seine Exfrau weiter.

Wahrheits- und Versöhnungskommission

Liberia hat seine eigene Kriegsgeschichte. Vierzehn Jahre lang wurde in dem Land beinahe permanent gekämpft, die verübten Gräuel glichen denen in Sierra Leone.

Der Krieg begann 1989, als Charles Taylor eine Rebellenarmee anführte, um den damaligen Präsidenten Samuel Doe zu stürzen. 1997 wurde Taylor dann durch Wahlen zum Staatschef. Doch schon nach ein paar Jahren, versuchten neue Rebellengruppen wiederum ihn zu Fall zu bringen. 2003 wurde er ins nigerianische Exil gezwungen.

Im Sinne des Friedensprozesses gab Liberia einer Wahrheits- und Versöhnungskommission den Vorzug gegenüber einem Kriegsverbrechertribunal. Ein Kriegsverbrechertribunal in Liberia wäre eine fürchterliche Vorstellung, findet Jewel Taylor. „Es würde uns nicht versöhnen. Es würde nicht zurückbringen, was war. Es würde nicht für die Zerstörung unserer Nation aufkommen und ganz bestimmt nicht die durch den Krieg zerstörte Struktur unseres Landes wieder in Stand setzen.“

Bei den jüngsten Wahlen war unter anderem ein ehemaliger Warlord aufgestellt, dessen Verbindung mit Liberias gewalttätigen Vergangenheit viele nicht ignorieren können. Prince Johnson kämpfte 1989 zunächst neben Charles Taylor, gründete dann jedoch eine rivalisierende Truppe. Er befahl die Folterung und Hinrichtung Does im Jahr 1990 – auf YouTube gibt es ein Video, in dem zu sehen ist, wie Johnson sich bei einem Bier entspannt, während seine Männer Doe ein Ohr abschneiden.

„Jeder hat eine Vergangenheit“, sagt er nun. „Freude verspüren wird niemand, selbst nicht, wenn man seinen Feind tötet, denn wir sind alle Liberianer und von einem Blut. Unglücklicherweise mussten wir gegeneinander um die politische Macht kämpfen. Das ist bedauernswert“, sagt er in seinem Haus in Monrovia.

Über seinen ehemaligen Kameraden sagt er: „Es ist erbärmlich, in was er sich da reingebracht hat. Ich hätte mich als Präsident auf Liberia konzentriert und mein Land entwickelt, statt in einem anderen Land einen Krieg zu fördern“, sagt er und fügt dann hinzu. „Wenn er das überhaupt getan hat.“

"Wir lieben ihn"

Johnson schaffte es nicht in den zweiten Wahlgang. Taylor hingegen hat in Liberia noch jede Menge Unterstützer. Er galt 1989 als Freiheitskämpfer, der das Land von der korrupten und brutalen Herrschaft Does befreite. Trotz der Konfliktjahre, die folgten, schauen viele immer noch zu ihm auf.

„Wir wollen, dass er wieder nach Liberia kommt“, sagt etwa Jacob Anjai, der in einem der Open-Air-Cafés Monrovias, in denen die Menschen zusammenkommen, um über Politik zu reden und Brettspiele zu spielen, bei einer Partei Scrabble sitzt.

Sollte Taylor jemals zurückkehren und für die Präsidentschaft kandidieren, würde er gewählt? Über die Hälfte der Cafébesucher sagt, sie würden ihm ihre Stimme geben. “Wir lieben ihn. Sogar wenn er sich morgen um die Präsidentschaft bewerben würde, würden wir ihn wählen und er würde die Wahl gewinnen,“ sagt Anjai.

Bei vielen hat es allerdings doch einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, dass weder Johnson noch Taylor für die in Liberia verübten Gewalttaten zur Rechenschaft gezogen wurden.

In Monrovia sind die Spuren der Vergangenheit immer seltener zu sehen. Die ausgebombten, mit Einschusslöchern übersäten Gebäude werden durch neue ersetzt, bei den Präsidentschaftswahlen im November wurde Ellen Johnson Sirleaf eine zweite Amtszeit zugesprochen. Die Liberianer wollen weiterhin Frieden und Entwicklung.

Die meisten haben kein Interesse an weiteren Konflikten, die Jahre des Prozesses gegen Taylor haben sie damit verbracht, ihr Leben wieder aufzubauen. In Liberia wie in Sierra Leone herrscht noch immer tiefe Armut. Das tägliche Überleben kann da wichtiger sein, als Gerechtigkeit.

Fofana, die mit ihrem Rollstuhl Schutz vor der Sonne gesucht hat, weiß, dass sie immer an der Armutsgrenze leben wird, egal wie das Urteil gegen Taylor ausfällt. „Sie könnten ihn hundert Jahre lang einsperren und es würde trotzdem nichts ändern“, sagt sie. „Ich muss immer noch irgendwoher Essen für meine Familie nehmen.“

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

16:50 25.04.2012
Geschrieben von

Tamasin Ford und Rachel Stevenson | The Guardian

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The Guardian

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