Blick ohne Wut

Porträt Ocean Vuong wuchs als Vietnamese in den USA auf. Seinen Blick auf die Welt hat das nur klarer gemacht

Tagsüber studierte er Literatur am Brooklyn College und arbeitete in einem Café. Nachts schrieb er Gedichte. Er mochte dieses Gefühl, als Einziger wach zu sein, wenn „man aus dem Fenster guckt, es komplett dunkel ist und man sich in diesem kleinen Schiff auf See befindet“. Vor allen Dingen konnte Ocean Vuong dann seinem Hang zur Selbstkritik entkommen: „Man hat das letzte Wort zum Tag. Der strenge Lektor in deinem Kopf – der nörgelnde, unsichere, ängstliche Lektor, der sich nicht von den Zwängen der Gesellschaft freimachen kann, zieht sich dann zurück. Wenn er eingeschlafen ist, dann kann ich machen, was ich will.“

Die Gedichte wurden 2016 als Night Sky With Exit Wounds (deutsch: „Nachthimmel mit Austrittswunden“) veröffentlicht und waren so erfolgreich, dass sich ihr mittlerweiler 30jähriger Autor noch immer nur wundern kann.

Als Zweijähriger floh Ocean Vuong mit seiner Familie aus Vietnam in die USA. Sie zogen in die Arbeiterstadt Hartford in Connecticut, dem südlichsten Bundestaat Neuenglands an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Niemand in seiner Familie sprach Englisch. Als die Eltern sich trennten, fand seine Mutter Arbeit in einem Nagelstudio, ein schlecht bezahlter Job.

Nicht im Traum hätte Vuong damals gedacht, dass er jemals ein besseres Auskommen haben würde. Während Night Sky vom Mythos des abwesenden Vaters erzählte, beschäftigt sich Vuongs Debütroman Auf der Erde sind wir nur kurz grandios mit der Mutter und der Großmutter, die ihn großgezogen haben. Der Einfluss dieser Frauen – ihr Mut, ihre Probleme, ihr Leiden an den Folgen des Vietnamkriegs – er bildet das Rückgrat des Romans. Wie lieben wir, wenn wir traumatisiert sind?

Wir sitzen in Vuongs Wohnzimmer in Northampton in Massachusetts, wo er an der Amherst-Universität Kreatives Schreiben unterrichtet. Peter, mit dem er seit zehn Jahren zusammen ist, führt gerade den Hund aus. Vuong ist schlank, trägt einen silbernen Ohrring und rückt andauernd seine Brille auf der Nase zurecht. Er redet wie er schreibt, in poetischen Bildern. Im Roman „braust“ die Welt „wie von horizontaler Schwerkraft gezogen“ am Fenster eines schnellen Autos vorbei. Ein Vogel auf einer Fensterbank ist kein idyllisches Symbol, sondern eine „verkohlte Birne“. Für Little Dog – so nennt ihn seine Familie – ist die Welt ein hässlicher Ort. „Freiheit“, sagt er „ist nichts als die Distanz zwischen dem Jäger und seiner Beute.“

Vuong wuchs in einer Welt auf, die ihn mehrfach marginalisierte: Klasse, ethnische Zugehörigkeit, Sexualität. Sein Zuhause war von Gewalt geprägt. In einem Text, den er vor zwei Jahren für den New Yorker schrieb, richtete Vuong sich wie auch jetzt im Roman an seine Mutter . Er erinnertesich an „die Zeit, in der du mich mit der Fernbedienung geschlagen hast. Ein blutunterlaufener Striemen auf meinem Unterarm, über dessen Herkunft ich meine Lehrer anlog. Ich war beim Fangenspielen hingefallen“. Oder „die Sache mit der Milchflasche. Eine Schramme an der Seite meines Kopfes, dann der stetige weiße Regen auf die Küchenfliesen“.

Napalm und Geister

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bekam damals nur wenig Aufmerksamkeit, und nur im Zusammenhang mit Kriegsveteranen. In der Rückschau litten wohl beide Frauen daran. Die Großmutter hatte erlebt, wie ihr Dorf in Vietnam von US-Soldaten dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Mutter musste die Flucht aus der Heimat verarbeiten, um ein neues Leben in den USA aufbauen zu können. Dort heiratete sie später einen Mann, der sie schlug. Gewalt war der hässliche Ausdruck des Traumas.

Dessen Energie habe sich aber auch positiv entladen, sagt Vuong heute – in Form von Geschichten, die Mutter und Großmutter erzählten. „Bevor ich mit anderen vietnamesischstämmigen Amerikanern redete, war mir gar nicht klar, dass in den wenigsten Familien über den Krieg gesprochen wird.“ Vielleicht war die Langeweile der Grund. Da nie Geld da war, saßen sie zuhause herum, „wir hatten keinen Fernseher“. Traditionelle Geschichten vermischten sich mit eigenen Erlebnissen: „Meine Großmutter erzählte eine Geistergeschichte. Dann sagte sie: ‚Oh, das war nach dem Napalm‘.“ Vuong fragte dann: „Was ist das, Napalm?“

„Meine Mutter und Großmutter kämpften sich durch. Es hatte für sie etwas Berauschendes ihr Leben in einen Mythos zu verwandeln, gerade weil sie so machtlos waren. Es gab keine Männer im Haus. Die waren weg. Sie brachten Leid und waren weg. Die Frauen blieben allein und arm zurück, sie konnten kein Englisch. Aber wenn sie eine Geschichte erzählten, dann hatten sie alles in der Hand.“

Vuong kannte die Geschichten der Frauen, die draußen nichts galten, aber durchs Feuer gerannt waren und überlebt hatten. Aber er konnte ihre Geschichten damals nicht einordnen. Sein reales Leben war von Armut, Hänseleien und Gewalterfahrungen geprägt. Als in Hartford eine Opium-Krise ausbrach, sei das seine Rettung gewesen. „Viele meiner Freunde starben. Mir wurde klar, dass mir das auch passieren könnte. Doch ich war die einzige Hoffnung meiner Familie. Auch sie starben derweil, aber auf eine ganz andere Art und Weise, finanziell, psychisch. Und ich dachte: Ich muss weiterleben.“ Er wollte der Geschichte seiner Familie eine andere Wendung geben, seine Mutter glücklich machen und die Erwartungen an jemanden, der in solche Lebensumstände hineingeboren ist, übertreffen. Was er tat? Vuong lächelt. „Ichhabe angefangen, BWL zu studieren.“

Als Vuong klein war, gab es ein ganzes Jahr, in dem er und seine Mutter nicht miteinander sprachen. Er wusste, dass sie ein schweres Leben gehabt hatte, weil sie Vietnam verlassen und später mit seinem Vater klarkommen musste. Von dem erfuhr er nur wenig, außer dass er, nachdem sie ihn hinausgeworfen hatte, „ins Kriminelle abgerutscht und im Gefängnis gelandet war“. Aber Vuong war noch nicht so weit, seiner Mutter zu vergeben.

„Es war schlimm für uns beide“, erzählt Vuong. „Wenn wir uns ansahen, mussten wir schluchzen und sagten: Oh, so können wir nicht weiter machen. Wir müssen einen Weg da raus finden.“ Diese Erfahrung sei „ausschlaggebend gewesen, um zu verstehen, dass Wut zerstört. Nicht nur die Menschen um einen herum, sondern einen selbst. Aber ich wollte nicht wütend sein. Als ich aufwuchs, habe ich Wut erlebt. Sie war eine mächtige Kraft, aber sie führte mich nicht dahin, wo ich hinwollte.“

Amerikaner in Vietnam / Vietnamesen in Amerika

Vom 1946 bis 1954 wütete der erste Indochina-Krieg, in dem sich die französische Kolonialmacht und der Vietminh, die Liga für die Unabhängigkeit Vietnams gegenüberstanden. Nach der Teilung in einen kommunistischen Norden und einen antikommunistischen Süden 1954 brach im Süden Vietnams ein Bürgerkrieg aus. Aus dem Vietminh wurde 1960 die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, der Vietkong. Unterstützt wurde er vom Norden, während die USA den Süden stärkte. 1965 begann die US-Intervention. Nordvietnam erhielt daraufhin militärische Unterstützung von China und der UdSSR.

Die Tet-Offensive veranlasste Lyndon B. Johnson 1968, US-Bombardierungen einzustellen, unter Richard Nixon begann 1969 der Truppenabzug. 1973 kam es zum Waffenstillstand und am 30. April 1975 nahmen nordvietnamesische Truppen Saigon ein. Die US-Regierung ermöglichte es im Anschluss 125 000 Vietnamesen, in die USA zu fliehen. Im Zuge weiterer Kriegshandlungen in Vietnam, Kambodscha und Laos folgten weitere Fluchtbewegungen. 2017 lebten 1,3 Millionen Vietnamesen in den USA, drei Prozent der 44,5 Millionen Einwanderer. 76 Prozent der in Vietnam geborenen Einwanderer besitzen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Zahlen belegen, dass Einwanderer aus Vietnam eher die obligatorischen Sprachtests bestehen als solche anderer Herkunftsländer. Auch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Armut oder ohne Krankenversicherung leben geringer.

Nach acht Wochen BWL – für Vuong war das „Lügen lernen“ – brach er ab und schrieb sich für Literatur am Brooklyn College ein. Er begann, Gedichte zu schreiben und machte eine ernüchternde Erfahrung: In New York besuchte er eines Abends eine Lyrik-Lesung, in der Hoffnung, er würde da „seine Leute“ treffen. Jemand fragte ihn, wo er studiere: „Als ich sagte, ich mache keinen Master, ließ mich die Person einfach stehen.“, sagt Vuong und muss lachen. Ein anderer Student, der ein renommiertes Schriftsteller-Programm absolvierte, sprach nur kurz mit ihm, bevor er sagte: „Du hast so ein Glück – du bist schwul und aus einem Kriegsland.“ Dass seine Kindheit einen literarischen Stoff hergeben könnte, amüsiert ihn eher. Wenn seine Studierenden aus der oberen Mittelschicht heute damit hadern, dass ihnen ein interessanter Hintergrund fehlt, weist er milde darauf hin, dass Virginia Woolf einen ihrer besten Romane über einen Menschen geschrieben hat, der einen Rasen überquert.

Damals war Vuong geschockt und enttäuscht, er war nicht gut vorbereitet für die unbarmherzige Konkurrenz in der New Yorker Lyrik-Szene, „ wo Aussehen, Abendveranstaltungen und Parties das A und O waren. Ich zog mich in mein Apartment und die Bibliothek zurück.“ Er fragte sich, ob er einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Dann fand er unverhofft ein Heilmittel: „Ein wichtiger Schritt war das Lesen von Biografien. Ich lege es meinen Studierenden sehr ans Herz. Alles, was sie fühlen, hat Sylvia Plath vor 70 Jahren auch gefühlt. Und Ginsburg und Lorca und Rimbaud. Auch Virginia Woolf ging durch eine Krise. Man liest ihre Texte und würde nie denken, dass diese Frau Zweifel hatte. Und da ist sie und fragt: Was mache ich nur?“ In gewisser Weise habe er Glück gehabt. „Ich hatte keinen Druck“, sagt Vuong. Ich konnte mit meiner Stimme experimentieren, konnte spielen und Spaß daran finden. Viele meiner Studierenden bekommen Druck von ihren Familien. Wenn ein Elternteil seinen Sprößling seinen „zukünftigen Pulitzerpreis-Gewinner nennt, da kann ich nur stöhnen. Die armen jungen Leute.“

Vuong begann, Lyrik-Events auf offenen Bühnen zu besuchen. Weniger schick, aber demokratischer, als die formelle Lesungen. Bei einer dieser Veranstaltungen traf er den Jurastudenten Peter. Bis dahin, sagt er, hatte er nur, „wirklich schlechte Beziehungen, gewalttätig und selbstzerstörerisch“.

Armsein und Warten

Neue Entwicklungen brauchten immer länger, um in seiner Herkunftsgemeinschaft anzukommen, erzählt Vuong. „Als ich 2007 nach New York ging, hatte ich kein iPhone, kein Facebook; wir lebten zum größten Teil noch in den späten 90ern.“ Armsein habe etwas mit Warten zu tun, meint er. „Man wartet in der Schlange auf Sozialhilfe. Geht man in die Notaufnahme, wartet man. Man will wegen Vergewaltigung klagen? Man wartet. Also stehen alle in einer Schlange und dann befindet man sich in einer kulturellen Zeitverschiebung. Man lebt in der Vergangenheit.“ Die Community war auch kulturell eher rückwärts gewandt, obwohl Homophobie in seiner eigenen Familie nicht sein größtes Problem war.

Seine Mutter und Großmutter waren von seiner sexuellen Ausrichtung zwar nicht begeistert, „aber weil sie in der xten Generation von Reisbauern abstammten, standen sie den vietnamesischen Traditionen nahe. In den Dörfern dort gab es intersexuelle Menschen, die als hellsichtig galten und mächtig waren.“ Seine Familie hat eine praktische Sicht auf die Dinge. „Das habe ich immer an ihnen bewundert. Für sie ist das Leben geborgte Zeit: Wir alle sollten zu Rauch werden. Jetzt sind wir hier, lass uns einfach leben.“ Die Kehrseite war das finanzielle Fiasko.

Die Frauen machten optimistisch und konstruktiv weiter, anders als die gewalttätigen und selbstzerstörerischen Männer. Es überrasche ihn noch immer, wie die Frauen in seiner Familie – die Mutter, die Großmutter, die Tanten – mit der Bedrohung durch ihre Männer umgingen, sagt Vuong. „Ich weiß nicht, wie sie es schafften, sie alle hinauszuwerfen. Die Männer hatten Zugang zu Jobs, Geld, Macht. Wir stammen aus einem Land, in dem die patriarchale Tradition so tief verwurzelt ist wie im Westen. Scheidung war ein Tabu. Trotzdem haben sie es getan. Sie lebten ihr eigenes Leben.“

Vor einigen Monaten wurde bei Vuongs Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Er pendelt nun regelmäßig, um sie zur Chemotherapie zu begleiten. In der Erstaufnahme litt sie an starken Schmerzen. „Es klang wie Krieg. Ich dachte schon, ich müsse sie begraben.“ Aber die Behandlung schlägt an. Vuong erinnert sich gut an ihre Worte, als er nach New York aufbrach. „Es ist völlig okay, wenn die Leute denken, du bist ein Narr. Weil sie dir dann alles über sich erzählen und du sie von allen ihren Seiten kennenlernst.“ Es gebe ihm Kraft, „eine kleine, homosexuelle, nicht-weiße Person“ zu sein, sagt Ocean Vuong heute.

Emma Brockes ist Guardian -Autorin

Übersetzung: Carola Torti
06:00 28.08.2019
Geschrieben von

Emma Brockes | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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