Blutrache in Shah Hassan Khel

Pakistan Ein ganzes Dorf hat im Nordwesten Pakistans geschworen, für einen Taliban-Anschlag vom Januar Vergeltung zu üben. Schuld soll nicht ohne Sühne bleiben

Es mag etwas seltsam erscheinen, dass in Lakki Marwat ausgerechnet Volleyball gespielt wird. Es handelt sich um einen armseligen Flecken Erde im Grenzgebiet zwischen dem Nordwesten Pakistans und dem überwiegend gesetzlosen Stammesgürtel im Südosten Afghanistans, wo vor allem bärtige Männer leben, die ihre Gewehre schwingen. Doch um Volleyball zu spielen benötigt man weder eine große Ausrüstung noch viel Platz. Das Spielfeld lässt sich mühelos in einem der engen Höfe aufbauen, die von den Lehmwänden der Bauernhäuser umringt sind. In einer Stammesgesellschaft, in der Blutrache noch praktiziert wird, kann das durchaus von Vorteil sein. Unglücklicherweise wurde ein solches Volleyballspiel zu einem willkommenen Ziel für ein Massaker der Taliban.

Ein zweiter Attentäter

Am 1. Januar fuhr ein Selbstmordattentäter mit einem Lieferwagen in Shah Hassan Khel, einem Dorf am Rande des Distrikts Lakki Marwat, in eine Menschenmenge, die sich ein Volleyballspiel ansah. Die Explosion tötete mehr Menschen als alle vergleichbaren Anschläge 2009 – es gab 97 Tote und 40 Verletzte, etwa die Hälfte aller Anwesenden.

„Eine grauenvolle Szene“, erzählt der Chef der örtlichen Polizei, Muhammad Ayyub, der im Fackelschein Überlebende evakuierte. Die Tat war ein Vergeltungsschlag. Sechs Monate zuvor hatten die Bürger von Shah Hassan Khel die Taliban aus ihrem Dorf vertrieben und 24 Militante an die Armee ausgeliefert. Doch in diesem rauen Stammesrevier wird Vergeltung immer in beide Richtungen geübt. Nun, da die traditionellen 40 Tage der Trauer vorüber sind, schlagen die Dorfbewohner zurück. Die Ältesten haben sich in einem „Friedensrat“ organisiert, der sich um Nachschub an Waffen und Munition kümmert. Bewaffnete Männer patrouillieren durchs Dorf und in den umliegenden Hügeln. Die Dorfbewohner haben geschworen, dass sie alle, die für das Blutbad verantwortlich sind, aufspüren und töten werden.

„Wir werden sie finden, einen nach dem anderen. Und dann werden wir sie töten, einen nach dem anderen“, meint Mushtaq Ahmed, ein älterer Bauer mit einem dünnen schwarzen Bart, der Vorsitzender des Rates ist. Während er in einem streng bewachten Lager in Lakki Marwat, der gleichnamigen Hauptstadt des Distrikts, mit mir spricht, wiegt er eine AK-47 in seinem Arm. Die Polizei hat ihn gewarnt, dass ein zweiter Selbstmordattentäter in der Gegend unterwegs sein soll, der es vermutlich auf ihn abgesehen hat. „Ich bin ein gesuchter Mann“, sagt Ahmed trocken.

Kein Volleyball mehr

Gegenschläge aus Rache sind in dieser Region Pakistans nichts Ungewöhnliches. Vor allem gilt das im Swat-Tal und im Bezirk Buner, wo Stammesmilizen einmal mit mehr, dann wieder mit weniger Erfolg operieren. Experten gehen davon aus, dass sie beim Widerstand gegen die Taliban wichtige Verbündete sein können. Doch die starke Zunahme solcher Privatmilizen, die tief in dem paschtunischen Konzept der Rache verwurzelt sind, weist auch auf besorgniserregende Defizite der schwachen pakistanischen Regierung hin. Es scheint ihr nicht zu gelingen, Extremisten von vornherein aus dem Land fernzuhalten.

Das Beispiel des Dorfes Shah Hassan Khel verdeutlicht dieses Problem. Dieser von Armut geprägte Ort war in der Region viele Jahre lang als Basis der Taliban-Sympathisanten um den charismatischen Geistlichen Maulvi Ashraf Ali bekannt. Am Anfang unterstützten die Dorfbewohner die Gotteskrieger. Sie glaubten dem, was sie über die Scharia erzählten. Doch die Anziehungskraft ließ nach, als die Militanten damit begannen, sich mit Schmuggel, Autodiebstählen und Entführungen Geld zu beschaffen. Oder als sie den Mädchen verboten, zur Schule zu gehen. Ashraf Ali baute enge Verbindungen zu dem Taliban-Paten Baitullah Mehsud auf. „Der behauptete, er werde die Scharia durchsetzen. Was er wirklich wollte, war Macht“, erinnert sich Rehim Dil Khan, einer der Dorfältesten und Mitglied des Friedensrats, dessen Augen blutunterlaufen sind.

Im Sommer 2009 räumten die Dorfbewohner unter dem Druck der Armee Shah Hassan Khel, um einen Angriff auf die Taliban zu erleichtern. Ihre Häuser denn auch prompt wurden von Kampfhubschraubern und Artilleriefeuern getroffen und zerstört. Die Taliban flohen, Ashraf Ali entkam verletzt auf einem Eselkarren.

Monate später versuchten die Taliban zurückzukehren, doch die Dorfbewohner, die des Kämpfens müde waren, wiesen sie ab. Die Taliban meuchelten daraufhin einen aus dem Ältestenrat als dieser seine Ziegen hütete, was die Menschen aus Shah Hassan Khel wiederum mit einer Jagd auf die Militanten quittierten. Die Anspannung nahm zu – bis am Neujahrstag ein Selbstmordattentäter beim Volleyballspiel zuschlug. Furchtbarer Weise stellte sich heraus, dass es sich um einen Teenager aus dem Ort handelte, der unter den Einfluss der Extremisten geraten war. Sein eigener Stiefbruder war unter den Toten. In Shah Hassan Khel haben die Taliban seither einen kleinen Sieg errungen. Volleyball – eine Sportart, die sie kategorisch ablehnen – wird hier nicht mehr gespielt.

Übersetzung: Christine Käppeler
15:20 15.02.2010
Geschrieben von

Declan Walsh | The Guardian

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