Brandherd Fergana-Tal

Kirgistan Es gibt vorerst keine Anzeichen dafür, dass die ethnischen Unruhen in Kirgistan ein Ende finden. Es geht auch um den Grenzverlauf mit Usbekistan

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Bischkek kamen bislang 117 Menschen zu Tode, 1.500 wurden verletzt. Was internationale Hilfsorganisationen und Augenzeugen berichten, lässt vermuten, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer wesentlich höher ist. So erklärt das Rote Kreuz, man habe beobachtet, wie allein 100 Leichen auf einem einzigen Friedhof beerdigt worden seien. Seit Tagen schlachtet der randalierende Mob Angehörige der usbekischen Minderheit regelrecht ab, verbrennt deren Häuser, Firmen und Geschäfte. Über 75.000 Usbeken sind inzwischen geflohen.

Der Aufruhr soll offenbar die neue Übergangsregierung beschädigen. In Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, die an Usbekistan grenzt, wütete die Gewalt. Die Elektrizitäts- und Gasversorgung ist unterbrochen, Wasser wird langsam knapp. Unterdessen schlagen bewaffnete Plünderer die Scheiben der Geschäfte ein und rauben, was möglich ist: Von Fernsehgeräten bis zu Nahrungsmitteln.

Von Polizisten war auf den Straßen weit und breit nichts zu sehen, obwohl die Behörden beteuern, einige der provisorischen Kontrollpunkte in der 250.000-Einwohner-Stadt seien mit Beamten besetzt. Horden von jungen Kirgisen rasen in Autos, die Angehörigen der usbekischen Minderheit gestohlen wurden, durch die Stadt. Sie sind mit angespitzten Stöcken, Äxten und Eisenstangen bewaffnet. In einigen Teilen von Osch schützen kirgisische Bewohner Häuser, die sowohl von Kirgisien als auch Usbeken bewohnt werden.

Auf der Flucht niedergeschossen

Die USA, Russland und der UN-Generalsekretär sind äußerst besorgt über das Ausmaß der Gewalt. Sie diskutieren, wie den Flüchtlingen zu helfen sei. Die usbekische Minderheit stellt 15 Prozent der fünf Millionen Einwohner Kirgistans. Im Süden jedoch sind sie den Kirgisen zahlenmäßig überlegen. Tausende von verängstigten Usbeken fliehen an die nahegelegene Grenze, nachdem ihre Häuser zerstört wurden – vor allem ältere Menschen, Frauen und Kinder. Die jüngeren Männer bleiben zurück, um den Besitz der Familien zu verteidigen. Augenzeugen berichten, dass Frauen und Kinder auf der Flucht niedergeschossen wurden. Kirgistan öffnete den Grenzübergang nach Usbekistan, doch vielen Flüchtlingen gelang es nicht, ihn zu erreichen.

„Die Schusswechsel in den Straßen halten an“, berichtete der Journalist Jalil Saparov aus Jalalabad auf der Nachrichtenseite 24.kg. „Es gibt keine Polizeistreifen, keine Regierungskräfte, nur anhaltende Schießereien. Die Truppen und Mittel, die den Regionalverwaltungen zu Verfügung stehen, sind ohne Zweifel vollkommen unzureichend.“

Bakijew aus dem Exil

Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa macht den gestürzten Ex-Präsidenten Kurmanbek Bakijew dafür verantwortlich, die Unruhen angezettelt zu haben. Im April hielten seine Anhänger für kurze Zeit in Jalalabad und anderen Regionen Regierungsgebäude besetzt. Bakijew reagierte mit der Erklärung, es sei eine schamlose Lüge zu behaupten, er habe die Unruhen angeordnet. „Die kirgisische Republik steht kurz davor, ihre Souveränität zu verlieren. Menschen sterben und keiner aus den Kreisen der aktuellen Regierung ist in der Lage, sie zu schützen“, lässt er sich aus dem weißrussischen Exil vernehmen.

Tatsächlich hat die Pro-Bakijew-Bewegung in Süd-Kirgistan sehr schnell heftige ethnische Konflikte heraufbeschworen. Die meisten Usbeken unterstützen die Übergangsregierung. In Abwesenheit einer handlungsfähigen Autorität scheinen seit langem köchelnde ethnische Spannungen explodiert zu sein. Andere zentralasiatische Staaten fürchten nun, dass die ethnisch motivierte Gewalt sich weiter ausbreiten könnte. Auch die USA sind von dem Konflikt betroffen, da sie in der Nähe der Kapitale Bischkek eine Militärbasis unterhalten, von der sie Truppen nach Afghanistan entsenden. Die US-Botschaft in Kirgistan verurteilte die anhaltende Gewalt und forderte die „sofortige Wiederherstellung der Ordnung und Anerkennung der Rechtsstaatlichkeit“.

Als sich Rosa Otunbajewa jedoch an den Kreml wandte und Truppen erbat, um die Ordnung wiederherzustellen, winkte Russlands Präsident Medwedjew ab. Die Begründung: Man habe es mit einem „inneren Konflikt“ zu tun. Er schickte jedoch ein Fallschirmjäger-Korps in den Norden des Landes, dessen alleinige Verantwortung darin besteht, die Sicherheit auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt in Kant zu gewährleisten.
Das Fergana-Tal, in dem sowohl Osch als auch Jalalabad liegen, gehörte einst einem einzigen Feudalherren. Joseph Stalin teilte es zwischen Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan auf. Die damit dekretierten Grenzen haben alte Rivalitäten wieder entfacht und die ethnischen Spannungen geschürt.

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:53 14.06.2010
Geschrieben von

Luke Harding | The Guardian

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