Bring mich im Fernsehen um!

Mantra Als Guru Surender Sharma sagte, seine Magie könne ihn töten, musste der Autor es ausprobieren. Der Test wurde zum Triumph der Ratio

Andere Kulturen, ein anderer Humor. Im südindischen Staat Kerala, aus dem ich stamme, kann sich so mancher über den wohl kürzesten Witz der Welt schlapp lachen: Ein Hund versuchte eine Kokosnuss zu öffnen. „Und, was geschah?“ fragen Sie dann vielleicht. Nichts; das ist der Witz. Außerhalb von Kerala funktioniert er nicht. Meine Begegnung mit Pandit Surender Sharma war so etwas wie ein Kerala-Witz, der sich über Stunden hinzog. Allerdings lachte niemand, als er versuchte, mich mit tantrischen Ritualen live im Fernsehen zu töten. Außer mir, natürlich.

Es geschah im März 2008. Der Tantra-Meister und ich waren in einer beliebten Fernsehsendung zu Gast, um über das Thema „Tantrische Kraft vs. Wissenschaft“ zu sprechen. Er brüstete sich damit, er könne jeden innerhalb von drei Minuten mit einem Mantra und einem Tantra töten. Ich ergriff die Chance ihn, auf seinen Platz zu verweisen und bot mich als Testperson an. Da ich ihn live auf Sendung erwischt hatte, gab es für ihn keine Möglichkeit aus der Nummer rauszukommen, ohne das Gesicht zu verlieren – oder sein prominentes Klientel. Und so nahm unser beispielloses Experiment seinen Lauf. Der Meister stimmte sein „Killer“-Mantra an, das inzwischen ein veritabler Internet-Hit ist: „Om lingalingalingalinga, kilikilikili ...“

Die ultimative Vernichtung als Ausweg

Nachdem mich mehrere Runden Sprechgesang nicht umhauen konnten, packte er sein ganzes Arsenal an tantrischen Tricks aus – auch das ganz offensichtlich ohne Erfolg. Ich lachte nur. In seiner Verlegenheit äußerte er die Vermutung, einer der höchsten Götter, dem ich dienen würde, beschütze mich – dabei bin ich bekanntermaßen Atheist! Schließlich verlegte er sich aufs Schummeln und drückte seine Daumen so fest gegen meine Schläfen, dass er mich beinahe auf dem konventionellen Weg umgebracht hätte, doch das wusste der Moderator zu verhindern, der als Schiedsrichter fungierte. Da ihm kein anderer Ausweg blieb, erhöhte er den Einsatz und willigte ein, die „ultimative Vernichtungszeremonie“ durchzuführen, die mich todsicher umbringen würde. Die Sendezeit war längst überzogen, doch da die Quoten emporgeschnellt waren, lief die Sendung weiter und weiter, als ginge es hier um „breaking news“. Der Sender kündigte eine weitere Runde unserer epischen Schlacht für die Show am Abend an.

Dasselbe Spiel, aber diesmal stilecht: unter offenem Himmel, in der vielversprechenden Stunde vor Mitternacht. Ich saß auf einem tantrischen Altar, lodernde Flammen, weißer Rauch, eine Voodoo Puppe, Pfauenfedern, Senfkörner und das ganze Brimborium. Der Meister hatte sich mit Asche vom Friedhof eingerieben, nach einem vorgeschriebenen Ritual Sex, Fleisch und Alkohol konsumiert und war nun tantrisch in Topform. Er wurde von einem Chor kräftiger Mantra-Sänger unterstützt: „Om lingalingalingalinga, kilikilikili ...“

Auf Säuglingen herumgetrampelt

Nun, das Unmögliche blieb unmöglich. Doch der bloße Gedanke fesselte Millionen und Abermillionen von Zuschauern in ganz Indien an den Fernsehschirm. Ich lachte die ganze Zeit. Nicht nur, weil die Szene selbst so absurd war, sondern auch, weil ich den Menschen vor den Fernsehgeräten unbedingt zeigen wollte, dass es keinen Grund gab, sich um mich Sorgen zu machen. Ich habe mit meinem Lachen das Tantrische entmachtet. Die Sendung begann mit hysterischer Spannung und einem dramatischen Countdown und endete so, wie man es sich von Anfang an hätte denken können: Der besiegte Tantra-Meister verließ kleinlaut das Feld – aus, vorbei und erledigt. Die Vernunft hatte den Sieg davongetragen, wie James Randi später zufrieden kommentierte.

Leider läuft es nicht immer so im Leben. Aber mit dieser Fernsehsendung gelang es mir den Spieß umzudrehen. Sie beeinflusste das Klima der öffentlichen Debatten in- und außerhalb der indischen Fernsehstudios tiefgehender, als ich es in dem Moment dachte, als ich Sharma eiskalt erwischte. Unser Experiment wurde ein Paradebeispiel für die Falschheit der Tantra-Mantra-Kräfte. Man muss nur lange genug in einen Ballon voll heißer Luft stechen, dann stürzt er schon ab, so lautete die Botschaft.

Aber glauben Sie bloß nicht, dass mein Job immer so einfach und unterhaltsam ist. Vor Kurzem konnten wir mit Hilfe einer Fernseh-Doku einen Tantra-Meister dingfest machen, der mit einem gefährlichen Trick von beispielloser Brutalität seinen Lebensunterhalt verdiente: Er trampelte auf den Körpern von kleinen Säuglingen herum, die zu hunderten von ihren ungebildeten Eltern zu ihm gebracht wurden, um von den göttlichen Kräften seiner Füße zu profitieren. Ein Kommunalpolitiker und Hohepriester, mit dem ich während der Sendung sprach, verteidigte den heiligen Mann im Namen der Religion. Das nur, um die Komplexität des Problems zu veranschaulichen.

Guru-Tricks zum Nachmachen für Kinder

Seit einigen Jahrzehnten schon bemühen sich Rationalisten in Indien recht erfolgreich auf verschiedenen Ebenen darum, ihre Mitmenschen über spirituelle Betrüger aller Konfessionsgemeinschaften und Ränge aufzuklären. In den Anfangsjahren mussten sie sich auf Kampagnen in einzelnen Dörfern beschränken (deren Bedeutung jedoch nicht unterschätzt werden sollte), doch das Fernsehen eröffnete ganz neue Dimensionen. Allein im vergangenen Jahren war ich bei 240 Sendungen auf verschiedenen Kanälen zu Gast. Einige von ihnen hatten eine enorme Wirkung.

Als der beliebte Guru Sai Baba vor kurzem seinen Geburtstag feierte – wie immer im Kreise von Indiens High Society, darunter auch Spitzenpolitiker – gab mir ein Sender die Möglichkeit, im Fernsehen die charakteristischen Tricks des Meisters für die Kinder zuhause zum Nachmachen zu erklären. Die Sendung war ein durchschlagender Erfolg – der König jedoch wich nicht von seinem Thron. Doch es gibt eine ganze Reihe von jungen, neuen Medien, die solche Auswüchse des Aberglaubens ins Visier nehmen und die Haltung der Rationalisten unterstützen. Die nächste Generation der indischen Spitzen-Gurus bekommt den Wandel bereits zu spüren. Vor kurzem warf einer von ihnen sein Mikrofon weg und suchte mit seinen Bodyguards in gepanzerten Autos das Weite, als ich ein Fernsehstudio betrat. Schade drum.

Übersetzung; Christine Käppler
12:55 01.04.2010
Geschrieben von

Sanal Edamaruku | The Guardian

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