Brutal, aber effektiv

Coronavirus Die Welt war von der Ausgangssperre und der Quarantäne für Wuhan überrascht. Experten meldeten Zweifel an den Maßnahmen an. Doch Chinas Strategie scheint gewirkt zu haben
Brutal, aber effektiv
Wohl doch der richtige Weg: In Wuhan hat sich die Lage in Folge der Ausgangssperre entspannt

Foto: STR/AFP via Getty Images

Als die chinesische Regierung verkündete, dass sie Wuhan, das Zentrum des Corona-Ausbruchs, abriegeln werde, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, war die Welt erstaunt und Experten zeigten sich skeptisch. Beijings Entscheidung sei ein enormes Experiment, warnten Epidemiologen, das trotz großer menschlicher und ökonomischer Kosten nichts bringen könne. Quarantäne in einem solchen Ausmaß wurde in der modernen Welt noch nie ausprobiert.

Allein in Wuhan leben elf Millionen Menschen. Als das Ausmaß der Krise klar wurde, isolierte China weitere mehrere zehn Millionen Menschen in umliegenden Städten. Zweifel an dieser Politik hielten wochenlang an.

Doch fast zwei Monate danach scheint sich Beijings Ansatz bestätigt zu haben. China meldete in dieser Woche den ersten Tag ohne Ansteckungen innerhalb des Landes; nach Angaben der Gesundheitsbehörden sind alle neu identifizierten Fälle aus dem Ausland eingeschleppt. Viele Länder mit exponentiell wachsender Virus-Ausbreitung führen ähnliche Maßnahmen ein – von Italien über Spanien, Deutschland bis Kalifornien. Aber keine der Maßnahmen ist so streng wie in Wuhan.

Schon wenige Stunden nach der Ankündigung wurden Transporte in und aus der Stadt heraus gestoppt. Ausnahmen für persönliche und medizinische Notfälle gab es nicht. Schulen und Universitäten hatten bereits Ferien, die auf unbegrenzte Zeit verlängert wurden. Alle Läden, außer Lebensmittelgeschäften und Apotheken, wurden geschlossen. Fahrten mit Privatfahrzeugen waren nicht mehr erlaubt. Sondergenehmigungen gab es keine und der Großteil des öffentlichen Nahverkehrs wurde gestoppt. Die Straßen lagen leer und still.

Die Straßen lagen leer und still

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Anfangs durften die Leute ihre Wohnungen und Häuser verlassen, aber bald wurden die Einschränkungen verschärft. In einigen Gebieten war der Ausgang darauf beschränkt, dass ein Familienmitglied alle zwei Tage das Notwendige einkaufen konnte. Andere verordneten eine komplette Ausgangssperre, so dass die Bürger Lebensmittel und andere lebensnotwendige Bedarfsgüter per Kurierdienst bestellen mussten.

Später wurde die Politik sogar noch aggressiver. Behördenmitarbeiter gingen von Tür zu Tür, um Gesundheitschecks durchzuführen und alle Kranken zu zwingen, sich zu isolieren. Laut Berichten starb ein behinderter Junge, weil sein Vater und Bruder in Quarantäne kamen, und er ohne Essen, Wasser und Hilfe zurückblieb.

Bald nachdem Wuhan abgeschottet war, wurden auch andernorts in China die Kontrollen verstärkt, unter anderem aus Angst, dass Leute, die die Stadt vor ihrer Abriegelung schnell verlassen hatten, die Verbreitung des Corona-Virus extrem verstärkt haben könnten.

In den meisten Gebäuden messen am Eingang Sicherheitsleute die Temperatur aller Eintretenden. Wohnsiedlungen sind für alle geschlossen, die dort nicht wohnen. Unterdessen sind Gesichtsmasken im ganzen Land allgegenwärtig geworden und an vielen Orten vorgeschrieben. Die staatliche Boulevardzeitung Global Times zeigte Filmaufnahmen davon, wie die Behörden mit Hilfe von Drohnen Menschen in der Inneren Mongolei zur Ordnung riefen, weil sie – mehr als 1000 Kilometer von Wuhan entfernt – draußen keine Masken trugen.

Virus erfolgreich eingedämmt

Maßnahmen wie in Wuhan sind keine Voraussetzung dafür, die Krankheit einzudämmen. Länder mit engen Verbindungen zu China, die früh und entschieden handelten, haben es bisher geschafft, die Krankheit durch sorgfältige Überwachung, Tests, das Nachvollziehen von Kontakten sowie eine frühe Politik des „Social Distancing“ in Grenzen zu halten.

Laut Chen Xi, Assistenzprofessor am Fachbereich für öffentliche Gesundheit der Yale-Universität, hat China den Virus tatsächlich erfolgreich eingedämmt. Aber nicht alle eingesetzten Methoden seien notwendig gewesen: „Ich glaube nicht, dass eine so massive Ausgangssperre bisher notwendig und machbar ist. Hubei hat diese Strategie gewählt, weil die Behörden so lange verdeckt gehalten hatten, dass das Ausmaß der Krise ihre Kapazitäten überstieg.“ Von einigen der erfolgreichen Maßnahmen könnten andere Betroffene aber lernen: „Es ist dringend notwendig, abmildernde Strategien wie „Social Distancing“, frühe Diagnose, frühe Isolierung und frühe Behandlung in Betracht zu ziehen.“

Unterdessen bleibt China wachsam. In Wuhan besteht weiter zum großen Teil eine Ausgangssperre, auch wenn einige Leute die Erlaubnis erhalten, zur Arbeit zurückzukehren. Dazu gibt es im ganzen Land weiter strenge Kontrollen – aus Angst, der Virus könnte mit Getöse zurückkehren.

Viele Restaurants und Geschäfte fordern, dass ihre Kunden sich die Temperatur messen lassen und vor dem Eintritt ihre Kontaktdaten hinterlassen. Andere lassen nur eine bestimmte Anzahl an Menschen eintreten. In einige Gebäude wird nur eingelassen, wer eine Freigabe durch die Software „Health Code“ vorweisen kann, die Menschen – basierend auf ihrem jüngsten Reise-Verlauf – eine von drei Farben zuweist.

Fieberthermometer bleiben in Wuhan präsent

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Besondere Angst haben die Behörden davor, dass importierte Krankheitsfälle die bereits erreichten Fortschritte wieder zunichte machen könnten. Daher fordern Beijing und die Provinz Anhui, dass Reisende aus dem Ausland in zentralisierten Beobachtungszentren in Quarantäne gehen.

In Shanghai und der Provinz Guangdong müssen sich Besucher aus schwer betroffenen Ländern – darunter auch Großbritannien und Italien – für 14 Tage zuhause oder in staatlich vorgeschriebenen Zentren in Quarantäne begeben. In einem Hotel in Shanghai wird bei allen Gäste abends die Temperatur überprüft.

16:58 20.03.2020
Geschrieben von

Emma Graham-Harrison und Lily Kuo | The Guardian

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Ausgabe 13/2020

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