Butter als Waffe

Musik John Lydon, ehemaliges Mitglied der Sex Pistols, kämpft heute darum, wahrgenommen zu werden. Mit Butter Werbespots gelingt ihm das auch nicht so ganz

Es ist zwei Uhr nachmittags und John Lydon hängt auf dem Sofa, trinkt Bier und verfolgt auf seinem Fernseher die Fußball-WM. Nun gut. Bei einem schrägen Künstler, der sich früher als „Anarchist“, „Antichrist“ und “potentielle Wasserstoffbombe“ bezeichnete, kann man wohl davon ausgehen, dass der Lebensstil etwas lockerer ist. Wirklich bemerkenswert aber ist, dass er immer noch wütend ist; wütend darüber, dass die dumme, ignorante Welt nicht sieht, dass ein 54 Jahre alter, anglo-irischer Punk mit kalifornischer Bräune, der rülpsend in L.A. auf dem Sofa liegt, sich am Sack kratzt und den Bauch voller Lager hat, einen großartigen Werbe- und Marketingträger darstellt, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

„Ich habe mit Butter bewiesen, wozu ich in der Lage bin, oder? 85 Prozent Zuwachs bei den Verkäufen. Auf die Butter-Werbespots von Country Life bin ich sehr stolz . Sie waren lustig und klug und hatten Klasse, wie die Toblerone-Werbung, mit der ich aufgewachsen bin. Aber niemand hat mir seitdem etwas anderes angeboten. Zum Beispiel ... Red Stripe Lager! Ich trinke ganze Seen von diesem Zeug. Warum wurde ich noch nicht für so etwas unter Vertrag genommen? Oder Marlboro-Kippen? Es erstaunt mich, dass die Leute meine Möglichkeiten nicht sehen. Ich ziehe.“

Es ist eine tragisch-komisches Stück Kultur-Geschichte. Lydon – früher Johnny Rotten von den Sex Pistols, der in den 70ern mit seinem furchteinflößenden Meningitis-Blick Angst und Schrecken verbreitete und dann zum Bandleader der Post-Punk-Krachmacher Public Image Limited (PiL) wurde – kämpft darum, wahrgenommen zu werden. In den USA hätte er seinen eigenen Flügel in der Rock’n’Roll Hall of Fame, würde 365 Tage im Jahr in Las Vegas auftreten oder als Einsiedler in Elvis’ ehemaligem Landhaus leben. Aber hier? Hier verkauft er Butter, um eine Wiederbelebung seiner Karriere zu finanzieren.

„Je dicker ihr euren Toast bestreicht, desto näher rückt das Wiedervereinigungsalbum von PiL“, lacht er. „Esst Leute, esst!“

Aber vor dem neuen Album bekommen wir die Tour. Auf ihr wird außer Lydon keines der Gründungsmitglieder der Band zu sehen sein, weil sie „alle nur an sich denken, eingebildet sind und erwarten, dass ich für alles aufkomme“. Die Neuen seien gut, sagt er. Wenn er sich einen Fernsehwerbespot für PiL leisten könnte, würde er einfach mit schiefen Zähnen und anzüglichem Blick in die Kamera sehen und sagen: „Oh, du brauchst uns, Baby! Du brauchst uns!“

Ist es nicht schräg, Punk mit Butter zu finanzieren?

Soweit ist es mit mir gekommen, Baby. Der Mangel an Respekt, den die Industrie an den Tag legt, hat mich schon immer erstaunt. Was vorgefallen ist, muss man als Industriesabotage bezeichnen. Aber so lasse ich nicht mit mir umspringen, deshalb greife ich zu anderen Mitteln. Butter ist in meinen Händen eine Waffe.

Was meinen Sie mit „Industriesabotage“?

Als ich sie [Virgin] wegen der Neuveröffentlichung meines [1979er Albums] Metal Box angerufen habe, haben sie sich nicht bei mir gemeldet. Ohne die Erlöse aus diesen Verkäufen konnte ich nicht auf Tour gehen. Ich habe versucht eine Entschädigung dafür zu erhalten, was wir 18 Jahre lang mit dieser Platte wegen der Nobel-Verpackung verloren haben. Dann habe ich die Butter-Werbung gemacht. Wir begannen zu proben und in der zweiten Woche sagten sie mir, sie hätten es veröffentlicht, ohne mir etwas zu sagen.

PiL haben vor kurzem einige Konzerte in den USA gespielt. Beim Coachella-Festival musste die Band gegen Jay-Z bestehen ...

Ja, mit seinem Zirkus und dem Feuerwerk, so sah die Konkurrenz aus. Aber trotz seiner Anziehungskraft und all der anderen wichtigen Törtchen kamen 15.000 Leute, um uns zu sehen. Wir hatten mehr Energie. Wir waren authentischer.

Ich entnehme dem, dass Sie ihn nicht schätzen?

Reden Sie mir mit so einem Scheiß nicht die Ohren zu! Nein, ich kann damit nichts anfangen. Das ist mir zu abgestimmt und manipuliert, zu konstruiert für meinen Geschmack, wirklich. Ich finde das alles recht sinnlos. Wofür braucht man Explosionen, wenn sie nichts zu bedeuten haben? Das ist nichts für mich. Für mich finden sich die besten Künstler immer im Spiegel in der Garderobe. HA! Da fällt mir ein, dass mir Vampire Weekend ganz gut gefallen haben, mit ihren kleinen Hüpfern und ihrer Casiotone-Musik. Sie haben sich sehr nett und charmant über PiL geäußert. Ich denke, wir haben sie ein wenig beeinflusst ...

Wir haben gehört, dass LCD Soundsystem einen Film über dich drehen?

„Ja, das ist ein Haufen komischer Leute, aber ich mag sie, sie teilen die PiL-Philosophie. Sie haben genug Geld gesammelt, um eine Film-Doku unserer US-Tour zu machen. Können Sie sich etwas Besseres vorstellen, im Fernsehen oder im Kino? Ich auf der Bühne. Ich, wie ich in Unterhosen im Bus sitze. HA! Das wird alle inspirieren .... die einen Geist haben, der sich inspirieren lässt.

Trinken Sie zur Vorbreitung auf die Konzerte nur Red Stripe oder trainieren Sie auch noch anders?

„Nein, nie! Nichts dergleichen. Sorry. Ich bin kein Sportsmann. Ich kaufe doch keine Aerobic-Videos! Ich bin ich. Ich gebe den Leuten für zweieinhalb Stunden alles, was ich habe. Und das ist eine Menge. Es ist echt, es ist ehrlich, und ich brauche keinen persönlichen Trainer oder jemanden mit einem Sauerstofftank am Bühnenrand. Ich bin nicht Ozzy Osborne. „Sharoooooon!“ Das ist kein Zirkus. Ich habe bei den Comedy Awards einmal versucht, diesem Mann guten Tag zu sagen, aber ich hätte genauso gut einen Sack Getreide ansprechen können. Nein, ich werde nicht für die Leute trainieren. Sie werden meine Schwächen akzeptieren. PiL ist ein Haufen ehrlicher Leute mit einem guten Herzen und klarem Verstand. Idioten kriegen an der Kasse ihr Geld zurück.

Waren Sie auf der Beerdigung von Malcolm McLaren?

Hören Sie mal zu, Kumpel: Ich bin immer noch sehr verwirrt über den Tod meines Vaters vor einem Jahr, fertig. Um ihn trauere ich. Soweit ich gehört habe, war die Totenwache ein furchtbares Chaos

Wie das?

Bob Geldof kam in Kanada zu einem unserer Konzerte und er erzählte es mir. Er habe an der Beerdigung teilgenommen und die Totenwache sei voller Möchtegerne gewesen. Ich wette, er selbst gehörte auch zu ihnen! Es hörte sich schrecklich an: Bernie Rhodes und Vivienne Westwood streiten miteinander. Eine wirkliche Enttäuschung, würdelos.

Vermissen Sie ihn?

Malcolm McLaren inspirierte nicht. Er erntete die Lorbeeren für Dinge, die er nicht gemacht hatte. Also scheiß auf ihn. Ich muss zugeben, dass ich nicht gut mit dem Tod umgehen kann. Ich finde das wirklich schwierig: meine Mum, mein Dad, Sid Vicious. Ich bin kein Ungeheuer, ich spüre, dass es mir Angst macht. Ich kann nicht mehr als einen Tod auf einmal verkraften.

Sie haben Death Disco geschrieben, nachdem Ihre Mutter gestorben war und haben davon gesprochen, der Tod Ihres Vaters habe Sie zu neuen Songs für PiL inspiriert

Kann sein. Ich weiß nicht. Ich nehme die Dinge, die echt, wahr und manchmal schmerzhaft sind, denn da liegt die Kunst. Und glaub mir, da ist Schmerz. Mein Vater hat einen Herzinfarkt erlitten, während es gerade einen Familienkrach darüber gab, dass er mit einer Cousine ein Verhältnis hatte. Für manche war das eine „unheilige Allianz“. Ich war nie von der Sache begeistert, aber für mich waren da zwei Leute, die sich gegenseitig brauchten und zusammensein mussten ... Katholiken können aber auch vorschnell urteilen.

Julie Burchill hat einmal geschrieben „Wir sind alle Kinder von Thatcher und McLaren“. Stimmt das?

Sie sind nicht meine Eltern, schönen Dank auch. Thatchers vielleicht. Vielleicht Ihre. Meine jedenfalls nicht. Ich meine, man will sich doch selbst schon nicht vorstellen, wie die eigenen Eltern es miteinander treiben, aber bei den beiden? Scheiße! Was für eine Schande! Zum Kotzen! Lieber reiß ich mir die Augen aus, als dass ich es nur versuche ...

Ich glaube nicht, dass sie das wörtlich meinte ... sondern kulturell. Die strenge Matrone und der geckenhafte Agitator

Lassen Sie sich etwas gesagt sein: Man muss Selbstachtung haben. Verliebe dich nie in deine Entführer. Für meinen Geschmack klingen Sie etwas zu nostalgisch. Aber das ist der Guardian, oder? Sie sind einer von denen, was? Sie haben Thatcher so gehasst, dass Sie jeden Tag an sie denken mussten. Meine Güte! Der Junge ist verliebt! Nun, ich habe kein Problem mit der rosa Brille. Ich vermisse die Kämpfe der 70er nicht. Ich weiß nämlich, wie beschissen das war. Ich wurde verprügelt und mit Messern angegriffen, weil ich diesen Ärschen gesagt habe, was ich von ihnen halte. Ich bin nicht ihr Kind. Ich ziehe sie zur Rechenschaft. Ich bin ihr Alptraum. Nächste Frage!

Sie haben bereits eine Rezession überlebt. Haben Sie irgendwelche Überlebenstipps?

Ziehen Sie nach Italien. Mein Ernst: Dort wissen sie, wie man mit Schulden lebt, die kümmert das nicht. Ich habe fünf Monate dort verbracht, als ich einen Film drehte: Order of Death. Die haben den Dreh raus: Schöne Autos, gute Anzüge, großartiges Essen. Fangen um zehn so langsam an zu arbeiten. Von 12 bis um drei geht’s dann zum Mittagessen. Das ist ein Leben! Ihre faschistischen und kommunistischen Regime kommen und gehen, aber sie kümmern sich nicht weiter drum, solange ihre Fußballmannschaft gut spielt und sie Leonardo da Vinci in der Galerie hängen haben. Das ist erstaunlich! Wissen Sie, wir haben es uns so schwer gemacht auf diesem mit Regen vollgesogenen Fels zu leben. Wir sind in der EU und können uns auf dem ganzen Kontinent frei bewegen. Es überrascht mich, dass in Dover keine 60 Millionen Leute stehen, um ins gelobte Land aufzubrechen!

Sie leben in Los Angeles am Meer ...

Das ist frech. Das ist inakzeptabel und beleidigend. Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich bin viel in London. Da bin ich zuhause. Ich hab meine Schulden beglichen. Was ist mit Ihnen los? Meine Narben sind länger als Ihre, Freundchen, darauf können Sie aber wetten!“

Sie waren bei „I Am A Celebrity“ [der britischen Version von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus] dabei und haben Dokumentarfilme über Ungeziefer und England gemacht. Gibt es weitere Fernsehprojekte?

Ich liebe Tiere. Ich würde gerne mehr machen. Aber die Menschen vergessen, dass wir selbst Tiere sind. Ich bin ein kompliziertes Tier. Fernsehleute wollen einen Vertrag unterschreiben und fünf Jahre das gleiche machen. Ich mache die gleiche Sache nicht länger als fünf Minuten! Haut ab mit euren Vorschriften! Sagt mir nicht, was ich tun soll!

Sie wären doch eigentlich der geborene Twitterer? Machen Sie das bereits?

[Spöttisch] "Ich erledige gerade ein großes Geschäft. Der Guardian ist hier. Er geht mir auf die Nerven, andererseits gehen mir alle auf die Nerven.“ Ist das interessant? Nein: Das ist Stromverschwendung. Es gibt heute so viele Zeitvertreibe für junge Leute. Sie verbieten das Rauchen und genehmigen so einen Bullshit der 24 Stunden läuft. Ich bitte Sie!

Lady Gaga hat Sie einen „fantastischen Rebellen“ genannt. Würde Sie das Kompliment zurückgeben?

Hat Sie? Hat Sie das wirklich gesagt? Das gefällt mir ungemein. Oh, sie ist großartig und ich bin froh, dass sie weiß, was ich so mache. Ich bin verrückt nach ein wenig Anerkennung. Aber ja, ich glaube, Paparazzi war einer der großartigsten Songs des vergangenen Jahres. Sie ist witzig und schlau. Mit ihrem Blasenkleid hat sie doch das Leben gefeiert, mein Freund! Blasenkleider und Blasenanzüge für alle, sage ich. Madonna war schäbig, verzweifelt und ausdruckslos. Mochte sie nicht; überhaupt kein Spaß. Die Kinder von heute sind ihre Töchter. Igitt!

Besitzen Sie bereits ein iPad?

Ist das eines von diesen Dingern, die man sich aufs Gesicht klebt, wenn man eine verpasst bekommen hat? Meinerzeit haben wir dafür ein Steak benutzt ... HAHA. Nein, ich besitze kein iPad. Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich nehme das Internet bis zu einem gewissen Punkt an. Ich unterhalte johnlydon.com als ein Bollwerk der Wahrheit gegen die Lügen und Gemeinheiten und Unterstellungen. Es ist die einzige Möglichkeit, die Lügner in Schach zu halten. Aber das Internet und ich sind nicht so enge Kumpels, dass ich es auf einem Teil, das wie eine Scheibe Toast aussieht mit mir herumtragen muss. No way.

Was sind im Jahr 2010 die besten und die schlechtesten Dinge am Vereinigten Königreich?

Wir sind immer noch Unruhestifter, gerade noch. Das ist gut. Aber wir haben zugelassen, dass diese beiden rotwangigen, sabbernden, reichen Schnösel die Zügel übernehmen und das ist schlecht. Weg mit ihnen! Aber ich glaube auch, dass der Geschmack von Eiern und Milch in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist. Milch und Eier aus konventionellem Anbau schmecken nach nichts. Würde ich dafür Werbung machen? Nein, nicht solange ich sie nicht konsumiere. Nicht solange es keine Qualitätsprodukte sind. Das wäre unehrlich und nicht richtig und wahrheitsgemäß. Ich könnte mein Frühstück nicht mehr in Würde essen und das ist mir wichtig.


Übersetzung: Holger Hutt/ Christine Käppeler

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18:25 19.07.2010
Geschrieben von

Michael Odell | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2021

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