Bye Bye Landroman

Up to date Wie der englischsprachige Roman sich nach langer Weigerung endlich mit dem Internet auseinanderzusetzen beginnt

In den frühen Neunzigern drängte David Foster Wallace die jungen amerikanischen Erzähler dazu, einen befriedigenden Umgang mit dem Fernsehen zu finden. Seiner Meinung nach hatten sie die überragende Rolle dieses Mediums in unserem Leben verkannt. Aber was sie leisteten, war immer noch mehr, als man von der Generation der älteren Schriftsteller sagen konnte. Einer von diesen Altvorderen – eine nicht namentlich benannte „graue Eminenz“, die einen Workshop für Absolventen leitete, den Wallace in den Achtzigern besuchte – hatte die Studenten harsch kritisiert, weil sie Referenzen auf „trendige, populäre Massenmedien“ in ihre Arbeiten einfließen ließen. Sich mit derlei Dingen abzugeben würde ihr Schreiben unnötig zeitlich fixieren und auf ein „frivoles Jetzt“ festnageln, statt es in dem der Literatur gemäßen Ort des Zeitlosen zu verorten.

20 Jahre später scheint Wallace’ Intervention selbst ein wenig veraltet, und nicht nur, weil die Romanciers von heute sich in Gestalt des Internet mit einem ganz anderen Behemoth der Kommunikation konfrontiert sehen. Die Vorstellung einer Gruppe von Literaten, egal ob jung oder alt, die mit Feuereifer versuchen, den Augenblick zu beschreiben, in dem wir leben, erscheint fast schon kurios. Als ich vor ein paar Jahren im Rahmen eines amerikanischen Literaturwettbewerbs eine Lesung hielt, bemerkte ich mit großer Verwunderung, mit welcher Anstrengung die meisten der Teilnehmer dieser Herausforderung aus dem Weg zu gehen versuchten.

Die einfachste Möglichkeit, dem Hier und Jetzt zu entgehen, besteht im Verfassen historischer Romane: Um dem Internet zu entkommen, muss man lediglich ein oder zwei Jahrzehnte zurückgehen, für das Fernsehen schon etwas weiter. Oder aber man wendet sich Bevölkerungsgruppen zu, die vom Medienverhalten der Mehrheitsgesellschaft abgeschnitten sind, Migranten und deren Familien etwa – ein neuerdings sehr beliebtes Thema für die Literatur.

Dann sind da diejenigen an den geographischen Rändern, die in weit abgelegenen ländlichen Gegenden wohnen, wo man so leicht nicht über einen Breitbandanschluss stolpert. Es ist bemerkenswert, wie viele zeitgenössische amerikanische Romane und Kurzgeschichten von so etablierten Autoren wie Annie Proulx und Cormac McCarthy bis zu Newcomern wie Maile Meloy und C.E. Morgan auf Farmen und Ranches spielen. Umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen, die diese Texte lesen und ­schreiben, in Städten und Vorstädten lebt. Könnte diese Vorliebe für Landromane damit zu tun haben, dass die Figuren den Großteil ihrer Zeit damit zubringen, große Entfernungen in LKWs zurückzulegen oder verschneite Berge zu erklimmen – Szenarien also, in denen absolut keine Gefahr besteht, dass irgendwo ein Fernseher eingeschaltet oder ein Laptop aufgeklappt wird?

Geistige Tiefe

Der Schriftsteller wird zwischen zwei entgegengesetzten Imperativen hin- und hergerissen. Der erste lautet, darüber zu schreiben, „wie wir heute leben“ (Anthony Trollope). Auch wenn es ein Klischee sein mag, so hält sich doch hartnäckig die Vorstellung, dass niemand besser geeignet sei, die Fragen und Probleme der Gegenwart zu verhandeln als der Literat.

Das bringt uns zu der zweiten mutmaßlichen Domäne des Romanciers: der geistigen Tiefe. Je weiter die Literatur an den Rand der Kultur gedrängt wird, desto mehr wird sie als Zuflucht vor allem Vulgären, Oberflächlichen und Trügerischen in der Kultur angesehen. Sie wird zur Kapelle der Tiefgründigkeit. Literatur soll ein Ort sein, an den man sich zurückzieht, wenn man die Nase voll hat von Promi-Scheidungen, politischen Schlammschlachten, neuen Apple-Produkten, Internet-Flammenkriegen, Intrigen am Arbeitsplatz... ­– kurz gesagt: von allem, mit dem auch alle anderen die meisten Zeit verbringen.

Man sieht leicht, dass diese Missionen nicht unter einen Hut zu bringen sind. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die amerikanischen Literaten sich lieber aus dem „Wie-wir-jetzt-leben“-Rattenrennen ausklinkten, insbesondere als der erklärte Gegner noch das Fernsehen war. Zwar verbringen viele Leute bis zu sechs Stunden am Tag vor der Flimmerkiste, aber sie machen dabei nicht wirklich irgendetwas. Man kann diesen Zeitvertreib in der Erzählung daher getrost so behandeln wie den Schlaf der Figuren – in der Regel also schweigend darüber hinweggehen. Das Internet, so wird uns immer wieder erzählt, sei anders. Nur bestimmte Teile davon werden passiv konsumiert, während andere unseren Alltag, unsere Freizeit und die Formen unserer menschlichen Interaktion völlig verändert haben. Nick Hornbys High Fidelity mit seinem einst hippen Plattenladen-Setting, wurde durch die Musikbörsen im Internet zu einem nostalgischen Artefakt degradiert.

Sonderbare Geschichten

Viele Leute lernen ihre Partner mittlerweile planstabsmäßig über die durchrationalisierte Vermittlung von Online-Agenturen kennen, statt zufällig in Bars oder auf Partys. Smartphones bewahren uns davor, irgendwohin zu geraten, wo wir gar nicht hin wollten. Soziale Netzwerke bringen Freunde, Liebhaber und Feinde in unseren Alltag zurück, die wir schon lange aus den Augen verloren hatten.

Das Internet hat unser Leben auf eine Weise verändert, wie es das Fernsehen niemals vermochte. Aber die Schriftsteller haben diesen Umstand lange Zeit weitgehend ignoriert und das Feld Autoren wie William Gibson und Cory Doctorow überlassen, deren Hacker-Figuren in erster Linie dazu dienten, die Meinung der Autoren über die neueste Technik darzulegen. Hinzu kamen Krimi-Autoren, die zwar ausgeklügelte, gleichzeitig aber auch recht sonderbare Geschichten über die potenziellen Alpträume erfinden, die sich aus den Möglichkeiten dieser Technik speisen (Daemon von Daniel Schwartz zum Beispiel, in dem der Bad Guy zu Beginn des Romans bereits tot ist und dessen Schandtaten posthum von einem Computerprogramm ausgeführt werden, das er programmiert hat, bevor er seinem Krebsleiden erlag.) Außerdem gab es ein paar effekthascherische Kunst-Romane – herkömmliche romantische Komödien, die durchgehend in der Form von E-Mails, Status-Aktualisierungen oder SMS verfasst sind. Eindringlichere Beschreibungen darüber, wie die Technologie sich in den Alltag der Menschen integriert hat, waren dagegen äußerst selten.

Das beginnt sich langsam zu ändern. In Jonathan Lethems Chronic City von 2009 geht es um einen bunten Haufen Gras rauchender Manhattanites, die sich die Nächte mit Ebay-Auktionen um die Ohren hauen, wo sie aber stets gegen Konkurrenten verlieren, die kryptische Nicks tragen, so dass schnell eine Verschwörungstheorie ins Kraut schießt. New York wird in Chronic City zu einer Mischung aus Gerüchten, Luftspiegelungen und falschen Identitäten, wo alles, was man begehrt, sich permanent dem realen Zugriff entzieht oder überhaupt nicht existiert.

Informationen von zweifelhaftem Wert und unbekannter Herkunft schwirren durch die Straßen, in denen ein geheimnisvoller Duft von Schokolade hängt, der alle verrückt macht. Es existiert keine verlässliche Grenze zwischen dem, was wahr ist und dem, von dem die Leute sich wünschen oder behaupten, es sei wahr. (Eine Figur überarbeitet immer wieder den Wikipedia-Eintrag über Marlon Brando, um ihn mit seiner Überzeugung in Einklang zu bringen, der Schauspieler sei noch am Leben.) Kurz gesagt: Manhattan erscheint als Erweiterung des Internet und umgekehrt.

In Jess Walters The Financial Lives of the Poets spielt das Netz eine im herkömmlicheren Sinne zerstörerische, sirenenhafte Rolle beim Zerfall einer Familie. Auf dem Höhepunkt des Vorkrisen-Booms hängt Matt Prior seinen Job als Wirtschaftsreporter an den Nagel, um sein eigenes Unternehmen zu gründen: eine Website mit ­„literarischem Finanzjournalismus“ und Gedichten. Nach dem vorhersehbaren Scheitern seines Projekts und dem Zusammenbruch seines ehemaligen Wirkungsbereichs kann er die Raten für sein Haus nicht mehr zahlen. Darüber hinaus ist er überzeugt davon, dass seine Frau eine Affäre mit einem über Facebook wiedergetroffenen Ex unterhält.

Die Entfremdung in Matts und Lisas Ehe mag aus dem gleichen Stoff sein, aus dem auch die klassischen Romane John Updikes oder Richard Yates gemacht sind, aber das Internet speist die Kräfte, die sie auseinander reißen, mit zusätzlichen Illusionen. Lisa glaubt, ihre romantische Unschuld wiedererlangen zu können und Matt schmeichelt sich mit dem Gedanken, der späte Kapitalismus lechze nach seinem eigenen Literaturpreisträger. Das, was das Internet aus uns hervorlockt – Hybris, Tagträume, Gier und Obsessionen – verleiht dem Netz seine Macht und Brisanz. Es ist eine gemeinschaftliche Erfahrung, die sich als individuelle tarnt.

Dieses Paradox liegt all den unzivilisierten bis grausamen Verhaltensweisen zugrunde, über die sich alle in Bezug auf die Kommunikation im Netz beschweren: Man kann jemanden beleidigen, ohne mit ansehen zu müssen, welchen Schaden man damit anrichtet. David Pinner, dem armseligen Protagonisten in Nick Lairds Glover‘s Mistake, eröffnet das Internet die Möglichkeit, seine unterdrückte Aggression auszuleben. Auf einem anonymen Blog namens „Damp Review“ rechnet er mit Leuten ab, denen er im wirklichen Leben in den Hintern kriecht. Sein Alter Ego „The Dampener“ ist „furchtlos, hartgesotten und unverschämt“; er bloggt über alles, von Filmen bis hin zu Sandwiches. Unter dem Dutzend Unzufriedener, die seine Texte lesen, wird seine Verbitterung gefeiert. Ein gutes Gefühl für ihn.

Der Protagonist in Jonathan Franzens Freedom geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. In einer Pressekonferenz rastet er wegen eines Arbeitgebers aus, der ihn betrügerisch dazu gebracht hat, seine umweltschützerischen Ideale zu verraten. Am Ende schreit er laut vom Podium: „Wir sind der Welt ein Krebsgeschwür“. Nachdem er jahrelang den Netten gespielt hat, verwirft er diese Rolle und bekennt sich öffentlich zu seiner lange unterdrückten Misanthropie. Ein Video von Walters Tirade gelangt auf YouTube. Er wird ein viraler Star, der durch die Lande reist und von allen möglichen Leuten Zuspruch erhält. Walter bleibt allerdings nicht verborgen, dass ihm durch die „verrückte Rage seiner Leserschaft“ sein eigenes Gesicht anblickt.

Ein gewöhnlicher Haufen

Was, wenn wir durch das neue Medium, erkennen, dass abertausende von Leuten ziemlich genau das gleiche Zeugs auf die ziemlich gleiche Art und Weise sagen und denken? Was, wenn sich herausstellt, dass die von uns so hoch gehaltene Individualität sich nicht von derjenigen zahlloser anderer unterscheidet? Was, wenn der „gewöhnliche Haufen an Banalitäten“ tatsächlich mit uns identisch ist?

Soziale Netzwerke, die jüngste Wiederholungsschleife des Internet, versprechen eine Utopie, in der jeder Teilnehmer eine Stimme hat. Sie können aber nicht dafür garantieren, dass uns gefällt, was wir da zu lesen bekommen. In Gary Shteyngarts in der nahen Zukunft verortetem Roman Super Sad True Love Story tragen die Menschen mobile Geräte um den Hals, die es ihnen ermöglichen, jeden um sie herum in Echtzeit zu klassifizieren. Als der glücklose Erzähler in mittleren Jahren einen Abend mit seinen Kumpels in einer Bar verbringt, wird er darüber in Kenntnis gesetzt, dass das schöne Mädchen, das er schon den ganzen Abend ansieht, sein Sex-Appeal auf „120 von 800 einstuft und seine Persönlichkeit bei 450“.

Dabei interessieren unsere Urteile ja in Wahrheit nur in ihrer Gesamtheit, als nützliche Daten. Das lässt den Unterschied zwischen uns und der gesichtslosen Masse der Fernsehzuschauer verwischen. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass die Crowdgesourcten aktiv an dem Prozess mitwirken, Meinung zu einer Ware zu machen, während die Fernsehzuschauer nur auf ihrem Hintern sitzen. Uns darüber zu erschrecken, kann eine Folge von Literatur sein, die sich dem Hier und Jetzt stellt.

Laura Miller ist Kritikerin und Mitgründerin von

Salon.com

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 30.01.2011
Geschrieben von

Laura Miller | The Guardian

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The Guardian

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