Camp Victory

Oscar Kathryn Bigelow hat als erste Regisseurin einen Oscar bekommen: Ihr Kriegsfilm "The Hurt Locker" ist ergreifend, aber er zeigt die Soldaten weder als Opfer noch als Täter

Bei uns auf der Insel nannte man sie Unexploded Bombs – UXBs – und ich kann mich noch daran erinnern, wie wir 1941 zwei Tage vor Weihnachten evakuiert wurden, weil ein solcher Blindgänger (um genau zu sein, handelte es sich in diesem Fall um eine Luft-Mine) zusammen mit seinem grün-seidenen Fallschirm im Garten eines Nachbarn von einem Ast baumelte. Die Fachleute, die die Sprengsätze entschärften, waren unsere Helden und wurden nach dem Krieg auch auf der Leinwand als solche gewürdigt. Da gab es den trinksüchtigen und auf einem Bein hinkenden David Farrar, der in Powells und Pressburgers "The Small Black Room" ein besonders raffiniert-perfides Exemplar zu entschärfen hatte oder Otto, der deutsche Antifaschist in den Reihen der Royal Engineers in Edgar Reitz’ Heimat. Es gab die Fernsehserie Danger UXB und in der jüngeren Vergangenheit schließlich "Kip" Singh, den indischen Armeetechniker in "Der englische Patient", der in Italien deutsche Bomben entschärft, bis er von dem Bombenabwurf auf Hiroshima erfährt und davon vollkommen aus der Bahn geworfen wird (ein Schlüsselerlebnis in Ondaatjes Roman, das leider nicht in den Film übernommen wurde).

Immer mal wieder tauchen auch bei uns in Großbritannien noch Blindgänger aus den Zweiten Weltkrieg auf. Wesentlich häufiger hingegen haben unsere Soldaten mit dem Problem in der Form selbst gebastelter und dadurch noch unberechenbarerer Sprengsätze – improvied explosive devices (IEDs) – zu kämpfen. Mit diesen IEDs hat es die im Irak stationierte Einheit des Kampfmittelräumdienstes der US-Armee zu tun, die im Mittelpunkt von "The Hurt Locker" steht. Mit einem lakonisch geschriebenen Drehbuch von Mark Boal, der als Reporter aus dem Irakkrieg berichtet hatte und auch an dem Drehbuch von "In the Valley of Elah" beteiligt war, erschien der Film 2008 als erstes Werk Kathryn Bigelows seit "The Widowmaker" von 2002. Der anerkannten Regisseurin kompromissloser Filme wird nachgesagt, sie unterlaufe die maskulinen Konventionen des Krimi- und Kriegsfilm-Genres. Man könnte allerdings mit gleichem Recht das genaue Gegenteil behaupten.

Der Film spielt 2004 in und um Bagdad (gedreht wurde hingegen in Jordanien) und hat drei Hauptfiguren: den jungen GI Owen Eldrige (Brian Geraghty), den erfahrenen afro-amerikanischen Sergeant JT Sanborn (Anthony Mackie) und den neu zu ihnen gestoßenen Sprengstoff-Experte Feldwebel William James (Jeremy Renner), der wie Sanborn, vorher bereits in Afghanistan stationiert war. James’ Vorgänger ist kurze Zeit zuvor bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Da man keines der Gesichter kennt, könnten sie ebenso gut in einer Dokumentation mitspielen und in der Tat hat Barry Ackroyd, der dem Kinopublikum wohl am besten durch seine Zusammenarbeit mit Ken Loach und seiner hervorragenden Arbeit in Paul Greengrass’ "United 93" bekannt sein dürfte, den Film auch wie eine Dokumentation gedreht.

Bigelow schafft es im Großen und Ganzen erfolgreich, den Betrachter nachempfinden zu lassen, wie es ist, wenn man sich in einem Krieg befindet, in dem jeder um einen herum – Mann oder Frau, alt oder jung– vorhaben könnte, dich umzubringen. Und jeder Schritt, den man tut und jeder Randstein, den man mit dem Fahrzeug berührt, einen Sprengsatz zünden könnte, der dir die Beine oder auch den Kopf wegreißt. Ich kenne keinen Film, nicht einmal Oliver Stones "Platoon", der so eindringlich beschreibt, was es bedeutet, in einem Krieg zu kämpfen, der keine klaren Fronten kennt, sondern in einem gefährlichen Niemandsland ausgefochten wird.

Die Einheit wird von Kollegen zu einem Job gerufen, vor dem jene zurückschrecken. Die Hände dürfen nicht zittern, wenn man das Kabel kappt, das hoffentlich das richtige ist. Dem Zuschauer aber werden die Hände schweißnass, die Zunge verwandelt sich im Mund zu einem Stück Parmesankäse, der zu lange auf dem Tisch gelegen hat – und im Magen wird es ganz flau.

Der Film bietet beeindruckende Szenen: Es gibt ein brillant inszeniertes Feuergefecht in der Wüste, als das Team von einer kleinen, von Ralph Fiennes geführten Einheit verstärkt wird. Die drei Hauptfiguren verfolgen Gegner durch die nächtlichen Straßen, nachdem diese in der Grünen Zone einen Tanklaster in die Luft gesprengt haben. Fünf Szenen zeigen die Entschärfung von Bomben oder Sprengsätzen, von denen keine ist wie die anderen. Höhepunkt des Films ist eine Sequenz, in der ein Iraker mit westlicher Kleidung auf die Straße tritt, der eine mörderische Ladung Sprengstoff am Körper trägt. Ist er ein Selbstmordattentäter oder wurde er gezwungen, dies zu tun? Der Entschärfungsspezialist muss seine schwere Weste anziehen und seinen Helm aufsetzen, um dann wie ein Kosmonaut oder Tiefseetaucher zur Tat zu schreiten. Die extreme Langsamkeit, mit der all dies vor sich geht, steigert die Spannung noch einmal zusätzlich.

Feldwebel James imponiert seinen Vorgesetzten mit seiner coolen Verwegenheit. Die Kollegen, deren Leben er auf Spiel setzt, treibt sie hingegen in den Wahnsinn. Der schwarze Sergeant Sanborn denkt nur halb zum Spaß darüber nach, James zu töten. Dieser erinnert uns an Filme aus den Sechzigern – "War Hunt", "The War Lover", oder "Hell is for Heroes" –, in denen die furchtlosen Helden als Psychopathen erscheinen. James ist das, was die Franzosen einen baroudeuer nennen – ein Mann, der süchtig danach ist, zu kämpfen und sich, wenn er zuhause im Supermarkt steht und die Wohlfühl-Musik hört, fremd und entfremdet fühlt und sich nach dem nächsten Einsatz im Irak oder Afghanistan sehnt. Der Versuch, James menschlicher erscheinen zu lassen, indem er sich mit einem 12-jährigen irakischen Jungen anfreundet, der sich Beckham nennt, ist nicht besonders überzeugend.

Anders als die meisten Kriegsfilme und anders als alle Bilder, die wir sonst aus dem Irak zu sehen bekommen, enthält sich "The Hurt Locker" jeglicher Wertung und zeigt die Soldaten nicht als Betrogene oder Opfer. Sie sind Männer, die einen Job erledigen, gerade so wie die Tommies, dessen gelassener Mut an der Nordwest-Grenze Kipling begeisterte und von diesem gefeiert wurde. Die einzigen trockenen Kommentare fallen en passant, wenn beispielsweise ein naiver Armee-Psychiater mit dem jungen GI Eldridge spricht, ohne jedoch dessen ironische Anspielungen zu verstehen oder wenn wir erfahren, dass das ehemalige Camp Liberty nun Camp Victory heißt, weil dies angeblich positiver klingt.

"Hurt Locker" bezeichnet das physische Trauma, das man erleiden kann, wenn man sich immer wieder in nächster Nähe ohrenbetäubender Explosionen aufhält, egal, ob diese kontrolliert sind oder nicht. Der gewaltige Lärm und vielleicht ebenso sehr die angespannte, komprimierte Stille danach, schließen die Betroffenen in eine enge Zelle des Schmerzes ein: den hurt locker (in etwa: Spind des Schmerzes oder der Versehrung). Bigelow schafft es in ihrem Film recht gut, den Zuschauer dieses Gefühl nachempfinden zu lassen.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:30 08.03.2010
Geschrieben von

Philip French | The Guardian

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The Guardian

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