Chicago ist überall

Labor Day Klassenkampf ist im heutigen Amerika kein besonders populärer Begriff. Dennoch kommt er der Realität dieses Landes, zumal in der Krise, näher als mancher glaubt

Wenn man wie ich in Chicago geboren ist, kann einem der Begriff des Klassenkampfes nicht fremd sein. Im 19. und 20. Jahrhundert war Chicago für die kämpferisch militante Arbeiterbewegung das, was Paris für die Künstler bedeutete: Der Ort, an dem die Musik spielte. Die Gewerkschaften stellten das Rückgrat der Stadt dar.
„Hog Butcher for the World / Tool Maker, Stacker of Wheat / Player with Railroads and the Nation's Freight Handler / Stormy, Husky, Brawling, and City of the Big Shoulders“, wie Carl Sandburg die Stadt in seinem berühmt gewordenen Gedicht Chicago von 1916 charakterisiert hat.

Mit nackter Brutalität

Während Philadelphia die Liberty Bell hochhält, die 1776 beim ersten Verlesen der Unabhängigkeitserklärung geläutet wurde, und Boston dem Freiheitskämpfer Paul Revere ein Denkmal gesetzt hat, gedenkt Chicago in seinem Stadtbild Vorkämpfern der Arbeiterbewegung wie den Gehängten des Haymarket Riot. Es erinnert sich des Streiks für den Acht-Stunden-Tag, der am 1. Mai 1886 in Chicago begann und die Tradition der internationalen Arbeiterbewegung begründete, einen Kampftag der Arbeiterklasse zu begehen. Der von der Polizei gestifteten Statue zu Ehren der Polizisten, die bei dem Streik auf dem Haymarket Square ums Leben kamen, wurde von örtlichen Anarchisten so oft der Kopf weggesprengt, dass dieses Monument mittlerweile in der Aservatenkammer sein Dasein fristet.

Aufmärsche und Picknicks am Labor Day markierten einst den wohl stürmischsten Feiertag einer Stadt, die von Einwanderern aus Polen, Deutschland, dem Baltikum und vielen anderen aufgebaut wurde. Diese Ereignisse überstiegen, was die Zahl der Beteiligten angeht, bei weitem die landsmannschaftlichen Paraden. Aufstände und Streiks gegen grausame Unternehmer waren in Chicago ebenso selbstverständlich wie der Wind, der vom Michigansee herüber weht. So war beispielsweise die schicke, mit Eigentumswohnungen bebaute Seepromenade am Sheridan Drive ursprünglich entstanden, um den föderalen Streikbrecher-Trupps einen schnellen Zugang zur Stadt zu verschaffen. Sie kamen, um die Arbeiter niederzuschießen. Der Klassenkonflikt wurde offen und mit nackter Brutalität ausgetragen.

Das war, bevor der Acht-Stunden-Tag erkämpft wurde, die Arbeitsschutzgesetze des New Deal in Kraft traten, die soziale Mobilität der Nachkriegszeit einsetzte, Kinderarbeit verboten wurde und Gewerkschaftsführer Einladungen ins Weiße Haus erhielten. Heute ist Klassenkampf für viele zu einem abgestandenen Begriff geworden, der zur Beschreibung des modernen Amerika nicht mehr taugt.

Unverantwortlich und gefährlich

Sicherlich zählen Labor-Day-Paraden und -Picknicks weitgehend zur Vergangenheit und nur noch zwölf Prozent der abhängig Beschäftigten gehören einer Gewerkschaft an – nach dem Krieg waren es 40 Prozent. Selbst innerhalb dieses geschrumpften Bündnisses gibt es interne Querelen und Streitigkeiten. Aber der Labor Day dürfte eine gute Gelegenheit sein, einige radikale (wenn nicht sogar marxistische!) Überlegungen und Begriffe vom Dachboden des kollektiven Bewusstsein zu holen, die bis vor kurzem noch zum allgemeinen Wissensschatz gehörten. So zum Beispiel Marx' Wort von der „industriellen Reservearmee“ der Arbeitslosen oder seine These von der „zunehmenden Verelendung des Proletariats“. Schließlich sind die Arbeiter in der Rezession nicht mehr in der Lage, die Produkte ihrer Arbeit käuflich zu erwerben. Das kommt Ihnen bekannt vor?

Für die sinkende Zahl der Industriearbeiter an den Fließbändern oder die große Zahl der vermeintlich besser gestellten Angestellten, denen systematisch die Existenzgrundlage entzogen wird, ist der Klassenkampf von oben nichts Neues. Sie haben schon vor der Wirtschaftskrise mit ihm Bekanntschaft gemacht, auch bevor Präsident Reagan 1981 den Streik der Fluglotsen beendete. Diese Leute spüren den Klassenkampf in ihrem Inneren, wollen aber nichts damit zu tun haben. Was seltsam klingt, ist seit dem ersten Streik der Schuhmacher von Philadelphia im Jahr 1804 so amerikanisch wie Kirschkuchen: Streiks sind „unverantwortlich und gefährlich“, wie es schon damals im Prozess gegen die Unruhestifter hieß.

Die Angst geht um

Wenn die Kinder sich am heutigen Labor Day für die Schule fertig machen und private Spätsommer-Barbecues im Hinterhof der kommunalen Solidarität Platz gemacht haben, ist die Langzeitarbeitslosigkeit in den USA so hoch wie seit 80 Jahren nicht mehr. Die Lage ist so schlimm wie seit der Großen Depression der dreißiger Jahre nicht mehr.

Mindestens 30 Millionen Amerikaner sind arbeitslos, arbeiten zwangsweise in Teilzeit oder haben die Suche nach einem Job völlig aufgegeben. Zugleich gibt es einen gewaltigen Druck auf die Löhne, da selbst in Unternehmen, die saftige Profite machen, die Löhne eingefroren oder sogar gekürzt werden. Die Unternehmen sitzen auf 1,8 Billionen Bargeld und haben herausgefunden, dass mit höherer Produktivität und weniger Arbeitern dicke Gewinne zu machen sind und man gleichzeitig Leute entlassen kann. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes geht um.

Aber der Instinkt, sich zur Wehr zu setzen, stirbt nie. Die harten Auseinandersetzungen finden heute zumeist in Ländern wie China oder Lateinamerika statt, wohin die US-Firmen ihre Produktion verlagert haben. In den Staaten selbst nimmt der Klassenkampf unterdessen andere Formen an. So sind die Konflikte um illegale Einwanderung ebenso Ausdruck desselben wie die Sitzstreiks von Sacco und Vanzetti in den Dreißigern.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:30 06.09.2010
Geschrieben von

Clancy Sigal | The Guardian

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Ausgabe 38/2020

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