Zero Covid? Wird immer schwieriger

China Zu den Olympischen Winterspielen in Peking werden Corona-Schutzmaßnahmen verschärft. Funktioniert die Strategie?
Vorkehrungen am Flughafen Peking: maximaler Abstand zu den Olympiateilnehmern
Vorkehrungen am Flughafen Peking: maximaler Abstand zu den Olympiateilnehmern

Foto: Stanislav Krasilinikov/Imago Images

Wie viele aus der chinesischen Mittelschicht verbrachte eine 26-jährige Bankerin aus Peking die ersten beiden Wochen im Januar damit, Neujahr zu feiern. Sie kaufte bei Dior ein, shoppte bei Walmart, ging gegen Mittag ins „Quanjude“, ein renommiertes Pekingenten-Restaurant. Sie gönnte sich abends eine Stand-up-Comedy-Show und fuhr mit Freunden außerhalb der Hauptstadt Ski. Mitte Januar nannten sie die Behörden dann Pekings „Omikron-Patientin Zero“. Veröffentlicht wurde eine detaillierte Auflistung ihrer Aktivitäten nach dem 31. Dezember. Ihr gewiss etwas extravaganter Lebensstil wurde zum großen Thema, ebenso der Umstand, dass sie dreifach mit Sinovac, neben Sinopharm der zweite chinesische Impfstoff, immunisiert war.

In einer Metropole, die das Coronavirus völlig eliminieren will, hieß das, mehr als 13.000 Menschen an allen Orten, die von der Bankerin besucht wurden, waren zügig zu testen. Ein ganzer Wohnblock wurde abgeschottet. In Pressekonferenzen drängten die Behörden die Menschen in einer Stadt mit mehr als 20 Millionen Einwohnern zur Vorsicht. Zugleich versicherten sie, dass Maßnahmen getroffen würden, um ihre Sicherheit zu garantieren.

Eine knappe Woche nach dem 15. Januar hatte Peking weniger als zehn lokale Infektionen mit Delta- und Omikron-Varianten gemeldet, verglichen mit dem Rest der Welt ist das winzig, aber genug, um kurz vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele am 4. Februar Alarm auszulösen. Nur zwei Tage nach der Entdeckung von „Omikron-Patientin Zero“ versprach Präsident Xi Jinping bei einer virtuellen Ansprache für das Weltwirtschaftsforum in Davos: China werde „der Welt modernisierte, sichere und glanzvolle Spiele präsentieren“.

Entsprechend wurde die Bevölkerung aufgefordert, trotz des Anfang Februar anstehenden Mondneujahrsfestes nicht zu reisen, auch wenn kaum Verbote ausgesprochen wurden. Doch gelten zahllose Regeln und Vorschriften. Besonders Studenten und Menschen, die weit entfernt von zu Hause arbeiten, mussten sich entscheiden, ob sie zu den Feiertagen in ihre Heimatprovinz reisen wollten.

Immerhin müssen sie damit rechnen, dass ihnen die Rückkehr nach Peking versperrt sein kann oder eine nur schwer finanzierbare Hotelquarantäne droht. Unternehmen boten ihren Angestellten an, dass Überstunden an den Festtagen bezahlt würden, sollten sie auf eine Heimreise verzichten.

Virus auf Paketen aus Kanada?

Je näher die Olympischen Spiele rückten, desto weniger Toleranz zeigten die Behörden. Unter anderem wurden Zugverbindungen storniert und die Ticketverkäufe für die Wettkämpfe gestoppt. Einige Städte verweigern Olympiabesuchern aus Ländern, die als Virus-Hotspots eingestuft sind, bis auf Weiteres die Einreise, während andere verpflichtende Tests und spezielle Einreiseanträge vorschreiben. Parallel dazu machte Pekings Stadtverwaltung Pakete aus Kanada für Infektionen verantwortlich und forderte die Bürger auf, keine Versandgüter mehr aus dem Ausland zu bestellen. Mitarbeiter des Gesundheitswesens im kanadischen Ottawa wie diverse Experten nannten es „sehr unwahrscheinlich“, dass es auf diesem Weg zu Übertragungen gekommen sei. Doch ließen die chinesischen Behörden wissen, sie hätten das Virus auf sechs weiteren Sendungen aus Toronto gefunden.

Noch ist unklar, ob Peking einen Ausbruch wie im nahe gelegenen Tianjin in den nächsten Wochen vermeiden kann. In jedem Fall rückt das Land wegen der Nulltoleranzstrategie und der Olympischen Spiele erneut ins internationale Scheinwerferlicht. Die kontrovers diskutierte Methode war in den vergangenen zwei Jahren sehr erfolgreich – verbunden freilich mit hohen persönlichen und sozialen Kosten. „Die Entdeckung der Omikron-Variante in vielen Städten inklusive Peking zeigt, wie schwierig es sein könnte, die No-Covid-Politik durchzuhalten“, sagt der Virologe Jin Dong-yan von der Universität Hongkong.

Ohne eine Kursänderung – und dafür war es vor den Winterspielen zu spät – erwarten Experten, dass die Maßnahmen zunächst noch verschärft werden. Bereits Anfang Januar forderte die Verkehrsbehörde von Peking die Leute auf, sich im Fall eines Autounfalls von den Fahrzeugen fernzuhalten, die Athleten zu den Austragungsorten der Winterspiele bringen und abholen. Die olympischen Wettkämpfe finden wie im Sommer 2021 in Tokio in einer „Blase“ statt, sodass die Athleten ihre Wohn- und Sportstätten nicht verlassen dürfen.

Das ändert nichts an der Meinung von Experten, dass sich die Nulltoleranzpolitik auf Dauer nicht durchhalten lässt. Omikron könne sie noch schwieriger machen. „China ist ein zu großes Schiff, um leicht die Richtung zu ändern. Es fehlt an Weisheit und den Möglichkeiten, das so geschickt wie Hongkong oder Taiwan zu tun. Es ist beides, eine Herausforderung und kostspielig, die Maßnahmen beizubehalten oder aufzugeben“, sagt Jin Dong-yan.

Chen Xi, Gesundheitsexperte von der Universität Yale, gibt zu bedenken: „Viele glauben, China setze nur auf Nulltoleranz, tatsächlich wartet man auch ab und beobachtet die Lage.“ Vielen chinesischen Experten sei klar, dass die Krankheit sich entwickele. Sie hätten das Gesundheitssystem im Blick und untersuchten, ob es Schaden nehme. Chen Xi: „Es ist wichtig, solche Daten zu haben, bevor Peking am Ende entscheidet, sich Schritt für Schritt zu öffnen.“ Zuletzt drängten die Spezialisten, sich boostern zu lassen. In einer landesweit verbreiteten Rede erklärte soeben mit Zhang Wenhong einer der besten Virologen des Landes, wie Impfungen Hospitalisierungen und Todesfälle reduzieren. „Wir sollten Debatten über Impfungen zulassen, aber ohne die Rolle der Vakzine zu unterschätzen“, sagte er vor Publikum in Schanghai. „Wenn wir nicht aktiv eine Immunabwehr aufbauen, kann sich eine Pandemie wiederholen, wie es sie 1918 gab.“

Helen Davidson ist Korrespondentin in Taiwan, Vincent Ni ist China-Autor des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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