Clicktivisten gegen Murdoch

Online-Aktivismus Auch die Mitglieder von Avaaz gehen jetzt auf die Straße. Sonst organisieren sie Massenpetitionen im Internet - was Kritiker für zu simpel und wirkungslos halten

Rupert Murdoch bohrt in seiner riesigen Nase, öffnet die Tür des Taxis und steigt aus, um die Menge von Journalisten, Demonstranten und Polizisten zu begrüßen, die sich vor Portcullis House im Londoner Stadtteil Westminster versammelt hat. Es ist Dienstagnachmittag halb zwei und in Kürze werden Rupert Murdoch und sein Sohn James drei Stunden lang in diesem Gebäude Abgeordneten des britischen Unterhauses Rede und Antwort stehen müssen. Murdoch lächelt in die Menge, lässt sich fotografieren und schreitet auf die Drehtür zu.

Aber irgendetwas stimmt nicht, angefangen mit der unnatürlich großen Nase. Auch die Augen, Ohren und Wangen sind zu groß. Hat Murdoch Mumps? Und warum trägt sein Begleiter ein Schild mit der Aufschrift: „Murdoch: Wanted For News Crimes"?

Hinter dieser überdimensionalen Murdoch-Maske steckt der Mediendirektor der Online Pressure Group Avaaz in Großbritannien, Sam Barratt; der Mann, der das Plakat trägt, ist seine Kollegin Amy Barry und dieser surreale Auftritt ist der jüngste in einer Reihe von Protesten gegen Rupert Murdochs erdrückende Macht über die britischen Medien. In den vergangenen Wochen waren die Masken rund um den Londoner Parliament Square, vor der dem Gebäude der News of the World und dem Kulturministerium häufig zu sehen.

Schlechte Presse für Clicktivisten

Die 2007 gegründete Gruppe Avaaz, die hinter diesem Protest steckt, ist allerdings nicht in erster Linie für diese Form der direkten Aktion bzw. jedwede Aktion außerhalb des Cyberspace bekannt. Die meisten kennen Avaaz nur als die Gruppe, die all diese Online-Petitionen organisiert und jeden, der über einen Internetzugang und ein Gewissen verfügt dazu drängt, Politikern E-Mails zu Themen zu schicken, die von der Homophobie in Uganda bis hin zum Verbot von Genmais in der EU und politischer Korruption in Brasilien reichen. Avaaz – was auf Farsi und anderen Sprachen „Stimme“ bedeutet – hat sich im Laufe ihrer Arbeit bereits eine beachtliche Anhängerschaft erworben. Fast 10 Millionen Menschen in 193 Ländern haben sich bislang an ihren nahezu 46 Millionen E-Mail-, Telefon- und Spendenaktionen beteiligt.

Ein Teil dieses Erfolgs lässt sich sicherlich damit erklären, dass es sehr einfach ist, sich bei Avaaz zu beteiligen. Man muss nur auf die Seite gehen und eine Petition finden, die einen interessiert: Eine Petition zu unterstützen erfordert dann nicht mehr als die Eingabe der E-Mail-Adresse. Daraus resultiert dann zweierlei: Die Zielperson oder -Organisation bekommt eine standardisierte Mitteilung im Namen des Absenders und man trägt sich automatisch in eine Mailingsliste ein, über die man über künftige Avaaz-Kampagnen informiert wird. Wenn einen eine bestimmte Kampagne besonders interessiert, kann man ihr auch schnell weitere Verbreitung verschaffen, indem man auf die Social Media Tabs klickt. Dadurch werden dann im Gegenzug auch Einzelheiten über die Petition auf der eigenen Facebook-Seite oder dem eigenen Twitter-Feed gepostet.

Der "Clicktivismus" – wie Avaaz' Form des Aktivismus manchmal genannt wird –ist so einfach, dass er oft schlechte Presse erhält. Zyniker argumentieren, dass die Unterschrift unter eine Online-Petition oder der Beitritt zu einer Facebook-Seite nur wenige Sekunden in Anspruch nimmt, wenig erreiche und die Clicktivisten nicht dazu anhalte, sich sorgfältig und eingehend mit den betreffenden Themen auseinanderzusetzen. Micah White schrieb im vergangenen Jahr im Guardian (hier auf dt. beim Freitag), Avaaz befasse sich oft lediglich mit Mainstream-Themen und schließe Interessen von Minderheiten aus: „Sie sind der Walmart des Aktivismus … und bringen radikale Stimmen zum Schweigen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen.“ Der Internet-Theoretiker Evgeny Morozov ging sogar noch weiter und nannte Leute wie Avaaz "slacktivists", [slack bedeutet im Englischen soviel wie schlaff, lau oder lustlos], weil sie seiner Meinung nach vormals engagierte Aktivisten faul und selbstgefällig machten.

Einsätze werden minutiös geplant

Ein anderer Kritikpunkt ist die Themenvielfalt mancher Clicktivist-Webseiten. Dass die verschiedenen Aktionen der Gruppe thematisch oder geographisch oft nichts mit einander gemeinsam haben, hat ihr den Vorwurf der Stümperhaftigkeit eingebracht.

Avaaz wiederum bittet um eine differenziertere Betrachtung. Die Gruppe argumentiert, ihre Arbeit habe zu einem großen öffentlichen Engagement beigetragen und über die Sphäre des Internet hinaus gewirkt. Als Beispiel fällt ihr dann aber doch nur die Anti-Murdoch-Kampagne ein. „Unser Aktivismus hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, den Aufkauf der restlichen BSkyB-Aktien durch Murdoch zu verzögern, bis er durch den jüngsten Skandal unmöglich gemacht wurde“, entgegnet mir der in New York lebende Avaaz-Gründer Ricken Patel via Skype.

Im November 2010 schickte Avaaz zusammen mit der Gruppe 38Degrees 60.000 E-Mails an die britische Medienregulierungsbehörde Ofcom, während diese gerade offiziell einen mögliche Übernahme von BskyB durch Murdoch überprüfte. Kurz vor Neujahr forderten 50.000 der 700.000 britischen Avaaz-Mitglieder Premierminister David Cameron und Kulturminister Jeremy Hunt via E-Mail auf, den Unternehmenszusammenschluss einer umfassenden Untersuchung zu unterziehen. Nachdem Hunt Anfang März zu dem Schluss gekommen war, die Fusion würde die redaktionelle Unabhängigkeit von Sky nicht kompromittieren, mobilisierte Avaaz weitere 40.000 Nachrichten und organisierte mehrere Aktionen wie Mahnwachen vor den Royal Courts of Justice und Hunts Wahlkreisbüro. Avaaz hält sich zugute, so mit dafür gesorgt zu haben, dass die Entscheidung über die Unternehmensfusion bis September verschoben, dann an das Kartellamt übergeben und schließlich von Murdoch ganz aufgegeben wurde.

Avaaz-Einsätze werden minutiös geplant. Ich sitze in einer 90-minütigen, interkontinentalen Skype-Konferenz (eine von zwei, die der etwa 20 Mitglieder umfassende Kern der Gruppe zweimal pro Woche abhält) und bin erstaunt darüber, wie detailliert sie alle möglichen Einzelheiten besprechen. Es entspannt sich eine lebhafte Debatte zwischen Aktivisten in New York und Mallorca darüber, welche Zeichen die Londoner Demonstranten verwenden und was auf ihren Schildern stehen soll. Transparent oder Plakat? „News criminal“ oder „news crime“? Alles wird schnell und systematisch entschieden, bis am Ende ein 2.000 Wörter starkes Protokoll steht, das Themen wie die Staatlichkeit Palästinas, Korruption in Indien und natürlich den britischen Journalismus umfasst.

Seit 2009 hat Avaaz kein Geld von Stiftungen oder Unternehmen mehr angenommen und Einzelspenden auf maximal 5.000 Dollar begrenzt. Die Gruppe verlässt sich vollständig auf die Großzügigkeit seiner Mitglieder, die bislang über 20 Millionen Dollar gespendet haben. Ein Großteil dieses Geldes fließt in einzelne Kampagnen. In diesem Jahr wurden 1,5 Millionen Dollar gesammelt, um Bürgerjournalisten in der arabischen Welt mit Handkameras auszustatten – viele der Aufnahmen, die gegenwärtig aus Syrien kommen, wurden durch Kameras von Avaaz ermöglicht.

In Großbritannien wollen die Aktivisten sich nicht auf ihrem Erfolg ausruhen. Avaaz plant für die kommenden Tage eine Kampagne in den USA, um darauf zu dringen, dass Murdoch vor einen Ausschuss des Kongresses zitiert wird. Im Vereinigten Königreich fordert die Gruppe eine Veränderung der Medienregulierung, die Stärkung der Press Complaints Commission und die Gewähr dafür, dass niemand mehr als 20 Prozent der britischen Medien besitzt. Ob die Kampagne ihre gegenwärtige Dynamik beibehalten kann, hängt von der Lust der Mitglieder ab. „Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich glauben soll, dass alle Kollektive intelligent sind“, sagt Patel. „Aber an die Intelligenz dieses Kollektivs glaube ich definitiv.“

Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 22.07.2011
Geschrieben von

Patrick Kingsley | The Guardian

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The Guardian

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