Copy that!

Ausstellung Eine ehrwürdige Londoner Kunstgalerie versteckt unter ihren alten Meistern ein Replikat aus China – im Internet bestellt für 150 Euro. Erkennt man das?
Maev Kennedy | Ausgabe 05/2015

Vom Konzeptkünstler Doug Fishbone stammt die Idee, Laien und Kunstkritiker vor eine vielleicht demütigende Aufgabe zu stellen: Wer findet unter all den Originalen die eine Kopie? Und so bestellte er zusammen mit der Londoner Dulwich Picture Gallery ein Replikat bei einer chinesischen Werkstatt im Internet. Ab Februar wird das Gemälde Made in China zusammen mit der hauseigenen Sammlung präsentiert.

Xavier Bray, Chefkurator der Galerie, die auf alte Meister spezialisiert ist, war von der Qualität der Arbeit überrascht: „Als sie hier ankam, waren wir zunächst begeistert. Doch als ich die Probe machte und sie neben das Urbild hielt, konnte man den Unterschied sofort erkennen.“

Die Dulwich Picture Gallery gibt keinerlei Hinweise auf Größe, Entstehungsdatum oder Motiv des zu findenden Gemäldes. Allein der Preis könnte einen Anhaltspunkt liefern: Wie schon ein alter Meister selbst, orientierte sich das chinesische Studio an der Größe und der Komplexität des Werks. Ursprünglich sollte die Kopie knapp 200 Euro kosten. Doug Fishbone schaffte es, den Preis auf 15o zu drücken.

Das 5-Millionen-Kopien-Dorf

Das Bild stammt von der Meisheng Oil Painting Manufacture Company. Das Unternehmen beschäftigt 150 Künstler und Kunststudenten, die zur Finanzierung ihrer eigenen Arbeit für Kunden aus der ganzen Welt den Stil von Botticelli, Van Gogh oder Picasso nachahmen. Streng genommen handelt es sich bei diesen Werken nicht um Fälschungen, da das Studio sorgfältig darauf achtet, dass die Größe der Reproduktionen ein klein wenig von denen der Originale abweicht. Hier werden Gemälde aus allen Epochen und jeder Kunstrichtung wie am Fließband hergestellt. In der Provinz Fujian gibt es mittlerweile Hunderte Ateliers, die sich auf die Anfertigung von Replikaten spezialisiert haben. Schätzungen zufolge werden allein im Dorf Dafen fünf Millionen Kopien pro Jahr hergestellt.

Fishbone und Bray hoffen, dass sie das Studio einmal besuchen und den Künstler oder die Künstlerin treffen können, der oder die ihr Bild gemalt hat. Für die Londoner Schau haben sie es aber bewusst übers Internet bestellt. Sie fotografierten das Original mit der größtmöglichen Auflösung digital, schickten die Bilddaten nach China und erhielten das Gemälde dann ganz old school mit der Post.

„Da dies der übliche Weg ist, auf dem die Bilder heutzutage bestellt werden, wollten wir es genauso machen“, sagt Doug Fishbone. Die Werke des gebürtigen New Yorkers, der in London ausgebildet wurde und heute in Hackney lebt, enthalten oft komische Elemente. Wie alle seine Arbeiten soll aber auch das Projekt Made in China nicht nur ein Gag sein. „Die Message ist nicht einfach ,Hey, wer findet die Kopie‘. Es geht um die Frage, wie wir Kunstwerke betrachten, begreifen und bewerten. In dieser alteingesessenen Galerie erhält das Bild eine gewisse Provenienz, und es ist spannend zu sehen, ob das seinen Wert verändert.“ Zugegebenermaßen findet er die Sache aber auch ziemlich lustig. Der Museumsshop soll während der Laufzeit T-Shirts mit dem Bekenntnis I failed to spot the replica („Ich hab die Kopie nicht erkannt“) verkaufen.

Dulwich hat seinen Sitz im ältesten Kunstgaleriegebäude der Welt und verfügt unter anderem über Bilder von Rembrandt, Peter Paul Rubens, Giambattista Tiepolo, Bartolomé Esteban Murillo und Nicolas Poussin. Die Sammlung wurde Ende des 18. Jahrhunderts von den Kunsthändlern Noël Desenfans und Sir Francis Bourgeois zusammengestellt, die ganze Schiffsladungen voller Gemälde erwarben, um für den König von Polen eine standesgemäße Sammlung zusammenzustellen. Als sie schließlich fertig waren, war aber der König mitsamt seinem Reich verschwunden. So wurde die Kollektion dem Dulwich College übergeben und schließlich in einem eigens dafür errichteten Galeriegebäude untergebracht.

Die Sammlung enthält reihenweise unstrittige Meisterwerke, darunter ein kleiner Rembrandt, der den zweifelhaften Titel des am häufigsten gestohlenen Gemäldes der Welt trägt. Und doch sind auch viele Bilder darunter, die als Originale gekauft wurden, später dann aber zurückgestuft werden mussten. Einst wähnte sich die Galerie etwa im Besitz von fünf Tizians, von denen heute kein einziger mehr übriggeblieben ist. Dass ihr Venus und Adonis zumindest teilweise rehabilitiert und als gelungene Version aus der Werkstatt des Meisters eingestuft wurde, bleibt da nur ein kleiner Trost. Und von fünf Van Dycks ist auch nur einer unangefochten. Bei allen anderen finden sich heute einschränkende Ergänzungen: „stammt aus dem Atelier von Anthonis van Dyck“, „wird Van Dyck zugeschrieben“, „nach Anthonis van Dyck“ und „im Stile von Van Dyck“. Serienproduktion ist also kein ganz neues Thema.

Die Schau Made in China: A Doug Fishbone Project wird am 10. Februar bei Dulwich eröffnet. Nach drei Monaten gibt die Galerie bekannt, um welches Bild es sich handelt, und präsentiert es in einer gesonderten Ausstellung – zusammen mit einigen anderen Gemälden aus der hauseigenen Sammlung, denen eine Kleinigkeit zum Original fehlt

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 03.02.2015
Geschrieben von

Maev Kennedy | The Guardian

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