Da hilft kein Bodybuilding mehr

Charisma Schlechte Umfragen: Auch als Gouverneur von Kalifornien hat Arnold Schwarzenegger jeden Schlag weggesteckt. Jetzt könnte die Wirtschaftskrise den Terminator bezwingen

Für jemanden, der schon dreimal - als Bodybuilder, Filmstar, und Politiker – Karriere gemacht hat, ist sich Arnold Schwarzenegger relativ treu geblieben. Seine Arbeitsphilosophie erläuterte er im Dokumentarfilm Pumpin Iron von 1977, in dem er erklärte, wie er es geschafft hat, solche gigantischen – einige werden auch sagen absurden – Muskelmassen anzuhäufen.

"Die Schmerzgrenze überwinden, das ist, was die Muskeln wachsen lässt", sagt er dort mit dem unverkennbaren österreichischen Akzent, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. "Da ist dieser Schmerz, dieses Stechen, und du machst einfach immer weiter und weiter. Das unterscheidet einen Champion von einem Nicht-Champion – er hat den Mumm, über die Schmerzgrenze hinauszugehen."

Diese Herangehensweise, die man "repetitiven Masochismus" nennen könnte, wandte er auch auf seine Hollywood-Karriere an. In Terminator, dem Film, der ihn 1984 zum Megastar machte, spielt er im Grunde sich selbst in Gestalt eines Roboters. Der arme, alte Cyborg wird beschossen und in die Luft gesprengt, bei einem Motorrad-Unfall zerquetscht, von einem LKW überfahren und verbrannt, bevor er schließlich in zwei Teile zerrissen wird. Nach jeder der vermeintlich finalen Katastrophen steht er ganz ruhig wieder auf, klopft sich den Staub von der Schulter und wendet sich wieder seinem (äußerst gewalttätigen) Ziel zu. It's all about pain, stupid!

Die Aura des Zweifels

Und jetzt, in seiner gegenwärtigen Rolle als Gouverneur von Kalifornien, wiederholt sich das Ganze. Schwarzenegger ist der T800 der US-amerikanischen Politik. Er hat Rückschläge weggesteckt, die einen anderen schon lange zur Aufgabe gezwungen hätten. So beispielsweise im Jahr 2005, als er sich mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes anlegte und grandios scheitere. Was machte er? Er stand in aller Ruhe auf, klopfte sich den Staub von den Schultern, erfand sich in Gestalt eines umweltfreundlichen, überparteilichen Brückenbauers neu und lieferte damit, wie manche sagen, den Prototyp für Barack Obamas Präsidentschaft.

Es funktionierte. Innerhalb eines Jahres war er zurück (genau wie er in all diesen Filmen immer versprochen hatte), hängte seinen demokratischen Herausforderer in den Umfragen ab und wurde für vier weitere Jahre wiedergewählt. Er schien, als sei er nicht tot zu kriegen.

Das hat sich nun geändert. In den vergangenen Tagen hat sich eine Aura des Zweifels an Arnie geheftet, die sich qualitativ von den vorherigen Rückschlägen zu unterscheiden scheint. Die Schmerzgrenze, die er nun vor sich hat, scheint so entmutigend, dass enge Beobachter sich nicht sicher sind, ob er auch diesmal den Mumm aufbringen wird, sie zu überwinden.

Gigantisches Staatsdezfizit

Als Gouverneur des bevölkerungsreichsten Bundesstaates der USA trägt Schwarzenegger die Verantwortung für 37 Millionen Menschen und die Last der weltweit neuntgrößten Volkswirtschaft auf seinen immer noch muskulösen Schultern. Bis vor einem Jahr kam ihm Kaliforniens üppiger Wohlstand zugute, der den Staatssäckel füllte und es Schwarzenegger ermöglichte, seine ebenfalls recht großzügigen Ambitionen zu verfolgen.

Seitdem ist aber die kalifornische Wirtschaft zusammengebrochen und hat nicht nur sein Budget, sondern womöglich auch seine Reputation mit in den Keller gerissen. Die Zahlen sind verheerend. Es wird davon ausgegangen, dass das Staatsdefizit in diesem Sommer die Marke von 21 Milliarden und im kommenden Jahr sogar sagenhafte 40 Milliarden Dollar erreichen wird. Drastische Haushaltskürzungen scheinen unvermeidlich. Zehntausende Lehrer und Feuerwehrleute könnten ihre Arbeitsplätze verlieren, nahezu 40.000 Gefangene könnten vorzeitig aus der Haft entlassen und die Sozialleistungen für die ärmsten Kalifornier gekürzt werden. Schwarzeneggers Umfragewerte, die einst so gut waren wie die Summen, die seine Hollywood-Filme einspielten, sind auf George Bush-mäßige 33 Prozent gesunken.

"Dieses Mal sieht es ganz danach aus, als sei es für ihn endgültig vorbei", sagt Schwarzeneggers Biograph Laurence Leamer. "Er sagt, dass alles, was er im Leben gelernt habe, aus dem Bodybuilding gekommen sei: die Haltung, niemals aufzugeben, sondern immer weiterzumachen, um am Ende dann als Gewinner dazustehen. Aber das funktioniert jetzt einfach nicht mehr. Das Ausmaß der Krise übersteigt bei weitem seine Möglichkeiten."

It never rains in southern california?

Um Schwarzenegger Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss jedoch gesagt werden, dass seine gegenwärtige Misere zu großen Teilen auf die Eigentümlichkeiten des Landes zurückzuführen sind, die Kalifornien so schwer regierbar machen. Der "Goldene Staat" neigt dazu, die Höhen und Tiefen, wie sie in anderen, weniger extremen Teilen der USA zu spüren sind, noch deutlich zu verstärken. Es ist dem Klischee nach der Inbegriff des amerikanischen Traumes: In guten Zeiten läuft es, wie Arnie sagen würde, fantastic!, in schlechten Zeiten ist die Situation in Kalifornien dann aber auch gleich richtig mies.

Die Bürokratie des Staates tut dazu ihr Übriges. Weil in Kalifornien vieles mittels Volksentscheiden entschieden und geregelt wird, sind der Regierung oft die Hände gebunden. So wurde seit Ende der siebziger Jahre die Vermögenssteuer schrittweise immer weiter gesenkt, weshalb der Staat sich auf die Einnahmen aus der Einkommenssteuer verlassen muss. Das funktioniert, solange die Wirtschaft brummt und viele Leute einen Arbeitsplatz haben, in Zeiten des Abschwungs wird es aber zur Katastrophe für den Staatshaushalt.

Ironischerweise war es gerade ein solcher Abschwung und ein daraus resultierendes Haushaltsdefizit von 35 Milliarden Dollar, das Schwarzenegger den Eintritt in die Politik überhaupt erst ermöglichte. Die Krise half ihm, seinen demokratischen Vorgänger Gray Davis in einer durch ein Referendum bewirkten vorzeitigen Neuwahl 2003 aus dem Amt zu heben. Dass Schwarzenegger nun auch in ein solch schwarzes Loch fällt, mag man ausgleichende Gerechtigkeit nennen, es macht aber auch ein strukturelles Problem deutlich, dem er weitgehend machtlos gegenüber steht.

Mister Olympia grinst im Fallen

Nichtsdestotrotz sah Schwarzenegger während der vergangenen Wochen ungewöhnlich ratlos aus. In der Vergangenheit war es ihm immer wieder gelungen, sich aus Schwierigkeiten zu begreifen, indem er sich auf seinen legendären Charme verließ, sich seiner machiavellistischen Fähigkeit bediente, beim Gegner einen wunden Punkt auszumachen und diesen erbarmungslos auszunutzen. Einmal mehr beschreibt er auch diese Fähigkeit in Pumping Iron. In burgundfarbenen Hosen und einem gestreiften T-Shirt wird Schwarzenegger gefragt, wie er es geschafft habe, so viele Wettbewerbe zu gewinnen – er war sieben Jahre in Folge Mister Olympia, die höchste Auszeichnung im Bodybuilding überhaupt.

"Man muss alles tun, um zu gewinnen. Egal was," setzt er mit breitem Grinsen zur Erklärung an. "Wenn am Tag eines Wettkampfes mein Gegner zu mir kommt und eben so gut in Form ist wie ich, oder sagen wir mal 50 Prozent besser, dann verbringe ich eine Nacht mit ihm. Ich buche uns beiden ein gemeinsames Zimmer, um ihm für den Wettbewerb zu helfen. Die Nacht wird er nie vergessen. Ich mische ihn auf. Er wird danach bereit sein und stark. Doch wenn die Nacht vorbei ist, ist er bereit zu verlieren."

Heute ist Schwarzeneggers einschüchternder Killerinstinkt kaum noch zu spüren. Seine Taktik zur Bewältigung des Lochs im kalifornischen Haushalt bestand darin, den Wählern eine Palette neuer Vorschläge zu präsentieren, die die Bewältigung der Krise einleiten sollten. Er plädierte für Steuererhöhungen, eine Verringerung des Haushaltsdefizits, zweck-gebundene Zuwendungen an Schulen und eine Reformierung des in Misskredit geratenen kalifornischen Finanzsystems.

Als es dann aber darum ging, diese Ideen dem ohnehin schon verstimmten Wahlvolk zu verkaufen, fiel Arnie plötzlich durch Abwesenheit auf. In den TV- und Anzeigenkampagnen, mit denen die Kalifornier aufgerufen werden, diese Veränderungen in den Abstimmungen durchzubringen, war er nirgendwo zu sehen. Obwohl er persönlich fast die Hälfte der Spenden für die Kampagne aufgebracht hatte, überließ er das Reden seinen Lehrern und Feuerwehrmännern. "Es geht hier um Kaliforniens Zukunft und sein Erbe, nicht um mich", ließ er verlauten.

Zerquetscht von der Maschine

Diese bislang von dem Gouverneur unbekannte Zurückhaltung spricht in den Augen Bill Whelans von der Hoover Institution Bände. Er beriet Arnie in den Anfangszeiten seiner politischen Karriere und meint nun: "Er hat erkannt, dass er mit Zustimmungswerten von 33 Prozent nicht gerade der beste Sprecher für seine Initiativen ist. Das war schon hart – ein Star-Politiker, der sich aus dem Fernsehen fernhält."

Es kam denn auch wenig überraschend, dass die Wähler in der vergangenen Woche mit Ausnahme eines einzigen sämtliche sechs Vorschläge Schwarzeneggers abschmetterten. Zustimmung erhielt bezeichnenderweise die Einfrierung der Löhne für hohe Staatsbeamte. Diese Niederlage hat den Haushaltsplan des Gouverneurs Schwarzenegger, seine Pläne und sein potentielles Erbe zu einem Scherbenhaufen gemacht. Man erinnert sich an die Schlussszene des Terminators, in der Arnie der Cyborg, dessen elektronische Lebenskraft offenbar aufgebraucht ist, von einer hydraulischen Maschine zerquetscht wird.

Achtzehn Monate stehen Schwarzenegger bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2011 noch zur Verfügung. In der ihm verbleibenden Zeit wird er wohl gewaltige Einschnitte vornehmen müssen, von denen Millionen Menschen betroffen sein werden – mit großer Wahrscheinlichkeit auch er selbst.

Wenn er seinen Posten verlässt, wird es ihm allerdings niemand nehmen können, dass er dazu beigetragen hat, umweltpolitischen Themen auf die Agenda der USA zu verhelfen. Im Jahr 2006 ernannte die Vanity Fair den Autofanatiker, der gegenwärtig angeblich 12 Fahrzeuge besitzt – darunter auch einen auf Biodiesel umgerüsteten Hummer – zu einem ihrer grünen Helden. Darüber hinaus hat er Bahnbrechendes zur Förderung von Solarenergie, dem Schutz der Ozeane und der Durchsetzung strengerer Vorschriften für Autoabgase geleistet – Maßnahmen, die Barack Obama erst vergangene Woche USA-weit einführte.

Seine futuristischste Idee, die "Hydrogen Highway" getaufte Errichtung einer Infrastruktur von Wasserstofftankstellen, ist allerdings nicht mit der Geschwindigkeit durchgestartet, die er vorhergesagt hatte. Die gesunkenen Ölpreise haben die Anziehungskraft wasserstoffbetriebener Autos erheblich geschmälert. Nur 250 der 2.000 Fahrzeuge, die in Schwarzeneggers Vision im Jahre 2010 über die Straßen rollten sollten, sind bislang im Sunshine-State unterwegs. Nur 26 Tankstellen wurden gebaut. Bestnoten für den Versuch gibt es trotzdem.

Inkarnationen

Schwarzeneggers Hoffnungen, sein Erbe mit einem Vorstoß für eine allgemeine Gesundheitsversorgung und einem Deal für die Wasserversorgung abrunden zu können, sind inzwischen gestorben. Er hat sogar schon davon geredet, er wolle die Küste vor Santa Barbara für Öl-Bohrungen freigeben. Dieser seiner Öko-Botschaft völlig abseitige Zug stinkt geradezu nach Verzweiflung. "Die Ölfirmen wedeln mit fetten Dollarscheinen vor einem Staat herum, der knapp bei Kasse ist. Das ist sehr, sehr verlockend für ihn", meint Dan Jacobson von der Umweltgruppe Environment California.

Angesichts seines gefährdeten Nachruhms wird Schwarzenegger sich wohl auch von jeglicher Hoffnung verabschieden können, einmal höhere politische Gefilde zu erklimmen. Seit Jahren gehen Gerüchte um, er würde gerne in den US-Senat überwechseln. Nach seiner mitreißenden Rede vor der Republican National Convention sprach man im Kreis erlesener Parteigrößen sogar davon, der Verfassung einen Anhang anzufügen, der nicht gebürtigen Amerikaner gestattet, für die Präsidentschaft zu kandidieren.

Doch all dies scheint inzwischen nur noch müßige Theorie zu sein. Schwarzenegger selbst geht mit Spekulationen über derartige Ziele ironisch-distanziert um. Sein Geist sei offen für eine seine nächste Inkarnation, erklärte er. Er könne ein Buch schreiben, sich erneut im Bodybuilding versuchen oder sich weiterhin für die Umwelt engagieren. Whelan sieht Schwarzeneggers Zukunft in einer eigenen Stiftung oder Initiative oder vielleicht in einer Funktion für die Regierung Obama.

Digitale Wiedergeburt

Möglicherweise könnte er sogar ins Filmgeschäft zurückkehren. Kürzlich sagte er in einem Interview, er sei für alles zu haben, so lange die Öffentlichkeit es wolle. "Sie müssten einfach nur sagen: ‚Hey Schwarzenschnitzel, ich finde, du solltest zurück ins Filmgeschäft und True Lies 15 machen."

Diesen Monat kehrt Schwarzenegger tatsächlich auf gewisse Weise auf die Leinwand zurück. Sein Konterfei ist kurz im neuen Terminator-Film Terminator Salvation zu sehen. Da der Gouverneur von Kalifornien nach eigener Aussage zu beschäftigt mit seiner tagtäglichen Arbeit war, um in Persona bei den Dreharbeiten zu erscheinen, wurde er digital neu erschaffen und sieht nun aus wie vor 15 Jahren. Mit dem Lernen seines Textes oder vor der Kamera hat er zwar keine Minute verbracht und auch das Set hat er nie gesehen. Dennoch konnte er all die Vorzüge genießen, die es mit sich bringt, wenn die eigene Erscheinung von der Leinwand auf die Menschen herabschaut. Angesichts seiner gegenwärtigen Lage wird diese Art der mühelosen Arbeit sicherlich ihren Reiz für ihn haben.

Übersetzung: Zilla Hofman /Holger Hutt

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10:00 31.05.2009
Geschrieben von

Ed Pilkington, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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