Da war doch was

Spukhäuser Geister gibt's eigentlich nicht - oder doch? Die Fotografin Corinne Botz hat Häuser besucht, in denen es spuken soll. Und sich die Geschichten dazu erzählen lassen

Meine Bilder-Serie Haunted Houses wurde von der Geisterfotografie der Jahrhundertwende und von viktorianischen Spukgeschichten inspiriert. Diese Geschichten wurden im 19. Jahrhundert meist von Frauen geschrieben, die auf diese Weise auch ihr Unbehagen an dem steifen und hierarchischen Familienleben thematisierten.

Ich habe versucht, mir diese Tradition beim Fotografieren der Orte, an denen sich Geister herumtreiben sollen, bewusst zu machen. In meinen Bildern streife ich durch über 800 Häuser in verschiedenen Gegenden der USA. Es geht dabei um die Erkundung der häuslichen Sphäre. Man sieht die Einrichtungen von Menschen mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen. Und ich beschäftige mich zugleich mit mündlich überlieferten Geschichten und der Frage, wie Erinnerungen oder Traumata sich in Räumen ausdrücken können.

Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die Dokumentar-Tradition. Ich benutze die Kamera als Werkzeug, die Umwelt zu beobachten. Aber natürlich verändert die Kamera auch das, was sich vor der Linse befindet und so schleicht sich immer ein Stück Fiktion in die Arbeiten ein. Durch die genaue Beobachtung der Oberfläche bekommt man bei vielen Bildern den Eindruck, dass da noch etwas fehlt, dass da noch etwas mehr sein könnte. Es entsteht ein Raum, in dem der Betrachter sich das Nicht-Sichtbare vorstellen kann. Sei es ein Geist oder etwas anderes.

Der Widerhall der Vergangenheit

Die kursierenden Vorstellungen von Geistern und Spuk erzählen viel über zwanghaftes Erinnern, über Verlustgedanken und den Widerhall der Vergangenheit in der Gegenwart. Zu den fotografierten Objekte zählen einige berühmte "Geisterhäuser", die auch in Reiseführern stehen. Am interessantesten waren für mich aber Privathäuser und Begegnungen mit ganz "gewöhnlichen Leuten", die mit Geistern "leben".

Bei Besuchen in Privathäusern wollte ich wissen, wie die Anwesenheit eines Geistes wahrgenommen wird und wie Gespenster das "Sicherheitsgefühl" der Leute beeinflussen. Ich fotografierte mit einer Großformat-Kamera und ließ mir die Geistergeschichte jedes Hauses von den Bewohnern möglichst ausführlich erzählen. Es ist spannend, wie viel allgemeine Historie in den Erzählungen gespeichert ist.

Besonders auffällig fand ich die enge Verknüpfung von Geist und Haus. Die meisten Bewohner stecken viel von ihrer Persönlichkeit in ihre Häuser. Diese überdeterminierte Beziehung zwischen Umwelt und dem eigenen Selbst versinnbildlichen oft Geister, die als ewig an bestimmte physikalische Strukturen gebunden gelten – der Hausgeist verleiht dem Ort Individualität.

Viele leben gern mit einem Geist

Interessant ist aber auch der Aspekt des Teilens eines Ortes. Die Offenheit und Bereitschaft der Menschen, ihre Häuser mit einem Geist zu teilen, hat mich überrascht. Viele denken gar nicht darüber nach, den Geist loszuwerden. Sie sind überzeugt, friedlich mit einem Geist zusammenleben zu können, solang dieser verstanden und anerkannt wird.

Eine der Familien mit Geist lebt seit über 40 Jahren in ihrem Haus in Gerard, Pennsylvania. Als die Familie einzog, wusste sie, dass dort in den Dreißigern ein Geschwisterpaar gewaltsam getötet worden war. Über die Jahre machte die Familie ihrer Erzählung nach zahlreiche Erfahrungen mit einem Geist. Sie glaubt, dass es der Geist des ermordeten Mädchens sein könnte. Eines Nachts zum Beispiel ertönte lauter Krach und alle Gegenstände im Schlafzimmer wurden durch die Luft geworfen. Trotzdem hatte die Familie nie Angst, sondern echtes Mitgefühl für die ehemalige Bewohnerin – wegen der Ungerechtigkeit, mit der ihr Leben endete.

Die Familie räumte dieser Frau in ihrem Alltag einen Platz ein, in Gesprächen wurde sie oft erwähnt. Die Tochter behauptete später sogar, den Geist bei ihrem Auszug mitgenommen zu haben, weil sie ihn am liebsten mochte. Hier deutet sich die Funktion an, die die Vorstellungen von Geistern haben können. Sie helfen, Erinnerungen mittels mündlicher Überlieferungen zu bewahren und auf diese Weise dem Leben gewöhnlicher Menschen zu gedenken – oft besonders solcher, die in unserer Gesellschaft zeitlebens am Rand standen – jener Menschen, die nie in Geschichtsbüchern erwähnt werden.

Ein Pfarrer sieht Geister

Eine andere denkwürdige Begegnung hatte ich während meiner Recherchen mit Charles, einem episkopalischen Geistlichen, der seit 36 Jahren Pfarrer einer Kirche in Irvington-on-Hudson im Staat New York ist. Man sollte meinen, ein Mann der Kirche glaubt nicht an Geister – höchstens an Engel.

Charles, seine Familie und einige Gemeindemitglieder behaupten aber, dem Geist (bei dem es sich angeblich um die verstorbene Frau eines früheren Pfarrers handelte) persönlich begegnet zu sein. Das Gespräch mit Charles war vor allem deshalb etwas Besonderes, weil er über einen philosophischen Überbau verfügte, mit dem er seine spirituellen Erlebnisse erklären konnte.

Charles redete über Zeitreisen, Relativität und den Raum. Ihm zufolge sind wir alle miteinander verbunden, Himmel und Erde, verschiedene Welten, nur durch eine dünne Linie voneinander getrennt. Dies vorausgesetzt, wäre es dann gar nicht weiter überraschend, wenn mal ein Geist für einen Besuch vorbeikäme – warum auch nicht!

Corinne May Botz arbeitet als Fotografin und Kunsthochschul-Dozentin in New York. Ihr Buch Haunted Houses, aus dem die hier gezeigten Bilder stammen, ist im Verlag The Monacelli Press erschienen. Auf ihrer Webseite corinnebotz.com lässt sich eine Auswahl ihrer Interviews zu Geisterhäusern als Audio-Files nachhören.

Übersetzung: Zilla Hofmann

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10:00 31.07.2011
Geschrieben von

Corinne May Botz | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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