Damit spielt man nicht

Covid-19 Ich bin Epidemiologe. Als ich von Großbritanniens Coronavirus-Plänen zur Bildung einer „Herdenimmunität“ hörte, dachte ich, das sei Satire
Damit spielt man nicht
Nichts, womit man sorglos umgehen sollte: Covid-19

Foto: Jane Barlow/POOL/AFP/Getty Images

Ihr Haus brennt, und die Personen, die für Ihre Sicherheit sorgen sollten, versuchen nicht, es zu löschen. Obwohl sie den Brand kommen sehen und bereits wissen, was mit den Nachbarn passiert ist, die im Eiltempo überwältigt wurden, hat sich die britische Regierung aus unerfindlichen Gründen dazu entschlossen, das Feuer noch weiter anzuheizen – in der irrigen Annahme, sie könne es dadurch irgendwie unter Kontrolle bringen.

Als ich das erste Mal davon hörte, konnte ich es einfach nicht glauben. Ich forsche und lehre auf dem Gebiet der Evolution und Epidemiologie von Infektionskrankheiten an der Harvard Chan School of Public Health. Meine Kollegen hier in den USA sind, selbst wenn sie von der hilflosen Reaktion der Trump-Regierung erschüttert sind, davon ausgegangen, dass Berichte über die britische Politik Satire seien – ein Beispiel für den schrägen Humor, für den das Land so bekannt ist. Aber sie sind allzu real.

Lassen Sie mich die Argumente in der Sache selbst aufgreifen. Das erklärte Ziel ist es, „Herdenimmunität“ zu erreichen, um den Ausbruch zu kontrollieren und eine verheerende „zweite Welle“ im nächsten Winter zu verhindern – selbst wenn der britische Gesundheitsminister Matt Hancock letztes Wochenende versucht hat, diesen ganz speziellen Geist wieder in zurück die Flasche zu stecken. Ein großer Teil der Bevölkerung hat ein geringes Risiko, einen schweren Infekt zu entwickeln, grob gesagt jeder bis 40. Die Überlegung besagt also, dass – obwohl wir in einer perfekten Welt natürlich nicht wollen, dass jemand das Risiko einer Infektion eingeht – die Erzeugung von Immunität bei jüngeren Menschen eine Möglichkeit ist, die Bevölkerung als Ganzes zu schützen.

Man spricht normalerweise von Impfstoffen, die eine Herdenimmunität erzeugen. Wieso also ist das hier anders? Weil es sich nicht um einen Impfstoff handelt. Es handelt sich um eine wirkliche Pandemie, die eine sehr große Zahl von Menschen krank machen wird, von denen einige sterben werden. Auch wenn die Mortalitätsrate vermutlich recht niedrig ist, ist ein kleiner Prozentsatz einer sehr großen Zahl immer noch eine große Zahl. Und die Mortalitätsrate wird steigen, sobald das Gesundheitssystem überfordert ist. Selbst wenn man großzügig davon ausgeht, dass es der Regierung gelingt, das Virus auf die risikoarme Bevölkerung zu beschränken, wäre die Zahl der Personen, die eine Intensivpflege benötigen, auf dem Höhepunkt des Ausbruchs größer als die Zahl der verfügbaren Betten. Dies wird noch dadurch verschlimmert, dass schwer erkrankte Menschen dazu neigen, längere Zeit krank zu bleiben, was die Belastung weiter erhöhen würde.

Dieses Virus ist in der Lage, Länder auszuschalten

Selbstverständlich kann man den Ausbruch jedoch nicht auf diese Altersgruppe beschränken. Denken Sie an all die Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die im Gesundheitswesen oder in Altersheimen arbeiten. Man braucht nicht allzu viele Einschleppungen in solche Arbeitsumfelder um das zu erreichen, was wir als „schwerwiegende Folgen“ bezeichnen würden. Im Bundesstaat Washington stehen beinahe alle bisher gemeldeten Todesfälle mit Pflegeheimen in Verbindung. Soll sich also jede Person aus einer Hochrisikogruppe sechs Monate lang aus der völlig ungerührt weiter laufenden Gesellschaft zurückziehen, bis er nach der Abwendung der – bisher völlig fiktiven – zweiten Welle wieder auftauchen kann?

Zu jener zweiten Welle – und lassen Sie es mich in aller Deutlichkeit sagen: Zweite Wellen sind etwas Reales, wir haben sie bei Grippepandemien beobachten können. Es handelt sich aber nicht um eine Grippepandemie. Es gelten keine Gripperegeln. Es könnte durchaus eine zweite Welle geben, ich kann es nicht ausschließen. Aber gefährdete Menschen sollten im Dienst einer hypothetischen Zukunft nicht schon jetzt einem Virus ausgesetzt werden.

Die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, bedeutet Selbstisolierung, sobald man Symptome entwickelt – wobei die offiziellen Ratschläge hier ebenfalls irreführend sind. Es ist zwar von großer Bedeutung, dass kranke Menschen zu Hause bleiben, um die Ansteckung anderer zu vermeiden, aber es wird immer evidenter, dass eine Übertragung stattfinden kann, bevor überhaupt Symptome aufgetreten sind. Wir haben diese Erkenntnis aus Modellrechnungen und Beobachtungsstudien gewonnen. Ich selbst habe das schon erlebt. Wir wissen nicht, wie oft es auftritt oder wie bedeutend es in der Epidemiologie ist – aber es kommt definitiv vor.

Allerdings gehen die Streiterein über die Sterblichkeitsrate, die Übertragungsparameter und die präsymptomatische Übertragung an der eigentliche Sache vorbei. Dieses Virus ist in der Lage, Länder auszuschalten. Man will nicht das nächste nach Wuhan, Iran, Italien oder Spanien sein. In diesen Ländern sind die Gesundheitssysteme zusammengebrochen. In Italien ist die Entscheidung, wen man retten und wen man sterben lassen will, real. Man sollte sich stattdessen ein Beispiel an Südkorea nehmen, ein Land, das durch eine Kombination aus intensiver Beobachtung und sozialer Distanzierung scheinbar eine gewisse Kontrolle über das Virus erlangt hat. Wir können von Südkorea, Singapur, Hongkong und Taiwan lernen, Länder, die alle schon gute Arbeit geleistet haben, um die schwerwiegendsten Folgen abzumildern, obwohl sie schon zu Beginn der Pandemie Fälle meldeten – und im Falle Südkoreas sogar einen erheblichen Ausbruch erleiden mussten.

Man kann sich nich einfach durch eine Pandemie wurschteln

Das Vereinigte Königreich sollte nicht versuchen, eine Herdenimmunität zu schaffen – das wird sich von selbst erledigen. Die Politik sollte darauf ausgerichtet sein, den Ausbruch auf eine (besser) beherrschbare Geschwindigkeit zu verlangsamen. Wie das aussehen kann? Massive soziale Distanzierung. Jeder, der von zu Hause aus arbeiten kann, sollte das tun. Menschen, die noch nicht von zu Hause aus arbeiten, sollten dazu ermutigt werden, dies zu tun. Die Arbeitgeber sollten die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall garantieren – auch für Kontaktpersonen bekannter Fälle –, und alles tun, was sie können, um der „Anwesenheitsmentalität“ entgegenzuwirken. Sie sollten sich nicht mehr die Hand geben. Niemandem. Sie sollten sich mehrmals am Tag für 20 Sekunden die Hände waschen, und zwar immer dann, wenn Sie die Wohnung (oder die Wohnung eines anderen) betreten. Vermeiden Sie große Versammlungen. Informieren Sie die Menschen über Schutzmasken und darüber, dass sie den medizinischen Fachkräften vorbehalten sein sollten, die sie wirklich benötigen. All das und mehr hätte schon vor Wochen passieren müssen.

Es ist schwer zu entscheiden, ob Schulen geschlossen werden sollen. Sie leisten so viel mehr als nur Aufklärung. Aber das ist eine Pandemie, und deshalb sollte man damit rechnen, dass sie früher oder später geschlossen werden. In Hongkong sind sie seit Wochen geschlossen. Wenn Sie im Fernsehen jemanden hören, der Ihnen erklärt, dass Kinder nicht krank werden, denken Sie daran, dass das gerade eben nicht bedeutet, dass Kinder nicht infiziert werden und sich nicht anstecken können. Es ist eine gute Idee, Besuche bei Oma und Opa zu verschieben.

Die wichtigste Aufgabe einer Regierung ist es, für die Sicherheit der eigenen Bürger zu sorgen. Daraus bezieht sie ihre Autorität, das Vertrauen der Bevölkerung und ihre Legitimität. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass man sich hier irgendwie durchwurschteln kann, während man an einem Virus herumdoktort, den wir gerade erst zu verstehen beginnen. Das wird nicht einfach vorbeigehen. Das ist kein Tornado, das ist ein Hurrikan.

Geraten Sie deshalb nicht in Panik. Aber bereiten Sie sich vor.

Dr. William Hanage ist Professor für die Evolution und Epidemiologie von Infektionskrankheiten in Harvard

Übersetzung: Jan Jasper Kosok
13:03 16.03.2020
Geschrieben von

William Hanage | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 13/2020

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