Dankeschön und Auf Wiedersehen

News of the World So rosig, dass einem ganz blümerant wird: Charlie Brooker hat die letzte Ausgabe der News of the World gelesen – und fand sie „ausgesprochen seltsam“

Ich habe mir gestern die News of the World gekauft, obwohl ich mich vergangene Woche zunächst dem obligatorischen Hashtag-Boykott auf Twitter angeschlossen hatte. Immerhin hatte ich eine hervorragende Ausrede: Ich war gebeten worden, die letzte Ausgabe für den Guardian zu lesen. Nachdem ich mir eine ausreichende Verkleidung zugelegt hatte, radelte ich morgens um halb acht zum Zeitungsladen, wo das Blatt bereits über den Tisch ging wie warme Semmeln. Der Boykott zeigte eindeutig Wirkung. Ich sicherte mir ein Exemplar, versteckte es in einem Porno-Magazin, so dass die Passanten nicht allzu hart über mich urteilen würden, und verschwand wieder.

Ich habe die „Screws“ (so der Spitzname der News of the World – „to screw“ steht im Englischen für ficken, vögeln, poppen) zuvor schon zahllose Mal gekauft. Eine Zeit lang fast jede Woche, meistens zusammen mit einer weniger „peinlichen“ Qualititätszeitung. Beim Mittagessen breitete ich dann immer die Zeitungen vor mir aus, um im Anschluss eigentlich immer zuerst zu dem Schmierblatt zu greifen. Ich las über vögelnde Chefs, amüsierte mich über eine Anzeige für Porzellanwindmühlen mit dem Konterfei von Lady Di und fühlte mich für zehn Minuten auf unbestimmte Art und Weise überlegen. So sind sie, die Liberalen!

Wie ein richtiges Arschloch

Manchmal entsetzte mich die Art, wie nebenbei das Leben von Menschen zerstört wurde, wenn eine bis dahin unbekannte Frau als „lasterhaftes Mädchen“ bezeichnet wurde, nur, um damit eine halbe Seite füllen zu können. Doch ein paar Wochen später hatte sich mein Ekel gelegt und ich kaufte mir wieder eine Ausgabe. Das war nicht gut für mich, aber ich kaufte die Zeitung einfach immer wieder, genauso wie ich nicht damit aufhörte, Zigaretten zu kaufen. Es war Mitte der Neunziger und ich war jung und blöd genug, um die Welt als eine große Karikatur zu betrachten. Ich rauchte so viel wie einer, der wild entschlossen ist, seine Lungenflügel in ein paar kohlegraue Hausschuhe zu verwandeln und glaubte fest daran, dass der Krebs mich nicht kriegen würde. Mit der gleichen Einstellung las ich „ironisch“ die News of the World – eben wie ein richtiges Arschloch.
Ich kann mich erinnern, wann genau es damit vorbei war (mit der NoW-Lektüre, nicht mit meiner Arschlochhaftigkeit – die habe ich mir bis heute bewahrt). Doch an irgendeinem Punkt (es muss um die Jahrtausendwende herum gewesen sein) konnte ich über die Anzeigen nicht mehr lachen, und fand den Rest der Zeitung zu hart und trostlos.

Aber es war kein Vergleich zu dem, was in der vergangenen Woche über die Zeitung oder besser gesagt ihre Vergangenheit ans Licht kam: haufenweise krankes Zeug, täglich neue Skandale. Am Montagabend lag die Reputation der ehemaligen Chefredakteurin Rebekah Brooks in Trümmern. Am Mittwoch waren diese Trümmer abermals zerschlagen. Zu dem Zeitpunkt, an dem Brooks den Mitarbeitern sagte, sie würden die Einstellung des Blattes „in einem Jahr“ vollkommen verstehen können (wahrscheinlich weil man 365 Tage braucht, um den ganzen Horror zu erklären), waren die verbliebenen Krümel ihrer Reputation erneut zermahlen worden: Gegenwärtig befinden sie sich in einem instabilen subatomaren Zustand, in dem sie nur für Brooks geistiges Auge sichtbar sind.

Die letzte Ausgabe der News of the World war ausgesprochen seltsam. Wäre ich der verantwortlicher Chefredakteur gewesen, hätte ich die ganze erste Seite mit Schwänzen vollgekritzelt und in der Mitte einen Starschnitt von Brooks platziert. Stattdessen war dort vor einer Collage alter Schlagzeilen ein windelweiches „Dankeschön und Auf Wiedersehen“ zu lesen.

„Vom Weg abgekommen“

Im Blatt dann findet sich ein dermaßen rosiger Bericht über die Geschichte der Zeitung, dass man förmlich die Blütenblätter riechen konnte. Er konzentriert sich voll und ganz auf die Scoops, die die Zeitung gelandet hatte und ignoriert die unterirdischen Tiefpunkte wie die 1988er Geschichte über den britischen Serien-Schauspieler David Scarboro. Die NoW druckte damals Bilder der psychiatrischen Abteilung, in der Scarboro behandelt wurde. Später nahm er sich das Leben.

2009 griff ein Editorial die Berichterstattung des Guardian über die Abhörskandale bei der NoW an und bezeichnete sie als „ungenau, selektiv und absichtlich irreführend“. „KEINE UNTERSUCHUNGEN, KEINE URTEILE, KEINE BEWEISE“ donnerte es. „Wie alle anderen Medien, haben auch wir Fehler gemacht … Und wenn dies der Fall war, haben wir es auch zugegeben.“

Über das Ausmaß des gegenwärtigen Skandals erfährt man so gut wie gar nichts: Auf Seite 3 ist die Rede davon, die Zeitung sei „vom Weg abgekommen“ und in einer Kolumne, in der Carole Malone sonst darüber berichtet, wie dreiste Einwanderer vom Staat kostenlose Autos zur Verfügung gestellt bekommen, wird dieses Mal die Einstellung der Zeitung beklagt. Gleichzeitig sagt sie, die Angehörigen der Mordopfer seien von „dem Vorgehen der Zeitung vernichtet“ worden, die Abhöraktionen seien „nicht zu entschuldigen“ und die Zeitung entschuldige sich für „die Sünden derjenigen, die sie verletzt und uns alle beschämt haben“.

Schnappschüsse von koksenden Promis

Die Hauptseiten sind den „größten Erfolgen“ des Tabloids gewidmet, die so ausgebreitet irgendwie doch ziemlich bescheiden ausfallen. Hier finden sich die Profumo-Affäre und der Politiker und Bestseller-Autor Jeffrey Archer, ebenso wie drei Schnappschüsse von koksenden Promis. Eine von ihnen – Kerry Katona – wurde mit einer Kamera aufgenommen, die sich in ihrem eigenen Badezimmer befand. Sie können mich pingelig nennen, aber ich finde es schlimmer, eine Frau in ihrem eigenen Badezimmer zu fotografieren als ihr Telefon abzuhören. Zumindest können Mailboxaufnahmen nicht offenbaren, mit welcher Hand sie sich den Hintern abwischt.

Im Portfolio der glorreichsten NoW-Titel auch dabei: JACKOS TOTENBETT. Ein Foto des zerknautschten Lakens, auf dem Michael Jackson starb. Darauf sind sie also stolz, sonst hätten sie es ja nicht in die Abschieds-Erinnerungs-Ausgabe genommen. Naja, zumindest haben sie darauf verzichtet, ein kleines Stück seiner Haut zum Herausnehmen beizufügen.

Der Rest enthält Aufnahmen von Gwyneth Paltrow am Strand und joviale Auslassungen über die Frisuren von Fußballspielern sowie ein investigatives Stück über einen Mann, der Frauen ins Land schleppt und zur Prostitution zwingt. Über andere Seiten sind häppchenweise kleine Leserbeiträge verstreut. „Großbritannien wird nie wieder so sein wie zuvor“, behauptet einer von ihnen – was natürlich Unsinn ist.

Insgesamt ist es wenig überraschend, dass der Ton der Ausgabe eher sentimental als entschuldigend ausgefallen ist, schließlich haben die Leute, die sie gemacht haben, nicht die Mailbox eines toten Schulmädchens gehackt – was auch immer man sonst von ihnen halten mag. Aber das macht jetzt keinen Unterschied mehr – sie alle verlieren ihre Jobs – alle, bis auf die Frau, die im betreffenden Zeitraum verantwortliche Redakteurin war. Die behält ihren Posten bei News International. Danke Rebekah. Und auf Wiedersehen an Ihre Belegschaft!

Holger Hutt / Zilla Hofman

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17:00 11.07.2011
Geschrieben von

Charlie Brooker | The Guardian

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The Guardian

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sachichma | Community