Dann wächst dir nämlich ein Kuhkopf!

Impfangst Sobald eine Krankheit dank moderner Immunisierung fast ausgerottet ist, kommen die Impfgegner. Und gefährden Kinder

Als Edward Jenner im 18. Jahrhundert erstmals mit harmlosen Kuhviren gegen die tödlichen Pocken impfte, zeichneten Karikaturisten Patienten, denen Kuhköpfe wuchsen. Seither pflegt jedes Land seine eigenen Ängste: In Frankreich kursiert das Gerücht, die Hepatitis-B-Impfung löse Multiple Sklerose aus. In den USA heißt es, der Zusatz von Quecksilber verursache Autismus. In Großbritannien gab es erst um die Keuchhusten-, dann um die MMR-Impfung großes Theater. Und obwohl sich bisher jede Befürchtung als unbegründet erwiesen hat, wimmelt das Internet von impfkritischen Seiten. Ärzte fürchten nun, dass die Gerüchte auf Entwicklungsländer übergreifen und dort Impfprogramme behindern. Das Leben Tausender Menschen wäre bedroht.

In Südafrika führte die Angst vor der MMR-Kombi-Impfung zu 7.000 Fällen von Infektionen mit Röteln. Für Kinder in schlechtem gesundheitlichen Zustand, die nur beschränkt ärztlich versorgt wurden, waren die Folgen schwer. Es ist bereits zu Hunderten von Todesfällen gekommen.

Indiens Regierung schlägt derweil die Empfehlungen ihrer Wissenschaftler in den Wind und nimmt die Impfung gegen Haemophilus influenzae (Hib) nicht in ihr Basisprogramm für Kinder auf – obwohl jeder fünfte der 400.000 durch Hib verursachten Kindstode in Indien auftritt. In Großbritannien dagegen ist die Zahl der Hib-Meningitisfälle fast auf Null gesunken. Dennoch behaupten indische Impfgegner, die Impfung sei nicht nur unnötig, sie habe auch zu vielen Todesfällen geführt.

Vielleicht sind westliche Impfängste und die Gruppen, die sie schüren, nicht direkt für das neue Problem in den Entwicklungsländern verantwortlich, aber sie geben ihnen Nahrung und verstärken sie, meint die Medizinerin Heidi Larson vom Imperial College London. Es reiche aus, fünf Minuten auf impfkritischen Internetseiten herumzusurfen, bis sich eine diffuse Angst vor Impfrisiken einstellt oder die Angst vor einem Verzicht auf Impfung nachlässt. Das haben deutsche Forscher jüngst im Journal of Health Psychology berichtet.

Im Internet machen Gerüchte über Impfrisiken schnell die Runde, die einschlägigen Seiten befüttern sich gegenseitig. Auf vielen Seiten war zu lesen, in Indien seien innerhalb eines Tages vier Mädchen gestorben, nachdem sie HPV-Impfungen erhalten hatten. Verschwiegen wird allerdings, dass zwei Mädchen durch Verkehrsunfälle ums Leben kamen, eine an einem Schlangenbiss starb und die vierte in einen Schacht fiel. Wenn ein derartiges Gerücht mit dem Gefühl zusammengerührt wird, Impfungen seien etwas, das Regierungen, internationale Agenturen und Pharmaunternehmen den Leuten aufzwängen, sind Verschwörungstheorien garantiert.

Was kann man tun? Bislang haben Impfpogramme auf globale Informationen, Bewusstseinsbildung und Aufklärung gesetzt. Dieser Ansatz ist gescheitert. Stattdessen soll nun jedes Land eigenverantwortlich handeln und gegen Anti-Impfkampagnen vorgehen. In Südamerika funktioniert das ziemlich gut. So sind 98 Prozent der brasilianischen Kinder aller Altersstufen geimpft. „In Brasilien kann Ihnen jeder Bürgermeister sagen, wie hoch die Impfrate in seiner Stadt liegt“, sagte Ciro de Quadros, ehemaliger Direktors der Pan American Health Organisation auf dem Internationalen Kongress für Kindermedizin in Johannesburg. Impfen ist zu einer Frage der nationalen Ehre geworden. Impflügen konnten auch in Ländern wie Bolivien oder Peru, die in Sachen Armut und Infrastruktur mit den armen Ländern Afrikas vergleichbar sind, stark zurückdrängt werden. Kinderärzten aus Ländern mit den schlechtesten Impfraten wie Äthiopien, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo lernen nun von den Südamerikanern, wie sie sich mit Frauengruppen und örtlichen Wortführern zusammentun, um ähnliche Aufklärungskampagnen auf den Weg zu bringen. Lois Privor-Dumm von der John Hopkins University warnt jedoch davor, jegliche Opposition gegen Impfungen als verschroben und unwissenschaftlich abzutun, denn schließlich gebe es durchaus Probleme mit Impfungen. „Oft enthalten die Bedenken einen Funken Wahrheit – man muss zuhören“.

Es gibt als durchaus Impfrisiken. Aber die Risiken von Anti-Impfkampagnen sind so unglaublich viel größer, dass Larson nun eine Treuhandgruppe Impfen ins Leben gerufen hat. Sie soll Gerüchte überwachen, die die Impfprogramme bedrohen. Denn Kinder in den Industrienationen sind zwar gut ernährt, gesund und haben leichten Zugang zu medizinischer Versorgung. Dies ist keinesfalls eine Garantie dafür, dass sie nicht an einer Infektionskrankheit sterben werden, aber es ist eine gewaltige Hilfe. Wie beschämend ist es, dass Leute, deren Leben nicht gefährdet ist, andere einem solchen Risiko aussetzen?

Vivienne Parry ist Gesundheitsautorin des Observer. Übersetzung: Holger Hutt

12:00 25.10.2010
Geschrieben von

Vivienne Parry | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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