Das Aufbegehren im Iran offenbart, wie angreifbar das Regime doch ist

Iran Das theokratische System stößt nach dem Tod von Mahsa Amini auf mehr inneren Widerstand, als ihm lieb sein kann
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Seit Mahsa Aminis Tod vor zwei Wochen durch die „Sittenpolizei“ herrscht in Irans Großstädten Ausnahmezustand
Seit Mahsa Aminis Tod vor zwei Wochen durch die „Sittenpolizei“ herrscht in Irans Großstädten Ausnahmezustand

Foto: -/AFP via Getty Images

Der Tod von Mahsa Amini, einer 22-jährigen Kurdin, in Polizeigewahrsam hat Reaktionen ausgelöst, mit denen an manchen Orten eine offenbar lange aufgestaute Wut hervorbricht. Als sollte es einen Augenblick der Abrechnung mit dem theokratischen Regime geben, das eine Volksrevolte mehr fürchtet, als vom Rest der Welt geächtet zu sein. In Teheran und anderen Städten verlieren Proteste tagelang nichts von ihrer Intensität. Vielfach handelt es sich um ein weitgehend friedliches Aufbegehren, ganz anders als die teils gewalttätige Zuspitzung in westlichen Regionen, in denen fast elf Millionen Kurden leben.

Mahsa Amini wurde von der „Moralpolizei“ in einen Van gezerrt, weil sie sich dafür entschieden hatte, kein Kopftuch zu tragen, kurz darauf war sie tot. Die Umstände weckten Erinnerungen an den Fall der 26-jährigen Neda Agha-Soltan am 20. Juni 2009. Sie war mit Freunden wie dem Musiklehrer Hamid Panahi ins Zentrum von Teheran gekommen, um gegen eine erkennbare Manipulation bei der Wahl von Mahmud Ahmadinedschad zum Staatschef zu demonstrieren. Von der Kugel eines Scharfschützen in die Brust getroffen, starb Neda Agha-Soltan noch auf der Straße. Innerhalb von Stunden wurde sie zur Ikone einer „Grünen Revolution“ gegen das Regime.

Die mehr als 13 Jahre zwischen dem Aufruhr damals und den jetzigen Ereignissen umfassen eine Ära, in der Aktivisten wieder in den Hintergrund gedrängt wurden und der Staat die Spuren jener Grünen Revolution zu tilgen suchte, die auf das umstrittene Präsidentenvotum von 2009 folgte.

Die loyale Gefolgschaft des Systems wie die Basidsch-e, eine informelle Hilfspolizei zur „Mobilisierung der Unterdrückten“ (zugleich eine Abteilung der „Revolutionsgarden“) konnte sich wieder mehr Geltung verschaffen. Erst recht, seit Ebrahim Raisi im Juni 2021 zum Präsidenten gewählt worden ist, sind die Basidsch-e überaus präsent, um die Werte der Islamischen Revolution durchzusetzen. Als Exponent des konservativen Lagers hat Raisi, der einer Familie strenggläubiger Kleriker entstammt, den Spielraum für abweichende Meinungen eingeengt und eine wenig flexible Deutung des schiitischen Islams quasi zur Staatsräson erklärt.

Da ist es nur folgerichtig, dass „Verschwörer“ und „äußere Feinde“ für die Proteste nach Aminis Tod verantwortlich gemacht werden. Besonders der Erzrivale Saudi-Arabien kommt ins Spiel, das Drehbuch wirkt ebenso vertraut wie die dazu verbreiteten Narrative. Gleichzeitig haben halboffizielle staatliche Medien eine Untersuchung angekündigt und behauptet, dass Ali Khamenei, der Oberste Führer des Iran, Wert darauf lege, der Version von einem Herzleiden nachzugehen, das letztlich der Grund für Aminis Tod gewesen wäre – oder eine Epilepsie. An der aber habe ihre Tochter nicht gelitten, beteuern die Eltern.

Einfluss der Diaspora

Fest steht, die iranischen Hardliner zogen ihre Lehren aus dem Jahr 2009, als ein eruptiver Aufstand beinahe dazu führte, dass ihnen die Kontrolle über die Gesellschaft entglitt. Der Staat verfügt mittlerweile über eines der besten und effizientesten digitalen Sicherheitssysteme in der mittelöstlichen Region. Wer sich in den sozialen Medien zu artikulieren sucht, tut das unter Beobachtung. Freilich hilft ein Eindämmen der Diskurse nicht allzu viel, wenn die Mullahs zugleich einem beeindruckenden Netzwerk der iranischen Diaspora gegenüberstehen, die auf das Land und seine Bürger Einfluss hat. Besonders auf einheimische Aktivisten, die sich schnell und wirksam zu organisieren verstehen.

Offen bleibt vorerst, ob sie dem Streben so vieler Landsleute nach mehr Selbstbestimmung auf Dauer eine Richtung geben oder die Glut des Widerstandes bald oder irgendwann wieder abkühlt. Straßen und öffentliche Plätze sind der Indikator. Vorübergehend jedenfalls befindet sich das Regime in einem schwierigen Fahrwasser. Schließlich ist eine Revolte entfacht, die zumindest andeutet, wie angreifbar und auch zerbrechlich einer der standhaftesten Polizeistaaten der Region sein kann.

Martin Chulov ist Mittelost-Korrespondent des Guardian

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Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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