Das Auge hört mit

Plattencover Man sollte Musik nicht nach dem Platten-Cover aussuchen, heißt es. Völlig falsch, findet Guardian-Autor Jonathan Jones. Ein Loblied auf visuelle Reize

Ein Detail des Ölgemäldes "Die niederländischen Sprichwörter" von Peter Brueghel dem Älteren ziert das Cover einer Platte der Fleet Foxes. Nettes Cover, werden Sie vielleicht sagen, was aber ist mit der Musik? Bei mir ist das anders. Nicht, dass mir die Musik gleichgültig wäre, aber sie war für meine Kaufentscheidung zweitrangig. Ich habe mich in dieses Cover um seiner selbst Willen verliebt. Ich liebte es, diese gedrängte Masse an Inhalten und die tiefen Farben des Brueghel'schen Gemäldes auf einer CD-Hülle zu sehen, auf der der Name der Band so schlicht in der oberen rechten Hälfte abgedruckt war. Also kaufte ich mir das Ding.

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Und das war bei weitem nicht das erste Mal, dass ich ein Album nach seinem Cover beurteilt habe. Mein Musikgeschmack als Teenager entwickelte sich fast ausnahmslos auf dieser Grundlage. In den grauen Achtzigern verbrachte ich an Samstagen Stunden damit, in schäbigen Plattenläden die Cover durchzusehen. Ich suchte nach den verführerischsten, schönsten, am mysteriösesten aussehendsten Artworks. Ich war davon überzeugt, eine kunstvolle Hülle müsse auch Kunst beinhalten. Dies war freilich eine gefährliche These, denn es machte mich zum Pink-Floyd-Fan.

Wenn ich jetzt an die Cover zurückdenke, die mich damals verzaubert haben – das über das Battersea-Kraftwerk fliegende aufblasbare Schwein auf dem Cover von Animals, die in einem Feld liegende Kuh auf Atom Heart Mother und natürlich The Wall – , denke ich immer noch, dass Pink Floyd wahrscheinlich die besten Album-Cover aller Zeiten hatten. Ich weiß, dass Peter Saville cooler ist. Aber ist große Kunst cool? Die Cover von Pink Floyd leben aus einer beunruhigenden Mischung aus schlechtem Geschmack und Genialität, die mir unter die Haut geht.

Meine jugendliche Bewunderung für eine Band, die viel älter war als ich, fand ein Ende, als ich die Liveshow von The Wall in Earls Court sah. Hinter einer echten Mauer zu spielen erschien mir irgendwie witzlos. So wandte sich meine Begeisterung den Doors und Velvet Underground zu, die auch faszinierende Album-Cover hatten – die Narren auf Strange Days von den Doors und die Warhol-Banane auf dem ersten Velvet Underground-Album.

Nicht alle großartigen Platten haben auch großartige Plattencover. Tatsächlich kommen einige der besten Platten sogar in der denkbar schlechtesten Verpackung daher. Nachdem Velvet Underground sich von Warhol entfernt hatten, zierte ihr letztes Album ein kitschiges Gemälde, auf dem rosafarbener Rauch zu sehen ist, der aus einer New Yorker U-Bahn-Station entweicht. "Sweet Jane" war trotzdem ein großartiger Song.

Bei den Fleet Foxes besteht der Reiz des Covers darin, dass es alle Konventionen ignoriert und statt eines Designer-Bildes einfach ein Original-Kunstwerk verwendet. Es handelt sich um einen Klassiker, genau wie die Platte, die es umgibt.

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Geschrieben von

Jonathan Jones, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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