Das .baumknutscher-Dilemma

Netzpolitik I can, you can, we all can do without Icann. Wofür brauchen wir überhaupt noch die Internet-Verwaltung, die den Markt mit Domains wie .apple ins Unendliche erweitern will?

Sind sie bereit für .xxx, .coke und .gebensiehierihrennamenein? Sie sollten sich besser darauf gefasst machen, denn eine Organisation mit großem Einfluss und wenig Verantwortung hat es so beschlossen. Ihr Name ist Icann: Die Abkürzung steht für Internet Corporation for Assigned Names and Numbers. Das Unternehmen überwacht die Namensvergabe für Internet-Domains. Mit einem Budget von über 60 Millionen Dollar haben die Vorstandsvorsitzenden und Mitarbeiter der Firma ihre Arbeit in die DNA des modernen Cyberspace eingeschrieben. Von einem Unternehmen, dass gewissermaßen Steuern im Netz erheben kann, und gleichzeitig jedem und keinem rechenschaftspflichtig ist, hätte man auch nichts anderes erwartet.

Wie die Transaktionen des Unternehmens sind auch seine Regeln komplex. Doch im Grunde geht es lediglich um die Vergabe und Überwachung des Domain Name Systems (DNS). Das heißt Icann hat die Macht, darüber zu entscheiden, welche Domainnamen es gibt und wer sie verkaufen und verwalten darf.
Die bekanntesten Domain-Endungen in den USA sind .com, .org und .edu. Sie gehören zu 22 generischen Suffixen, zusammen mit etwa 250 Domains zur Länderbezeichnung wie .uk, (United Kingdom), .de (Deutschland) und .cn (China).

Zwei der Icann-Initiativen der letzten Zeit illustrieren den Einfluss des Unternehmens. Die erste vom Beginn des Jahres bestand in der Zulassung der .xxx-Domain, um gewissermaßen einen Rotlichtbezirk im Internet zu etablieren. Die andere wurde erst diese Woche bekanntgegeben: Jeder soll in Zukunft seinen eigenen Domainnamen entwerfen können, zum Beispiel: .Apple oder .CocaCola oder .Baumknutscher – je nach Markennamen oder speziellen Interessen.

185.00 Dollar Anmeldegebühr

Anders als Icanns Rationalisierungen ist .xxx keine gute Idee. Sollte sie Erfolg haben, wird sie dem Unternehmen viel Geld einbringen. Bei massenhaftem Einsatz könnte sie aber auch zu Zensur und Manipulationen führen. Regierungen beschränken oder verwehren gerne den Zugang zu mutmaßlich pornographischen Seiten – da braucht man nur auf die Gesetze zu warten, die Seiten für Erwachsenen vorschreiben, die xxx-Domain zu verwenden, damit sie leichter beschränkt oder ausgeschlossen werden können. Indien hat bereits angekündigt, die Domain. .xxx komplett zu sperren.

Ich hoffe, dass dieser Versuch aus praktischen Gründen scheitern wird. Provider, die nicht jugendfreie Inhalte ins Netz stellen und nicht ganz doof sind, werden zögern, ihre Angebote in eine derartig zensurfreundliche Umgebung zu verfrachten. Der Dachverband für Erwachsenen-Unterhaltung, die Free Speech Coalition, hat ihre Mitglieder ebenfalls bereits aufgefordert, die Domain zu boykottieren und bei der altbewährten .com-Endung zu bleiben, die die meisten von ihnen nutzen.

Aber warum sollte ein Unternehmen mit einem wertvollem Markennamen sich nicht eine Domain sichern, die aus eben diesem Namen besteht? Wäre das nicht vielleicht sicherer und würde weniger Streitigkeiten zur Folge haben?

Weil das gegenwärtige System eigentlich ganz gut funktioniert. Querelen um Markennamen lassen sich auch in der .com-Welt mit Gesetzen und Regeln aller Art lösen. Von der Einführung der neuen Domain-Endungen profitieren letztendlich nur die Domain-Registrare, die die Registrierungen von Internet-Domains durchführen und diejenigen, die für die Registrierung und Vergabe zuständig sind, also Icann, das im Endeffekt die Registrare danach besteuert, wie viele Leute sie für bestimmte Domains registrieren.

Und wo wir von Gebühren sprechen: Allein die Anmeldung bei Icann kostet 185.000 Dollar plus einer zusätzlichen Gebühr von 25.000 Dollar pro Jahr. Wer legt diese Gebühr fest? Icann. Das Unternehmen braucht dieses Geld angeblich für die Dinge wie Gerichtskosten.

Ein robuster Bypass muss her

Esther Dyson, die frühere Vorstandsvorsitzende von Icann, sagte gegenüber dem amerikanischen National Public Radio, sie halte die neuen Domains für einen „unnützen Markt“. Da hat sie Recht, ich würde aber sogar noch weiter gehen: Icann selbst ist überflüssig, oder sollte zumindest überflüssig gemacht werden. Man kann ihnen sicher nicht einfach den Stecker herausziehen, weil sie zu einem wichtigen Verbindungsglied in der digitalen Vernetzungskette geworden sind. Aber die Internet-Community sollte an einem sicheren und robusten Bypass arbeiten, der in keiner Weise von Regierungen kontrolliert werden kann.

Zum Teil besteht eine solche Umgehung bereits in Form der Suchmaschinen. Internetnutzer wissen, dass es einfacher ist und fast immer zu besseren Ergebnissen führt, den gesuchten Namen (eines Unternehmens oder sonstigen URL-Inhabers) in das Suchfeld des Browsers einzugeben, anstatt einen Domainnamen zu raten und diesen in die Adressleiste einzugeben. Google ist nicht das Domain Name System, aber seine Methode legt neue Zugänge nahe. Zu diesem Zweck haben bereits mehrere Technologie-Experten angeregt, an einer DNS-Überbrückung zu arbeiten, die auf einem Peer-to-Peer-Ansatz basiert und moderne Suchtechniken und andere Tools beinhaltet. Dies funktionsfähig und sicher zu machen, wäre alles andere als einfach, aber es wäre einen Versuch wert.

Vor ein paar Jahren bewarb ich mich um einen Vorstandsposten bei Icann. Während des Bewerbungsgesprächs wurde ich gefragt, was ich verändern wollte, würde ich den Job bekommen. Ein großes Ziel bestünde für mich darin, so meine Antwort, Wege zu finden, um Icann ein Stück weit weniger notwenig zu machen. Meine Dienste wurden nicht in Anspruch genommen.

Übersetzung: Holger Hutt
17:05 24.06.2011
Geschrieben von

Dan Gillmor | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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